Von eisiger Kälte und brennenden Herzen

This Music May Contain Hope von Raye ist schon jetzt eins der Alben des Jahres

Es gib viele gute Popsongs und -alben, durch feine Ideen veredelt und so angenehm vertraut, dass sie schnell ihren Platz im kollektiven Gedächtnis eines breiten Chartspublikums finden. Fast wöchentlich werden solche interessanten Produktionen auf den Markt geworfen – perfektes, fantasievolles Kunsthandwerk, ein unterhaltsames business as usual. Doch gelegentlich kommt ein Song daher, der wirklich aufhorchen lässt: weil er nicht nur eingängig, sondern gleichzeitig komplett anders ist, weil er überraschende Elemente enthält, die so noch nicht zu hören waren. Immer höhere Wellen schlägt der Song weltweit, und plötzlich ist die Band, der Interpret, die Interpretin in aller Munde. Wenn dann noch weitere aktuelle Songs dieses Acts mit ähnlich spektakulärem Appeal hinzukommen, wird allmählich klar: Da ist eins der Alben des Jahres im Anmarsch.

Auf die Süd-Londonerin Raye waren viele Fans im Jahr 2023 schon einmal aufmerksam geworden. Mir persönlich hatten es damals die beiden Songs Escapism und The Thrill Is Gone angetan. Das dazugehörige Album My 21st Century Blues war unterhaltsam, aber noch nicht wirklich bahnbrechend. Ab Ende 2025 entpuppte sich dann die Uptempo-Soulnummer Where Is My Husband als globaler Ohrwurm, und siehe da, auch dieser Song war von Raye. Diesmal aber horchten viele Menschen noch einmal ganz besonders auf. Denn Where Is My Husband enthielt die besagten echten Überraschungsmomente: eine unglaubliche Dynamik, kaskadenartige Solo- und Chorgesänge, schwindelerregende Melodien und in irrsinnigem Tempo abgefeuerte Textzeilen, man kam und kommt beim Hören kaum hinterher. Auch am schicken Video mussten viele Menschen einfach hängenbleiben: Raye im subtilen Gerangel mit ihren Backgroundsängerinnen, dazwischen immer wieder einem geisterhaften jungen Mann hinterherjagend. Und dabei blieb es nicht: Weitere neue Raye-Songs poppten auf, und in fast jedem gab es etwas anderes zu entdecken: gewagte Arrangements, einen Schuss Vivaldi und hintergründige Lyrics mit aus der Rolle fallenden Sprecherinnen, Humor und die nächsten Hochgeschwindigkeitsgesangspassagen, immer wieder auch ungewöhnliche Videos. Und das alles mit hochelegantem, massentauglichem Pop-Appeal. Keine Frage, hier zeichnete sich deutlich ab: eins der zukünftigen Alben des Jahres.

Doch zurück zu Where Is My Husband: Der Song ist auch textlich interessant, weil wunderbar ambivalent: Bei oberflächlichem Hören könnte man meinen, es gehe um einen Gatten, der fremdgeht: „Oh, baby, where the hell is my husband – getting down with another?“ Und wenn gegen Ende mit der Stimme einer Stadionsprecherin die hochdramatische Ansage erklingt: „Your husband is coming!“, dann wirkt das schon ein wenig sarkastisch-schlüpfrig. Geht man allerdings dem Text auf den Grund, erkennt man vor allem den „Notruf“ einer einsamen Single-Frau, die endlich den Mann fürs Leben herbeisehnt. Im Grunde handelt es sich bei dem Song um eine moderne Variante des Supremes–Klassikers You Can’t Hurry Love, in dem eine junge Frau das Alleinsein nicht mehr aushält, aber von ihrer weisen Mama zur Geduld ermahnt wird. Vor diesem Hintergrund ist die Ansage „Your husband is coming!“ gar nicht mehr eindeutig zweideutig, sondern vor allem ein Hoffnungsschimmer. Und weil das Hoffnungmachen Raye offenbar sehr am Herzen liegt, trägt ihr im März erschienenes Album, für das Where Is My Husband als erste Vorab-Single fungierte, den wunderbaren Titel This Music May Contain Hope.

„Diese Musik könnte Hoffnung enthalten“ … das ist kein prahlerisches Versprechen eines überbordenden kreativen Egos, sondern eine charmante Einladung – eine sympathische Bescheidenheitsgeste, formuliert in dem Wissen, dass die Wirkung von Musik immer auch von den individuellen Voraussetzungen und Befindlichkeiten der Hörenden abhängt. Die Künstlerin kann nur versichern, dass sie sich mächtig ins Zeug gelegt, also alle Anstrengungen unternommen hat, um einen Funken Hoffnung in die Welt zu tragen. Und natürlich geht es auch um die Hoffnung, die Raye für sich selbst aus ihrer künstlerischen Arbeit ziehen möchte, wobei die Unsicherheit mitschwingt, ob das wirklich gelingt. Denn beschäftigt man sich mit ihrer Biografie, liest man über leicht dysfunktionale Familienverhältnisse, über Alkohol- und Drogenmissbrauch, Selbstzweifel, depressive Phasen. Musik, das klingt in Interviews mit ihr immer wieder durch, scheint für Raye auch eine Art Selbsttherapie zu sein. Und so passt schon der ungewöhnliche Titel perfekt zu einem kommenden „Album des Jahres“.

Auf This Music May Contain Hope gibt es wie gesagt einiges zu entdecken, jeder Hör-Durchgang ist ein kleines Abenteuer. Satte siebzehn vor Ideen strotzende Tracks sind zu bewältigen, hier nur ein paar Anspieltippps: Beware … The South London Lover Boy, musikalisch ähnlich mitreißend angelegt wie Where Is My Husband, beschreibt einen jungen Herzensbrecher als nachts durch die Straßen streifendes Liebesmonster, da hört man auch einen Werwolf heulen. Klare Botschaft: Die Liebe ist etwas Aufregendes für Frauen und absolut zu genießen, nur sollten die Ladies darauf achten, nicht in eine toxische Beziehung zu geraten. I Hate the Way I Look Today kommt als flotte Swingnummer daher und zeigt Raye als begnadete Jazzsängerin – gleichzeitig wird die schwierige, aber letztlich erfolgreiche Entwicklung einer sich selbst hassenden und von Fremdwahrnehmungen abhängigen Frau zu einer positiv denkenden, ihren Körper akzeptierenden Alltagsheldin gefeiert. Am Ende, wenn die Bewusstwerdungsarbeit getan ist, klatscht auch der tumbe Männerchor Beifall, und Raye lädt alle Beteiligten auf eine Tasse Tee ein – wunderbar! Goodbye Henry wiederum lässt es etwas ruhiger und geschmeidiger angehen, überrascht aber immer wieder mit einer Sprecherin, die daran erinnert, dass die fröhliche Musik nur täusche, in Wahrheit handele es sich um ein sehr trauriges Lied. Tatsächlich lauscht man einem schwermütigen Trennungssong, in dem die Sprecherin – möglicherweise als Seitenhieb auf Taylor Swift, die in früheren Songs nur allzu gern textliche Hinweise auf reale Liebhaber unterbrachte – darauf Wert legt, dass Henry nicht der wirkliche Name des Ex-Lovers sei, schließlich gehe es trotz all der Enttäuschung um Respekt. Doch mittendrin sprüht selbst aus Goodbye Henry ein plötzlicher Hoffnungsfunke, und zwar in Gestalt des leibhaftigen Soulveteranen Al Green, der mit religiösem Elan verkündet, dass am Ende alles gut werde.

Vielleicht das spektakulärste, weil überraschendste Stück des Albums ist Click Clack Symphony. Raye hat es gemeinsam mit Hollywood-Starkomponist Hans Zimmer auf den Weg gebracht. Einmal mehr geht es um eine von Verletzungen gezeichnete, depressive Frau, die sich zu Hause ebenso wie in der hintersten Ecke ihrer Seele verkriecht und von ihrer hartnäckigen Freundinnenclique buchstäblich gerettet wird. Am Ende findet sie in ein aktives, erfülltes Leben zurück, Nightlife-Spaß inklusive. Das Ganze oszilliert zwischen Innensicht, Außenperspektive und Erzählung, um in eine monumentale Motivationssentenz zu münden: „The cold never lasts, my darling, it just teaches the heart how to burn.“ Wow! Rayes atemberaubende Vokalkaskaden werden hier getragen von einem spannungsgeladenen Orchesterarrangement, das den Track, zu dem ein weiteres irres Musikvideo produziert wurde, zur musikalischen Entsprechung eines gewaltigen Filmmelodrams werden lässt. In dieser Kulisse wirken sogar Autotune-Effekte – sonst eher nervtötende dancemusikalische Klischees – überaus stimmig, unterstreichen sie doch, wie unwirklich, artifiziell sich alles anfühlt, wenn man im seelischen Tunnel umherirrt.

Kein Wunder, dass Raye das Intro zum Album wie den Einstieg in einen pompösen Hollywood-Schmachtfetzen inszeniert und im letzten Track Fin über einem weiteren Orchesterarrangement all die netten Menschen aufzählt, die zur Entstehung ihres famosen Werks beigetragen haben. Gerade dieser mehr als sechs Minuten lange Track wird gern als überflüssig kritisiert, dabei ist er nur konsequent. Denn auch im Kino bleiben wir am Ende eines beeindruckenden Films gern noch minutenlang sitzen, um den musikalisch unterlegten Abspann mit sämtlichen Credits an uns vorüberziehen zu lassen. Warum das Ganze nicht mal auf ein Musikalbum übertragen? Und allen Mitwirkenden auch musikalisch den gebührenden Respekt zollen?

Empowerment, vor allem Female Empowerment, ist zurzeit ein großes Thema in der Popmusik. Es wird häufig in Songs gefordert und gefeiert. Aber selten wurde das Thema so spektakulär und ein Kopfkino ankurbelnd inszeniert wie auf diesem Album. Rayes This Music May Contain Hope ist schlicht und ergreifend Empowerment als Kunst.

Songs of Minneapolis

Von Dylan bis Springsteen & Co: Warum Protestsongs nicht die Welt retten und dennoch unverzichtbar sind

Seit gut einem Jahr hält US-Präsident Donald Trump die Welt in Atem – mit einer nicht enden wollenden Flut an politischen Unzumutbarkeiten. Trump droht die Welt ins Chaos zu stürzen, gleichzeitig formt er die Vereinigten Staaten zu einer Autokratie, die allmählich Züge einer Diktatur annimmt. Der Widerstand der Demokraten fiel bisher überraschend schwach aus. Zum einen scheint die Partei uneinig über die wirksamste Strategie gegen die verheerende Bewegung, die sich ebenso plump wie selbstherrlich MAGA nennt, „Make America Great Again“; zum anderen lässt Trump mit seinen politischen Mehrheiten und einer Armee von Juristen, die unliebsame Institutionen und Widersacher mit millionen- bis milliardenschweren Klagen überziehen, wenig Spielraum. Das scheint auch die gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürger zu beeindrucken, die sich nur selten zu großangelegten Kampagnen wie den letztjährigen „No kings“-Protesten mobilisieren lassen.

Springsteen … Endlich!

Umso mehr fragte sich die Welt, warum „Klare Kante“-Statements von Trump-kritischen US-amerikanischen Superstars aus dem Pop- und dem Filmgeschäft ausblieben, warum es keine kollektiven Solidaritätsbekundungen mit MAGA-Opfern gab, keine großangelegten Anti-Trump-Konzerte oder -Festivals. Ganz klar: Dass man als nicht ganz so großes Kaliber durchaus seine Karriere riskiert, wenn man lautstark konservative Strömungen kritisiert, mussten in der Vergangenheit etwa The Dixie Chicks erfahren, und das gleich zwei Mal: In den 2000er Jahren bekamen die einstigen Lieblinge der Country-Community einen herben Dämpfer verpasst, weil sie den damaligen US-Präsidenten George W. Bush und die Irak-Invasion kritisiert hatten; und 2020 strichen die drei grundsätzlich wackeren und freiheitlich denkenden Texanerinnen unter dem Druck der „Black Lives Matter“-Bewegung das „Dixie“ aus ihrem Bandnamen, weil dieser Begriff als zu eng mit den Südstaaten und dem System der Sklaverei verknüpft empfunden wurde. Dass jedoch bisher nur wenige demokratisch gesinnte Weltstars den Mund aufmachten, um gegen Trump & Co zu mobilisieren, verwunderte sehr. Durfte und darf man doch davon ausgehen, dass solche Größen etwaige Ressentiments locker aushalten können und kaum Gefahr laufen, durch unliebsame politische Äußerungen in existenzielle Nöte zu geraten.

Immerhin: George Clooney und Robert De Niro positionierten sich gegen Trump, ebenso Billy Eilish, aktuell Bad Bunny und auf die eine oder andere Art immer wieder Taylor Swift. Rapper Ice-T wiederum, 1992 Frontmann der Metal-Rap-Crossover-Band Body-Count, die damals mit dem umstrittenen Rachesong „Cop Killer“ auf den Gewaltexzess gegen den Schwarzen Rodney King und die Freilassung der verantwortlichen weißen Polizisten reagiert hatte, änderte aktuell bei einem Konzert den Songtitel um in „ICE Killer“. ICE, das ist die US-amerikanische Einwanderungsbehörde, deren schwerbewaffnete und vermummte Beamte auf Geheiß Trumps vor allem in demokratisch regierten Städten regelrecht Jagd auf vermeintlich illegale Migrantinnen und Migranten machen. Dabei werden Familien auseinandergerissen, Verdächtige fast schon willkürlich abgeschoben, selbst Menschen mit Aufenthaltsgenehmigung festgesetzt und Protestierende aufs Härteste bekämpft. Im Januar 2026 wurden in Minneapolis im Zuge der brutalen ICE-Einsätze die US-Bürgerin RenéeNicole Good und der US-Bürger AlexPretti getötet – wehrlos, friedfertig und im Nachhinein noch auf widerliche Art als Inlandsterroristen diffamiert.

Diese zwei Vorfälle und die immer verzweifelter werdenden Anti-ICE-Proteste brachten schließlich das Fass zum Überlaufen. In Windeseile schrieb, produzierte und veröffentlichte Weltstar Bruce Springsteen den Protestsong „Streets of Minneapolis“. Der Text bezieht sich ganz konkret auf die aktuellen Ereignisse und benennt nicht nur die beiden Opfer, sondern auch die Verantwortlichen: „King Trump“, seinen stellvertretenden Stabschef Stephen Miller – er gilt als Chefideologe hinter der Migrationspolitik – und Heimatschutzministerin Kristi Noem, ebenfalls eine radikale MAGA-Anhängerin. Musik und Vortrag erinnern an Sixties-Protestsongs Dylan’scher Prägung, es war das lang erhoffte Signal zu einem breiter angelegten Widerstand, zur Verteidigung von Bürger- und Menschenrechten. Und die Medien überschlugen sich. Jetzt geistern verschiedene Fragen durch die Feuilletons: Markiert Springsteens Instant-Internethit die Wiedergeburt des Protestsongs? Wie wirken solche Protestsongs eigentlich? Und was können sie konkret bewirken? Dazu ein paar Gedanken.

Eine kurze Geschichte des Protestsongs

Springsteens Song die Wiedergeburt des Protestsongs? Nun, der Protestsong war nie tot. Und natürlich gibt es Protestsongs nicht erst seit den 1960er Jahren. Zugespitzt lässt sich sagen: Wo Gesellschaft ist, da ist auch Gesellschaftskritik, nicht selten in künstlerischer Form, zum Beispiel durch Musik. Wenn man so will, war Musik schon immer auch kontrovers, rüttelte an bestehenden Normen und Werten. Und schon immer wurde Musik auch bekämpft, unterdrückt, verboten. So zieht der 2001 von Werner Pieper herausgegebene Essayband Musik & Zensur in den diversen Deutschlands der letzten 500 Jahre eine Traditionslinie von den alten Griechen, die dem gefährlichen dionysischen Treiben von Musikern Einhalt gebieten wollten, über frühe Christen, die in heidnischen Tänzen den Teufel am Werk sahen, bis hin zu mittelalterlichen Adligen, die sich an ordinären Bauerntänzen, aber auch an obrigkeitskritischen Liedern stießen. „Erste Verbote von Liedern sind aus der Zeit Karls des Großen überliefert, der im Jahr 789 gegen erotische (und/oder weltliche) Lieder vorgegangen sein soll“, heißt es da. Auch in spätmittelalterlichen Urkunden, so der Band weiter, „ist die Rede von Liedern aufmüpfiger Bürger, ein Zeichen, dass die Ohren der Obrigkeit sie ernst genug nahmen, ja sich mitunter vor ihnen fürchteten.“ Die Linie führt weiter über antikirchliche Spottlieder und regierungskritische Räuberlieder aus dem 16. Jahrhundert bis hin zu anstößigen Volksliedern und politischen Vormärz-Liedern aus dem 19. Jahrhundert.

In Frankreich, wo bereits Ende des 18. Jahrhunderts Revolutionslieder erklungen waren, trug ab 1812 der Dichter Pierre-Jean de Béranger (1780–1857) seine provokant getexteten politisch-satirischen Chansons auf allgemein bekannte Volksweisen vor und animierte seine Zuhörer in den einschlägigen Weinlokalen zum Mitsingen. De Bérangers Lieder, die ihm auch die eine oder andere Verhaftung einbrachten, wurden Teil der mündlichen Volkskultur, erschienen aber später auch in Zeitungen und als gedruckte Sammlungen. „Während fahrende Sänger ihren Ruhm lange Zeit wie selbstverständlich dem mündlichen Vortrag verdankten“, schreiben Christian Bielefeldt und Marc Pendzich in ihrer lesenswerten Abhandlung Original & Bearbeitung von 2007, „ist de Bérangers damalige europaweite Bekanntheit ohne die diversen Druckausgaben seiner Chansons und ohne die Berichte, die das aufstrebende bürgerliche Feuilleton ihm widmete, nicht denkbar.“

Was diese musikalischen Formen wie auch die Bürger- und Arbeiterlieder während des deutschen Kaiserreichs einte, war die ständige Beobachtung und Zensur durch religiöse und weltliche Obrigkeiten. Eine ganz andere Zeit brach im 20. Jahrhundert spätestens nach dem Ende des Ersten Weltkriegs an. Mehrere Entwicklungen sind es, die in den 1910er bis -30er Jahren kulminierten: die Ablösung der alten Aristokratien durch demokratische Staatsformen und Industrie- beziehungsweise Dienstleistungsgesellschaften; damit einhergehend die Herausbildung der sogenannten „populären Musik“, die mit Varieté-Theatern, Music-Halls oder Kabaretts neue Orte der Massenunterhaltung hervorbrachte; und der Aufstieg von Rundfunk, Tonträger- und Filmindustrie – Medienmaschinen, die vor allem Musikformen wie Folk, Blues, Jazz, Swing, Chanson und Schlager, später auch Rock und Soul zur weltweiten Verbreitung verhalfen. Dass so auch kontroverse und Protestsongs massenhafte Verbreitung fanden, versteht sich von selbst.

Dabei hatten antirassistische Statements wie Billie Holidays „Strange Fruit“ (1939) oder Boris Vians „Le deserteur“ (1954), eine Absage an Frankreichs Verwicklungen in den Indochina- und den Algerienkrieg, noch etwas von politischen Statements spezifischer engagierter Szenen. Ähnliches gilt für Partisanen- und Widerstandslieder aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs – ein längst zum globalen Partyhit mutiertes Relikt aus dieser Zeit ist der unwiderstehliche Gassenhauer „Bella Ciao“, der selbst auf einem viel älteren Volkslied basiert.

Über die amerikanische Folkszene der 40er/50er Jahre und die angloamerikanische Rockszene der 60er Jahre hielt der Protestsong dann in die Jugend- und Popkultur Einzug und erfuhr weltweite Verbreitung. Hier etablierte sich das, was heute viele Menschen weltweit mit dem Begriff „Protestsong“ assoziieren: sozial-, regierungs-, kriegs- und kapitalismuskritische Lieder, wie sie von Bob Dylan, später von Jefferson Airplane, MC 5 und anderen Bands berühmt gemacht wurden. Umweltthemen wurden ebenfalls schon verhandelt. Diese Entwicklung fand auch in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland Widerhall, wobei eigene inhaltliche Akzente gesetzt wurden. So wurden Liedermacher wie Franz Josef Degenhardt und Hannes Wader oder Rockbands wie Ton Steine Scherben nicht müde, auch gegen das Vergessen nach dem Zweiten Weltkrieg und gegen neofaschistische Tendenzen im nach außen demokratischen Staatsgefüge anzusingen.

Der Protestsong seit den 70er Jahren

Wie Marcus S. Kleiner in seinem Buch Keine Macht für Niemand – Pop und Politik in Deutschland (2025) zeigt, setzten im Deutschland der 1970er bis 1990er Jahre gerade viele Punkbands die Tradition systemkritischer, antifaschistischer Songs fort. Musikalische Statements gegen Rassismus und Neonazis wurden ergänzt durch Ansagen gegen Sexismus und Plädoyers für sexuelle Freiheit. Im internationalen New-Wave- und im Synthipop-Kontext der Achtzigerjahre gab es auffallend viele Songs gegen die Nutzung von Atomenergie und die Angst vor einem Atomkrieg.

Im Lauf der Zeit fanden sich kritische, kontroverse und Protestsongs in immer mehr Genres und Subgenres. So wie sich die popmusikalischen Stile immer weiter auffächerten, wurde auch das Spektrum an gesellschaftskritischen Themen immer vielfältiger. Die lautesten Akzente hat hier seit den 1990er und frühen 2000er Jahren die Hip-Hop-Musik gesetzt. Während Rap in den USA vor allem von Schwarzen und später auch von Latinos kultiviert wurde, wurden gerade seine härteren Ausprägungen in Europa zum Sprachrohr aufmüpfiger Künstlerinnen und Künstler mit Migrationshintergrund. Sozialkritik schlug hier auch bewusst in politisch unkorrekte Provokationen und das Feiern eines Outlaw- bzw. Kriminellenlebens um, sprich: in unappetitlichen Battle- und Gangsta-Rap.

Um es kurz zu machen: Mit dem Aufstieg des Internets ergaben sich für immer mehr marginalisierte oder im Verborgenen agierende gesellschaftliche Gruppen Möglichkeiten, gehört zu werden, und das auch musikalisch. Die LGBTQ-Community, radikalfeministische Strömungen, vegane Szenen, der Transgender-Kosmos, auch die iranische und die türkische Opposition erklingen nun allgegenwärtig, ihr musikalischer Protest ist in der Popkultur häufig mit Empowerment-Statements verbunden. Inzwischen ergibt sich aus meiner Sicht ein diffuses Bild. Gefühlt kann man im Internet mehr kontroverse, kritische und Protestsongs abrufen als je zuvor, fast die gesamte Protestsongwelt ist via Streamingdienst in wenigen Klicks verfügbar, die „besten Protestsongs“ kann man schon nach Jahrgängen googeln und staunen, was da alles an mal mehr, mal weniger aufregenden Statements zusammenkommt. Gleichzeitig gehen diese Songs im gigantischen globalisierten Grundrauschen unter. Beziehungsweise: Sie sind nur relevant in unendlich vielen Filterblasen, erreichen die entsprechenden speziellen Communities. Aus der Masse herauszustechen und ein globaler Hit zu werden, ist für einen Song schier unmöglich, erst recht wenn ein unbekannter Act ihn vorträgt.

Andere Formen des popkulturellen Protests

Vor diesem Hintergrund wählen Künstlerinnen und Künstler gern andere Ausdrucksmöglichkeiten, wenn sie sich dezidiert politisch äußern und damit auch Gehör finden wollen. Die simple Social-Media-Verlautbarung oder ein Statement bei einer Preisverleihung bieten sich an, aufwendige persönliche Inszenierungen oder symbolische Handlungen – dazu nur ein paar wenige Beispiele: Taylor Swift legt sich selbstbewusst mit der Musikindustrie an, daneben empfiehlt sie ihren Fans, den sogenannten „Swifties“, nicht Trump, sondern die Demokraten zu wählen. Billie Eilish nutzt eine Award-Auszeichnung für wenige scharfe Worte, um den US-Präsidenten und seine ICE-Schergen zu verurteilen. Lady Gaga trägt ein Kleid aus Fleischstücken und protestiert damit dagegen, dass Frauen immer noch zu Objekten degradiert werden. Neil Young verschenkt seinen Songkatalog an Grönland: ein „krasses“ medienwirksames Statement, das möglicherweise mehr Aufmerksamkeit erregt als ein weiteres „Rockin‘ in the Free World“.

Bruce Springsteens „Streets of Minneapolis“

Umso bemerkenswerter scheint es, dass Bruce Springsteen mit „Streets of Minneapolis“ den klassischen Dylan’schen Protestsong wieder aufleben lassen und einen Riesenerfolg damit feiern konnte. Und doch: Ganz so bemerkenswert ist es auch wieder nicht. Denn bei genauerer Betrachtung kam Springsteen einfach als der richtige Interpret mit dem richtigen Song zur richtigen Zeit. Wie gesagt: Die Welt hatte auf ein solches Statement gehofft, ja regelrecht gewartet. Und nun kam es auch noch von einem Megastar – einem, der Szenen und Subszenen schon lange hinter sich gelassen hat und mühelos generationenübergreifend wirkt. Keine Frage: Auf einen wie Springsteen hört die Welt, über einen wie ihn berichten die Medien. Und wenn Springsteen sich einmischt, dann weckt das Hoffnung und vermittelt das Gefühl: Alles wird gut. Vielleicht kommen bei vielen, vor allem älteren Menschen auch Nostalgiegefühle auf: die Erinnerung an Zeiten, in denen Antikriegs- und Anti-AKW-Bewegung, „Rock gegen Rechts“-Festivals und „Live Aid“-Konzerte noch Massen mobilisieren und Systeme erfolgreich unter Druck setzen konnten. Springsteens Statement, ergänzt durch ein erschütterndes Video, berührt emotional, gibt Mut und Kraft.

Wie wirken und was bewirken Protestsongs?

Und damit sind wir bei der Frage nach der Wirkung von Protestsongs. Sie fungieren als musikalische Begleiter einer Community oder einer Bewegung, auch als emotionale Motoren. Sie motivieren, stiften Zusammenhalt und bringen die jeweilige Protesthaltung in wenigen Worten auf den Punkt, manchmal liefern sie griffige Slogans und Parolen für Versammlungen und Protestmärsche. Diese Wirkung ist nicht zu unterschätzen.

Vor allem in den Sixties und Seventies gab es hier und da noch eine weitergehende Fantasie: Rockbands würden beim Konzert per Protestsongs agitieren – mit der Folge, dass die Fans anschließend raus auf die Straße gehen, um Revolution zu machen. Daraus ist bekanntlich nie etwas geworden. Echte Gamechanger sind Protestsongs nicht – oder nur ganz selten. Die berühmteste Ausnahme ist wohl Bob Dylans Hit „Hurricane“, veröffentlicht im Jahr 1975. Zuvor war der erfolgreiche schwarze Boxer Rubin „Hurricane“ Carter unschuldig und ganz offenbar aus rassistischen Motiven wegen Mordes verurteilt worden. Proteste vonseiten der Öffentlichkeit und verschiedener Medien waren anschließend ins Leere gelaufen, am Urteil war nicht zu rütteln. Bis Bob Dylan sich des Falls annahm und einen Song darüber schrieb. Minuziös listen seine Lyrics fehlerhafte Ermittlungen und die Ungereimtheiten in der Argumentation der Anklage auf, die falschen Behauptungen unglaubwürdiger Zeugen. Der wunderbar fließende Song mit den markanten Geigenpassagen und dem kraftvollen Refrain stürmte die internationalen Charts und ließ die Wellen der Empörung immer höher schlagen. Mit der Konsequenz, dass den Verantwortlichen gar keine andere Wahl blieb, als das Verfahren wieder aufzunehmen. Anschließend waren noch einige Hürden zu nehmen, doch am Ende kam Rubin Carter frei.

„Streets of Minneapolis“, und was nun?

Kann „Streets of Minneapolis“ eine ähnliche Schlagkraft entfalten wie „Hurricane“? Wohl eher nicht. Bei Dylan ging es um einen Skandalprozess, um eine kleine Gruppe von Verantwortlichen – im Januar 2026 geht es um den Protest gegen eine radikale nationalistische Bewegung, eine ganze Regierung. Und die dürfte Springsteens Song eher verächtlich belächeln. Aber: „Streets of Minneapolis“ könnte andere Superstars motivieren, sich in Statements oder weiteren Songs gegen Trump zu positionieren und so der aufkommenden Protestbewegung noch mehr Schubkraft zu verleihen. Bei entsprechend heftiger Gegenwehr, das haben die europäischen Reaktionen auf Trumps Grönland-Ambitionen und der zunehmende Unmut selbst in der Republikanischen Partei gezeigt, rudert der Möchtegernkönig auch mal zurück. Und: Warum sollten sich nicht auch einige Festivals mit globaler Strahlkraft organisieren lassen? Wohlgemerkt: nicht gegen die Republikanische Partei, das wäre absurd; sondern für ein übergeordnetes Ziel: den Schutz und die Bewahrung der Demokratie. Denn dass die Demokratie in den USA massiv bedroht ist, das finden inzwischen auch immer mehr Mitglieder/Anhänger der „Grand Old Party“. Darüber hinaus wäre es eine Mission, der sich angesichts des allerorts grassierenden Rechtspopulismus auch viele Menschen in Europa anschließen könnten. Mit „No Kings“ gibt es schon ein starkes Motto. Solche Festivals könnten „for free“ stattfinden oder aber Erlöse generieren, mit denen man, im Sinne einer „Democracy Aid“, unter Druck gesetzte Kulturinstitutionen und Oppositionsvertreter oder andere Opfer der MAGA-Bewegung unterstützen könnte. Der letzte Akt stünde dann bei den kommenden freien Wahlen an: Im Idealfall entscheidet sich die Mehrheit der Menschen in den USA wieder für die Demokratie und wählt die Unzumutbarkeiten der vergangenen Jahre endgültig ab. Vorausgesetzt natürlich, es kommt noch zu solchen freien Wahlen …

Grenzen? Welche Grenzen?

Zum Tod des wunderbaren Kontrabassisten Danny Thompson

Der Begriff des kreativen Grenzgängers ist irreführend. Denn die Persönlichkeiten, die man gern als kreative Grenzgänger ehrt, balancieren auf keiner Grenze. Sie überschreiten auch keine Grenzen. Nein, sie kennen schlicht keine Grenzen. Sie fühlen sich einfach überall zu Hause. Was für andere Menschen verschiedene Welten sind, ist für sie ein riesiger Kosmos mit unendlich vielen Facetten. Vielleicht spricht man eher von kreativen Kosmopoliten.

Einer von ihnen war Danny Thompson. 1939 in eine Bergarbeiterfamilie geboren, wurde er schon früh durch zwei Brüder seines Vaters, die in einer Blaskapelle spielten, an die Musik herangeführt. Nachdem der Vater im Krieg gestorben war, zog die Familie mit dem sechsjährigen Danny nach London, wo er mehrere Instrumente erlernte, darunter Posaune. Schließlich entdeckte er seine Liebe zum Kontrabass, die ihn so sehr packte, dass er sich im Alter von 13 Jahren sein erstes Instrument selbst zusammenbaute – der Legende nach aus einer Teekiste und „zufällig gefundenen“ Klaviersaiten. Den Einfluss der Posaune meinten Kritiker in seinem späteren Bassspiel noch herauszuhören.

Mit Anfang/Mitte zwanzig startete Danny Thompson das, was eine Ausnahmekarriere werden sollte. Er spielte in der Band des Jazz-Saxofonisten Tubby Hayes, schloss sich Alexis Korner’s Blues Incorporated an und gehörte schließlich, 1967, zu den Gründungsmitgliedern von Pentangle, jener britischen Band, die mühelos klassischen Folk mit Jazz mischte. Dass Thompson nebenbei noch Teil eines Trios um den späteren Jazzrock-Giganten John McLaughlin (Gitarre) war, schien nur folgerichtig. Blues, Jazz, Folk und natürlich auch Rock – die Kritik der jeweiligen Puristen scherte Danny Thompson wenig. Er spielte, was und mit wem er wollte. Und diese Einstellung katapultierte ihn in die unterschiedlichsten musikalischen Sphären.

In den Siebzigerjahren durchlebte der längst hochgeschätzte Saitenzauberer schwierige Phasen, war eng verbandelt mit genialen Sonderlingen wie John Martyn und Nick Drake, der 1974 an einer Überdosis Antidepressiva starb, und verfiel dem Alkohol. Ab den Achtzigern, wieder gefestigt, veröffentlichte Danny Thompson auch eigene Stücke und wirkte verstärkt auf Alben von Stars der unterschiedlichsten Genres mit. Nur selten waren Vertreter der leichteren Popmusik darunter, so wie Cliff Richard und Rod Stewart – meist handelte es sich um eigenwillige Künstlerinnen und Künstler, die genauso visionär und experimentierfreudig arbeiteten wie er selbst. Talk Talk, David Sylvian, Peter Gabriel, Shelleyan Orphan und Kate Bush sind nur einige der vielen Größen, die sich seine Dienste sicherten, über Peter Gabriels Real-World-Label wirkte er auch an Weltmusikprojekten wie The Blind Boys of Alabama und S. E. Rogie mit.

Dass Danny Thompson ein Virtuose auf seinem Instrument war, versteht sich von selbst. Darüber hinaus entwickelte er einen wiedererkennbaren eigenen Sound, eine beinahe poetische und immer wieder sehr melodische Spielweise, dazu die Fähigkeit, die Musik, an der er mitwirkte, in sich aufzunehmen und gleichzeitig mit seiner Persönlichkeit zu bereichern. Danny Thompson gehörte nie zum Heer der letztlich austauschbaren Studiomucker, sondern war stets der seelenverwandte Begleiter: ein kongenialer Künstler, von dem man wusste, dass er eine Produktion mit seinem Bassspiel auf die nächsthöhere Ebene heben würde. Man hört es auf vielen Aufnahmen – dieser Bass, von seinem Hüter liebevoll auf den Namen Victoria getauft, ist mehr als ein lediglich dienendes Instrument, Thompson spielt ihn wie ein Soloinstrument, jedoch ohne sich unangenehm in den Vordergrund zu drängen. Eine Kunst, die wenige beherrschen.

Am 23. September ist Danny Thompson im Alter von 86 Jahren gestorben. Mit ihm verliert die Welt einen großen Musiker, dem Weggefährtinnen und -gefährten immer auch ein ebenso großes Herz bescheinigt haben.

Hidden Champions

Paramore und Hayley Williams – schon seit geraumer Zeit beschäftigen mich diese amerikanische Band und ihre Frontfrau. In mehr als zwanzig Jahren haben sie eine ebenso umfangreiche wie stilistisch vielfältige Songsammlung produziert, und längst sind sie internationale Superstars. Nur in Europa, und vor allem hierzulande, fliegen sie noch etwas unter dem Radar. Warum eigentlich?

Es gibt sie, diese klaren Fälle: Eine neue Band, eine neuer Solo-Act, ein, zwei schicke Singles, dazu ein gut gemachtes Album, wunderbar. Als Fan muss man nicht allzu viel kapieren, das Ganze macht einfach Spaß und begleitet eine Zeit lang durchs Leben. Vielleicht kommen noch ein paar schöne Songs hinterher, und das war’s. Daneben gibt’s die aktuellen Aufreger, die aus dem Nichts kommen und angeblich die Popwelt durcheinanderwirbeln, am Ende vielleicht aber doch recht schnell wieder in der Versenkung verschwinden – die grellen Bilderstürmer und schillernden Sonderlinge. Zuletzt waren das häufig Frauen, und meist ging es um Gender Politics, um Female Empowerment, um freche Außenseiterperspektiven und/oder den selbstbewussten Umgang mit scheinbaren Schwächen, psychischen Störungen. Klar, eigenwillige Stars der Marke Megan Thee Stallion, Chappell Roan, Charli xcx oder, ganz aktuell, Lola Young sind ungemein spannend und wichtig, aber sie werden auch etwas arg gehypt. Man kann nicht sicher sein, ob sie in ein oder zwei Jahren noch mitreden werden im Popgeschäft. Über allem schweben natürlich die beinahe unangreifbaren Megastars, und das zum Teil im buchstäblichen Sinne. Man denke nur an Pink & Co, bei denen es ohne respekteinflößende Akrobatik und ein Staunen machendes Über-der-Menge-Fliegen beim Livekonzert nicht mehr geht. Die Madonnas, Coldplays, Beyoncés und Dua Lipas dieser Welt, die mit perfekt konfektionierten Tophits und aufwendigen Bühnenshows, zum Teil ergänzt durch reichlich Tanzpersonal und möglichst viele Kostümwechsel, auf die schiere Überwältigung eines eventsüchtigen Publikums zielen – sie werden nur noch getoppt vom größten Megastar unserer Zeit, Taylor Swift: Sie hat mit cleveren Marketingstrategien und einem komplexen Geflecht aus scheinbar autobiografischen Verweisen in ihren Songs gleich ein ganzes „Taylorverse“ geschaffen, und das macht ihr so schnell niemand nach. Aber dann gibt’s da noch die hartnäckige Ausnahme-Acts; die sich mit ihrem ganz speziellen eigenen Sound nur langsam ins Bewusstsein schleichen; denen man zunächst nur sporadisch begegnet und an denen man, je intensiver man sich mit ihnen beschäftigt, immer neue Seiten entdeckt. Bis man irgendwann realisiert, dass sie schon lange im Geschäft sind und in anderen Universen längst zu den ganz Großen gehören. Acts, die irgendwie präsent, aber nie richtig greifbar sind, die ganz anders schillern als die vielen grellen Sternchen, Stars und Superstars, die man so kennt.

Zu diesen etwas anderen Acts gehören für mich Paramore und Hayley Williams. Aber: Sind es Paramore und ihre Sängerin Hayley Williams? Oder ist es Hayley Williams – die Frontfrau, die auch mal Solopfade beschreitet – mit ihrer Band Paramore? Schon die möglichen Antworten auf diese Fragen machen einen Teil der Paramore-Faszination aus, zumal diese Fragen auch die wechselnden Bandmitglieder beschäftigten und beschäftigen. Tatsächlich ist die turbulente Geschichte dieses amerikanischen Rockphänomens ein Fass ohne Boden, deshalb nur so viel: Als die Band 2004 in Franklin, Tennessee, zusammenkam, waren ihre Mitglieder mehr oder weniger Teenager. Emocore, Pop-Punk und Crossover-Rock waren damals angesagt, und die außerordentlich talentierte Combo erzielte schnell erste Achtungserfolge in der Szene. Von Anfang an als schwierig erwies sich die Tatsache, dass der Platten-Major Atlantic einen Vertrag nur mit Sängerin Hayley Williams hatte, die man als Solo-Act zum Mainstream-Popstar aufbauen wollte. Williams aber wollte mit der Band groß werden, weshalb man Paramore zähneknirschend bei einem Sublabel unterbrachte. Aus dieser sehr ungewöhnlichen Konstellation resultierten in den ersten Jahren ständige Eifersüchteleien – zumal Williams, ob von ihr gewollt oder ungewollt, stets die meiste Aufmerksamkeit von Fans und Medien erfuhr. Hinzu kam, dass die Frontfrau nacheinander Liebesbeziehungen mit verschiedenen Bandmitgliedern einging, was den ohnehin schon regen Kreislauf an Neuzugängen, Auszeiten, Ausstiegen und Wiedereinstiegen noch beschleunigte. Genug Stoff für Klatsch-und-Tratsch-Enthusiasten, die bis dahin gedacht hatten, chaotischer als bei Fleetwood Mac könnten sich bandinterne Dynamiken nicht gestalten. Ich habe hier irgendwann den Überblick verloren, und es ist mir, ganz ehrlich, letztlich auch wurscht.

Denn was mich am meisten beeindruckt ist das umfangreiche kreative Output dieser Band, die von Crossover, Grunge und Indiepop über klassisches Singer-Songwritertum, Dance und Funk bis hin zu Postrock die unterschiedlichsten Einflüsse in ihre Musik integriert hat. Das gilt noch einmal besonders für die Soloalben von Hayley Williams, auf denen es mal trip-hoppig meditativ, mal auf schräge Art funky und tatsächlich auch mal mainstream-poppig seriös zugeht. Ich könnte jetzt heftig losfabulieren, aber wen würde das interessieren – deshalb nur ein paar Schlaglichter auf Besonderheiten: Mit dem Song Decode schafften es Paramore auf den Soundtrack zur Verfilmung der Twilight-Fantasy-Saga. Hayley Williams ist befreundet mit Taylor Swift, in deren Shows sie schon berührende Gastauftritte hatte. Damit erreichen Williams und Band ein riesiges Fanspektrum von der eingefleischten Alternative-Szene bis zum weltweiten Chartspublikum. Williams ist Stilikone, wechselt Outfits und Hairstyles in schwindelerregender Frequenz und wurde mehrmals bei Leserumfragen in Rockmagazinen zum „Sexiest Female Artist“ gewählt – gleichzeitig macht sie keinen Hehl aus Ängsten, Unsicherheiten und depressiven Phasen in ihrem Leben, die sie häufig auch in ihren Songs thematisiert. „Mental health“, ein großes Thema. So ist Williams Rolemodel für gerade durchstartende Lifestyle-Hedonisten und pubertierende Kids im Selbstfindungsprozess gleichermaßen, was eigentlich einen kaum zu bewältigenden Spagat darstellt. Und doch prägt er ganz selbstverständlich auch die teils bizarren bis gruseligen, teils extrem geschmackvollen, mitreißenden Videos. Die Vollblutmusiker und -produzenten wiederum, mit denen Williams zusammenarbeitet, haben sämtliche Genregrenzen hinter sich gelassen und wissen, was sie tun. Die Musik harmoniert auf eigenartige Weise mit der alles andere als rockigen Leadstimme, die trotzdem kraftvoll wirkt und erstaunlich viele Nuancen entwickelt. Was da im Kollektiv abgeliefert wird, ist – genauso wie die Lyrics – überraschend klischeefrei, stilistisch breit gefächert, auch frei von Selbstzitaten oder Wiederholungen. Williams und Paramore rennen keinen Trends hinterher, sondern kultivieren konsequent ihren eigenen freien Sound. Und obwohl sie inzwischen riesige Stadien füllen und auf der Bühne die einen oder anderen einstudierten Moves auspacken, gehen sie live nicht etwa zum glamourös-blendenden Show-Brimborium über, sondern bleiben, auch mal selbstironisch, auf dem Teppich. Im Grunde haben sich Williams und Paramore – trotz intensiver Selbstinszenierung, auch in den sozialen Medien – bis heute einen gewissen Alternative- und Indie-Charme bewahrt, und die gern demonstrierte Nähe zu den Fans scheint nicht gespielt. Tatsächlich kann man sich diese großen Stars noch immer auch in einem kleinen Szeneclub vorstellen.

Apropos Lyrics: Die sind ebenfalls eine Erkundung wert – bilderreich, gelegentlich kryptisch, aber nie manieriert oder überladen. Eher suchend, dabei schonungslos offen und gern auch furztrocken. Banddynamiken werden poetisch reflektiert, dazu seelische Abgründe, wobei es immer wieder Hoffnungsschimmer gibt. Am liebsten würde ich hier Vers um Vers zitieren, doch ich belasse es bei dem Einstiegsvers zu einem Song mit dem denkwürdigen Titel Ego Death at A Bachelorette Party, „Egotod bei einem Junggesellinenabschied“, es ist der Titelsong des aktuellen Williams-Soloalbums. Der Gesamtkontext ist schwer zu fassen, es scheint um eine Frau zu gehen, die sich künstlerisch zu Höherem berufen fühlt, aber doch nie über deprimierende Auftritte bei Junggesellinnenabschieden, bei Gesangswettbewerben in der Provinz oder auch in „fucking“ Karaoke-Bars hinauskommt. Vielleicht eine Empfindung aus Williams’ Anfangsjahren? Oder eine Abrechnung mit drögen, einengenden gesellschaftlichen Ritualen und Strukturen? Der Vers lautet: „I’ll be the biggest star at this racist country singer’s bar“ – „Ich werd’ der gößte Star in dieser rassistischen Countrysänger-Bar“. Der mutige Vers deutet schon die ganze Tragik der Hauptfigur an, die später noch erkennen wird: „No use shootin’ for the moon, no use chasing waterfalls“. Etwas derart Simples und gleichzeitig Tiefgründiges muss man erst mal texten. Bei allem Drang zum Sprengen von Grenzen und zur intensiven Nabelschau haftet Williams und Paramore etwas sehr „Amerikanisches“ an, und damit auch etwas Fremdes, für Europäer schwer zu Greifendes, gerade in der turbulenten heutigen Zeit. Vielleicht einer der Gründe, warum diesem Ausnahme-Ensemble der große Durchbruch hierzulande bisher verwehrt geblieben ist.

Musikfans kennen das erfüllende Gefühl, das sich einstellt, wenn man sperrig wirkende Künstlerinnen und Künstler samt ihrer Musik erst allmählich kennenlernt und versteht … oder zu verstehen glaubt. Nicht alles wirkt sympathisch, manches befremdet, doch insgesamt überwiegt die Faszination. Die neu entdeckte Musik wird zum aufbauenden Begleiter, und das auf längere Zeit. Auch das Oeuvre von Paramore und Hayley Williams muss man sich Song für Song, Album für Album, Video für Video erschließen. Hier fünf weitere Tipps für den Einstieg:

Now
Ein Song aus früheren Zeiten – aufrüttelnder Alternative-Rock mit hymnischem Refrain: „If there’s a future we want it NOW!“ – „Wenn es eine Zukunft gibt, dann wollen wir sie JETZT!“ Das nicht minder aufrüttelnde Video entwirft ein brutales Kriegsszenario. Hayley Williams beendet die Gewalt – naiv und ergreifend zugleich – mit einer Umarmung …

Hard Times
Betörender Groove, depressive Lyrics – ein bewusster Widerspruch. Das Video aber versprüht Humor und Lebensfreude. Einer der größten Hits für Paramore – auch hierzulande gelegentlich im Radio zu hören.

Leave It Alone
Fängt gewöhnlich, beinahe langweilig an, entfaltet aber bald einen meditativen Sog. Das Video ist eins der bizarreren Sorte, die Lyrics erzählen von Verlust und der Wahrheit, die tötet. Und doch klingt auch hier der Lebenswille durch, das Song-Ich kann nicht davon lassen: „Can’t leave it alone“ …   

Running Out of Time
So klangen Paramore zuletzt, rhythmisch und soundtechnisch raffiniert, sogar leicht experimentell. Im Songtext geht es um einen Menschen, der völlig verhuscht ist, sich überfordert fühlt und ständig zu spät kommt, auch im übertragenen Sinne. Im nichtsdestotrotz unterhaltsamen Video wird die Realität zur morbiden Fantasy-Show – Alice grüßt aus dem Wunderland. Ja, ständig hecheln wir unmenschlichen Erwartungen hinterher. Und nein, an belanglosen Alles-easy-Botschaften ist diese Band nicht interessiert.

Watch Me While I Bloom
Aber auch so kann Hayley Williams klingen – fröhlich, selbstgewiss, positiv. „How lucky I feel to be in my body again … Watch me while I bloom“, heißt es im Text, „Wie glücklich ich mich fühle, wieder in meinem Körper zu sein … Sieh mir zu, während ich erblühe“, das alles über einem gut gelaunten Groove. Und man hofft, dass Paramore und Williams noch ein Weilchen weiterblühen.

Orientierung in turbulenten Zeiten

Ein paar Gedanken zur Popmusik und zu meinem neuen Buch
„Playlist zum Glück“

Es fällt nicht leicht, mit der Zeit zu gehen. Vor allem wenn man weiß, wie es vor einem halben Jahrhundert war. Damals, in den 1970ern, hatte Popmusik noch einen anderen Status, sie war anders präsent, gleichzeitig greifbarer und halbwegs überschaubar. Als immer noch neuer, spektakulärer, teils skandalöser Sound einer aufbegehrenden Generation drängte sie in die Öffentlichkeit und in die führenden Medien – wer damals up to date sein wollte, brauchte nur ein paar wenige einschlägige Radio- und Fernsehsendungen kennen, zwei, drei relevante Zeitschriften lesen und ab und zu den DJ in der Disco des Vertrauens befragen. In den Charts tummelten sich aufmüpfige Rock-Acts neben Schlagerstars, popmusikalische Provokationen zielten auf Bewusstseinserweiterung und progressive gesellschaftliche Veränderung, die Vinylschallplatte und das Tonband waren die magischen Medien der Stunde. Ich erinnere mich noch daran, wie man als Kunde in größeren Plattenläden ein paar angesagte neue Scheiben aus den Fächern zog, damit zur Theke stapfte und das Personal bat, sie aufzulegen. An einem von mehreren Kopfhörerplätzen durfte man dann reinhören, um anschließend eine gut begründete Kaufentscheidung zu treffen – wenn man sich nicht schon vorher nach reichlich Musikgenuss mit leicht schlechtem Gewissen davongestohlen hatte.

Ein endloser, manchmal überfordernder Strom

Es folgten technische Veränderungen und die Aufsplitterung der Popmusik in immer mehr Genres und Subgenres. Plötzlich wurde es digital und unübersichtlich. Die Audio-CD und neue mediale Formate wie Fanzines und Spezialsendungen erlebten eine kurze Blütezeit, dann riss das Internet endgültig alles mit sich. Heute hat sich die Art und Weise, wie Musik produziert, verbreitet, reflektiert und konsumiert wird, grundlegend verändert. Klar wird auch 2025 noch Radio gehört, aber mindestens genauso häufig wird Musik gestreamt, verpackt in Abomodelle und in Playlists für die unterschiedlichsten Genres, Anlässe und Stimmungen. Was gespielt wird, ist immer häufiger nicht mehr von Menschen kuratiert, sondern von undurchschaubaren Algorithmen gesteuert – und Musikschaffende, die nicht zu den Superstars zählen, was auf die überwältigende Mehrheit der Acts zutrifft, haben deutlich weniger Umsatzchancen als in früheren Zeiten. Musik ist ein endloser, manchmal überfordernder Strom geworden. Die Inhalte und die Stars werden immer weniger greifbar – und das am Ende auch im wörtlichen Sinne: Man muss nur an die schwindende Bedeutung von funkelnden Tonträgern mit kunstvoll gestalteten Covern samt grafischen Gimmicks und Abdruck der Lyrics denken.  

Auch was das kontroverse Potenzial von Popmusik betrifft, hat sich viel verändert. Noch heute provozieren Songs und sorgen für Zündstoff, keine Frage – doch in vielen Provokationen der vergangenen zehn, zwanzig Jahre spiegelt sich ein reaktionärer Backlash. Wer zuletzt anecken und schocken wollte, tat das nicht mehr mit Sozialkritik, Protest und einer besonders liberalen Haltung, sondern mit ironiefreiem Gangsta-Rap samt misogynen, homophoben, antisemitischen Parolen; oder kokettierte herausfordernd mit rechtspopulistischen Positionen. Pop dieses Kalibers besetzt regelmäßig die Spitzenplätze der Charts, und die entfernen sich immer weiter von den Programmen der großen Radio- und Fernsehsender. Wer beispielsweise auf der Autobahn durch Deutschland fährt und sich durch die von Bundesland zu Bundesland wechselnden 1er-, 2er-, 3er-, Info-, Service- und Jugend-Wellen zappt, hört die immer gleichen massenkompatiblen Titel, jeweils zugeschnitten auf ein bestimmtes 80er-, 90er-, Schlager-, Klassik- oder Youngster-Publikum. Das soll nicht falsch verstanden werden: Gegen Kurzweil und leichte Unterhaltung ist nichts einzuwenden, zudem handelt es sich meist um gute und gut gemachte Programme. Doch sie sind omnipräsent und leben von gängigen oder gut abgehangenen Titeln, die auch gern mal zu Tode genudelt werden. Die wirklich aufregende, auch kritische und innovative, nicht alltägliche neue Popmusik dagegen wird seit der Jahrtausendwende kontinuierlich aus der Öffentlichkeit verdrängt: auf immer weniger Sendeplätze zusammengepfercht, zu immer späterer Stunde ausgestrahlt und mehr und mehr ins Privat- beziehungsweise Indieradio verlagert oder ganz in die endlosen Weiten des Internets abgeschoben. Verschärft wird diese Entwicklung durch antiliberale Meinungsmache und durch Sparzwänge, denen viele beliebte Sendungen, Teile von Redaktionen und manchmal ganze Wellen zum Opfer fallen. Ein schlimmer Trend, der ganz nebenbei auch die Kultur- und Kulturförderungsinstitutionen erfasst hat.

Spannende Musik, neue Vermittlungsformate

Mit anderen, allgemeineren Worten: Früher kam die elektrisierende Musik fast von allein zum Fan – heute muss der Fan die elektrisierende Musik umständlich suchen: über Bandportale und Tipps in den sozialen Medien, über das Eintauchen in die unüberblickbare Welt der Internetradios, das Studium teurer Spezialmagazine, spontanes Shazamen in den unmöglichsten Situationen oder über Online-Shopfunktionen wie „Ähnliche Titel/Interpreten“. Das Gute ist: Es gibt sie, diese elektrisierende Popmusik, immer wieder und in immer neuen Ausprägungen. Und: Es wachsen neue Vermittlungsformate nach. Diese werden meist realisiert von engagierten Music Lovers, die ehrenamtlich, mit kleinem Budget oder unterstützt durch Werbeeinnahmen und Spenden ans Werk gehen. Die Rede ist von genreübergreifenden Musikpodcasts wie „Mein Lieblingssong“ (Stephan Falk und Andreas Ryll, Köln/Mönchengladbach), „Kulturmenü“ (Angelika Ortner, Wien) oder „Life in Mixtapes“ (Christian Stangl und Lukas Filipek, Wien), aber auch von E-Mail-Magazinen wie „Zwischen zwei und vier“ (Melanie Gollin und Rosalie Ernst, Berlin) oder dem E-Mail-Newsletter „Ein Song Reicht“.

Gerade „Ein Song Reicht“, benannt nach einem Song der gewitzten Chemnitzer Rockband Kraftklub, beschreitet einen ungewöhnlichen Weg. Jeden Tag versenden der Leipziger Musikmanager Fabian Schuetze und der Musikjournalist Martin Hommel einen Newsletter, in dem eine mehr oder weniger bekannte Persönlichkeit einen einzigen Song empfiehlt – mit Link zum Video und einer Begründung der Wahl. „Da wir die Szene im eigenen Land stärken wollen“, so die Macher, „stellen wir nur eine Bedingung: Die vorgestellten Songs müssen von Musiker*innen stammen, die in Deutschland leben. Nationalität, Herkunft, Art der Musik, Erscheinungsdatum und Sprache, in der gesungen wird, sowie Bekanntheit der Künstler*innen sind dabei nebensächlich.“ Vor dem Hintergrund des Schwunds an engagierten Musikmagazinen und verfügbaren Slots im Radio, aber auch mit Blick auf den Streaming-Wahn, an dem vor allem die Portalbetreiber verdienen, möchten Schuetze und Hommel „durch die Fokussierung auf nur einen Song pro Tag und die Wahl des Kanals – der Maileingang als deutlich ruhigeres und wertigeres Umfeld – eines erreichen: Tolle Musik mit einem interessierten Publikum zusammenbringen und dem einen vorgestellten Song echte und relevante Aufmerksamkeit und Reichweite bringen. Wir möchten hochwertige Musik aus Deutschland ins Scheinwerferlicht stellen und ein großes Schaufenster bieten.“

Der Sound des Unbewussten

„Ein Song reicht“ ging im März 2024 an den Start und bedankt sich auf der Website bei aktuell über 15.000 Subscribern. Der Einstieg ist für Neulinge kinderleicht – zum einen genügt ein Klick, um sich für den Newsletter anzumelden, zum anderen lässt sich im Archiv schnell nachverfolgen, wen und was man bisher verpasst hat. Das Projekt steckt voller Überraschungen, denn schon die Empfehlenden kann man nur in wenigen Fällen als echte Prominente bezeichnen. Sie stammen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen – aus Kunst, Musik, Film oder Theater, aus Kulturbusiness und Politik, Wirtschaft, Sport, aus den Medien oder der Kreativszene – und bilden Diversität in all ihren Facetten ab. Sie sind in die unterschiedlichsten Tätigkeiten und Projekte involviert, zu denen man als Abonnent gern mal weiterrecherchiert. Doch auch die empfohlenen Acts und Songs sind alles andere als Mainstream. Vom kreativen jungen Erwachsenen, der gerade seinen zweiten Home-Track produziert hat, bis zur routinierten Bandleaderin ist alles dabei. Der Queerness-Faktor ist hoch, und die vielfach nur in In-Kreisen bekannten Stücke stammen aus den unterschiedlichsten Genres – das Spektrum reicht von Indierock, Rap und Chanson bis Ambient, Türk Pop, Electronica und House.  

Angesichts dieser enormen Vielfalt wird man als Subscriber nur alle paar Tage oder Wochen eine Songentdeckung machen, die den eigenen Geschmack voll und ganz trifft. Doch es geht ja auch darum, zu entdecken, was sich so alles tummelt (und mal getummelt hat) in der deutschen Musikszene – und in dieser Hinsicht leistet „Ein Song Reicht“ ganze Arbeit. Viele Songs befassen sich mit sozialen Themen, erzählen von Ausgrenzung und Empowerment, von Stress und Orientierungslosigkeit, von Ängsten und psychischen Problemen. „In einem Gespräch sagte neulich jemand zu mir, in der Popmusik gebe es im Moment einen Overkill an Songs über Mental Health“, schreibt Gloria Grünwald, Moderatorin bei egoFM und Macherin eines eigenen Musikprojekts namens Greenwald, zu ihrer Empfehlung für „Ein Song Reicht“. „Das denke ich nicht. Wie kann ein Thema erschöpft sein, wenn wir noch immer nicht an dem Punkt sind, dass sich alle ohne Angst vor Verurteilung darüber äußern können? Wir arbeiten dran, oder? ‚Stabil‘ von AB Syndrom ist ein weiterer wichtiger Song in diesem Prozess, der die Message transportiert: Du bist nicht allein. Und um Empathie wirbt. Denn viele Struggles sind von außen nicht sichtbar.“ Und weiter: „AB Syndrom fliegen trotz Hits wie ‚Flaggschiff‘ oder ‚Bora Bora‘, mehreren spitzenmäßigen Alben und Songs mit Mine noch immer unter dem Mainstream Radar – wird Zeit, dass sich das ändert!“

So macht „Ein Song reicht“ nicht nur einen facettenreichen musikalischen Underground sicht- und hörbar, der unter der flauschigen Mainstream-Pop-Oberfläche floriert, sondern, wenn man so will, auch das Verdrängte, das im Unterbewussten unserer Gesellschaft gärt. Das Leiden an und das Ringen mit gesellschaftlichen und Geschlechter-Normen, die Auseinandersetzung mit Leistungsdruck, sozialer Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit, mit dysfunktionalen familiären Strukturen und komplizierten Liebesbeziehungen ziehen sich trotz zahlreicher Motivations- und Gute-Laune-Tracks wie ein roter Faden durch die „Ein Song Reicht“-Empfehlungen.

Der Therapie-Faktor

Natürlich hatte Popmusik schon immer auch mit der Verarbeitung von persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen zu tun, mit dem Kampf gegen Traumata, mit Empowerment. Doch mindestens genauso wichtig, wenn nicht wichtiger waren über Jahrzehnte hinweg das Abenteuer, der Ausbruch, das Sprengen von Grenzen, politische Veränderung, die lustvolle Selbstinszenierung, die ganz große Geste, das sinnliche Erleben, der größtmögliche Spaß. Heute scheint der selbsttherapeutische Aspekt des Musikmachens an Bedeutung gewonnen zu haben. Gleichzeitig rückt der therapeutische Effekt von Musik und speziell von Popmusik auch für uns, die Fans, stärker in den Fokus. Dass Songs uns begleiten und pushen, dass sie Trost spenden und uns vermitteln, mit unseren Sorgen und Nöten nicht allein zu sein, war schon immer so und wird durch Millionen von Kommentaren in Fanforen und unter Youtube-Videos bestätigt. Doch längst beschwören auch Buchautorinnen und -autoren die heilsame Wirkung von Popmusik auf das Publikum, werden Songs zum Thema für Mental-Health-Experten und Life-Coaches.

Schon 2019 veröffentlichte der Psychologieprofessor Stefan Kölsch ein Buch mit dem Titel „Good Vibrations – die heilende Kraft der Musik“, für das zweite Halbjahr 2025 sind gleich mehrere Bücher angekündigt, die erklären, warum Musik, und damit auch Popmusik, uns glücklicher, gesünder, intelligenter und friedlicher macht, wie wir durch Musik schlau werden und, Achtung, wie eine kraftvolle Verbindung von Achtsamkeit und Heavy Metal aussehen kann. Schon ganz aktuell auf dem Markt ist mein neues Buch „Playlist zum Glück – 99 ½ Songs für ein erfülltes Leben“. Es erschien Ende März wie schon der Vorgänger „Mein Herz hat Sonnenbrand“ beim renommierten Reclam-Verlag, der in den letzten Jahren eine beeindruckende Sparte an spannenden Musiksachbüchern aufgebaut hat – auch das ein Impuls in Sachen „Neue Musikvermittlungsformate“, wenn man so will.

Playlist zum Glück

Die „Playlist zum Glück“ ist eine nicht ganz alltägliche Kombination aus Musiksachbuch und Lebensratgeber. Es geht nicht einfach nur um tolle Songs, die berühren und uns ein gutes Gefühl geben – dazu könnte man tatsächlich ganze Regalwände an Büchern schreiben. Nein, die Songs, die vorgestellt werden, zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie in ihren Lyrics konkrete Tipps zur Lebensführung formulieren oder dass sich solche Tipps zumindest deutlich aus den Texten heraushören lassen. „Das Universum und wir“, „Haltungen, die den Alltag leichter machen“, „Liebe und Partnerschaft“, „Resilienz“, „Veränderungen managen“, „Getting Started“, so lauten die Kapitelüberschriften, und sie deuten schon die Motivation hinter dem Buch an. Unsere globalisierte Welt stellt uns fast täglich vor neue Herausforderungen, immer wieder müssen wir uns neu einstellen, uns neu erfinden, hinzu kommen internationale Krisen wie Pandemien und Kriege, die uns Sorgen bereiten. Wenn Songs uns positiv begleiten, uns trösten und motivieren können, dann wäre doch eine Playlist aus Stücken von Interesse, die uns nicht nur emotional, musikalisch, sondern auch textlich Orientierung in diesen turbulenten Zeiten bieten. Die 99 ½ Songs samt Lebensführungstipps werden ergänzt durch zahlreiche Empfehlungen zum Weiterhören, es gibt also einiges zu entdecken, auch an inspirierenden Gedanken und potenziellen neuen Lieblingssongs.

Über den Zustand der Popmusik und die aktuellen Zeitströmungen habe ich mir beim Schreiben des Buchs keine Gedanken gemacht. Aber wenn man das Playlist-Format betrachtet, den Fokus auf die heilsame Wirkung von Songs, die Tatsache, dass auch der eine oder andere Act aus dem „Ein Song Reicht“-Newsletter den Weg in mein Manuskript gefunden hat, sowie den Umstand, dass ich in den genannten Musik-Podcasts schon zu Gast war oder zu Gast sein werde, dann hat meine „Playlist zum Glück“ wohl den Finger am Puls der Zeit.

Mehr über „Playlist zum Glück“ auf meiner neuen Autoren-Website und bei Reclam