Musiker gegen Donald Trump oder: Wer nicht hören will, muss spülen

Die Toten Hosen waren „not amused“ von Angela Merkel, Wir sind Helden klagten gegen die NPD. Warum? Weil die Politik Wahlkampf mit ihren Songs gemacht hatte – und zwar ohne Erlaubnis. Wer in Internetsuchmaschinen Stichwörter wie „songs used in political campaigns“ eingibt, stößt auf weitere Beispiele, in denen Hits bei politischen Veranstaltungen eingesetzt wurden – häufig gegen den Willen der Autoren und Interpreten. Inzwischen sollte also jeder aufstrebende Politiker und jede aufstrebende Poltikerin die zwei Grundregeln für den Umgang mit Liedgut verinnerlicht haben. Erstens: Nutze nie einen Song ohne audrückliche Genehmigung der Autoren. Und zweitens: Höre stets genauer hin, bevor du einen fremden Song für dich sprechen lässt. Es ist bezeichnend, dass für die letzten großen Aufreger in dieser Hinsicht ausgerechnet Donald Trump sorgte. Der milliardenschwere Republikaner, der so gerne amerikanischer Präsident wäre, fällt immer wieder durch ein beängstigend riesiges Ego und eine besorgniserregende „political uncorrectness“ auf. Während des Schaulaufens der republikanischen Kandidaturkandidaten versetzt er klar denkende Zeitgenossen auf der ganzen Welt nicht nur durch ein tumbes Schwarz-Weiß-Denken, sondern auch durch rassistische und sexistische Ausfälle in Angst und Schrecken. Zeitweise muss man sogar befürchten, Trump würde im Falle einer US-Präsidentschaft die Welt ins Mittelalter zurückbomben.

So einer schert sich natürlich auch nicht um irgendwelche Songs, geschweige denn um Urheberrechte – und so brachte er 2015 zunächst Rockveteran Neil Young gegen sich auf, weil er im Wahlkampf dessen Klassiker Rockin’ in the Free World benutzt hatte, und dann R.E.M., wegen des unerlaubten Abspielens ihres Hits It’s the End of the World As We Know It. Im Oktober desselben Jahres schickte schließlich Steven Tyler, Frontmann der Rockgruppe Aerosmith, eine Unterlassungsaufforderung an Donald Trump, weil dieser ohne Einwilligung der Urheber mit dem Aerosmith-Evergreen Dream On für sich geworben hatte. Trump lenkte zwar rasch ein, aber in der für ihn typischen respektlos-verletzenden Manier: Er hätte durchaus irgendeine Genehmigung zur Nutzung des Songs gehabt, behauptete er unverfroren, und Steven Tyler solle sich doch über die Aufmerksamkeit freuen, die er ihm verschafft habe. Überhaupt sei ihm das Ganze letztlich wurscht, denn er habe inzwischen einen noch viel besseren Song als Dream On gefunden.

Dass Trump die erste Regel für Politiker und Songs nicht beherzigt hatte, lag auf der Hand. Aber wie sieht es mit der zweiten Regel aus, dem genaueren Hinhören? Nun, im ersten Moment scheint Dream On nicht unpassend gewählt. Die Lyrics reflektieren, dass man im Leben schon einiges durchmachen muss („Everybody’s got the dues in life to pay“) und dass man nie weiß, ob einen nicht morgen schon der Tod ereilt („Maybe tomorrow the good Lord will take you away“). „You got to lose to know how to win“, „Du musst verlieren, um herauszufinden, wie man gewinnt“, heißt es, und deshalb gilt es vor allem, im Hier und Jetzt zu leben und so lange weiterzuträumen, bis die eigenen Träume wahr werden: „Sing with me, sing for the year / Sing for the laughter, sing for the tear / Sing with me, just for today / (…) / Dream on / Dream until your dreams come true…“

Okay, kann man sagen: Das steht einem aufstrebenden Poltiker, der schon einige Sträuße ausgefochten hat und nun nach den Sternen greift, ganz gut zu Gesicht.

ABER: Die Lyrics zu Dream On raten auch zu lernen, und zwar von den Dummköpfen, wie von den Weisen: „Live and learn from fools and from sages“ – nur so können Träume auch wirklich wahr werden. Und hier versagt Meister Trump auf ganzer Linie. Denn hätte er die Lyrics gehört, befolgt und sowohl aus den Fehlern anderer wie aus dem Rat einiger weiser Menschen gelernt, dann hätte er sich so manchen dämlichen Spruch, vor allem den imageschädigenden Ärger mit angesehenen Stars wie Neil Young, R.E.M. oder Aerosmith erspart. Ironischerweise hat der erzkonservative Populist den „Live and learn“-Vers aus Dream On sogar aufgegriffen und auch von sich aus in die Runde geworfen: „Lerne immer von den Fehlern anderer, nicht von deinen eigenen – das ist der viel billigere Weg“, zitiert ihn etwa das deutsche „Handelsblatt“ in einem Beitrag mit dem bezeichnenden Titel „Der Milliardär mit der großen Klappe“. Unlängst beschwerte sich auch noch Superstar Adele, Trump habe unerlaubt ihren Hit Rolling in the Deep im Wahlkampf benutzt: Donald – einfach unverbesserlich! Fazit: Wenn einer weder richtig zuhören kann noch seine eigenen Vorgaben befolgt, dann weiß man, was man von ihm zu halten hat. Menschlich wie als Politiker.

Ween – „Gabrielle“: Songs für Neandertaler, Autos für Yetis

„Unglaublich, wie mies du mich behandelst“ – so lautet der Tenor des EMF-Klassikers Unbelievable. „Unglaublich, wie hirnlos ausgerechnet ‚Unbelievable‘ von EMF in eine Autowerbung eingebettet wird“ – das war der Tenor eines älteren Eintrags in diesem Blog. Welch seltsame Effekte sich ergeben, wenn Songs in völllg fremde Kontexte wie Werbespots gestellt werden, ist immer wieder ein spannendes Thema. Jüngstes Beispiel: die Verwendung des Songs Gabrielle in einem Spot für die Automarke Skoda. Das Stück ist zu hören, während zwei alberne Jungs vor Freude auf ihren Autositzen herumhüpfen und einer attraktiven Frau im roten Kleid nachschauen.

Zunächst mal: „Gabrielle“ ist ein fantastisches Stück Musik. Wer flotten Auf-den-Punkt-Rock mit knackigen Gitarren und grandiosem Solo liebt, dürfte vor allem an der Studioversion des Songs viel Freude haben. Aber, und das macht den Fall erst interessant: Gabrielle ist inhaltlich hochgradig ambivalent. Da beteuert ein ganz offensichtlich männliches Ich seine Liebe zur im Titel genannten Frau – auch wenn er ihr blöderweise manchmal wehtut. Schon in den ersten beiden Strophen ist die Grundspannung angelegt: „I don’t mean to be so insolent / But you know it’s cause I love you / The foundation of my malevolence / You know I’d never hurt you babe“, heißt es da hochtrabend pathetisch, und: „Sometimes I might get edgy / But a man can sometimes be that way / And nobody’s perfect baby / And I’ll always love you anyway.“ Übersetzt etwa: „Ich will ja nicht anmaßend sein, aber es ist, weil ich Dich liebe / Die Grundlage für meine Böswilligkeit / Du weißt, Baby, ich würde Dir doch niemals wehtun. / Vielleicht bin ich manchmal ein bisschen unausgeglichen / Aber Männer können halt so sein / Na ja, und niemand ist perfekt, Baby / Und ich werd Dich sowieso immer lieben.“

Wie merkwürdig klingt das denn? Klar, da ist die Beteuerung seiner Liebe. Aber da tun sich gleichzeitig auch Abgründe auf, die anmaßendes Verhalten und schlimme Ausbrüche gegenüber der geliebten Person vermuten lassen, nur um mit einem achselzuckenden „Männer sind so, und niemand ist perfekt“ abgetan zu werden. Der Refrain ist dann Süßholzraspelei der übelsten Sorte: „Oh Gabrielle, the sun is shining in your eyes /
Oh Gabrielle, I didn’t mean to make you cry / Oh my sweet baby doll, I put you above everything / Oh Gabrielle, I love you til the day I die.“ – Übersetzt: „Oh Gabrielle, die Sonne scheint in Deinen Augen / Oh Gabrielle, ich wollte Dich nicht zum Weinen bringen / Oh meine süße Babypuppe, ich stell‘ Dich über alles andere / Oh Gabrielle, ich liebe Dich bis an meinen letzten Tag.“

Die Ambivalenz des Songs besteht darin, dass er einerseits wie ein zätliches Liebeslied daherkommt, andererseits auch wie die Selbstentlarvung eines ziemlich miesen Typen gehört werden kann. Folglich gibt es in Chatforen User, die zu Tränen gerührt sind, weil sich das Song-Ich so gefühlvoll für eine Unachtsamkeit oder einen kleinen Fehltritt entschuldigt, und andere, die den Song gerade wegen seiner abgründigen Doppelbödigkeit schätzen. Ich gehöre zu den Letzteren. Warum? Weil auch in Formulierungen wie „My sweet baby doll“ zum Ausdruck kommt, dass der Sprecher in „seinem“ Mädchen vor allem schmückendes Eigentum und eine Art Spielzeug sieht – dass er ein selbstverliebtes Machotum pflegt, das durchaus auch häusliche Gewalt beinhalten kann. Manchmal fühle er sich wie sein Vater, gesteht der Sprecher weiter („Sometimes I feel like my old man“), und manchmal verliere er eben einfach den Kopf („And sometimes I just lose my head“). Autoritäres Gebaren also, gewalttätige Ausraster inklusive? Er würde sein Schätzchen natürlich niemal verletzen, aber er müsse sie einfach lieben („Do nothing to hurt you baby / But you know I got to love you anyway“) – gerade in diesen letzten Zeilen schwingt für mich eine brutale Liebe mit, die auf Gabrielle eine einschüchternde Wirkung haben dürfte. Ween sind bekannt für gezielte unterschwellige Geschmacklosigkeiten.

Hin und wieder bemerken Kommentatoren, dass Gesang und Gesamtsound des Stückes verdächtig nach dem längst verstorbenen Phil Lynott und seiner Hardrock-Band Thin Lizzy klingen – eine Einschätzung, die ich teile. Gabrielle ist in meinen Ohren sogar eine Thin-Lizzy-Parodie. Der Song nimmt den Machorocker in schwarzen Lederhosen, seine „Ein Mann ist, wie er ist, und muss tun, was er tun muss“-Larmoyanz und sein pathetisches Gepose subtil auf die Schippe. Einen Männertypus, der eigentlich etwas von einem Neandertaler hat, aber einfach nicht totzukriegen ist. Womit wir allmählich auf den Skoda-Werbespot zurückkommen. Denn das Modell, das in dem kleinen Filmchen beworben wird, heißt „Yeti“.

Da stellt sich natürlich die Frage: Haben die Marketingspezialisten von Skoda gewusst, was sie taten, als sie ihr Auto „Yeti“ nannten und Gabrielle von Ween als Soundtrack wählten? Oder wollten sie einfach nur ihrem langlebigen, wetterfesten Modell einen lustigen Namen geben und es mit einem schönen, schmissigen Rocksong bewerben? Ich vermute ja Letzteres. Und doch sprechen sie auf verblüffende Weise ziemlich perfekt die Zielgruppe der Macho-Neandertaler an, indem sie ihren Wagen entsprechend titulieren und den Ween-Song sämtlicher Ironie berauben. Die Zielgruppe der unverbesserlichen Möchtegernpatriarchen dürfte ziemlich groß sein und schließt selbst internationale Spitzenpolitiker ein – wie gerade einmal mehr Wladimir Putin beweist.

 

 

 

 

 

 

„…und mach mir deinen Song so wie er mir gefällt“

Wahlkampfzeit, Songvereinnahmungszeit. Aktuell sind es die Toten Hosen, die sich beschweren. Ihr Hit Tage wie diese wird auf Wahlveranstaltungen sowohl der CDU als auch der SPD gespielt, und das finden Campino & Co. Natürlich überhaupt nicht gut. Ein Ärgernis, das die Hosen mit vielen anderen Pop- und Rockstars teilen. Denn schon seit Jahrzehnten nutzen Politiker und Parteien bekannte Songs für ihre Zwecke. Solche Songvereinnahmungen erfolgen nach mindestens sechs grundsätzlichen Mustern – und manchmal ohne Rücksicht auf Verluste:

1 Der Song wird vereinnahmt, weil er zufällig den Namen oder Spitznamen des Politikers oder der Politikerin enthält. Bestes Beispiel: Angie von den Rolling Stones. Im Jahr 2005 ließen die Marketingstrategen der deutschen CDU das bereits 1973 veröffentlichte Stück regelmäßig im Anschluss an die Wahlkampfauftritte von Angela Merkel spielen. Und das, obwohl die Lyrics vom traurigen Ende einer Liebesbeziehung, von Abschied und Depression erzählen. „Äjndschäh, Äj-hiiiiihhhnn-dschäh, when will those clouds all dis-äppiie-hie-hie-hie-ähhh?“ Eigentlich nicht das passende Stück Musik für eine aufstrebende Politikerin. Aber vielleicht gibt es ja nach dem Bundestagswahlsonntag endlich mal einen wirklichen Grund, das Lied in der CDU-Zentrale zu spielen…

Ähnlich wie bei Angie lag der Fall bei Barracuda, dem 1977er Rockklassiker der US-Band Heart. Er wurde doch 2008 tatsächlich von der erzkonservativen Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin zum Anheizen des Wahlvolks benutzt, weil sie einst im Schul-Basketballteam den Spitznamen „Sarah Barracuda“ trug. Auch hier hatten die Lyrics – eine Abhandlung über Niedertracht und Verrat – nicht nur keinen Bezug zur Kandidatin, sondern waren überdies auch noch reichlich kontraproduktiv. Was aber niemanden zu stören schien.

2 Der Song hat einen hübschen Titel, der sich prima als Motto benutzen lässt. So geschehen mit American Girl, einem Stück von Tom Petty aus dem Jahr 1977. Hillary Clinton soll den Song 2008 auf Wahlkampfveranstaltungen genutzt haben, offenbar ohne Einwände des Interpreten. Als aber die wie Sarah Palin nicht eben zimperliche Republikanerin Michele Bachmann das Stück 2011 zum Start ihrer Präsidentschaftskampagne spielte, untersagte ihr Tom Petty den weiteren Gebrauch des Liedes.

Wieso der Song überhaupt für politische Zwecke genutzt wurde, bleibt allerdings auch hier schleierhaft. Denn er erzählt von einer jungen Frau, die frustriert vom Leben, von der Liebe ist. Einige Fans behaupten sogar, die Lyrics seien inspiriert vom authentischen Fall einer Studentin, die Selbstmord beging. Auch im Falle von More Than A Feeling, einem Rockklassiker der US-Gruppe Boston von 1970, dürfte der suggestive Titel der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass ihn der Republikaner Mike Huckabee 2008 bei seinen Wahlkampfveranstaltungen spielen ließ. Eigentlich verbinden die Lyrics die Motive einer verlorenen Liebe und eines alten, sehnsüchtigen Songs, der im Radio läuft. Kein Wunder, dass sich Boston gar bitterlich beschwerten.

3 Man positioniert sich oder provoziert, indem man einen bekannten Song als Lieblingssong zitiert. Das tat beispielsweise der 1976 zum US-Präsidenten gewählte Demokrat Jimmy Carter, als er 1974 Bob Dylans metaphorischen Song I Ain’t Gonna Work On Maggie’s Farm No More als wichtige Inspirationsquelle nannte. Zwar war Jimmy Carter ein gemäßigter, liberaler Politiker und vielleicht näher dran an Dylans Überzeugungen als die meisten anderen Politiker, doch zeigte sich der berühmte Songdichter am Ende „not amused“. Welcher um Unabhängigkeit bemühte Künstler will sich schon gern einkassieren lassen? Wirklich bizarr wird es, wenn Politiker Song oder Bands als Favoriten nennen, die eigentlich konträr zu ihrer Haltung stehen. So outete sich laut „Tages-Anzeiger“ vom 2. September dieses Jahres im letzten amerikanischen Wahlkampf Paul Ryan, der republikanische Vizepräsidentschaftskandidat, als Fan „der harten, linken Gruppe Rage Against the Machine“, was diese gar nicht gut fand.

Und „vor fünf Jahren bezeichnete der Eton-Absolvent David Cameron, damals noch Parteipräsident der Tories, Eton Rifles von The Jam als eines seiner Lieblingslieder. Sänger Paul Weller staunte unverblümt.“ – „Nicht selten gründen solche Übernahmen in mangelhaften Grundkenntnissen“, resümiert der „Tages-Anzeiger“: Eton Rifles ist eine Abrechnung mit jener englischen Klassenelite, die Leute wie David Cameron hervorbringt.“ Ich dagegen bin nicht sicher, ob sich nicht sogar eine gezielte Provokation hinter der Songvereinnahmung verbirgt.

4 Selektive Wahrnehmung – bis hin zur Umdeutung für die eigenen Zwecke. Das berühmteste Beispiel für dieses Muster ist die Vereinnahmung von Bruce Springsteens Song Born In The USA durch den US-Präsidenten Ronald Reagan 1984. Das im selben Jahr erschienene Stück hat etwas Hymnisch-Bombastisches, das ganz bewusst einen zynischen Widerspruch zum Text darstellt. Der erzählt nämlichen von einem sozial kalten Amerika, das seine jungen Männer erst in sinnlosen Kriegen zu seelischen Krüppeln macht und sie dann zu Hause, als Kriegsveteranen, im Stich lässt. Reagans Marketingstrategen, denen Springsteens immenser Erfolg bei der Jugend nicht verborgen geblieben war, pickten sich dann prompt nur den Titel, der auch den Refrain markiert, und das Hymnisch-Bombastische heraus und versuchten, den Singer/Songwriter als Zugpferd für die begehrten Jungwähler vor den eigenen patriotischen Karren zu spannen. Es versteht sich von selbst, dass auch hier der Künstler einen Riesenaufstand veranstaltete und sich diesen Songmissbrauch verbat.

5 Der Song hat einfach Drive – ist doch egal, wovon die da singen. Diese Haltung muss der Grund gewesen sein, warum Mitt Romney, republikanischer Gegenspieler Barack Obamas den treibenden Song Panic Switch der kalifornischen Band Silversun Pickups im Präsidentschaftswahlkampf einsetzte.

Dabei erzählen die Lyrics von Nervosität, von Depression, von Panikattacken. „Die merken ja ga nicht, was sie da tun“, kommentierte die Band, „und schießen sich stattdessen selbst ins Knie.“

6 Vereinnahmung eines textlich offenen Songs – womit wir wieder bei den Toten Hosen und Tage wie diese wären. Denn das Stück erzählt lediglich von Menschen, die sich treffen und an einem unbestimmten Ort, bei einem nicht näher beschriebenen Event, inmitten einer Menschenmenge ein rauschhaftes Erlebnis haben.

Ein Fußballspiel? Ein Konzert? Eine Party? Ein Kirchentag? Die Lyrics sind so ambivalent, dass man vieles in sie hineininterpretieren und sie eben auch für eine politische Veranstaltung, zum Beschwören eines Wahlsiegs oder einer politischen Zeitenwende, vereinnahmen kann.

„Tatsächlich können sich die Musikanten gegen die unerwünschte Vereinnahmung nicht wehren, weil sie sich wie praktisch alle GEMA-Mitglieder dem GEMA-Einheitsvertrag unterworfen haben“, schreibt der Autor Markus Kompa auf dem Portal Telepolis. „Damit begeben sich Urhebende ihrer Mitspracherechte, wer ihre Werke nutzen darf. Die GEMA ist verpflichtet, jedem zahlenden Interessenten die Nutzung zu gestatten. Eine Möglichkeit zur Differenzierung sieht die GEMA nicht vor.“

Nun hat sich ja – zum Beispiel mit Bruce Springsteen, der lautstark und erfolgreich gegen Reagan wetterte – gezeigt, dass vehementes Beschweren und Distanzieren politische Vereinnahmungen von Liedern durchaus stoppen können. Aber so sehr man die Künstler in ihrem „Not amused“-Sein auch versteht: gerade bei den Toten Hosen muss man noch einmal darauf hinweisen, dass ihr Song, zum Beispiel in Fußballstadion und in Festzelten, noch von ganz anderen fragwürdigen Klientelen gesungen wird und dass er tatsächlich inhaltlich derart vage ist, dass man alles Mögliche in ihn hineininterpretieren kann. Ein Song, der im Zeitalter der Massenmedien und vor dem Hintergrund der Globalisierung die Öffentlichkeit erreicht, entwickelt einfach ein nicht zu kontrollierendes Eigenleben – das sollten Rockkünstler mittlerweile begriffen haben. 1986 traten „die Hosen“ mutwillig mit dem „wahren Heino“ Norbert Hähnel auf und mokierten sich über Heinos verkniffene Versuche, die Parodie verbieten zu lassen. Schon von daher wäre im Falle von Tage wie diese ein weniger verärgerter, souveränerer Umgang angebracht, so etwas wie eine gelassen-freundliche Absage an das Treiben der Politiker – der milde lächelnde Hinweis, dass sie sich, siehe Silversun Pickups, mit ihren Vereinnahmungen in der Regel selbst ins Knie schießen. 

ESC oder: Der gezähmte Song

 Weißt du, es ist Zeit, dich mal richtig gehen zu lassen. Warum lassen wir’s nicht einfach raus? Sag mir, worauf du wartest. Denn ich, ich will leben, bevor ich sterbe. Abstürzen und brennen und den Verstand verlieren. Wir können die Welt in Flammen setzen. Heut Nacht können wir glorreich sein. Wir sind jung im Herzen, und wir sind frei. Die Welt gehört uns, ich kann die Musik in mir fühlen. Glorreich, ich habe eine Liebe gefunden, die Augen nicht sehen können, bin außer mir, oh oh oh… Ich glaube, das kleine Kind in mir kann meine Bestimmung offenbaren, und eines Tages werde ich mich befreien. Die Zeit ist gekommen, wir bewegen uns mit Lichtgeschwindigkeit. Ich werde dich auf der anderen Seite treffen – jedes Mal, wenn ich die Augen schließe.

So lautet frei übersetzt der Text des deutschen Songbeitrags zum Eurovision Song Contest, Glorious von Cascada. Es ist ein Song über Lethargie, Schüchtern- und Verklemmtheit, oder? Denn befreit man die Lyrics mal von all den Klischees über Feuer, Freiheit, kindliche Unbefangenheit und Kontrollverlust, die 95 Prozent ihres Gehalts ausmachen, dann sorgen 3 Zeilen für Irritation: „And one day I’ll be breaking free“, „I’ll meet you on the other side / Every time I close my eyes.“ Ja, wir KÖNNEN mal richtig die Sau rauslassen, wir KÖNNEN glorreich sein. Aber wir WARTEN, wir tun es nicht wirklich. EINES TAGES – also nicht jetzt – werde ich mich befreien. Ich werde dich auf der anderen Seite treffen, jedes Mal, wenn ich die Augen schliesse. Die wortreich beschriebene Befreiung, die Ekstase wird auf den Sanktnimmerleinstag verschoben, sie findet lediglich in der Fantasie statt…

Ich weiß, meiner Deutung einer belanglosen Dancefloor-Nummer, die wahrscheinlich einfach nur ein bisschen jugendlichen Ausgehspaß vermitteln will,  wohnt ein gewisses Maß an boshafter Unterstellung inne. Aber in eben diesem Sinne ist Glorious von Cascada für mich ungewollt die Hymne des jüngeren ESC-Historie. Denn nirgendwo sonst geht es so offensichtlich darum, letztlich hohle, wertlose „Glorreich“-Punkte fürs eigene Land zu erringen – hohl auch deswegen, weil viele der verantwortlich zeichnenden Songwriter, die bei diesem Wettbewerb eigentlich im Zentrum stehen sollten, gar nicht aus dem Land stammen, für das sie den Beitrag geschrieben haben. Und nirgendwo wird so viel versprochen, aber nicht gehalten, so viel Glamour, so viel Freizügigkeit und Ekstase suggeriert, aber letztlich vertagt beziehungsweise familientauglich im Zaum gehalten.

Das Gezähmte der Veranstaltung offenbart sich schon in den Teilnahmebedingungen, die unter anderem besagen, dass die Songbeiträge keine politischen Botschaften enthalten dürfen. Das engt die „Relevanz“ dieses Wettbewerbs von vornherein deutlich ein und dürfte zu einem gewissen Maß an Selbstzensur bei vielen Songwritern führen, nach dem Motto: Bevor diese Textzeile falsch verstanden und mein Beitrag abgelehnt wird, schmeiß ich sie lieber raus. Liebeslieder, „Balladen“, Euphorie-Bretter und sogenannte „Novelty-Songs“, die um irgendeinen textlichen Gag oder musikalischen Gimmick kreisen, sind denn auch die beliebtesten Genres im Wettbewerb. Das Gezähmte zeigt sich weiter in der Beschränkung der Songs auf 3 Minuten Länge, was regelmäßig zu „Beschneidungen“ führt, sowie in den endlosen Vorentscheiden und Bewertungsmarathons: Sie lassen erwachsene Künstler wie Schuljungs und -mädels aussehen und sorgen dafür, dass das Publikum jedes Jahr dieselben nach vermeintlichen Erfolgsrezepten zusammenkonfektionierten Songs zu hören bekommt. Und es endet bei den teils unfassbar peinlichen Kostümen und Choreographien, die noch immer wie in einer Zeitschleife gefangen wirken, mit 70er-Jahre-Fernsehballett-Ästhetik und Eighties-Styling-Mutationen. Ein paar Paradiesvögel sind auch jedes Jahr dabei – sie wirken dann erst recht wie die gruseligen, seltenen und kuriosen Objekte, die Fürsten einst in ihren „Wunderkammern“ sammelten und zur Schau stellten. Entfesselung, Sinnlichkeit, Sex und Andersartigkeit lösen sich in bizarren Verkleidungen, kitschigen Trockeneisnebeln und merkwürdigen Verrenkungen auf, in den hysterischen Tränen der geschlauchten Sieger und im Frust der Letztplatzierten, in kühlen Länderplatzierungsstatistiken.

Das Wettstreiten liegt im Natur des Menschen, und gegen Song-Contests an sich ist nichts einzuwenden – im Grunde haben Hip-Hopper einst ihre Rivalitäten auf der Straße in diese friedliche Form der Auseinandersetzung kanalisiert. Aber ob man Kreativität derart einzwängen und zweckentfremden sollte wie beim ESC? Ich bin mir nicht sicher. Lustigerweise steht „ESC“ auf der Computertastatur für „Escape“, für „Ausstieg“. Aber das muss keine Handlungsaufforderung für den Eurovision Song Contest sein. Immerhin leisten sich die Final-Shows immer wieder spannende Ausreißer, als Ausnahmen, die die Regel bestätigen – in diesem Jahr etwa die schon betagtere Roma-Sängerin Esma Redzepova, die für Mazedonien antritt. Auch sind die Shows in den letzten Jahren so flott und humorvoll gemacht, dass man sie sich gut mal anschauen kann. Und der Cascada-Song, der einfach nur ein Genrestück und mitnichten ein Plagiat des Vorjahrssiegers Euphoria ist, erweist sich bei mehrmaligem Hören als harmonisch gar nicht mal so unfein collagiert. Weshalb es mich nicht wundern würde, wenn dieser hierzulande so gescholtene ESC-Prototyp am Ende doch auf den vorderen Plätzen landet.

Werber in der analen Phase

Songs werden gern als Allzweckwaffen missbraucht. Besonders gern nehmen Marketingleute sie zur Untermalung von Werbespots. Aus einem klassischen Lovesong wird dann eine Hommage an ein bestimmtes Automodell, aus einer Ode an die Jugend die Hymne für eine Anti-Aging-Creme. Okay… Aber manche Songs werden derart unglücklich eingesetzt, dass der Spot eigentlich nach hinten losgehen müsste. Nehmen wir Unbelievable, den supereingängigen Dancerock-Track der britischen Gruppe EMF aus dem Jahr 1990. Der Refrain mit dem Ausruf „Unglaublich!“, „Unbelievable!“, soll in dem Werbeclip, den er untermalt, einen schicken Sportwagen charakterisieren, natürlich im positiven Sinne. Dabei meint der Ausruf im deprimierenden Songkontext genau das Gegenteil, etwa im Sinne von: „Du bist so mies zu mir, es ist einfach unglaublich!“ Wer’s nicht glaubt, der höre selber nach.

Ganz anders lag der Fall bei Ring of Fire, einem der größten Hits des amerikanischen Countrysängers Johnny Cash. Hier wollten Werber den Text ganz bewusst in einen provokanten neuen Kontext stellen. Aber von vorn: Der 1962 erschienene Song handelt ganz offensichtlich von einer Liebesbeziehung. Ein Liebender bekundet seine leidenschaftliche Zuneigung, die er in das Bild eines lodernden Feuers kleidet. So heißt es in der zweiten Strophe: „The taste of love is sweet / When hearts like ours meet / I fell for you like a child / Oh, but the fire ran wild.“ – Übersetzt etwa: „Liebe schmeckt süß, / wenn zwei Herzen wie die unseren aufeinandertreffen. / Ich verfiel dir wie ein Kind, / oh, aber das Feuer loderte wild.“ Der Refrain, den auch heute noch fast jeder mitsingen kann, lautet: „I fell into a burnin’ ring of fire / I went down, down, down / And the flames went higher / And it burns, burns, burns, / The ring of fire, the ring of fire.“ Also: „Ich fiel in einen brennenden Ring aus Feuer. / Ich ging in die Knie, / und die Flammen schlugen höher. / Und er brennt, brennt, brennt, / der Ring aus Feuer, der Ring aus Feuer.“ Man kann nach autobiografischen Bezügen im Leben Johnny Cashs suchen oder einen spirituellen Gehalt in den Versen entdecken. Man kann das Feuer einfach als Leidenschaft deuten, aber auch im Sinne der Qualen, die Liebende zu durchleiden haben. Dass „Ring of Fire“ sowohl der geografische Begriff für einen Vulkangürtel im Pazifik als auch der Name eines Trinkspiels ist, das mit Karten gespielt wird, mag dabei jeweils zur Deutung der Metaphorik herangezogen werden. Stets aber beschreibt der Song eine äußerst innige Beziehung zwischen dem Ich und dem angesprochenen Du.

Dennoch war sich die amerikanische Texterin Sula Miller im Jahr 2004 nicht zu blöd, Ring of Fire ausgerechnet als Untermalung eines Werbespots für ein Medikament gegen Hämorrhoiden ins Visier zu nehmen. Den in den Versen besungenen Ring aus Feuer in vollster Absicht als entzündeten Schließmuskel zu interpretieren, das ging allerdings der Familie des ein Jahr zuvor verstorbenen Sängers zu weit. „Die Hinterbliebenen der Country-Ikone haben sich jedenfalls festgelegt, was die Interpretation des Songtextes betrifft“, schrieb SPIEGEL Online damals in einem Artikel über den Fall. „Es gehe um die gestalterische Kraft der Liebe. Etwas anderes werde er für die Familie niemals bedeuten.“ Weshalb der Welt die Umsetzung dieser hirnrissigen Idee letztlich erspart blieb. Eine Songmisshandlung der übleren Sorte bleibt die Attacke von Sula Miller trotzdem – zumal sie dem Klassiker noch heute unangenehm anhaftet und mitverantwortlich sein könnte für die Verbreitung einer weiteren Schwachsinnsthese: Nach wie vor stößt man im Internet auf Songportalen und in Chatforen auf die Mutmaßung, Ring of Fire handele von Analsex.

Diese und weitere Songmisshandlungen in meiner Essayreihe „What have they done to my song?“ auf http://faustkultur.de/, direkter Link:
http://faustkultur.de/kategorie/musiktheaterfilm/behrendt-what-have-they-done-to-my-song-v.html#.UVWHKhkcVEs