Saniert durch Sugar Man?

Erst der späte Ruhm, dann der preisgekrönte Dokumentarfilm „Searching for Sugar Man“ – und jetzt ist auch noch ein Buch über die Suche nach dem legendären Seventies-Songwriter Rodriguez erschienen. Hat der „Sugar Man“ das verdient? Und: Befeuern hier nicht einfach ein paar Selbstdarsteller immer wieder ihren selbst kreierten Mythos?

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich finde Rodriguez, den lang vergessenen Seventies-Singer-Songwriter, und seine Lieder wirklich außergewöhnlich. Und auch außergewöhnlich gut. Aber ich gehöre zu der wachsenden Zahl von Skeptikern, die in dem seit einigen Jahren herrschenden Hype um Rodriguez immer mehr Lücken und Schwachstellen entdecken. Die Kritik richtet sich weniger gegen den ganz offensichtlich zurückhaltend bis bescheiden auftretenden Künstler als gegen diejenigen, die aus seiner wundersamen Wiederentdeckung Kapital geschlagen haben und noch immer Kapital schlagen. Namentlich sind das der südafrikanische Plattenladenbetreiber Stephen Segerman, der Journalist Craig Bartholomew Strydom, ebenfalls aus Südafrika, und der schwedische Dokumentarfilmer Malik Bendjelloul. Segerman und Bartholomew Strydom haben erst kürzlich ihr Buch Sugar Man – The Life, Death and Resurrection of Sixto Rodriguez veröffentlicht (auf Deutsch erschienen bei Ullstein unter dem Titel Sugar Man – Leben, Tod und Auferstehung des Sixto Rodriguez). Darin schildern sie einmal mehr, wie sie sich in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts auf die Suche nach dem tot geglaubten Songwriter machten, ihn schließlich aufspürten und ihm mit einem Vierteljahrhundert Verspätung zum verdienten Ruhm verhalfen.





Diese Suche und der unglaubliche anschließende Erfolg von Rodriguez stehen auch im Zentrum des Films Searching for Sugar Man, den Malik Bendjelloul 2012 veröffentlichte und der ihm 2013 die höchstmögliche Auszeichnung einbrachte, die ein Regisseur erhalten kann: den Oscar. Bendjelloul beging im Mai dieses Jahres Selbstmord, angeblich war er depressiv; und nicht zuletzt die Veröffentlichung des Buchs von Segerman und Bartholomew Strydom motivierte mich, endlich mal den allseits hochgelobten Film anzuschauen, den ich mir Weihnachten 2014 als DVD hatte schenken lassen. Es ist ein auf den ersten Blick wirklich schöner, ergreifender Film. Er erzählt also die Geschichte von Sixto Rodriguez, einem amerikanischen Songwriter mexikanischer Herkunft, der Anfang der 1970er Jahre Cold Fact und Coming from Reality veröffentlichte, zwei fantastische Psychedelic-Folk-Alben mit tollen Melodien und ungewöhnlich tiefgründigen Lyrics. Das Tragische: Beide Alben, obwohl von der Kritik gepriesen, waren totale Flops. Weshalb sich, so der Film weiter, Rodriguez komplett zurückzog – nicht ahnend, dass seine Musik in den 1970er und 80er Jahren ausgerechnet in Südafrika ungemein populär wurde. Über von Touristen mitgebrachte Audiokassetten, über Bootlegs und spätere Wiederveröffentlichungen avancierten Cold Fact und Coming from Reality zum Soundtrack der südafrikanischen Anti-Apartheid-Bewegung und wurden hunderttausendfach verkauft. Aufgrund eben jener Apartheid aber war über regierungskritische Künstler nichts herauszufinden, und irgendwann machten Gerüchte die Runde, Rodriguez hätte sich irgendwo bei einem Konzert auf der Bühne das Leben genommen. Die einen sagten, er hätte sich angezündet, die anderen meinten, er hätte sich erschossen. Was den Mythos natürlich ungemein nährte. Bis zwei südamerikanische Fans, eben Segerman und Bartholomew Strydom, Sixto Rodriguez Ende der 1990er Jahre mühselig aufspürten und ihn für eine umjubelte Konzerttournee nach Südafrika holten. So hätte schließlich die ganze Welt von diesem außergewöhnlichen Künstler erfahren.





Es sind laut Film unter anderem drei Wege, die die beiden bei ihrer tränentreibenden Suche nach Rodriguez beschritten haben wollen. Erstens: Sie versuchten, den Fluss des Geldes zurückzuverfolgen. Denn, so ihr nicht ganz falscher Gedanke, wer so viele Platten verkauft hatte, der musste doch irgendwelche Tantiemen ausgezahlt bekommen haben. Dabei stießen die beiden aber schnell an ihre Grenzen und auf windige Ex-Labelchefs, die eine Mauertaktik an den Tag legten. Hmmmm, sehr verdächtig! Zweitens: Sie nutzten das gerade aufkommende Internet und legten eine Website namens „The Great Rodriguez Hunt“ an, auf der sie zur Suche nach Rodriguez aufforderten und Fans in aller Welt um Mithilfe baten. Und drittens: Sie hörten sich noch einmal gezielt die Songs von Rodriguez an. Wo sie dann – im Stück Inner City Blues – auf die magische Zeile „Met a girl from Dearborn, early six o’clock this morn / A cold fact“ stießen. Der Film inszeniert noch einmal genüsslich, wie einer der beiden Helden elektrisiert zum Weltatlas greift, um nachzuschauen, wo denn Dearborn liegt. Und potztausend, Dearborn entpuppt sich da als ein kleiner Ort südwestlich von Detroit! Womit allmählich der Knoten platzt. Irgendwann – der Film suggeriert, die Suche habe mehrere Jahre gedauert – laufen die Fäden dann endlich zusammen: Unsere südafrikanischen Helden finden einen der Produzenten der ersten Rodriguez-Platte, und auf der Website meldet sich tatsächlich eine leibhaftige Tochter des Sängers. Rodriguez sei am Leben heißt es, er wohne gleich nebenan in Detroit. Und eines Tages, auch dieser Moment wird noch einmal hochdramatisch rekapituliert, haben Batholomew Strydom und Segerman endlich the man himself am Telefon.

Boaaaahhhhhh, ey, Gänsehaut!!!!!!

Spätestens hier überkamen mich allerdings erste Zweifel. Nicht an der Tatsache, dass die beiden überhaupt Kontakt zu Rodriguez aufgenommen hatten, denn das war ja nicht zu bestreiten. Nein, es waren Zweifel an der Art und Weise, wie sie Rodriguez aufgespürt haben wollten – an der vermeintlichen Detektivarbeit, an den ganzen Krimielementen, die der Film so spannend aufbereitet; an der Glorifizierung dieser beiden Fans, die Erstaunliches geleistet haben sollten, um hinter den Mythos zu schauen, um ihrem Idol zum verdienten Ruhm zu verhelfen. Vor allem ein Gedanke machte mich stutzig: Jede Schallplatte enthält Informationen über die Urheber der Songs und über die Produzenten im Studio. Und selbst die obskursten Schallplatten sind in telefonbuchartigen Verzeichnissen mit sämtlichen Labelnummern gelistet, was sowohl für die Originalveröffentlichungen als auch für Wiederveröffentlichungen gilt, auch bei wechselnden Labels. So hätte man nicht nur schnell auf den Ursprung der Platten schließen können, sondern auch Informationen darüber erhalten können, wann und wo die Platten überall noch erschienen waren. Ausgerechnet ein Plattenladenbetreiber und ein investigativer Journalist aber, selbst wenn sie im restriktiven Südafrika arbeiteten, sollten nicht in der Lage gewesen sein, die einfachstmöglichen Wege zu beschreiten, die es in einem solchen Fall gibt? In Katalogen nachzuschlagen oder schlichtweg direkt nach den auf den Plattencovern vermerkten Produzenten zu fahnden? Wohlgemerkt: Liberalisierungsprozesse und der Übergang von der Apartheid zur rechtlichen Gleichstellung der Schwarzen in Südafrika hatten bereits in den späten 1980er Jahren begonnen, 1994 wurde Nelson Mandela zum Präsidenten gewählt. Das Land war also während der Suche nach „Sugar Man“ schon gar nicht mehr abgeschottet. Außerdem hatte man ja inzwischen auch das aufstrebende Internet zur Verfügung! Und: Mindestens einer der Produzenten von Rodriguez war alles andere als ein Unbekannter.

Die Rede ist von Dennis Coffey, einem Session-Gitarristen jener Funk Brothers, die für das berühmte Soul-Label Motown tätig waren. Coffey und sein Partner Mike Theodore waren es, die das erste Rodriguez-Album Cold Fact produziert hatten, sozusagen im Herzen der amerikanischen Musikindustrie! Sie hatten den Künstler in seiner Heimat Detroit entdeckt, und es mutet aus heutiger Sicht wie ein schlechter Witz an, dass die beiden südafrikanischen Meisterrechercheure Rodriguez nach langer mühsamer Suche schließlich, nun ja, genau dort aufspürten: in seiner Heimatstadt Detroit!

Simpel gefragt: Warum sind sie nicht über die Labels und die Tonstudios gegangen? Warum haben sie nicht einfach bei der Stadtverwaltung in Detroit beziehungsweise bei Dennis Coffey angerufen bzw. einen Brief oder eine E-Mail geschrieben und sich nach Sixto Rodriguez erkundigt? Es wirkt, als wollte man von Frankfurt nach Wiesbaden fahren und würde noch einen Umweg über Darmstadt und Köln machen.





Der schwedische Dokumentarfilmer Bendjelloul trat überhaupt erst 2006 auf den Plan, als der Käse eigentlich schon Jahre lang gegessen war. Bereits 1998 war Rodriguez als Folge seiner Wiederentdeckung in Südafrika aufgetreten. Aber jetzt wurde das Ganze noch einmal richtig groß aufgerollt. Schließlich gab es weltweit noch immer etliche Musikinteressierte, die noch nie etwas von Rodriguez gehört hatten. Die ungeheure Wirkung des Films erscheint umso grotesker, je mehr man hinterher über Rodriguez und seinen Werdegang herausfindet, ganz einfach über diverse Zeitungsartikel. Denn der Künstler war in all den Jahren mitnichten so obskur und vergessen gewesen, wie dem Kino- und DVD-Publikum in Searching or Sugerman aufwendig suggeriert wird. Mal abgesehen davon, dass Rodriguez in seiner Heimatstadt Detroit Ende der 1980er Jahre sogar bei den Bürgermeisterwahlen angetreten war, hatte er auch über die 1970er Jahre hinaus einigen Erfolg als Künstler gehabt. So war er über mehrere Jahrzehnte hinweg nicht nur in amerikanischen und europäischen Indie-Kreisen ein Begriff, sondern vor allem in Neuseeland und in Australien ein regelrechter Star. Down Under hatte eine seiner Schallplatten Goldstatus erreicht, und 1981 war er dort mit Superstars wie Midnight Oil getourt. Klar war er in den 1990er Jahren etwas in Vergessenheit geraten – aber wer sich wirklich für ihn interessierte, erst recht, wenn er Plattenladenbetreiber oder investigativer Journalist war, für den hätte es ein Leichtes gewesen sein müssen, das Nötigste schnell in Erfahrung zu bringen. Auch von Südafrika aus.

Und mal ehrlich: Ein Rockstar, der sich auf der Bühne selbst verbrennt oder mit einem Revolver erschießt – soll das ernsthaft jemand glauben? Hätte es so etwas tatsächlich gegeben, wäre das nicht eine der weltweiten Storys des Jahrhunderts geworden? Ein bisschen albern, so etwas groß aufzubauen, um dann spektakulär gegen alle Gerüchte das unfassbare Gegenteil zu beweisen… Es muss also all die Jahre lang glasklar gewesen sein, dass Rodriguez irgendwo ziemlich normal vor sich hinlebte. Das ganze Brimborium wäre möglicherweise gar nicht nötig gewesen. Vor diesem Hintergrund erscheint mir die Dokumentation Searching for Sugerman mit einigen Tagen Abstand als immer größeres Ärgernis. So wie etlichen Journalisten und Filmkritikern, vor allem aus dem englischsprachigen Raum, die sich über die Lücken und Schwächen des Films ausgelassen haben. Symptomatisch ist der Beitrag von Bill Cody vom 21. Januar 2013 auf comingsoon.net, in dem er skeptisch fragt, ob Bartholomew Strydom und Segerman wirklich ernsthaft nach Rodriguez gesucht hätten und wie viel künstlerische Freiheit wohl erlaubt sei bei einem Dokumentarfilm, der doch so etwas wie die Wahrheit wiedergeben solle: „Is it okay to bend the truth in order to make the story better than it really is?“

Zu den Schwächen des Films gehört neben all den Unterschlagungen und Dramatisierungen auch, dass er zwar die richtige Frage nach den nicht gezahlten Tantiemen stellt und viele schlimme Dinge suggeriert, aber letztlich keine befriedigenden Antworten gibt. So wie er überhaupt mehr Fragen aufwirft, als er löst. Weil er sich auf alle möglichen Erzählstränge konzentriert und kaum einen davon wirklich zu Ende bringt. Am wenigsten den über Rodriguez selbst. Aus den unterschiedlichen Namen „Sixto Rodriguez“ und „Jesus Rodriguez“ in den Songwriting-Credits, die sich am langen Ende irgendwie erklären lassen, werden höchst mysteriöse Nebelbomben und Erschwernisse kreiert. Es reden Leute aus dem Musikbusiness, es reden die fieberhaft Suchenden, dann die Töchter von Rodriguez, von denen sich eine – noch so eine rührende Geschichte – in ein Crewmitglied verliebte und prompt eine Familie gründete, außerdem zwei ungemein eloquente Rodriguez-Kollegen und -Freunde aus Detroit, die ihren Kumpel „Sugar Man“ als edlen Helden beschreiben. Waren das die einzigen beiden Menschen aus dem persönlichen Umfeld des Künstlers, die man auftreiben konnte? Nur in ein paar wenigen Szenen spricht Rodriguez selbst – das heißt, ausgerechnet über die Hauptfigur erfährt man am allerwenigsten.

Bildschirmfoto 2015-11-24 um 15.41.31Wenn schon aktuell unbedingt noch ein weiteres Buch zum Thema auf den Markt kommen sollte, dann wäre doch eine (Auto-)Biografie des Künstlers beziehungsweise die wahre Geschichte aus der Sicht von Rodriguez das Gebot der Stunde gewesen. Oder ein investigativer Report, der die einstigen Geldströme wirklich offenlegt, um dem Urheber der Songs endlich zu seinen wohlverdienten Tantiemen zu verhelfen. Stattdessen aber inszenieren sich noch einmal die Herren Bartholomew Strydom/Segerman selbst, mit der altbekannten Geschichte. Und schaut man ins Buch, dann staunt man nicht schlecht über den Stil: Die beiden Autoren schreiben über sich selbst in der dritten Person! Das wirkt nicht nur arg selbstverliebt und artifiziell, sondern auch wie pure Geschäftemacherei. Immer schön weitermachen, lautet offenbar die Devise. Und das trotz alledem, was man inzwischen über Rodriguez weiß. Je weniger der Songwriter dazu sagt oder im Rampenlicht steht, desto geheimnisvoller wirkt er wohl weiterhin – und desto ungestörter kann man sein eigenes Rodriguez-Ding machen.

Bildschirmfoto 2015-11-24 um 15.39.54Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch die Homepage sugarman.org, die sich selbst als offizielle Rodriguez-Website bezeichnet. Dort sind als Aufmacher Filmplakate und Plattencover zu sehen, dann folgen eine 360-Grad-Ansicht von „Mabu Vinyl“, Segermans Buch- und Plattenladen in Kapstadt, sowie Ankündigungen, Interviews und Rezensionen zum neuen Buch von Segerman und Bartholmew Strydom. Es stellen sich weitere Fragen, zum Beispiel: Was sagt sugarman.org über die Rechtsstreitigkeiten, die sich in den letzten Monaten entsponnen haben, weil nach dem Erfolg des Films plötzlich alle möglichen Beteiligten aus ihren Löchern hervorkrochen, um zu eruieren, ob sie nicht auch noch ein bisschen mitverdienen könnten? Und was sagt der Künstler selbst zu alldem? Auch hier fällt auf: Es geht vor allem um die (Selbst-)Inszenierung der Rechercheure – wer etwas über Rodriguez erfahren will, muss eine ganze Weile klicken, um nur ein kleines bisschen zu erfahren. Fast möchte man an den genialen, aber psychisch labilen Beach Boy Brian Wilson denken, dessen Karriere ein paar Jahre lang von dem Psychotherapeuten Eugene Landy gesteuert worden war.

So bleibt es durchaus das Verdienst von Bendjelloul, Segerman und Bartholmew Strydom, eine breitere Weltöffentlichkeit über einen Zeitraum von knapp fünfzehn Jahren hinweg noch einmal auf den zu wenig gewürdigten Songwriter Rodriguez aufmerksam gemacht zu haben. Was aber das Thema Mythos betrifft, so haben sie nicht unbedingt hinter den Mythos Rodriguez geschaut. Vielmehr scheint es, als hätten sie vor allem ihren eigenen profitablen Mythos kreiert. Ob Bendjellouls Selbstmord in irgendeinem Zusammenhang damit steht, ist nicht überliefert.

Detroit im Song: Soul-Mekka, Motor City, Geisterstadt

„Geisterstädte sind das Ergebnis von Flucht- oder Wanderungsbewegungen und damit Zeugnisse für verschiedenste Ereignisse oder Entwicklungen“, heißt es im Ankündigungstext einer Reihe von Reportagen, die diese und kommende Woche auf arte laufen und anschließend noch eine Zeit lang in der Mediathek abgerufen werden können. Neben Riesi in Sizilien, wo der Mangel an Arbeitsplätzen und kriminelle Machenschaften viele Menschen zur Flucht in den Norden getrieben haben, Städten in der Türkei und in China ist auch Detroit im amerikanischen Bundesstaat Michigan Thema (9. und 16. Mai).

http://programm.ard.de/TV/Programm/Suche/?sendung=2872411979327351

Detroit, Rufnahme „Motor City“, war jahrzehntelang die amerikanische Autometropole und zog in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Arbeitssuchende, darunter viele Schwarze, an. Zwar erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Boom, doch war sie auch gleichzeitig immer wieder Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen der schwarzen und der weißen Bevölkerung. Heute leidet Detroit aufgrund fehlender Arbeitsplätze, der allgemeinen Wirtschaftskrise und einer rigiden Sparpolitik an drastischem Bevölkerungsschwund und einer hohen Kriminalitätsrate, 2013 musste die Stadt Konkurs anmelden.





Kein Wunder, dass Detroit – durch das berühmte Motown-Label auch eine bedeutende Musikstadt – immer wieder in Songs thematisiert wird. Erst 2011 erschien A Long Time von Mayer Hawthorne, ein mitreißendes Stück im Motown-Sound, das von der Hoffnung auf die Rückkehr zu ruhmreichen Zeiten erzählt, aber auch von der Erkenntnis, dass es bis dahin ein langer Weg sein wird. In der ersten Strophe wird ein Mann namens Henry eingeführt, und unschwer kann man dahinter den Autobauer Henry Ford erkennen. Ford sorgte für den wirtschaftlichen Boom der Stadt, der mit dem krassen Bild der Atombombe verknüpft wird: „Welcome to the Motor Town / Boomin’ like an atom bomb“. Atombombe? Warum das? Wahrscheinlich weil mit dem Aufschwung eine explosive soziale Gemengelage zwischen Schwarz und Weiß entstand – und weil es 1966 in einem Forschungsreaktor bei Detroit zu einer partiellen Kernschmelze kam: ein Unfall, bei dem wie durch ein Wunder kein größerer Schaden entstand. In der zweiten Strophe des Songs geht es um einen Mann namens Berry, und natürlich ist Berry Gordy gemeint, der Gründer eben jenes Motown-Labels, das von Smokey Robinson und den Supremes über die Four Tops und die Temptations bis hin zu den Jackson Five, Stevie Wonder oder Lionel Richie etliche amerikanische Soulgrößen herausbrachte. Mit der wunderbaren Konsequenz: „Oh, people all around the world / Tuning in their radios“.

Henry und Berry, so der Refrain, waren die geschichtlichen Höhepunkte, das Ultimative, „the end of the story“, danach jedoch ging alles den Bach runter. Und doch wird auch die Entschlossenheit formuliert, etwas für den langwierigen Wiederaufstieg dieser Geisterstadt zu tun. „Then everything went wrong / And we’ll return it to ist former glory / But it just takes so long … It’s gonna take a long time / It’s gonna take it but we’ll make it one day.“





Explizit um den Reaktorunfall von 1966 geht es in We Almost Lost Detroit von Rap- und Soulpionier Gil Scott-Heron. Der klare, kaum poetisch verdichtete Text führt dem Hörer immer wieder die schreckliche Vorstellung vor Augen, dass damals beinahe eine ganze Stadt zerstört worden wäre. Atomkraft, singt Scott-Heron, ist eigentlich ein vom Wahnsinn getriebenes Konzept, bei dem es letztlich nur um Geld geht. Die Sicherheit der Menschen bleibt zweitranging: „That when it comes to people’s safety / Money wins out every time / And we almost lost Detroit this time, this time. / How would we ever get over / Over losing our minds? / You see, we almost lost Detroit / That time.“ Freunden der Coverversion sei die wesentlich lautere, aber nicht minder beeindruckende Interpretation des Stücks durch Dale Earnhadt Jr. Jr. empfohlen.





Eine besonders aufregende Phase erlebte Detroit in den 1960er Jahren, als es im Zuge der Rassendiskriminierung immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Schwarzen und Weißen kam – Letztere unterstützt von großen Teilen der Polizei.





Die Kämpfe gipfelten 1967 in den „12.-Straße-Unruhen“ („12th Street Riot“). Anlass war eine Polizeirazzia in einer Bar an der Ecke Clairmont Street, die anschließenden Straßenschlachten dauerten fünf Tage und forderten – auch weil Armee eingesetzt wurde – über 40 Todesopfer. Etliche Hundert Häuser wurden verwüstet. In The Motor City Is Burning, der nervösen Aufarbeitung der Ereignisse durch den Bluesmusiker John Lee Hooker, blickt noch im selben Jahr ein fassungsloses Ich auf die brennenden Straßen. Erinnerungen an den Vietnamkrieg drängen sich auf, man spürt die Angst des Sprechers, seine Heimatstadt könne komplett zugrundegehen. Weder weiß das Ich, was es gegen die Zerstörung tun kann, noch versteht es die Zusammenhänge, die zu den Unruhen geführt haben. Wie heftig die Wut der Bewohner des Viertels ist, zeigt das Bild der Heckenschützen, die die Feuerwehr am Löschen der Flammen hindern. Hier die ersten beiden Strophen: „Oh, the motor city’s burnin’, it ain’t no thing in the world that I can do / Don’t ya know, don’t ya know the big D is burnin’,ain’t no thing in the world that Johnny can do / My home town burnin’ down to the ground, worser than Vietnam. // Well, it started on 12th and Clairmont this mornin’, I just don’t know what it’s all about / Well, it started on 12th and Clairmont this mornin’ I don’t know what it’s all about / The fire wagon kept comin’, the snipers just wouldn’t let ’em put it out.“





Die 1960er Jahre waren aber auch die große Zeit der amerikanischen Gegenkultur, der Friedens- und der Protestbewegung, zum Teil vorgetragen mit revolutionärem Impetus. Und nicht wenige weiße Rockmusiker lieferten den Soundtrack dazu. Wie die in Detroit ansässige Band MC 5 (für „Motor City Five“), die sich nicht durch einen rauen Sound, sondern auch durch provokante Parolen auszeichnete und für viele Kritiker schon auf die Punkbewegung 10 Jahre später vorauswies. Ihre internationale Karriere starten MC 5 im Jahr 1969 höchst ungewöhnlich, nämlich gleich mit einer Live-LP, die auch eine Coverversion von John Lee Hookers The Motor City Is Burning enthält. Hier drosseln die Musiker das Tempo des Originals und verleihen dem Stück etwas Düster-Bedrohliches, etwas Dampfwalzenhaftes. Der Text wird an wenigen Stellen markant verändert, wodurch er seinen fassungslosen, resignativen Charakter verliert: Nicht der Sprecher des Songs hat keinen Schimmer, was er tun soll, sondern die Gegenseite, die weiße Gesellschaft („they“, „white society“) muss tatenlos zusehen, wie die Schwarzen für ihre Rechte kämpfen. In der zweiten Strophe wird das ungläubige Nicht-Verstehen des ursprünglichen Song-Ichs durch einen hasserfüllten Hinweis auf die anrückende Polizei ersetzt – die Rede ist von umherspringenden und -schreienden „pig cops“ („Bullenschweinen“). Und aus den anonymen Heckenschützen, die die Feuerwehr am Löschen der Flammen hindern, werden explizit Heckenschützen der radikalen Bürgerrechtsbewegung „Black Panthers“, mit denen sich die Band letztendlich solidarisiert. Hier die beiden ersten Strophen der Coverversion von MC 5: „Ya know, the motor city is burning, babe, there ain’t a thing in the world they can do / Ya know, the Motor City is burning, people, there ain’t a thing that white society can do / Ma home town burning down to the ground, worser than Vietnam. // Let me tell you how it started now: It started on 12th Clairmount that morning, it made the… the pig cops all jump and shout / I said, it started on 12th Clairmount that morning, it made pigs in the street go freak out / The fire wagons kept comin’, baby, but the Black Panther snipers wouldn’t let them put it out.“ Sprach aus dem Original ein verunsicherter Schwarzer, ein um seine Zukunft bangender „kleiner Mann von der Straße“, äußert sich bei MC 5 ein selbstbewusstes Song-Ich, das dem unterdrückerischen weißen Establishment den Kampf ansagt. Auch andere amerikanische Städte sind mit ihren Problemen in Songs thematisiert worden, etwa der einst dahinsiechende Seehafen Baltimore (Randy Newman) oder die Spielerstadt Atlantic City (Bruce Springsteen). Aber das sind wieder ganz andere Geschichten.