Die Pose geht, der Song bleibt: Diedrich Diederichsens „Über Pop-Musik“

Oje, zögernd erworben, mühsam durchgebissen: Diedrich Diederichsens schon im letzten Jahr veröffentlichter Diskursschinken Über Pop-Musik musste dann doch mal gelesen werden. Die Befürchtungen haben sich bestätigt. Leider ist der ganz überwiegende Teil der rund 450 Seiten langen Abhandlung, in der der ehemalige „SPEX“-Chefredakteur seine über 30-jährige Tätigkeit auf dem Feld der Pop-Theorie kulminieren lässt, ein schwer verdauliches Theoriegedöns. Ein seltsamer Mix aus akademischer Abhandlung, jovialem Geplänkel, erst beim vierten Lesen nachvollziehbaren Gedanken und Szenetalk – so unsinnlich las sich bisher kaum ein Buch über den mehr als sinnlichen Gegenstand Pop.

Adornos Geist und Posen von Exoten

Schon der Buchtitel, Über Pop-Musik, irritiert. Hatte nicht Theodor W. Adorno, der Chefideologe der Frankfurter Schule, vor gefühlt 300 Jahren zwei umstrittene Aufsätze On Popular Music und Über Jazz überschrieben? Tatsächlich weht der Geist Adornos deutlich spürbar durch Diederichsens poptheoretische tour de force – von der Weiterführung des Adorno’schen Kulturindustrie-Begriffs (ja, wir leben heute bereits in der dritten Kulturindustrie) bis hin zur Verteidigung von Über Jazz, einer seinerzeit heftigst kritisierten Schrift, die doch immerhin, so Diederichsen, bei aller Fehleinschätzung das für das Pop-Subjekt wegbereitende Jazz-Subjekt treffend charakterisiert habe: „Das Besondere am Jazz als eine spezifische Fassung von Subjektivität zu beschreiben, ist eine gute Idee. Dass im Jazz schon die Frage steckt, was ist das für ein Typ, der da spielt, die in der Pop-Musik manifest werden sollte…“ Im 21. Jahrhundert, in Zeiten von Globalisierung und theorieskeptischer Unübersichtlichkeit, hält Diederichsen 80 bis 100 Jahre alte Denkmodelle hoch – ja stellenweise möchte man in ihm fast eine moderne Reinkarnation Adornos sehen.

Pop-Musik ist für den Autor ein völlig „eigener Gegenstand“ und „sehr viel mehr als Musik“. Diederichsens These: Wenn es auf der einen Seite die herrschenden gesellschaftlichen Schichten und die von ihnen goutierte autonome Kunstmusik gibt, dann gibt es auf der anderen Seite die nicht herrschende breite Masse mit ihrer statischen, seelenlosen Unterhaltungsmusik. Innerhalb dieser Sphäre der Nichtherrschenden und der niederen Kunst, der Low-Art, ist dann aber die ständig neue, dynamische, rebellische, provozierende Pop-Musik so etwas wie die High-Art, und ihre Vertreter sind gewissermaßen die Aristokraten innerhalb der populären, der Massenkultur. Pop-Musik nach Diederichsen wird getragen von Hipstern, Spinnern, Ausgegrenzten, Minderheiten, die mit unausgebildeten, seltsamen Stimmen und im Studio erzeugten Geräuschen, mit punktuellen und dauerhaften Soundzeichen, mit Totem-, Fetisch- und Signature-Sounds, mit dem Gebrauch von verschmutzten und fremden Zeichen eine Haltung zur Welt einnehmen und ein leidenschaftliches Kommunikationsangebot an die Fans machen, ohne sich auf eine bestimmte Botschaft festlegen zu lassen, ohne angreifbar oder wirklich fassbar zu werden. Die kleinste Einheit des pop-musikalischen Vokabulars (und Theaters), und das ist für Diederichsen zentral, stellt die „performativ zu verstehende“ Pose dar. Zentral ist sie, „weil sie etwas Neues in die Welt setzt: einen neuen Gedanken, ein neues Argument. Alle Erfindungen der Pop-Musik sind um Posen, um Ideen herumgebaut, was für ein fiktiver Mensch einer oder eine sein könnte.“ Außerdem charakteristisch für Pop-Subjekte seien subtile Strategien der Inklusion und der Exklusion, das Ziel die Selbstbehauptung als „eine eigene Gesellschaft mit einer eigenen Moral“.

Regeln, Luftwurzeln, Phantomschmerzen

Darum geht es im Wesentlichen – wenn ich es richtig verstanden habe. Um diesen Kern herum werden alle möglichen Gedanken und Denkmodelle, vor allem Regeln aufgefahren. So darf Pop-Musik weder Kunst werden noch authentisch sein wollen – auch wenn Diederichsen – etwa am Beispiel von Todd Rundgren – Wege aufzeigt, wie es doch noch klappen könnte mit der Kunst. Paradox! Der Rock ’n’ Roll, die Gegenkultur und die Punk-Rebellion gehören für den Autor in die „heroische Phase der Pop-Musik“, daran anknüpfend sieht er die postheroischen „Style Wars“ der 1980er und 90er Jahre, in denen zwar immer versiertere, tollere, stilistisch und genremäßig immer weiter verzweigte Pop-Musik entstanden sei, diese Pop-Musik aber ihre gesellschaftliche Bodenhaftung verloren habe, mit einer Tendenz zur Abgrenzung um ihrer selbst willen. Hinzu komme, dass plötzlich Makel in der Pop-Musik erkannt und thematisiert worden seien – rassistische Country-Musik, antisemitischer Hip-Hop, frauenfeindliche Rockmusik. Der Subkulturalismus sei damit einfach zusammengebrochen, stellt Diederichsen lakonisch fest. Nach Techno und Ambient sei der heutige Zustand durch eine Verselbstständigung der Pop-Musik gekennzeichnet, sie bleibe nun gänzlich ohne sozialen Bezug. Pop-Musik schlage Luftwurzeln und erleide Phantomschmerzen, die hin und wieder wahr würden: etwa im Hervorbringen von Vorläufern der New Yorker Occupy-Bewegung, aber auch im Auf-den-Plan-Treten norwegischer Black-Metal-Neonazis. Noch häufiger aber gehe die Luftwurzel den Weg der endlosen Verfeinerung…

Widersprüche, Irritationen

So lakonisch, defensiv und achselzuckend hat man Diederichsen selten erlebt. Die halbherzige, fast schon beiläufig verharmlosende Auseinandersetzung mit den menschenfeindlichen Auswüchsen von Rock-, von populärer oder auch von Pop-Musik, deren fast schon verspielte Charakterisierung als Phantomschmerz, gesellt sich zu vielen anderen irritierenden Aspekten in seinem Buch. Zum Beispiel gibt es da mittendrin merkwürdig ambivalente und unverschämt naive Zuspitzungen wie: „Kunst und Liebe sind von Dauer, Pop, Sex und das Leben dagegen kurz“, oder: „Wenn man nicht wissen will, wie die Musiker aussehen, so die Faustregel, dann ist es keine Pop-Musik.“

Auweia.

Widersprüche klangen schon an. Hinzu kommen Theorieexkurse, die zu nichts führen, etwa die irgendwann im Sande verlaufende Erörterung des fotografietheoretischen Punctum-Begriffs nach Roland Barthes, und die unerklärliche Ignoranz gegenüber Texten und Musik. Stattdessen wird die Kategorie Sound derart überhöht, dass man sich kopfschüttelnd fragt, ob etwa die klassische Musik jahrhundertelang ohne Klang gearbeitet habe. Sound an sich ist doch nichts, was nur der Pop-Musik gehört – die mutmaßliche Pop-Musik hat lediglich ihren eigenen Sound entwickelt. Genauso wie sie ihre eigene Musik entwickelt hat. Und die erscheint mir überhaupt nicht so zweitrangig, wie Diederichsen sie beschreibt. Man nehme nur den Superhit The Look of Love der 80er-Jahre-Diskurshelden ABC, ein kraftvolles Stück Musik mit feinem Text, das noch heute weltweit regelmäßig gespielt und gesendet wird: Die Pose von damals ist längst verblasst, aber der Song ist geblieben.

Are you initiated?

Besonders hervorzuheben sind die mal mehr, mal weniger subtilen Ab- und Ausgrenzungsstrategien, die Diederichsen nicht nur als charakteristisch für Pop-Musik beschreibt, sondern auch selbst ganz bewusst gegen sein eigenes Publikum fährt. Zwei nicht weiter begründete linke Haken gegen den „Knallkopf“ Eric Clapton sollen ganz offensichtlich die „Nichtinitiierten“ treffen, die dem Irrglauben erliegen, ein seichter Musik-Musiker wie „Mr. Slowhand“ sei ein Vertreter der Pop-Musik. Im Gegenzug berichtet Diederichsen ausführlichst von seiner eigenen „Initiation“ in die Pop-Musik, um im Anschluss immer wieder die „Nichtinitiierten“ zu belächeln, zum Beispiel wenn sie fieberhaft nach Bedeutung suchten… Ja, da müssen wohl einige draußenbleiben. Denn Diederichsen geht es „darum, wie Leute mit Pop-Musik umgehen, die in einem oder mehreren Punkten mit mir über den Charakter der Pop-Musik einig sind und aus diesem Wissen heraus agieren.“ Da stellt man sich unwillkürlich zwei Fragen. Erstens: Wozu dann überhaupt dieses Buch? Und zweitens: Wie kommt Diederichsen als Initiierter zu solch einem immensen Bedeutungsüberschuss?

Flucht in die Nische

Sein Fazit markiert dann einen echten Antiklimax. Noch 1986 hatte Diedrichsen in seinem Buch Sexbeat gefordert, die Rockmusik solle durch ein im marxistisch-leninistischen Sinne geprägtes Lumpenproletariat übernommen werden, dem als mehrfach gebrochenen Kollektiv der „Abbau des Überbaus“ obliege. Das Lumpenproletariat habe eine von neuem, gewissermaßen vorgetäuschtem Individualismus getragene Produktion anzukurbeln – so lange, bis „so viele zu Tribünen imaginärer Völker gewordene Individuen ihre Individual-Diskurse als Gruppen- und Sekten-Diskurse relevant und verbindlich gemacht haben und damit eine solche Multiplikation von ‚relevanten’ Aussagen geschaffen haben, dass das kulturelle System überladen zusammenbricht.“ Rund 30 Jahre später, in Über Pop-Musik, sieht sich Diederichsen mit einer Situation konfrontiert, in der die pop-musikalischen Nischen dominieren. Diese hätten zwar keine Ambition auf Wirkung, aber sie würden Praktiken retten und aufbewahren und damit jene Liebhaberei betreiben, die nötig sei, um Kunst vor dem Staat und dem Markt zu schützen. Das sei zwar weit entfernt von heroischer Pop-Musik, aber fruchtbar als Ausgangspunkt für Fortentwicklung. Ein letzter Hoffnungsschimmer: Pop-Musik „kann sich aber nur dann über einen weiteren, vielleicht wieder fünfzig Jahre währenden Zyklus der Relevanz freuen, wenn sie nun zu der Musik wird, die die Kooperation auf den Weg bringt: nicht mehr als Kooperation unverwechselbarer Einzelner mit indexalisch übertragenen Stimmen und Effektgeräten, sondern als Kooperation von Leuten, die sich von ihren Zielen, Gegenständen und Einzugsgebieten her definieren. Das erfordert andere Medien, andere Ästhetiken, die selbstverständlich alle schon irgendwo unverbunden schlummern.“

Diedrozentrische Pose oder Diskurs-Diskurs?

Plötzlich geht es um echte Kooperation und das ernsthafte Arbeiten an gemeinsamen langfristigen Zielen, um eine Perspektive für die nächsten 50 Jahre, wo doch Pop wie Sex und das Leben kurz sein soll. So recht will das nicht zum Vorangegangenen passen. Und doch ist es nur ein weiteres Beispiel dafür, wie Musik bzw. ein kulturelles Phänomen immer und immer wieder mit der völlig überzogenen Erwartung überladen wird, die Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Es ist eine große pathetische Geste der Maßlosigkeit, die umso maßloser erscheint, je weniger gesellschaftliche Relevanz sie besitzt. Nadja Geer beschrieb diese Haltung Diederichsens und anderer deutscher Pop-Diskurshelden nicht immer schmeichelhaft als „sophistication“, als ästhetische Taktik, „die von ihrem Wesen her undemokratisch ist“ – mit dem Ergebnis, „dass bestimmte Denkstile (…) an die Stelle politischen Handelns treten“ und die Pop-Intellektuellen „allergrößte Probleme haben, sich im gesellschaftlichen Gefüge der Bundesrepublik zu verorten.“

So bleibt von Diederichsens Werk vor allem der Eindruck des Willens zum absoluten Kunstwerk à la Adorno: Auch Über Pop-Musik scheint sprachlich immer wieder aus sich selbst zu schöpfen, ist kaum nachvollziehbar verästelt und voller Ecken, Brüche und Kanten, dreht diskursive Extraschleifen, lädt ein und entzieht sich oder stößt vor den Kopf – es ist die Analogie zur pop-musikalischen wall of sound, eine wall of words gewissermaßen, ein Werk aus endlos übereinandergeschichteten Sprach- und Theoriespuren, elitär und narzisstisch, hochkomplex und dann wieder erschreckend trivial. Es ist, wenn man so will, Diederichsens ultimativer literarischer Über-Pop-Song, mit dem er sich noch über seinem Gegenstand erhebt und zur Herrschaft in der Sphäre der Nichtherrschenden zu streben scheint. Und das mit einem gigantischen Bathos-Knall. Bathos ist der komisch-absurde Effekt, der entsteht, wenn Hohes auf Niederes prallt oder etwas eher Triviales ganz bewusst überaus ernst und hochtrabend reflektiert wird – wenn also Carl Perkins mit einer Inbrunst und Verzweiflung, so als ginge es um Leben und Tod, bloß seine geliebten Blue Suede Shoes, seine blauen Wildlederschuhe, besingt. Ein ähnlich groteskes Ungleichgewicht ergibt sich zwischen dem eher leichten Gegenstand „Pop“ und Diedrichsens bombastischem Theorieapparat, zwischen dem mehr als 400 Seiten langen Feiern eines verstörenden rauschhaften Phänomens und dem schließlichen Rückzug in die kleine Nische auf den letzten Seiten.

Nun ist Diederichsen alles andere als dumm. Er bekommt seit Jahren ordentlich Gegenwind und fährt doch beeindruckend konsequent auf seiner Schiene weiter. Eigentlich muss er um das Elitäre seiner Position und um die vielen Angriffspunkte wissen, die seine Argumentation bietet – und damit um das Widersprüchliche, Schillernde seines Gegenstands „Pop“ selbst. Vielleicht ist Über Pop-Musik – und so ließe sich das Buch retten – tatsächlich eine ganz bewusste literarische Analogie zu dem einfach nicht zu fassenden Phänomen „Pop“ mit all seinen narzisstischen Anwandlungen, seinen unverschämten Ansprüchen und Forderungen, seiner Eingeweihtenrhetorik und seiner unglaublichen Stilvielfalt, bei gleichzeitigem Sich-nicht-festlegen-Lassen und Brüskieren, sturer Verweigerung.

Haben wir es also doch mit einer kunstvollen diedrozentrischen Pose zu tun, die der meisterhaften Erkundung des innersten Wesens eines geheimnisvollen kulturellen Phänomens dient? Oder überhöht hier nur ein monströses Ego sich selbst und die aufregenden Erlebnisse, vielleicht aber auch die frustrierenden Misserfolge und Versäumnisse seiner eigenen ewigen Adoleszenz? Unangenehm bleibt auf jeden Fall, dass man für die literarisch-philosophische Kraftanstrengung dieses Diskursastronauten avancierte 40, in Worten: vierzig!, Euro an der Buchhandlungskasse abgeben darf. Angenommen aber, Diederichsen meint seine 450 Seiten Über Pop-Musik nicht als augenzwinkernden Pop-Diskurs, sondern wirklich ernst, gewissermaßen als Diskurs-Diskurs: Hat er sich mal gefragt, ob die Nichtherrschenden solche Diktatoren wie ihn überhaupt als Herrscher wollen, geschweige denn tolerieren würden? Ich jedenfalls halte es am langen Ende mit einer These aus dem Jahr 1908, die besagt, dass Differenzierungen und Kategorisierungen nicht in der Musik, sondern in den Hörern begründet liegen. Ich bleibe weiterhin der Meinung, dass jegliche Musik auch zukünftig allen Theorien zum Trotz machen wird, was sie will. Und ich würde niemals unter Diederichsen dienen wollen, selbst unter dem fantastischen Todd Rundgren nicht.

Diedrich Diederichsen, Über Pop-Musik. ISBN: 978-3-462-04532-1, 474 Seiten, Klappenbroschur, 39,99 €

Nette Geister

Da schreibe ich gedankenverloren meine Blogeinträge, und plötzlich erreichen mich unaufgefordert E-Mails von Bands und Musikern, die ich gar nicht kenne. Das freut mich sehr, denn: Hui, mein Geschreibsel wurde irgendwo zumindest registriert. „Schreib doch auch mal was über uns“, lautet der einhellige Tenor dieser Mails, also denke ich mir: Warum eigentlich nicht? Denn irgendwo sind’s auch die Geister, die ich rief, und warum nicht mal Neues entdecken?!

Schöngeister

Das erste Projekt, das ich vorstellen möchte, kommt aus Leipzig und Berlin und nennt sich A Forest. A Forest? Trägt nicht ein Klassiker von The Cure diesen Titel? Mit den Sounds, den Rhythmen und den Melodien von Robert Smith & Co hat dieses Trio erst mal wenig gemein, wohl aber mit der molligen, leicht düsteren Grundstimmung. Getragene bis mittelschnelle elektronische Beats, flächige Sounds und zwei selbstvergessen vor sich hin raunende Männerstimmen setzen vor allem auf drei Effekte: Atmosphäre, Atmosphäre und … Atmosphäre. Früher hätte man etwas voreilig Trip-Hop dazu gesagt, A Forest selbst sprechen von „Electronica, Kammerpop, Singer-Songwriter, altem Soul und Minimal Techno“, es gehe um „Songs wie alte Gemälde“, „einen vollkommen eigenen Entwurf von Pop“. Leidenschaftlich und selbstbewusst sind sie, auch visuell arbeiten sie mit guten Leuten zusammen. Im geschmackvoll-seltsamen Video zu The Shepherd stapft eine Art Waldschrat, dessen Fell oder Umhang aus schwarzem Lametta oder Magnettonbandstreifen besteht, durch Feld und Wiesen, sein Ziel ist das Wasser.

A Forest bleiben bewusst vage, beschwören eigenartige Stimmungen, und vor allem die eine der beiden Leadstimmen – die rauere, markantere  – geht nicht übel unter die Haut. Auf der Homepage der drei (www.iamaforest.com) finden sich diverse Hörproben und Videos, die Interesse wecken dürften – dort kann man auch unter dem lustigen Motto „Become a leaf“ („Werde ein Blatt“) zum aktiven Supporter werden. Abgesehen davon hoffe ich, A Forest hauen mich nicht, wenn ich sage: Versucht’s doch mal mit deutschen Texten, das könnte einschlagen!

Der Geist der Goldenen Zwanziger

Aus Dresden kommt die Band Friling, die sich der Musik der Golden Twenties – von Django Reinhardt bis Swing – verschrieben hat. Friling ist jiddisch und heißt Frühling, was ganz gut zum Gute-Laune-Sound der Gruppe passt. Das auch über Crowdfunding finanzierte Album The Mighty Monsieur Moustache lebt vom Gesang der beiden Frontfrauen Lisa Zwinzscher und Linda Gossmann sowie von einer ungewöhnlichen Instrumentierung, zu der auch Violine und Posaune gehören.

Die Songs des Albums kommen locker-flockig daher, sympathisch und mit jugendlichem Charme, handwerklich versiert – nur ein 7-Minuten-Epos mit kleinen Hörspielelementen und die eine oder andere zusätzliche Instrumentalpassage wirken etwas überambitioniert. Dass sie es ernst meinen, unterstreichen Friling mit einem zünftigen Zwanzigerjahre-Outfit, das sie selbstverständlich auch auf der Bühne tragen. Keine Frage, das ist konsequent, engagiert, wirkt liebevoll durchgestylt und sorgt für ein gewisses Flair. Es zwängt die Band aber auch in ein Korsett. Hoffentlich hauen mich Friling nicht, wenn ich finde, dass sie sich noch etwas unentschieden zwischen Entertainment und schweißtreibender Mucke bewegen. Wollen sie ein Revue-Act sein, dem man andächtig lauscht und zuschaut, oder wollen sie den Club rocken? Musikalisches Potenzial ist auf jeden Fall mehr als reichlich vorhanden, und ich bin gespannt, was da noch kommt. Klar, dass sich auch bei ihnen ein Besuch auf der Website mit Hörproben und Videos lohnt – www.frilingmusic.de.

Freigeist

Mit schöngeistigen Soundtüfteleien und klassischem Entertainment hat julakim überhaupt nichts am Hut. Auch um Songkonventionen schert sich die Darmstädterin nicht. Mal klingt sie wie eine klassische Lo-Fi-Singer-Songwriterin, mal wie eine Avantgardemusikerin, mal singt sie englisch, mal deutsch, mal französisch, mal portugiesisch. Sie wirkt in der Architekturszene, hält lustige Vorträge bei Pecha-Kucha-Events und macht Projekte in Brasilien. Jetzt hat sie quasi aus dem Nichts eine Musik-CD veröffentlicht und macht Livebühnen unsicher. itufi heißt das Werk, was für I Think You Fake It steht.

Fake ist nichts bei julakim. Sie kann ihr Publikum musikalisch und gesanglich sanft umschmeicheln, aber sie kann es – und ich hoffe, sie haut mich nicht – mit stimmlichen Extravaganzen, versponnenen Texten und spontanen Experimenten auch härter rannehmen. Verblüffend: Dabei trägt sie stets ein Lächeln im Gesicht. Das für mich interessanteste Sück auf der CD ist Dear Fear, das seinem Titel mit fast schon psychedelisch anmutenden Klangexperimenten alle Ehre macht. Der letzte Track – don’t panic be organic (extended) – dauert 16(!) Minuten, von denen die ersten 12 nur aus leisen Naturgeräuschen bestehen. Außerdem scheint da irgendjemand vor sich hin zu gärtnern. Und wenn man schon gar nicht mehr hinhört, schält sich aus dem unbestimmten Gerausche, Gezirpe und Geklopfe doch noch ein kleiner Song heraus. Das ist grenzenlos, radikal individualistisch und gegen jede Regel.

Anfang nächsten Jahres geht julakim wieder für ein paar Monate nach Brasilien – vielleicht kommt sie dann als Malerin und Bildhauerin zurück. Zum Abschied tritt sie am 2.12. noch mal im Frankfurter Club „Orange Peel“ auf. Daneben plant sie – wie passend – ein Video über so etwas wie die Freiheit und die Authentizität des Individuums. Daran kann sich – Interaktion! – eine jede und ein jeder beteiligen! Noch in den nächsten Wochen sind Interessierte aufgefordert, kleine Filmbeiträge zu den Themen „Konsumerismus, Kapitalismus, schnelles Leben und System“ an julakim zu senden, die dann Eingang ins Video finden sollen. Mehr dazu von Martina („Ich bin nicht julakim“) im leicht bizarren Video oben und auf der Website http://julakim.de/be/

 

Lieder, Lieder: Songfuchs Adel Tawil

„Und ich höre diese Lieder / durch den Schmalz in meinen Ohren / Hab aus Werken andrer Künstler / einen Instant-Hit geboren“ – so oder ähnlich könnte es klingen, wenn man Lieder parodiert, den aktuellen Hit von Adel Tawil. Bin gespannt, wann die ersten Parodien dieser Art kommen, denn der Song, der derzeit rauf und runter läuft im Radio, ist dermaßen „offensichtlich“, dass sich nicht wenige Kenner bemüßigt fühlen dürften, spontan loszureimen.

Die Idee zu Lieder ist so überraschend wie simpel – und eigentlich ganz charmant: Titel von Hits, vornehmlich aus dem englischsprachigen Raum, werden eingedeutscht und vom Sprecher so in den Text eingearbeitet, als hätte er sie „gelebt“: „Ich ging wie ein Ägypter / Hab mit Tauben geweint“, heißt es da oder: „Michael lässt mich nicht allein“ und „Kurt Cobain sagte mir, ich soll kommen, wie ich bin.“ So werden neben You Are Not Alone von Michael Jackson, neben Nirvanas Come As You Are, When Doves Cry von Prince und Walk Like An Egyptian von den Bangles auch Unbelievable von EMF, Bob Dylans Like A Rolling Stone oder Louis Armstrongs What A Wonderful World verwurstet. Manchmal wird auch ein Plattencovermotiv oder ein Star direkt erwähnt. Eine nette Art, großen, wichtigen Songs und Alben der jüngeren Musikgeschichte, wahrscheinlich auch Lieblingsliedern Tribut zu zollen – und eine kleine Rätselserie, die zumindest von eingefleischten Hitradiohörern leicht zu knacken ist.

Durch Verweise auf Songs der Gruppe The Boyz, in der er Mitglied war, und Ich + Ich, das erfolgreiche Duo, das er einst zusammen mit Annette Humpe bildete, spielt Adel Tawil auch auf seine eigene Karriere an. Es sind Bezüge, die man „persönlich“ nehmen kann, aber nicht persönlich nehmen muss. Der Song funktioniert auch ohne dass man etwas über Adel Tawils Werdegang weiß. Und ohnehin lebt das Ganze fast ausschließlich von den spektakulären Quellen, aus denen es sich bedient und die im Video lustvoll mit viel Tricktechnik noch einmal präsentiert werden. Da geht Tawil durch einen Plattenladen und zieht die entsprechenden Alben aus den Fächern, oder er läuft durch die Stadt, derweil Covermotive auf seinem T-Shirt und auf großen Reklameschildern ineinander übergehen.

Das wirkt beim ersten Hören ergreifend und clever gemacht, auf Dauer hat es für mich einen leichten „Rip-off“-Beigeschmack – wenig dichterische Eigenleistung und voll im Trend der wehmütigen Rückschau-Songs, von Kid Rocks All Summer Long über den Bosse-Hit Schönste Zeit, der ebenfalls mit Kurt-Cobain-Bezug daherkommt, bis Wie wir waren von Unheilig & Andreas Bourani. Und doch: Der Song geht nicht nur ins Ohr, er regt auch die eigene Erinnerung an und motiviert am Ende zur spielerischen Nachdichtung, natürlich unter Verarbeitung der persönlichen Lieblingsinterpreten und -alben. Ich hab’s spontan versucht und dabei drei Dinge festgestellt. Erstens: Viele der Songs, die ich eigentlich mag, kriege ich gar nicht griffig eingearbeitet. Zweitens: Die Geschichte, die ich erzähle, verselbstständigt sich mit den Bezügen, die ich wähle – oder mit den Reimen, die ich brauche. Und drittens: Zwangsläufig habe ich auch Songs eingebaut, die ich gar nicht unbedingt mag – nur damit es weitergeht. Insofern bitte ich, aus den folgenden Lyrics für einen nicht existierenden Song keine Rückschlüsse auf meine Person zu ziehen. So wie man vielleicht auch Adel Tawil nicht alles abkaufen muss, was er da „mit Tränen in den Augen“ singt…

PS: Die Auflösung zu den durch den Mixer gejagten Songs gibt’s am Ende.

PPS: Warum nicht selber mal einen Lieder-Text versuchen. Freue mich auf Kommentare

Mehr Lieder

Ich spürte Samstagabendfieber
Du warst meine Dame in Schwarz
Ich sah deine blauen Augen
Liebe rettete den Tag

Du flogst mit mir zum Mond
Durch Gammastrahlen, Sonnenfeuer
Zu des Mondes dunkler Seite
Voller Freaks und Ungeheuer

London rief, wir nahm’n die Autobahn
Fuhr’n im Taxi nach Paris
Wir hatten Visionen von China
Und landeten, oh, in Wien

Wir kam’n ins Hotel Kalifornien
Teenage-Geist war unser Duft
Ein schwarzer Hund, ich sah es kommen
Plötzlich lag was in der Luft

Du gabst mir einen Kuss
Und sagtest: Ich bin nicht verliebt
Keine Pläne mehr für Nigel
Nie mehr Foxtrot, Liebesdieb!

(Refrain)

Und jetzt hör ich diese Lieder
Und es werden immer mehr
Ja, das Beste mag noch kommen
Alles so verdamp lang her

Gestern Mixtape, Vinylträume
Heute Klanginseln im Strom
Musik eint Rebell’n und Bürger
Für immer im Vergnügungsdom

Oh, wie wünscht’ ich, du wärst hier
Um am Nullpunkt mich zu retten
Und im Boogie-Wunderland
Für immer dich an mich zu ketten

Du lässt mich häng’n am Telefon
Von Gerüchten umsäumt
War’s vielleicht nur Illusion?
Hab ich alles nur geträumt?

Genug mit Frieren in der Hölle
Hab nicht vergessen, doch vergeben
Wir verblassen zu Grau
Und ich werd es überleben

(Refrain)

Und jetzt hör ich diese Lieder
Und es werden immer mehr
Ja, das Beste mag noch kommen
Alles so verdamp lang her

Gestern Mixtape, Vinylträume
Heute Klanginseln im Strom
Musik eint Rebell’n und Bürger
Für immer im Vergnügungsdom

Heute hör ich Glocken röhren
Kein Rauch mehr überm Wasser
Trinke Tee in der Sahara
Tanz in Cape Cod Kwassa Kwassa

Auf der langen gewundenen Straße
Klöppeln Congas, es geht bergauf
Neue Liebe, neues Leben
Für mich reißt der Himmel auf

Hab dich ganz und gar vergessen
Denk nicht mehr an den letzten Kuss
Geh doch einfach deinen Weg
Und weine mir ’nen Fluss!

Trag ’ne billige Sonnenbrille
Zieh’ neue Jeans mir an
Landgeschwindigkeitsrekorde
Dabei so sanft, ich bin der Mann

Dünne Lisbeth, alberner Idiot
Alle winken sie mir zu
Mit der ganzen Popgeschichte
Auf Tuchfühlung und per Du

(Refrain)

Und jetzt hör ich diese Lieder
Und es werden immer mehr
Ja, das Beste mag noch kommen
Alles so verdamp lang her

Gestern Mixtape, Vinylträume
Heute Klanginseln im Strom
Musik eint Rebell’n und Bürger
Für immer im Vergnügungsdom

((Die verwursteten Songs: Bee Gees, Saturday Night Fever / Uriah Heep, Lady in Black / Ideal, Deine Blauen Augen / Whitney Houston, Love Will Save the Day / Julie London, Fly Me to the Moon / Birth Control, Gamma Ray / Manfred Mann’s Earth Band, Solar Fire / Pink Floyd, Dark Side of the Moon / Chiic, Le Freak / Eminem, The Monster / The Clash, London Calling / Kraftwerk, Autobahn / Felix de Luxe, Taxi nach Paris / Japan, Visions of China / Ultravox, Vienna / The Eagles, Hotel California / Nirvana, Smells Like Teen Spirit / Led Zeppelin, Black Dog / Phil Collins, In The Air Tonight / Prince, Kiss / 10cc, I’m Not In Love / XTC, Making Plans for Nigel / Genesis, Foxtrot / Depeche Mode, Love Thieves / Frank Sinatra, The Best Is Yet to Come / BAP, Verdamp lang her / Jimmy Eat World, Mixtape / Narada Michael Walden, Dreams of Vinyl / Kenny Rogers & Dolly Parton, Islands in the Stream / Madonna, Music / Frankie Goes to Hollywood, Welcome to the Pleasuredome / Pink Floyd, Wish You Were Here / The Fixx, Saved By Zero / Earth, Wind & Fire, Boogie Wonderland / Fleetwood Mac, The Chain / Blondie, Hangin’ On the Telephone / Timex Social Club, Rumors / Imagination, Just An Illusion / Nena, Nur geträumt / Mitch Ryder, Freezin’ in Hell / The Corrs, Forgiven Not Forgotten / Visage, Fade to Grey / Gloria Gaynor, I Will Survive / Mike Oldfield, Tubular Bells / Deep Purple, Smoke on the Water / The Police, Tea in the Sahara / Vampire Weekend, Cape Cod Kwassa Kwassa / The Beatles, The Long And Winding Road / Gloria Estefan, Conga / Jürgen Marcus, Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben / Silbermond, Himmel auf / Fleetwood Mac, Go Your Own Way / Julie London, Cry Me A River / ZZ Top, Cheap Sunglasses / David Dundas, Jeans On / Hüsker Dü, Land Speed Record / Santana, Smooth / Joe Jackson, I’m the Man / Thin Lizzy / Daft Punk)

Danish Candlelight

Tja, Cascada und Deutschland, das war wohl nix beim Eurovision Song Contest in Malmö. Natürlich bleibe ich dabei, dass der ESC eine Musikveranstaltung aus einem Paralleluniversum ist und „unser“ Song Glorious etwas ESC-Prototypisches hatte, aber zwei Wettbewerbe hintereinander dieselbe „Euphoric Dancefloor“-Formel, das hat am Ende doch nicht funktioniert. So wie es seinerzeit ein Irrglaube war, Europa zwei Mal hintereinander Lena Meyer-Landrut verkaufen zu können.

Gewonnen hat statt Cascada Emmelie de Forest, und die zog mit Only Teardrops geschickt eine andere ESC-Erfolgskarte, ich nenne es mal die „Melancholischer Folkpop im foxtrottigen Wiegerhythmus“-Karte. Mit der hatte beispielsweise 2009 schon Alexander Rybak den Sieg eingefahren: Sein Song damals hieß Fairytale und machte Norwegen glücklich.

Emmelie de Forest startete  für Dänemark, und das ist der eigentliche Grund für diesen kleinen Blogeintrag. Denn aus Dänemark kamen in den letzten Jahren gleich mehrere Bands, die in träumerischen und bisweilen abgründigen Rocksongs das Schwelgerische, Melancholische kultivieren. Steht Emmelie de Forest für die gezähmte, ESC-kompatible Light-Variante dieser wohligen Traurigkeit, sorgen Kashmir, Efterklang, I Got You On Tape oder Lars and The Hand of Light mit ihren freien Kompositionen für schillernde originäre Versionen.

Auf I Got You On Tape und Lars and the Hands of Light – schon die Bandnamen sind von bizarrer Schönheit – hat mich mein Freund Uwe aufmerksam gemacht. Erstere werden von der Fachpresse für ihre grüblerischen düsteren Hymnen gelobt, Sänger Jacob Bellens hat eine schöne, volle Stimme mit hohem Wiedererkennungswert. I Got You On Tape bevorzugen langsamere Songs, in Church of the Real, dem starken Titelsong ihres aktuellen Albums, ziehen sie das Tempo ein klein wenig an.

Lars and the Hands of Light zelebrieren die verspieltere, leichtfüßigere Variante der spezifisch dänischen Songmelancholie. Ihre Markenzeichen sind neben überraschenden Harmonie- und Stimmungswechseln die Gesangsstimmen von Jeppe Ostergaard und Lars Vognstrup. Das gilt auch für den Song End of Summer aus dem neuen Album Baby, We Could Die Tomorrow.

Versponnener, teils experimenteller kommen Efterklang daher. Im September 2012 erschien ihr aktuelles Album Piramida, für das die Band zunächst im Studio die Basic Tracks aufnahm. Diese wurden anschließend durch Sound-Aufnahmen in einer verlassenen russischen Bergarbeiterstadt in der Arktis ergänzt. Ein Youtube-Trailer gibt einen kurzen Einblick in die Vor-Ort-Aufnahmen und fängt etwas von der geisterhaften Stimmung des Albums ein.

Kashmir sind schon recht lange im Geschäft und klangen früher etwas rockiger, auf dem neuen Album E.A.R. dagegen driften sie gelegentlich ins Sphärische ab, wie der Youtube-Live-Mitschnitt des Songs Milk for the Blackhearted zeigt.

Wirklich kreativ, diese Dänen!