Absurder Rechtsstreit um Led Zeppelins „Stairway to Heaven“

Kopie! Diebstahl! Plagiat! Es ist immer wieder ein Fest für Fans und Medien, wenn Ähnlichkeiten zwischen zwei Songs zum Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen werden. In der Regel stehen sich glühende Verehrer des Originals und entrüstete Verteidiger der als Diebe beschuldigten Künstler unversöhnlich gegenüber – was letztlich beiden Songs einen Aufmerksamkeitsschub und im Idealfall steigende Verkaufszahlen beschert. Dem Kläger winkt, wenn er durchkommt mit seiner Klage, ein nettes Zusatzsümmchen.

Vor allem zwei Fragen sind es, die ein Gericht in so einem Fall klären muss: Wie leicht hatte der vermeintliche Kopist Zugang zu einem Original? Und wie groß ist die Ähnlichkeit zwischen beiden Stücken? Je geringer die Möglichkeit, dass der mutmaßliche Plagiator das Original kannte, desto weniger relevant sind die eventuellen Ähnlichkeiten zwischen beiden Kompositionen. So kamen in dem berühmten Fall von George Harrisons My Sweet Lord, das große Ähnlichkeiten mit dem Titel He’s So Fine von The Chiffons aufweist, die Richter nach vielem Hin und Her zu dem Schluss, dass es sich um ein unbeabsichtigtes Plagiat gehandelt habe. Je größer allerdings die Wahrscheinlichkeit, dass der vermeintliche Kopist das Original gekannt hat, desto weniger akribisch muss der Vergleich der Kompositionen ausfallen.





Das Ganze ist eine knifflige Angelegenheit – wie auch der aktuelle Streit um den Rockklassiker Stairway to Heaven zeigt. Dessen Urheber, die Mitglieder der britischen Band Led Zeppelin, wurden im Sommer 2014 hochoffiziell beschuldigt, das berühmte Gitarrenintro des Songs vor rund 40 Jahren vom Stück Taurus der amerikanischen Band Spirit geklaut zu haben. Der Komponist von Taurus, der inzwischen verstorbene Spirit-Gitarrist Randy California, hatte sich schon zu Lebzeiten über das angebliche Plagiat beschwert – die Band habe aber seinerzeit aus Geldmangel nicht geklagt. Dass es die Erben von Randy California gerade jetzt doch versuchen, ist der Tatsache geschuldet, dass Led Zeppelin zurzeit Remastered-Versionen ihrer früheren Alben veröffentlichen, wodurch Stairway to Heaven erneut in den Fokus rückt.

Können Led Zeppelin das wenige Jahre vor Stairway to Heaven entstandene Spirit-Stück Taurus gekannt haben? Oh ja! Denn beide Bands spielten im relevanten Zeitraum eine Reihe von Konzerten zusammen, bei denen Spirit auch Taurus zum Besten gaben. Was wohl auch ein Grund dafür gewesen sein dürfte, dass Led Zeppelin mit einem Antrag auf Abweisung der Klage aktuell gescheitert sind. Die California-Erben dürfen also weiterhin gerichtlich gegen die britische Rocklegende vorgehen. Ist das Intro von Stairway to Heaven ein Taurus-Plagat? Rechtfertigt es gar die Forderung, dass Randy California in den Songcredits als Miturheber genannt wird?

Ich kann hier natürlich nur meine ganz persönliche Meinung äußern. Und die lautet auf beide Fragen: Nein! Spirit habe ich mal vor langer Zeit in einer unvergesslichen „Rockpalast“-Nacht gesehen. Ich hatte vorher noch nie etwas von ihnen gehört, aber was da live an Sounds und Bildern aus dem Fernseher kam, erschien mir wie pure Magie. In der Folge habe ich mir eine LP zugelegt und erst kürzlich noch den einen oder anderen alten Song im Internet erworben. Womit ich sagen will, dass ich durchaus Sympathien für diese ungewöhnliche Band hege. Die Energie und Wucht aber, die kreative Kontinuität, die Bands wie Led Zeppelin auszeichneten, haben Spirit auf ihren Studioalben leider nicht entfaltet. Und so werde ich den Eindruck nicht los, dass die aktuelle Klage gegen Led Zeppelin auch dem Frust über die ausgebliebene eigene Megakarriere geschuldet ist.

Stairway to Heaven kennen selbst Menschen, die sich nicht großartig für Rockmusik interessieren – da erübrigt sich ein Videolink an dieser Stelle. Und Taurus hätte ich gerne an dieser Stelle eingeklinkt, aber es ist aus ominösen Gründen nirgends im Internet verfügbar. Seltsam – würde man doch vielen Fans die Möglichkeit geben, sich selbst ein Urteil zu bilden, und obendrein noch den Verkauf ankurbeln. Immerhin kann man sich die entscheidenden Passagen von Taurus über die Pre-Listening-Funktion einzelner Songs bei den großen OnlineMusikanbietern anhören. Tatsächlich sind Tempo, fallende Akkordfolge und Grundstimmung in den beiden zur Diskussion stehenden Songpassagen ähnlich. Das war es dann aber auch schon. Die Gegenargumente wiegen für mich stärker: Taurus ist ein reines Instrumentalstück und noch nicht einmal drei Minuten lang, das Corpus delicti ist eine lediglich wenige Sekunden lange Sequenz – basierend auf einer alles andere als ungewöhnlichen harmonischen Bewegung. Led Zeppelin bauen die Akkordfolge aus, führen sie ganz anders weiter und legen außerdem eine eigenständige Gesangsmelodie mit eigenständigen Lyrics darüber. Auch innerhalb der betreffenden Sequenz setzen die Gitarren in beiden Stücken unterschiedliche Akzente. In meinen Ohren lässt Stairway to Heaven den Spirit-Song – ob bewusst oder unbewusst – lediglich kurz anklingen und nimmt dann einen völlig anderen Lauf, hin zu einem achtminütigen mehrteiligen Rockepos, von dessen Dynamik und Ideenreichtum Randy California und Kollegen noch nicht mal hätten träumen können. Den Spirit-Gitarristen aufgrund einer kurzen ähnlichen Sequenz als Koautor des gesamten Songs Stairway to Heaven auszuweisen, wäre an Peinlicjhkeit nicht zu überbieten. Das wäre so, als wollte man Koautor eines 30 Strophen umfassenden Bob-DylanGedichts sein, nur weil eineinhalb Verse der ersten Strophe an Verse aus einem eigenen Gedicht erinnern.

Ich gönne den Erben Randy Californias und den ehemaligen Spirit-Musikern jeden Dollar, jeden Euro, den sie mit ihren Songs von damals verdienen können. Aber diesen Klage-Schachzug kann ich nicht nachvollziehen, ich finde ihn billig. Und ich finde es richtig, dass sich Led Zeppelin, denen eine entsprechende Entschädigungszahlung wohl kaum besonders wehtun würde, hier zur Wehr setzen. Ihre unbestreitbare kompositorische Eigen- und Gesamtleistung bei Stairway to Heaven steht auf dem Spiel, und ich frage mich, warum nicht – wenn man schon unbedingt den Spirit-Song ins Spiel bringen will – im Sinne einer künstlerischen Strategie mit Begriffen wie „Anklang“, „Assoziation“ oder „Zitat“ gearbeitet wird. Was nicht ausschließt, dass die Richter der Spirit-Klage am Ende tatsächlich stattgeben. Es verspricht ja doch ein regelrechtes Spektakel und Publicity, gegen einen millionenschweren Rocksaurier wie Led Zeppelin anzugehen. Und vielleicht finden sich noch irgendwelche Musikologen, deren kühle Analysen der Band Spirit recht geben – auch wenn sie dem gesunden Menschenverstand widersprechen.

 

„Animals“ von Maroon 5: Eine Frage des Blickwinkels

Songs und Videos haben keine in Stein gemeißelte einzige und endgültige Bedeutung – sie haben mehrere, manchmal unzählige Bedeutungen. Denn se bedeuten das, was jeder einzelne Hörer, jeder einzige Hörerin aus ihnen macht. Und sie ecken an, je nachdem, was man in ihnen zu hören und zu sehen glaubt. Animals, den aktuellen Hit von Maroon 5 zum Beispiel, kann man leicht als frauenfeindliches, sexistisches Pamphlet auffassen, vor allem angesichts von Textzeilen wie: Baby „I’m preying on you tonight / Hunt you down eat you alive … I cut you out entirely / But I get so high when I’m inside you.“ Das männliche Ich jagt anscheinend seine weibliche Beute wie ein Raubtier und verschlingt sie förmlich, das Ganze scheint sogar etwas von einer Vergewaltigung zu haben.

Hört man allerdings den Text als Ganzes, dann löst sich dieser schlimme Eindruck auf, dann bedeutet der Song etwas anderes: „But we get along when I’m inside you / You’re like a drug that’s killing me“, heißt es an anderer Stelle und: „But you can’t stay away from me / I can still hear you making that sound / Taking me down rolling on the ground / You can pretend that it was me / But no, oh…“ In meinen Ohren geht es da wohl eher um eine Art Hassliebe – um zwei durchaus auch leidende Menschen, die nicht voneinander loskommen und sich vor allem sexuell immer wieder voneinander angezogen fühlen. Eine animalische Leidenschaft verbindet sie, und der Sex geschieht einvernehmlich, wie Juristen sagen würden.





Nun liebt es Maroon-5-Sänger Adam Levine, auf solchen erotischen Sprachbildern herumzureiten, und er tut das immer wieder reichlich selbstverliebt. Das kann nerven. Aber etwas Frauenverachtendes ist für mich in den Lyrics zu Animals nicht zu erkennen. Dieser Vorwurf wird aber vor allem dem Video zu dem Song gemacht. Da spielt Levine einen Metzger, der als Stalker eine Kundin verfolgt. Die (verkörpert von Levines Ehefrau Behati Prinsloo) bekommt nichts davon mit, auch dann nicht, als der Stalker nachts in ihre Wohnung eindringt und sie beim Schlafen fotografiert. In einer anderen Szene versucht der Stalker, das Objekt seiner Begierde in einem Club anzusprechen, wird aber entnervt zurückgewiesen. Und das Video zieht die Drastikschraube noch um einiges an: Da schmiegt sich Levine mit nacktem Oberkörper an aufgehängte gehäutete Tierleiber, da hat er als Stalker Sex mit der Frau, die er begehrt, und beide werden mit Blut übergossen.

Für das Rape, Abuse & Incest National Network ist der Fall klar: „Das ist eine gefährliche Darstellung einer Stalker-Fantasie – und niemand sollte den kriminellen Akt des Stalkings mit Romantik verwechseln“, wird die amerikanische Frauenrechtsgruppe auf SPIEGEL Online zitiert. Andere US-Bürgerrechtler lenken den Blick weg von der Fiktion und auf das Darstellerpaar selbst: Levine behandele seine Gattin wie ein Stück Fleisch, so lautet der Vorwurf. Und der britische „Guardian“ ist sich laut SPIEGEL Online sicher, „das Video beleidige jede Frau. … Es sei nichts alternativ daran, zu zeigen, wie Frauen gestalkt, vergewaltigt oder getötet werden.“

Mein Blickwinkel ist wiederum ein anderer. Was wird gezeigt, und wie wird es gezeigt?, frage ich mich und komme zu dem Schluss: Es wird ein ziemlich krankhaftes Verhalten gezeigt, und dieses Verhalten wird nicht entweder beschönigt oder glorifiziert, sondern auch als krankhaft, erbärmlich dargestellt. Die Szenen mit den Tierleibern sind alles andere als anregend, und nicht nur der irre Blick des Stalkers, sondern auch die Abfuhr, die er sich im Club holt, lassen ihn als ziemlich gestörten Mann erscheinen. Das Animalische, das die Textzeilen thematisieren, hat hier etwas zutiefst Neurotisches.

Die Abfuhrszene ist noch aus einem anderen Grund bezeichnend: Das Video zeigt, wie die Frau deutlich Nein sagt. Und die gemeinsamen Sexszenen spielen sich eindeutig in der Fantasie des Stalkers ab. Mitnichten wird hier der Akt des Stalkings mit Romantik verwechselt – die Figur der gestalkten Frau behält in meinen Augen ihre Würde. Allein dass die Themen Stalking und Gewalt gegen Frauen thematisiert werden, scheint besagten Frauen- und Bürgerrechtsgruppen schon Anlass zur Kritik zu geben, ein differenzierter Blick fehlt. Dann müsste man noch einiges mehr verbieten.

Reichlich bizarr wirkt der Vorwurf einiger Verschwörungstheoretiker, auf den das Portal Breathecast.com hinweist: Diese „Theoretiker“, so Breathecast.com, meinen, in den blutigen Szenen irgendwelche satanischen Rituale sowie in Adam Levine einen versteckt agierenden Satanisten zu erkennen. Auch so kann man Animals also sehen. Einen völlig überraschenden anderen Blickwinkel aber steuert schließlich ausgerechnet die Tierschutzorganisation PETA bei: Die nimmt Maroon 5 sogar richtiggehend in Schutz und zeigt sich laut Promiflash.com „sehr angetan davon, wie überzeugend der Sänger einen Fleischer darstellt und damit die Grausamkeit des Schlachtens von Tieren verdeutlicht.“ O-Ton PETA: „Wenn überhaupt, geht das Video nicht weit genug. Wir sind alle Tiere, aber jeder, der sich über die blutigen Video-Szenen aufregt, sollte lieber auch im wahren Leben blutige Gewalt vermeiden, indem er ein überzeugter Veganer wird.“

Wir sehen: Auf den Blickwinkel kommt es an. Und die Blickwinkel auf Animals sind vielfältig. Da kommt vielleicht noch einiges auf uns zu…