Sweet Streams Are Made of This

Ein Plattenvertrag, dann Tonträger- und Tournee-Umsätze, schließlich Superstartum? Diese Zeiten sind längst vorbei. Heute wollen sich aufstrebende Musiker immer weniger auf eine vom digitalen Wandel gebeutelte Musikindustrie verlassen. Lieber suchen sie als „unsigned artists“, auf eigene Faust, in den Weiten des Internets ihren Weg – zwischen Aggregatoren und E-Shops, zwischen Webradios und Streamingdiensten. Es ist ein steiniger Weg. Und doch ein faszinierender. Denn ausgerechnet in dieser gnadenlosen Schönen Neuen Musikwelt hegt und pflegt eine globale Künstlergemeinde einen sehr markanten Eighties-Trend unbeirrt weiter: Synthpop & Synthwave. Mittendrin: das deutsche Projekt Buzzing Sound Candy. Einblicke in die Musikproduktion des 21. Jahrhunderts – und in einen aufregenden virtuellen Mikrokosmos.

Unsigned artists“, das sind Künstler ohne „Plattenvertrag“. Künstler, die an kein Tonträger-Label gebunden sind, sich von niemandem per Kontrakt vertreten lassen. Ein Zustand, der wohl auf die überwältigende Mehrheit der Hobby- und Profimusiker zutrifft. Mussten „unsigned artists“ im 20. Jahrhundert noch ein weitgehend unerhörtes Dasein fristen, hat ihnen das digitale Zeitalter schier unendliche Möglichkeiten eröffnet: Heute können selbst produzierte Songs und Tracks ohne Label und komplett in Eigenregie veröffentlicht werden – und zwar im Internet, auf den unterschiedlichsten Plattformen. Das ist, keine Frage, grundsätzlich eine sinnvolle Sache: Denn die Musikkonsumenten von heute kaufen immer weniger klassische Tonträger wie CDs, sondern erwerben ihre Lieblingstitel lieber virtuell als Datenpakete. Oder – und dahin geht der Trend – sie verzichten gleich ganz auf den „Besitz“ von Songs, das heißt, sie streamen ihre Lieblingsmusik nur noch, gegen eine überschaubare Monatsgebühr.

Womit wir auch schon bei den Schattenseiten dieser unendlichen Möglichkeiten sind. Denn gerade „unsigned artists“ befinden sich anno 2019 in einem globalen virtuellen Wettstreit mit unzähligen anderen Künstlern. Sie investieren Unmengen an Liebe, Zeit und Geld in die eigene Musik und die Selbstvermarktung, aber die Chancen, mit ihrer Musik einmal nennenswerte Umsätze zu erzielen, sind gesunken. Sich irgendwo als Band mit einem eigenen Profil zu platzieren, mag vielleicht noch leicht gelingen. Doch um einen größeren Bekanntheitsgrad zu erlangen, muss man verschiedene Hürden nehmen – von Aggregatoren und Streamingdiensten über den Kampf um die Aufnahme in wichtige Playlists bis hin zum Buhlen um die Gunst einflussreicher Webradio-DJs.

Kreatives Pingpong

„Auf nervöse A&R-Typen und windige Vertiebspartner habe ich keine Lust mehr, sie reden einem ständig rein und stellen indiskutable Konditionen in den Raum. Ich ziehe mein Ding lieber alleine durch.“ Sagt Rossi, Komponist, Texter und Soundtüftler von Buzzing Sound Candy. Zur Musik von Buzzing Sound Candy kommen wir noch – zuvor soll es um die Arbeitsweise und die Strategie des deutschen Projekts gehen. Denn die haben so etwas wie Modellcharakter für die „unsigned artists“ von heute. Rossi lebt in Frankfurt am Main, wo er einst als Bassist in Punkbands begann, um dann die Welt der Synthesizer für sich zu entdecken und fortan House- und Electro-Musik zu produzieren. In den letzten Jahren hat er auch als DER AXIOMATOR fantasievolle elektronische Akzente gesetzt. Über Musikerforen und andere Kontakte findet er Gastsängerinnen und -sänger. Und mal trifft man sich in der realen, analogen Welt zum Gedankenaustausch oder gar zum Aufnehmen – mal entwickelt man Songs standesgemäß über eine größere räumliche Distanz hinweg via Hin- und Herschicken von Audiodateien im Internet. Es ist ein kreatives Pingpong. Oft hat Rossi die Tracks schon vorproduziert, mal mit Gesangsmelodie und Text, mal steuern die Gastvokalisten einen eigenen Text, eine eigene Melodie bei. Auf diese Weise wird ein Track immer wieder überarbeitet und um Sounds und Parts ergänzt – so lange, bis die Endversion steht.

Künstlerauswahl per KI?

Schnell haben sich Buzzing Sound Candy, kurz: B.S.C., eine Webrepräsentanz geschaffen, es war wahrscheinlich die leichteste Etappe auf dem künstlerischen Weg. Hier stellt sich das Projekt vor, bietet Audio-Dateien zum Anhören und zum Kauf an, bestimmt die Preise, hat alles selbst im Griff. Auch das Artwork hat Rossi in Eigenregie entwickelt, für das Betreiben der Homepage zahlt er einen überschaubaren Monatsbeitrag. Doch nur mit einem Bandprofil im Internet kommt man nicht weit. Das Ziel muss sein, in allen virtuellen Music-Stores und auf allen relevanten Streamingportalen vertreten zu sein – von iTunes über Amazon Music bis hin zu Spotify & Co. Und wie erreicht man dieses Ziel? Über einen sogenannten Aggregator. Aggregatoren, oft Ableger großer Unternehmen, auch aus der Musikbranche, bilden so etwas wie die Schnittstelle zwischen Künstlern auf der einen und Stores beziehungsweise Streamingdiensten auf der anderen Seite. Sie sorgen dafür, dass die Künstler mit ihrer Musik überall vertreten sind – und halten dafür natürlich die Hand auf. Aber nicht nur das: Sie prüfen die Musik sogar, bis hin zur Zensur. „Der harmlose B.S.C.-Weihnachtssong EMPATHY!, der im Dancegewand für ein fleischloses, vegetarisches Weihnachtsfest plädierte“, erinnert sich Rossi, „wurde von einem deutschen Aggregator vehement abgelehnt, eigentlich ein Skandal!“ Und: „Wer weiß, ob da nicht schon ein paar Algorithmen am Werk waren, die nach Reizwörtern wie ,slaughter‘ oder ,blood‘ gesucht und dann gnadenlos aussortiert haben. Ich denke sowieso, dass wir mit dem Thema Künstliche Intelligenz zukünftig auch im Musikbereich noch unser blaues Wunder erleben.“ Wie auch immer: B.S.C. zogen die Konsequenz und wechselten. Jetzt sind sie bei einem amerikanischen Aggregator, mit dem es keinerlei Probleme gibt.

Immer online

Aber sind mit einem guten Aggregator alle Weichen für eine erfolgreiche Karriere von Buzzing Sound Candy gestellt? Mitnichten. Denn optimal wäre es, in die großen Apple- und Spotify-Playlists mit Millionen von Followern aufgenommen zu werden. „Wer da vertreten ist, erreicht auf einen Schlag zigtausend mehr Hörer, das heißt, er wird auch häufiger gestreamt“, weiß Rossi, „und jeder Stream bringt ein kleines bisschen Geld.“ Aber: „Als unsigned artist kommst du da nicht rein. Um in ,beliebte‘ Playlists von sogenannten ,Music influencers‘ reinzukommen, wird ordentlich Geld verlangt. Da blüht mittlerweile ein großer und unseriöser Markt, das ist allgemein bekannt.“ Pay for a Play – diese Strategie kommt für Buzzing Sound Candy nicht infrage. Weshalb das Projekt seine Musik unermüdlich über soziale Medien wie Twitter und Instagram promotet und versucht, regelmäßig von den weltweiten Internetradiostationen gespielt zu werden, am besten in den Shows renommierter DJs. Solche Internetradios gibt es wie Sand am Meer, und auch hier haben sich je nach Musikgenre Topstationen und Star-DJs etabliert. Wer sich einen ersten Einblick verschaffen möchte, schaue nach bei Mixcloud.com, laut Selbstbeschreibung die „global community for audio culture“. Sie lädt ein, mehr als 15 Millionen Radioshows, DJ-Mixes und Podcasts zu entdecken.

Der PR- und Marketing-Aufwand, um Buzzing Sound Candy in den Webradios der Welt zu platzieren, ist enorm. Die aufwendig erstellten Promopakete schicken B.S.C. an die Radiostationen und DJs, dann muss nachgehakt werden. „Wenn möglich, ist man bei Twitter und Instagram praktisch ,always online’“, wie Rossi erklärt. Die Präsenz in den weltweiten Radioshows „bringt erst mal kein Geld, aber Werbung.“ Und motiviert interessierte Hörer, B.S.C. durch Käufe zu unterstützen. Dasselbe gilt für die Remixes, die angesagte DJs für das Projekt erstellen. Diese DJs, die man natürlich auch erst mal für sich gewinnen muss, haben ihr Publikum – und was sie remixen, erfährt gesteigerte Aufmerksamkeit.

Sind Freunde elektrisch?

Womit wir allmählich das vollständige Bild zusammenhaben: Buzzing Sound Candy betreiben ihre eigene Webrepräsentanz www.buzzingsoundcandy.com und sind über den US-Aggregator DistroKid in den globalen Internet-Music-Stores und Streamingdiensten verfügbar. Musikalisch bewegen sie sich in einem wunderbaren Achtzigerjahre-Genre, das in den Weiten des Internets nicht nur überlebt, sondern längst einen eigenen vitalen Mikrokosmos herausgebildet hat. Die Rede ist von Synthpop – oder Synthwave, je nachdem. Mit Verve beschwören Internetmusiker aus aller Welt eine Zeit, in der man noch ehrfurchtsvoll von „Süntis“ sprach und es nach und nach schaffte, Drumcomputern Seele einzuhauchen; als die Haare toupiert und die Gesichter geschminkt, die Klamotten dazu neuromantisch geschnitten waren; als Kraftwerk schüchtern von einem Model schwärmten, Depeche Mode gar nicht genug kriegen konnten und Human League die Stimme Buddhas hörten, während Visage zu Grau verblassten und Gary Numan darüber meditierte, ob Freunde wohl elektrisch seien.

„Synthpop/Synthwave hat in anderen europäischen Ländern eine große Fangemeinde“, sagt Rossi, „in Deutschland ist das Genre noch etwas unterrepräsentiert.“ B.S.C. halten hierzulande die Fahne hoch. Der Projektname – auf Deutsch etwa „Sirrender Klangsüßkram“ – scheint Programm, und das im besten Sinne. Denn die englischsprachigen Songs sind regelrechte Ohrwürmer und verbinden die klassischen elektronischen Klangwelten der Eighties mit modernen House- und Dance-Beats, nicht selten versehen mit eigenwilligen Texten und einem Schuss Melancholie, wenn nicht gar Morbidität. Es sind knackige Synthi-Dance-Tracks, die um klassische Genrethemen wie dunkle Leidenschaften (Tasted Heaven), Retro-Feeling (Back in Time), Euphorie (You Take Me High) und Maschinen (Rise of the Drum Machines) kreisen.

Herzblut, Qualität und eine digitale Strategie

Rossi ist ein überaus kreativer Kopf – und konsequent obendrein. Vorgefertigte Firmensounds und das schnelle Produzieren „am Küchentisch“ oder auf dem Laptop lehnt er ab. Für den virtuosen Autodidakten ist Musik eine künstlerische Herausforderung und solides, schöpferisches Handwerk. Kein Wunder, dass sein Studio durch ein feines Arsenal an analogen wie digitalen Synthesizern und Drummachines beeindruckt. Um die Songs von Buzzing Sound Candy radiotauglich produzieren zu können, hat er sich über Jahre hinweg das Know-how eines Tontechnikers draufgeschafft. Und bevor ein Song seine Veröffentlichung erlebt, wird er in einem professionellen Mastering-Studio auf Industriestandard gehoben. „Da wird aus Enthusiasmus viel Geld investiert“, sagt Rossi ein wenig sarkastisch, „das man wohlweislich nie wieder sieht.“ Denn selbst wenn man großen Erfolg hat: Pro Stream erhalten Künstler einen Betrag von sage und schreibe unter 1 Cent. Um hier auf nennenswerte Umsätze zu kommen, muss man schon ein gefeierter Star sein.

Da stellt sich die Frage: Warum tut man sich das alles an? Die Antwort ist simpel: Aus Liebe zur Musik. Weil man mit Herzblut bei der Sache ist, nicht anders kann. Weil man Teil einer aufregenden Szene ist, immer neue, spannende Leute kennenlernt. Und weil man insgeheim vielleicht doch darauf hofft, erfolgreich mit der Musik zu sein, ein bisschen Geld zu verdienen. B.S.C. scheinen ihren Dreh gefunden zu haben: Mit Weitblick schicken sie ihre digitalen Promokits an die richtigen Multiplikatoren in den Weiten des Webs. Ihre Songs haben Qualität und überzeugen, weshalb sie regelmäßig von Internetradiostationen und in Mixshows auf der ganzen Welt gespielt werden, darunter Artefaktorradio (Mexiko), Radiocoolio (Kanada), Radio Dark Tunnel (Deutschland) und die „Electric Family Tree Radio Show“ (Großbritannien). Bei letzterer legt kein Geringerer als Rusty Egan Hand ans Mischpult, einst Mastermind der Synthpop-Helden Visage (We Fade to Grey) und heute ein einflussreicher DJ in der Szene. Seine einzigartige Art zu moderieren und seine eleganten Übergänge von Track zu Track muss man gehört haben. Auf Bombshellradio (Kanada) haben B.S.C. sogar mal selbst eine Radioshow moderiert – ebenfalls kein schlechter Move zur Steigerung des Bekanntheitsgrads. Auch das Ziel, die eigenen Songs von angesagten DJ-Produzenten remixen zu lassen, haben sie erreicht. Zum Beispiel von Mark Kendrick, der unter seinem Künstlernamen Fused etwa den B.S.C.-Track Back In Time überarbeitet und so für die weitere Verbreitung des Songs unter seinen zahlreichen Followern gesorgt hat. Im Herbst wollen B.S.C. ein Album herausbringen, von dem es auch eine limitierte Vinylauflage geben soll. Vinyl? „Na klar“, sagt Rossi, „Vinyl ist schon länger wieder im Kommen und passt außerdem gut zum Retrofeeling unserer Musik.“ Darüber hinaus sind Vinylveröffentlichungen, ebenso wie Liveauftritte samt Merchandising, weitere Möglichkeiten, auch ein bisschen Geld zu verdienen.

Bei den Künstlern kommt am wenigsten Geld an

Denn, so Rossis Resümee: „Die Tatsache, dass man selbst bei größerem Bekanntheitsgrad kaum angemessen für seine künstlerische Arbeit bezahlt wird, ist und bleibt das Problem der heutigen ,unsigned artists‘. Für ein paar Euro Monatsabo bekommen die User das gesamte Riesenspektrum an zeitgenössischer Musik präsentiert, das macht aufwendig und mit Liebe produzierte Tracks zur billigen Massenware, zu wertlosen akustischen Accessoires. Gewinne fahren vor allem die Internetriesen ein, auch durch die Werbespots, die Nichtabonnenten zwischen die Titel eingespielt bekommen. Bei den Künstlern jedoch kommt am wenigsten Geld an.“ Weshalb Journalisten wie Kabir Sehgal schon fordern: „Spotify and Apple Music should become record labels so musicians can make a fair living.Sehgals Vorschlag: Streamingdienste schließen Verträge mit Künstlern und zahlen ihnen auch vorab schon Honorare, mit denen sie dann weiterarbeiten und neue Musik produzieren können, die wiederum weitere Kunden und Streams nach sich ziehen. „Eine nette Utopie, die aber nicht Wirklichkeit werden wird“, meint Rossi skeptisch – und freut sich auf die Wellen, die der aktuelle Buzzing-Sound-Candy-Titel You Take Me High mit Gastsängerin Fériel hoffentlich noch schlagen wird. Am Erfolg geschnuppert hat das deutsche Synthpop-Projekt bereits – und vielleicht schwebt es irgendwann ja doch einmal im siebten Musikerhimmel.

Bandinfos und Hörproben: http://www.buzzingsoundcandy.com

Der kontroverse Instant-Rundumschlag

Auch schon wieder ein halbes Jahrhundert her … 1970 veröffentlichten The Guess Who mit American Woman aus Versehen einen provokanten Song.

Die Sixties neigen sich dem Ende zu, da fördert eine ungeplante Bühnenimprovisation einen Welthit zutage. Bei einem Konzert der kanadischen Rockband The Guess Who in der Heimat reißt dem Gitarristen Randy Bachman mitten im Set eine Saite. Dummes Missgeschick, aber nichts Ungewöhnliches bei einem Rockkonzert. Der versierte Musiker, der ein halbes Jahrzehnt später mit der Band Bachman Turner Overdrive noch einen weiteren Superhit, nämlich You Ain’t Seen Nothin’ Yet, landen wird, zieht während der Zwangspause eine neue Saite auf und beginnt, sein Instrument zu stimmen. Gedankenverloren improvisiert er ein Riff, das das Publikum elektrisiert. Haben sich die Fans eben noch unterhalten und um andere Dinge gekümmert, starren sie plötzlich gebannt auf die Bühne und beginnen, die Köpfe im Takt zu wiegen. Bachmans Kollegen reagieren. Erst steigt Drummer Garry Peterson ein, dann Bassist Jim Kale, zum Schluss Sänger Burton Cummings. Mit seiner markanten Reibeisenstimme singt er über dem Dampfhammer-Riff die Zeilen, die ihm als Erstes einfallen: „American woman, stay away from me / American woman, mama let me be / Don’t come hangin’ around my door / I don’t wanna see your face no more…“ Was einem gefeierten Rocksänger eben so in den Sinn kommt … Irgendwann findet die Improvisation unter donnerndem Applaus ein Ende, und die Band weiß: Dieses Stück müssen wir im Kopf behalten. Aber wie? Zum Glück haben die Musiker im Publikum einen Fan entdeckt, der das Ganze mit einem Kassettenrekorder aufgezeichnet hat. Ist das etwa einer dieser verdammten Bootlegger, die ihre Aufnahmen später als teure Schwarzpressungen verhökern? Egal, Mann. Sie sprechen den Fan an, gelangen so an das Band und können später das Grundgerüst des Stücks rekonstruieren. Es müssen nur noch ein paar kompositorische Elemente und verschiedene Textzeilen hinzugefügt werden, dann steht der Song. 1970 wird er unter dem Titel American Woman veröffentlicht, erreicht Platz eins der US-Charts und stürmt in verschiedenen Ländern in die Top 20 und sogar in die Top 10. 

Im simpel gestrickten Text scheint es zunächst um die Absage an eine einzelne nicht näher beschriebene Amerikanerin zu gehen. Sie solle bloß fortbleiben und nicht vor seinem Haus herumhängen, insistiert der Sprecher, er wolle sie nicht mehr sehen und habe Besseres zu tun, als mit ihr alt zu werden – „I got more important things to do / Than spend my time growin’ old with you.“ Hat das Ich eine Liebesbeziehung zu einer Amerikanerin gehabt und möchte diese nun beenden? Ist American Woman ein Trennungslied? Nur bedingt. Denn im weiteren Verlauf des Songs werden die benutzten Sprachbilder allgemeiner, jetzt scheint eher die amerikanische Frau an sich adressiert zu werden. Die solle aufhören, den Ich-Sprecher zu hypnotisieren, und lieber jemand anders blenden: „Coloured lights can hypnotize / Sparkle someone else’s eyes.“ Und dann kommt ein neuer Aspekt ins Spiel: In der Absage an ihre „Kriegsmaschinen“ und „Ghetto-Szenen“ können eigentlich nicht mehr die amerikanischen Frauen an sich, sondern nur die USA als Ganzes gemeint sein: „I don’t need your war machines / I don’t need your ghetto scenes.“ Damit kommen eindeutig Protestsongelemente ins Spiel. Sie machen American Woman – wir schreiben das Jahr 1970 – auch zu einem Lied gegen den Vietnamkrieg und gegen soziale Missstände in den Metropolen der USA.

Allerdings sind diese Protestsongelemente nur schwach ausgebildet, es bleibt bei den zuletzt zitierten beiden Zeilen. Sie strahlen nicht auf den gesamten Text aus. So bringt der Text, der aus einer Improvisation enstanden, dann assoziativ ergänzt und angerundet worden war, mehrere Bedeutungsebenen zusammen, die nur bedingt etwas miteinander zu tun haben. Und das bietet jede Menge Raum für die Deutung. Das Internetportal „Songfacts.com“ zitiert einige Aussagen der Bandmitglieder von The Guess Who, die zumindest etwas Aufschluss geben. Demnach seien sie bei ihren Tourneen in den USA von den dortigen sozialen Problemen, etwa in Chicago, schockiert gewesen und hätten den Eindruck gehabt, Frauen in Amerika würden … hüstel … schneller altern und dadurch gefährlicher wirken („that girls in the States seemed to get older quicker than our girls and that made them, well, dangerous“) – am langen Ende wären ihnen „ihre“ kanadischen Frauen lieber. Diese Haltung macht aus heutiger Sicht wohl eher stutzig, aber sei’s drum. Zudem hätten US-amerikanische Behörden in der Nähe der kanadischen Grenze versucht, die Bandmitglieder einzuberufen und nach Vietnam zu schicken. Unter ihren Fans in Kanada seien auch viele junge US-Amerikaner, die sich abgesetzt hätten, um einer solchen Einberufung zu entgehen.

Kontroversen resultieren aus Missverständnissen, Ambivalenzen und gefühlten oder tatsächlichen Provokationen. Gerade American Woman bietet hier mehrere Ansatzpunkte. Wer nur ganz oberflächlich hinhörte und sich vor allem dem mitreißenden Beat des Songs ergab, bekam die Worte „Stay away from me“ nicht mit und empfand den Song sogar als Hymne auf Amerika, zumindest als Hymne auf die amerikanische Frau. Solche Hörer wurden umgehend von Kritikern zurechtgewiesen, die das Stück als frauenfeindlich und chauvinistisch empfanden. Und dann gab es ja noch die kritischen Verse über „war machines“ und „ghetto scenes“, die Kriegsgegner begeisterten, aber Patrioten verärgerten. Irgendwie verschreckten The Guess Who gleich mehrere gesellschaftliche Fraktionen – und mogelten sich vor allem musikalisch durch. Ironischerweise wurde die Band im Juli 1970 eingeladen, ausgerechnet im Weißen Haus für den damaligen US-Präsidenten Richard Nixon zu spielen: Dessen Tochter Tricia war offenbar ein großer Fan, was man verstehen kann: Denn gerade die softeren Songs der Band haben zeitlose Klasse. First Lady Pat Nixon allerdings war sich der amerikakritischen Elemente im Hit American Woman durchaus bewusst. Auch mit Rücksicht auf sie strichen The Guess Who den Song bei ihrem Auftritt im Weißen Haus von der Setlist. Konsequent geht anders …

Am 14. März 2019 erscheint bei WBG/THEISS mein neues Buch Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en. Vorgestellt werden rund 70 Songklassiker der letzen hundert Jahre, die zu ihrer Zeit die Gemüter erhitzten und zum Teil noch heute kontrovers diskutiert werden – von Rock Around the Clock bis Relax, von Anarchy in the U.K. bis zum Punk-Gebet, von Rache muss sein bis Stress ohne Grund, von der „British Invasion“ bis zum Echo-Skandal 2018. Den Band ergänzen Betrachtungen zu den wichtigsten Darstellungsformen im Song und Antworten auf 26 Fragen rund um das Thema Songprovokationen. Mit weiteren Texten zum Thema gibt „tedaboutsongs“ einen kleinen Vorgeschmack.

Unter der Oberfläche

Shallow von Lady Gaga & Bradley Cooper ist tatsächlich ein verdammt gelungener Song. Auch wenn – oder gerade weil – er leiseste Anklänge an einige andere große Songwriter-Hits enthält.

Es gibt Songs, die hört man zum ersten Mal – und doch meint man, sie schon seit Jahren zu kennen. Das kann ein unschönes Gefühl sein, etwa wenn das, was man hört, wenig eigenständig und vor allem schamlos abgekupfert klingt. Es kann aber auch ein aufregendes Gefühl sein. Zum Beispiel dann, wenn das, was man hört, auf angenehme Weise an gleich mehrere andere Songs erinnert, ohne dass man auf Anhieb sagen könnte, um welche Songs es sich handelt. Die Songwriterin oder der Songwriter hat – ob bewusst oder intuitiv – verschiedene Einflüsse so verarbeitet, dass etwas völlig Individuelles entstanden ist, in dem das Altbekannte aber wohlig bis nostalgisch nach-, an- und mitklingt. Weil sich die Einflüsse elegant und fast schon organisch zu einem neuen Ganzen zusammenfügen, ist man als Hörer tagelang mit der wunderbar quälenden Frage beschäftigt: Verdammt, an wen oder was erinnert mich dieser Sound, diese Stimmung, diese Melodie, diese Akkordfolge bloß?

Aktuell geht es mir so mit Shallow, dem von Lady Gaga und Bradley Cooper gesungenen Hit aus dem Film A Star Is Born. Geschrieben von Lady Gaga, Andrew Wyatt, Anthony Rossomando und Mark Ronson, hat das Stück verschiedene hochkarätige Auszeichnungen, zuletzt den Oscar für den besten Filmsong eingeheimst. Shallow ist überpräsent im Radio und in den (sozialen) Medien, dazu gibt’s Spekulationen, ob die Gaga-Lady vielleicht was mit Coopers Bradley hat – was sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht hat. Man kommt an der Nummer einfach nicht vorbei. Aber das ist nicht der Grund, warum man das Gefühl haben kann, den Song schon jahrelang zu kennen. Es ist zunächst das Modell Promi-Schmacht-Duett, mit dem man selten etwas falsch macht. Und dann ist es die Art, wie die akustische Gitarre zum Einsatz kommt. Die Gesamtstimmung des Songs. Es sind ein paar markante Akkordfolgen im Refrain. Und es ist die Melodieführung im Strophenteil.

Ich mag mich irren und man darf mir gerne widersprechen, aber hier sind die vier Songs, die Shallow in meinem Unterbewussten nachhallen lässt. Wie gesagt: Ich will gerade NICHT auf die Plagiatsthematik hinaus, im Gegenteil: Das Beste und Markanteste aus verschiedenen Hits herauszufiltern und dezent zu einem neuen harmonischen Ganzen zusammenzufügen, das viele Hörerinnen und Hörer berührt, halte ich für große Songkunst. Extreme hieß eine amerikanische Band, die um 1990 mit dem besinnlichen Liebeslied More Than Words einen Welthit hatte. Es ist weniger die Melodie als die Gesamtstimmung, die mich an Shallow erinnert – und natürlich die Art und Weise, wie die akustische Gitarre gezupft und geschllagen wird.

An Only You von Yazoo, und hier besonders an den Refrain mit den Zeilen „All I needed was the love you gave / All I needed for another day / And all I ever knew / Only you“, erinnern mich ein paar Akkordfolgen von Lady Gaga & Bradley Cooper. Auch Selena Gomez hat den Evergreen Only You gecovert, und in ihrer unaufgeregten Elektronikversion kommen die feinen Harmonien sehr gut zur Geltung.

Was die Gesamtstimmung, aber auch Elemente der Melodieführung betrifft, fiel mir irgendwann noch der alte Kansas-Gassenhauer Dust in the Wind ein. In Shallow wurde er – zugegeben – womöglich nur ganz entfernt verwurstet, und dabei doch weitaus gelungener als in einer aufdringlich-notorischen Teeklame aus den Neunzigerjahren.

Die intensivsten Anklänge meine ich jedoch an einen Song der schwedischen Band The Cardigans aus dem Jahr 2003 zu hören. And Then You Kissed Me heißt er, verbindet das große Gefühl der Liebe mit dem hässlichen Thema der häuslichen Gewalt und ist bei allen unschönen Details … einfach anrührend. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber wenn nach dem seltsamen Orgelintro akustische Gitarre und Gesang einsetzen, dann klingt das für mich schon wie eine melodische Blaupause für den ersten Songteil von Shallow.

Alle genannten Songs sind natürlich in sich völlig anders gestrickt, kommen von woanders her und entwickeln sich woanders hin. Dennoch sind es ihre leicht verwischten Spuren, die Shallow in meinen Ohren so vertraut und so zwingend klingen lassen. Unter der Oberfläche gibt es einiges zu entdecken, nicht umsonst heißt es im Text mehrdeutig: „We’re far from the shallow now …“ Etwas ganz Eigenständiges schafft der Song dann dadurch, dass er weniger nach dem Strophe-Refrain-Schema funktioniert, sondern sich langsam, aber stetig auf einen dramatischen Höhe- und Schlusspunkt hin steigert.

Lady Gaga gehört zu Recht zu den ganz Großen der Popmusik. Neben cleverem Songwriting sind es Power-Vocals, extravaganter Stil, eine provozierende Ambivalenz samt mehreren Songebenen und immer neue überraschende Häutungen, die sie zum faszinierenden Megastar machen. Ob Dancefloor-Queen oder Country-Lady, Rockröhre oder gefühlvolle Singer-Songwriterin: Was sie auch anstellt, es wirkt in der jeweiligen Phase ungeheuer authentisch und ist doch immer Teil eines schillernden Gesamtkunstwerks aus Überwältigungs-Performance und kraftvoller Musik. Mit dieser Qualität ist sie als gelegentlicher Gaststar eine absolute Bereicherung, selbst für gewiefte Ausnahmemusiker wie Sting.

Ding-Dong, nur ein Song

Vor rund drei Jahrzehnten provozierte die konservative britische Politikerin Maggie Thatcher eine bis dahin nie gekannte Flut an Protestsongs. 

Großbritannien unter Margaret Thatcher „inspirierte“ viele Bands und Songwriter zu äußerst kritischen bis regelrecht zynischen Protestsongs. Und kaum eine Politikerpersönlichkeit der letzten 70 Jahre wurde so häufig so explizit zur Zielscheibe von Songtexten wie die britische Premierministerin. Die Politik während ihrer Amtszeit (1979–1990) war gekennzeichnet durch Privatisierung, Deregulierung und die Zerschlagung der Gewerkschaften, was – bei allen wirtschaftlichen Erfolgen – zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, zu sozialen Härten, zu einer Vergrößerung der Kluft zwischen Arm und Reich führte. Der unsinnige Falkland-Krieg und Verordnungen, die die Diskriminierung von Homosexuellen zur Folge hatten, waren weitere Makel ihrer Regierungsarbeit. Eine zwiespältige Situation für Songwriter: einerseits die Erfahrung eines immer härter werdenden Existenzkampfes, andererseits jede Menge Inspiration für aufwühlende Songs. Dennoch hält Bruce Robert Howard alias Dr. Robert, einst Sänger der Blow Monkeys, nichts von der Idee einer Maggie Thatcher „als ‚Geburtshelferin’ einer blühenden britischen Gegenkultur während der Achtziger und frühen neunziger Jahre“, wie sie die „taz“ in einem Interview aus dem Jahr 2013 formuliert.Nein“, wehrt Howard ab. „Sie war eine polarisierende Figur, die zur Gier und zum Egoismus ermunterte, und die das Leben von Menschen zerstörte. Die Kunst mag unter solchen Umständen florieren, aber das ist nichts, für das man dankbar sein sollte. Meiner Meinung nach hatte Thatcher einen zynischen Blick auf die menschliche Natur.“

Die Blow Monkeys waren in den 1980er Jahren nicht nur Teil der von Billy Bragg, Paul Weller und Jimmy Somerville angeführten Musikerinitiative „Red Wedge“ zur Unterstützung der Labour-Partei, sondern „widmeten“ der Tochter eines Kolonialwarenhändlers 1987 auch das Album She Was Only A Grocer’s Daughter. Darauf zu finden: der seinerzeit aus dem Radioprogramm der BBC verbannte Hit (Celebrate) The Day After You. Wo andere aber nur den „Tag danach“, das heißt das Amtsende der Premierministerin feierten, ging Morrissey noch weiter. Der ehemalige Frontmann der Smiths, der schon 1986 The Queen Is Dead propagiert hatte, imaginierte1988 auf seinem Soloalbum Viva Hate gleich die Hinrichtung der ungeliebten Margaret, nicht ohne ein antiaristokratisches Volksaufstand-Szenario wie das der Französischen Revolution zu beschwören. „The kind people have a wonderful dream / Margaret on the guillotine / Cause people like you make me feel so tired / When will you die?“ Natürlich wird nur ein Vorname genannt, aber die Anspielung ist mehr als deutlich. So deutlich, dass Morrissey von Scotland Yard verhört wurde, wie der Sänger 2013 in seiner Autobiografie offenbarte. Damals habe untersucht werden sollen, ob der Star eine reale Bedrohung für die berühmte Politikerin darstellte.

Etliche weitere Songs aus der Zeit provozierten mit mehr oder minder klaren Verweisen: I’m in Love With Margret Thatcher von The Not Sensibles, Kick Out the Tories von den Newton Neurotics, Maggie, Maggie, Maggie (Out, Out, Out) von den Larks, Thatcherites von Billy Bragg oder Shipbuilding von Elvis Costello – ein Song, der zynisch um den Bau von Kriegsschiffen für den Falklandkrieg kreist, wobei möglichen neuen Arbeitsplätzen zukünftige Kriegstote gegenübergestellt werden. Mit Renaud Sechan stimmte 1986 sogar ein französischer Sänger ins Thatcher-Bashing ein. Sein Song Miss Maggie formulierte fiese Liebeserklärungen an die Frauen an sich, jeweils getoppt von einem Seitenhieb auf die verhasste britische Politikerin. Die immergleiche Rüpel-Argumentation: Frauen, und sind sie noch so minderbemittelt, können nie so dumm, so brutal, so kriegstreiberisch sein wie Männer – mit einer Ausnahme: Madame Thatcher …

Als „Madame Thatcher“ dann 2013 tatsächlich starb, verhalf das einem schon 2000 veröffentlichten Punksong der Band Hefner zur Heavy Rotation im Internet. The Day That Thatcher Dies lässt ein Song-Ich auf die 1980er Jahre und seine politische Sozialisierung durch die Labour-Partei zurückblicken. Den zukünftigen Tod der ehemaligen Premierministerin würde der Sprecher schon mal ausgiebig feiern, heißt es da trotzig, auch wenn es nicht korrekt sei: „We will laugh the day that Thatcher dies / Even though we know it’s not right / We will dance and sing all night.“ Das Stück zitiert gegen Ende noch ein fröhliches Kinderlied aus The Wizard of Oz, dem berühmten Film-Musical von 1939, nämlich Ding-Dong! The Witch Is Dead. Tralli, tralla, die Hex’ ist tot? Das schien vielen Thatcher-Kritikern nur allzu gut zu passen. Prompt erlebte Ding-Dong! selbst ein Revival, stieß dank Social-Media-Promotion sogar in die Spitzenregionen der britischen Charts vor – und wurde ebenfalls von der BBC boykottiert. Was aber niemanden wirklich juckte.

Klingende Werte

Zum Tod von Aretha Franklin

„My friends all wonder what’s come over me, I’m as happy as a man can be“, sang Wilson Pickett 1967 in dem von Bobby Womack geschriebenen Song I’m In Love. Und: „I feel just like a baby boy / On a Christmas mornin’ with a brand new toy.“ Eine typische Soul-Schnulze, garniert mit den üblichen Macho-Attitüden: die Frau als Spielzeug, über das sich der frisch Verliebte wie ein kleiner Junge an Weihnachten freut. Aretha Franklin mochte den Song und hat ihn 1974 gecovert. Aber sie sang ihn mit einem subtil überarbeiteten Text: In ihrer Version spricht eine Frau, und diese Frau dreht den Spieß nicht etwa eins zu eins um, sondern befreit ihn von allen Dominanzgesten: „Friends all wonder what’s come over me, I’m as happy as any girl could be“ und: „I’m sproutin’ and bloomin’ like last summer’s rose.“ Es ist eine Coverversion, aus der großes Selbstbewusstsein spricht – und in der alles Machohaft-Offensive blumig, mit einem Augenzwinkern weggewischt wird.

In dieser unscheinbaren, leicht discobeseelten Interpretation, in diesem Umgang mit dem Original steckt vieles von dem, was die große Sängerin, Songwriterin, Pianistin und Entertainerin Aretha Franklin ausgemacht hat: eine entschlossene Selbstbehauptung, aber humorvoll, ohne Konfrontation, Integrität, Souveränität und musikalische Eleganz, dazu eine Ausstrahlung, die mühelos Grenzen überwand. Aretha Franklin war nicht nur die „Queen of Soul“, sondern eine wahre „Queen of Pop“, nicht nur eine schwarze, sondern eine globale Ikone, gefeiert in ehrwürdigen Kritiker- und Musikliebhaberkreisen, aber auch von Rentnern und Teenies auf der ganzen Welt, nicht zuletzt von der Gay Community.

Die Technik des augenzwinkernden, dezent manipulierenden Coverns hatte Aretha Franklin schon einmal angewandt, und zwar mit durchschlagendem Erfolg. Aus Otis Reddings Song Respect, in dem ein Mann von seiner Frau etwas Wertschätzung verlangt, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, machte die aufstrebende junge Künstlerin 1967 einen Mutmachsong für unterdrückte Frauen weltweit. Bei ihr ist es der Mann, der seiner Frau Respekt entgegenbringen soll, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt. Erst dann werde er auch von ihrem Geld profitieren. Und damit die Botschaft auch unmissverständlich rüberkommt, wird der Titel immer wieder ohrwurmartig durchbuchstabiert: „R – E – S – P – E –C – T“. Respect wurde einer der größten Erfolge von Aretha Franklin und in der Folge nicht nur feministisch vereinnahmt, sondern auch als Hymne der schwarzen Bürgerrechtsbewegung gefeiert.

Einige ihrer Auftritte sind unvergessen: etwa der im Filmklassiker Blues Brothers, in dem sie den flotten Soulhit Think zum Besten gab und weitere Elemente ihres Image festigte: als resolute, geerdete Persönlichkeit, die jeden Laden schmeißt, als natürliche Autorität und Stimme der Vernunft, der man folgt, wenn sie sich erhebt. Nicht minder bewegend ihre Gesangseinlage bei der Amtseinführung des demokratischen US-Präsidenten Barack Obama, mit der sie die damalige Aufbruchsstimmung musikalisch untermalte. Aretha Franklin, auch als Songautorin und Pianistin respektiert, sang Duette mit Annie Lennox, George Michael oder Elton John, sprang auch mal für Luciano Pavarotti bei Nessun Dorma ein und machte nicht zuletzt durch vielfältige Charity-Aktivitäten ganz unaufgeregt deutlich, dass musikalisch wie gesellschaftlich alles geht, wenn man nur aufgeschlossen, hoffnungsvoll und konsequent agiert und das Herz am richtigen Fleck hat.

Kaum ein menschliches Leben ist frei von Schicksalsschlägen, Krisen und steinigen Phasen. Das gilt auch für Aretha Franklin. Und doch sind von ihr keine Skandale, keine Exzesse, keine peinlichen Extravaganzen bekannt. Im Gegenteil: Die stimmgewaltige Tochter eines Baptistenpredigers stand für Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Konstanz, für gesellschaftliche Verantwortung und beeindruckende künstlerische Qualität. Nicht umsonst landete sie um die 40 Top-Ten-Hits, errang diverse Grammys und konnte sich über die eine oder andere Meilenstein-Auszeichnung freuen. So wurde sie 1987 als erste Frau in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen. Wer weiß, vielleicht hat all das ja auch mit ihrem Familiennamen zu tun. In Franklin steckt das Adjektiv „frank“, also „offen“ und „frei“, Namensvetter Benjamin Franklin war nicht nur einer der Gründerväter der USA, sondern auch beteiligt am Entwurf der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Der Demokrat Franklin D. Roosevelt wiederum war einerseits Hitlers Gegenspieler und ging andererseits als Sozialreformer in die Geschichte ein, Stichwort: „New Deal“.

Aretha Franklin hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Wenn überhaupt etwas über diesen viel zu frühen Tod hinwegtrösten kann, dann ist es der Gedanke, dass Botschaften wie Respect und Think jetzt wieder häufiger im Radio zu hören sind – und dass Werte, wie sie auf eigentümliche Weise mit dem Namen Franklin verbunden sind, wieder verstärkt ins öffentliche Bewusstsein dringen. Die Welt hat es nötig.