Frühlingsgefühle

Die Stimmung steigt, die Natur explodiert, und beim einen oder der anderen spielen die Hormone verrückt. Klarer Fall: Es wird Frühling! Der Sommer wirft seine Schatten voraus und lässt Blogger im Überschwang der Gefühle zu den abgedroschensten Phrasen greifen. Egal – Wald, Wiesen und der Garten rufen, die Sonne will genossen, die Blumenpracht gegossen, das Gemüse gepflanzt werden.

Gibt es eigentlich Frühlings-, Sommer-, Garten- und Pflanzensongs? Na klar gibt es die, und zwar in Hülle und Fülle. Man denke nur an Summer Wine, Boys of Summer, Suddenly It’s Spring, Octopus‘ Garden, In-A-Gadda-Da-Vida, Every Rose Has Its Thorn

Weil man endlich wieder keine Jacke mehr braucht und weil’s einfach Spaß macht, hier noch ein paar weitere Songbeispiele, mal mehr, mal weniger offensichtlich. Los geht’s mit dem amerikanischen Kinderlied The Garden Song, sehr nett in der Version von Country-Onkel John Denver. Zum Hingucker wird das Ganze, weil Mr. Denver – angekündigt als „one of the good guys in contemporary music“ – in der „Muppets Show“ gastiert:





Wer es etwas skurriler mag, schaut sich diesen schratigen Gitarren-Freak im Sonnenblumenmeer an – der Sunflower Song, ein kleines Instrumental- und Video-Juwel. Ganz am Ende singt er dann doch noch und begrüßt die Sonne:





Auch nicht schlecht: Der King of Rock’n’Roll, Elvis Presley, mit Spring Fever, hier in einer Szene aus dem Musikfilm Girl Happy. Nett: eine Gruppe autofahrender Jungs und drei autofahrende Mädels im Schnitt-Gegenschnitt-Verfahren. Alle sind im Frühlingsfieber – aber kriegen sie sich auch?

https://www.youtube.com/watch?v=R3TOt06w0jI

Dass man auch als sogenannter Diskursrocker Spaß an Gartenarbeit haben kann, unterstrichen Blumfeld einst mit Der Apfelmann – zur komletten Verwirrung zahlreicher Kritiker und Fans. „Ein Happysong für die dunklen Tage“, wie Herr Distelmeyer hier auf der Livebühne behauptet? Oder einfach nur die totale Verarschung?





Wieder in normalere Gefilde geht es mit dem Summer Dream von Electric Light Orchestra, auch das eine Liveversion. Immer noch ein toller Song:





Und wenn wir schon beim Sommer sind, dann darf ein aktuellerer Gassenhauer nicht fehlen: Summertime Sadness von Lana del Rey. Ok, die anfänglichen Hoffnungen der Hipstergemeinde hat die junge Amerikanerin längst enttäuscht, nicht zuletzt weil sie für Edelmarken modelt und Songs zu Autowerbespots beisteuert… Aber geht Summertime Sadness nicht trotzdem unter die Haut?





Morbide Sommergefühle wurden auch schon mit typisch britischem Touch besungen, und zwar von den Eurythmics. English Summer hießt der Titel, zu finden auf der kaum bekannten, aber wirklich starken ersten Eurythmics-LP In the Garden. Wiederntdecken lohnt sich. Das offizielle Video zu English Summer ist nicht verfügbar, aber es gibt zumindest den Song bei Youtube:





Zurück zum Frühling – hier kommt die letztes Jahr verstorbene Donna Summer(!) mit Spring Affair, einer Frühlingsliebe im Discogewand. Auch dieses Video ist nicht verfügbar, aber reinhören kann man unter:





Der Vater und die Mutter aller Gärten ist natürlich der Garten Eden – und den sollten wir weder durch Krieg noch Umweltverschmutzung zerstören, finden die New Riders of the Purple Sage. Recht haben sie ja… Garden of Eden findet sich bei Youtube als Liveversion mit zu vernachlässigendem Gesang, aber einer tollen Steel Guitar:





Gerne würde ich den Magic Garden von Dusty Springfield, Watch the Flowers Grow von den Four Seasons oder Kew Gardens von Ralph McTell anspielen, aber dazu findet sich kaum etwas Anschauliches auf den Videoportalen. Stattdessen stößt man auf Exzentriker wie Blixa Bargeld, der einst mit den Einstürzenden Neubauten ebenfalls einen Gartensong einspielte. Wer hätte das gedacht? Wichige Textzeile, frei übersetzt: Du findest mich im Garten, wenn es nicht in Strömen regent. Ah ja…  Interessant, aber sicher nicht jedermanns Geschmack:





Das ließe sich endlos fortführen, muss aber nicht sein. Deshalb zum Schluss drei Songs außer Konkurrenz: Robert PLANT(!), Big Log (wunderschöne Stimmung), Boomerang von BLÜMCHEN(!) – hier schließt sich der Kreis zur Autoszene mit Elvis Presley – und Rose GARDEN(!) von Lynn Anderson: gruselige US-TV-Ästhetik aus der Steinzeit. Aber Lynn hat uns ja schließlich auch keinen Rosengarten versprochen…













Werber in der analen Phase

Songs werden gern als Allzweckwaffen missbraucht. Besonders gern nehmen Marketingleute sie zur Untermalung von Werbespots. Aus einem klassischen Lovesong wird dann eine Hommage an ein bestimmtes Automodell, aus einer Ode an die Jugend die Hymne für eine Anti-Aging-Creme. Okay… Aber manche Songs werden derart unglücklich eingesetzt, dass der Spot eigentlich nach hinten losgehen müsste. Nehmen wir Unbelievable, den supereingängigen Dancerock-Track der britischen Gruppe EMF aus dem Jahr 1990. Der Refrain mit dem Ausruf „Unglaublich!“, „Unbelievable!“, soll in dem Werbeclip, den er untermalt, einen schicken Sportwagen charakterisieren, natürlich im positiven Sinne. Dabei meint der Ausruf im deprimierenden Songkontext genau das Gegenteil, etwa im Sinne von: „Du bist so mies zu mir, es ist einfach unglaublich!“ Wer’s nicht glaubt, der höre selber nach.









Ganz anders lag der Fall bei Ring of Fire, einem der größten Hits des amerikanischen Countrysängers Johnny Cash. Hier wollten Werber den Text ganz bewusst in einen provokanten neuen Kontext stellen. Aber von vorn: Der 1962 erschienene Song handelt ganz offensichtlich von einer Liebesbeziehung. Ein Liebender bekundet seine leidenschaftliche Zuneigung, die er in das Bild eines lodernden Feuers kleidet. So heißt es in der zweiten Strophe: „The taste of love is sweet / When hearts like ours meet / I fell for you like a child / Oh, but the fire ran wild.“ – Übersetzt etwa: „Liebe schmeckt süß, / wenn zwei Herzen wie die unseren aufeinandertreffen. / Ich verfiel dir wie ein Kind, / oh, aber das Feuer loderte wild.“ Der Refrain, den auch heute noch fast jeder mitsingen kann, lautet: „I fell into a burnin’ ring of fire / I went down, down, down / And the flames went higher / And it burns, burns, burns, / The ring of fire, the ring of fire.“ Also: „Ich fiel in einen brennenden Ring aus Feuer. / Ich ging in die Knie, / und die Flammen schlugen höher. / Und er brennt, brennt, brennt, / der Ring aus Feuer, der Ring aus Feuer.“ Man kann nach autobiografischen Bezügen im Leben Johnny Cashs suchen oder einen spirituellen Gehalt in den Versen entdecken. Man kann das Feuer einfach als Leidenschaft deuten, aber auch im Sinne der Qualen, die Liebende zu durchleiden haben. Dass „Ring of Fire“ sowohl der geografische Begriff für einen Vulkangürtel im Pazifik als auch der Name eines Trinkspiels ist, das mit Karten gespielt wird, mag dabei jeweils zur Deutung der Metaphorik herangezogen werden. Stets aber beschreibt der Song eine äußerst innige Beziehung zwischen dem Ich und dem angesprochenen Du.





Dennoch war sich die amerikanische Texterin Sula Miller im Jahr 2004 nicht zu blöd, Ring of Fire ausgerechnet als Untermalung eines Werbespots für ein Medikament gegen Hämorrhoiden ins Visier zu nehmen. Den in den Versen besungenen Ring aus Feuer in vollster Absicht als entzündeten Schließmuskel zu interpretieren, das ging allerdings der Familie des ein Jahr zuvor verstorbenen Sängers zu weit. „Die Hinterbliebenen der Country-Ikone haben sich jedenfalls festgelegt, was die Interpretation des Songtextes betrifft“, schrieb SPIEGEL Online damals in einem Artikel über den Fall. „Es gehe um die gestalterische Kraft der Liebe. Etwas anderes werde er für die Familie niemals bedeuten.“ Weshalb der Welt die Umsetzung dieser hirnrissigen Idee letztlich erspart blieb. Eine Songmisshandlung der übleren Sorte bleibt die Attacke von Sula Miller trotzdem – zumal sie dem Klassiker noch heute unangenehm anhaftet und mitverantwortlich sein könnte für die Verbreitung einer weiteren Schwachsinnsthese: Nach wie vor stößt man im Internet auf Songportalen und in Chatforen auf die Mutmaßung, Ring of Fire handele von Analsex.

Diese und weitere Songmisshandlungen in meiner Essayreihe „What have they done to my song?“ auf http://faustkultur.de/, direkter Link:
http://faustkultur.de/kategorie/musiktheaterfilm/behrendt-what-have-they-done-to-my-song-v.html#.UVWHKhkcVEs