Das Spuk-„Haus am See“

Eigentlich ist das von Peter Fox beschworene Haus am See ein Sehnsuchtsort. Ein Ort, den viele gern erreichen würden und an dem man sich einfach wohlfühlen sollte. Doch irgendwie will dieses Haus nicht zur Ruhe kommen. Aktuell sorgt Heino für Unruhe in den Gemäuern. Der nicht mehr ganz taufrische Volksbarde hat sich einfach der Schlüssel bemächtigt und das Haus am See auf seinem mitunter gespenstisch anmutenden neuen Album Mit freundlichen Grüßen hier und da renoviert. Jetzt wirkt die kleine, feine Herberge wie eine rustikale Almhütte mit Kuhglockengebimmel im Hintergrund. Die Soundspitzen des Originals wurden eliminiert, der herrlich schnoddrige Gesang von Peter Fox durch inbrünstiges Jubilieren mit angedeuteten Seufzern ersetzt – so könnte sich letztlich auch ein Florian-Silbereisen-Fan eingeladen fühlen.

https://www.youtube.com/watch?v=fzIl4c75r08

Aber seien wir ehrlich: Ein bisschen kann man auch grinsen bei dieser Coverversion – hat doch Heino mit seinem – Untertitel! – „Verbotenen Album“ insgesamt einen unverschämt frechen Überraschungscoup gelandet. Den Inhalt muss man nicht mögen, aber die Verpackung ist erste Sahne! Viel ärgerlicher finde ich das, was das Kölner rheingold Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen 2010 mit Haus am See angestellt hat. „Die Absturz-Panik der Generation Biedermeier“ hieß damals eine von IKEA Deutschland finanziell unterstützte Jugendstudie des Instituts, in der der Peter-Fox-Song auf fragwürdige Weise vereinnahmt wurde. Hinter der Studie standen durchaus kluge Köpfe. So gehörten zum rheingold-Analyseteam der Diplom-Psychologe Stephan Grünewald, Autor von „Deutschland auf der Couch“, der Diplom-Psychologe Frank Quiring sowie die Diplom-Psychologinnen Jasmin Volk und Stephanie Morzinek. Um die Studien-Supervision kümmerten sich ein Herr Prof. Wilhelm Salber und ein Dr. Wolfram Domke.

In seiner Pressemitteilung vom September 2010 fasste das Institut die Ergebnisse mit folgenden Worten zusammen: „Die Jugend 2010 gibt ein verblüffendes Bild ab. Sie präsentiert sich sehr erwachsen, kontrolliert und vernünftig. Zielstrebig will sie ihren eigenen Weg finden. Dabei stehen Bildung, Karriere und ein hoffentlich gutes Einkommen hoch im Kurs. Eine große Anpassungs-Bereitschaft, persönliche Beweglichkeit und Pflichtbewusstsein werden ebenso als Garanten eines erfolgreichen bzw. abgesicherten Lebens angesehen, wie ein breites Kompetenz-Spektrum. Die Lebensentwürfe der jungen Menschen sind von klaren und vor allem erreichbaren Zielen bestimmt. Dabei scheint in diesen Entwürfen immer eine Biedermeierwelt durch, in der das zentrale Lebensziel darin besteht, ein kleines Haus mit Garten oder eine Eigentumswohnung zu besitzen. Bewohnt mit der eigenen Familie, den (beiden) Kindern und dem Hund.“

Dagegen war erst mal nichts einzuwenden. Schließlich hatten die Forscher 100 zweistündige psychologische Tiefeninterviews mit Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren aus verschiedenen Gesellschaftsschichten durchgeführt. Doch dann kamen zwei Sätze, die Musikfreunde aufhorchen ließen: „Das Lied von Peter Fox über das ‚Haus am See’ ist daher eine Hymne an ein beschauliches Leben, in dem man endgültig angekommen ist, sich niedergelassen hat und sich im Kreise der Familie wohlfühlt. Zuhause will man sich gemütlich einrichten und Geborgenheit erfahren – möglichst mit einem verlässlichen und treuen Partner, an den man sich fest bindet.“

Peter Fox das Sprachrohr eines neuen jugendlichen Biedermeiertums? Haus am See die Hymne an ein beschauliches Leben im Kreise der Familie? Das muss man erst einmal verdauen. Immerhin ist Fox Mitglied der weitgereisten Berliner Reggae- und Dancehall-Band Seeed, die die deutschsprachige Musikszene zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit heißen karibischen Rhythmen und originell-provokanten, teils anzüglichen Texten aufmischte. Und Haus am See, diesen wunderbar dahinfließenden Song mit seinen originellen Sound-Akzenten und dem ironischen Frauenchor, hatte man doch immer ganz anders verstanden… Okay, in zwei Versen des Refrains klingt so etwas wie ein beschauliches Leben an: „Und am Ende der Straße steht ein Haus am See (…) Alle komm’n vorbei, ich brauch nie rauszugehn.“ Aber der Rest ist doch alles andere als das Zelebrieren einer engstirnigen deutschen Biedermeierwelt. Schon die beiden übrigen Refrainverse, die eben unter den Tisch fielen, deuten in eine ganz andere Richtung: „Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg / Ich hab 20 Kinder, meine Frau ist schön.“ Wenn ich mich nicht irre, wachsen Orangenbäume kaum in Deutschland, sondern in südlichen Ländern wie Portugal, Spanien und Italien oder noch viel weiter weg, auf anderen Kontinenten; und die 20 Kinder aus den Song-Lyrics stehen in deutlichem Kontrast zu der Idylle „mit der eigenen Familie, den (beiden) Kindern und dem Hund“, die die rheingold-Studie so betont. 20 Kinder, das klingt eher nach einem kleinen zufriedenen Karibik-Macho, einem „Sugardaddy“, der sich irgendwo am Strand faul die Sonne auf den Pelz scheinen lässt und endlos seine Frau beglückt, die ihm im Gegenzug zig Kinder schenkt und den Haushalt schmeißt.





Wer genauer hinhört, entdeckt in Haus am See ein Ich, das sich aus einer beengten, traurigen, perspektivlosen Situation heraus ganz weit wegträumt. „Hier bin ich gebor’n und laufe durch die Straßen“, so skizzieren die ersten Verse den tristen Alltag, „Kenn’ die Gesichter, jedes Haus und jeden Laden. / Ich muss mal weg, kenn jede Taube hier beim Namen. / Daumen raus, ich warte auf ’ne schicke Frau mit schnellem Wagen.“ Das klingt nach vielem, nur nicht nach Kontrolliertheit und Vernunft, nach Zielstrebigkeit, Anpassungsbereitschaft, Pflichtbewusstsein und was die rheingold-Studie der Jugend 2010 sonst noch bescheinigt. Das Ich will viel eher raus aus seinem tristen Leben, alle Zwänge und Ängste hinter sich lassen, einfach etwas Aufregendes erfahren: „Die Sonne blendet, alles fliegt vorbei / Und die Welt hinter mir wird langsam klein. / Doch die Welt vor mir ist für mich gemacht! / Ich weiß, sie wartet und ich hol sie ab! / Ich hab den Tag auf meiner Seite, ich hab Rückenwind! / Ein Frauenchor am Straßenrand, der für mich singt! / Ich lehne mich zurück und guck ins tiefe Blau, / schließ’ die Augen und lauf einfach geradeaus.“ Das Ich pfeift also auf eine mögliche Karriere und tut dabei genau das Gegenteil von dem, was die rheingold-Studie konstatiert: „Die Lebensentwürfe der jungen Menschen sind von klaren und vor allem erreichbaren Zielen bestimmt.“

In den nächsten Versen konkretisiert der Sprecher seine Vorstellungen – und verliert sich in überbordenden, völlig unerreichbaren Fantasien. Er will jede Menge Abenteuer erleben, unermesslichen Reichtum erlangen und am Ende eines auch an sinnlichen Erfahrungen reichen Weges an einem paradiesischen Ort zur Ruhe kommen. Es geht um Freiheit und Ungebundenheit, ums Entdecken, um Glücksspiel und Schatzsuche, um Abenteuer mit Frauen in möglichst exotischen Umgebungen, kurz: um ein illusorisches, märchenhaftes Leben und eine übermenschliche Heldenidentität irgendwo zwischen Indiana Jones und James Bond: „Ich suche neues Land mit unbekannten Straßen, / Fremde Gesichter und keiner kennt mein’n Namen! / Alles gewinnen beim Spiel mit gezinkten Karten. / Alles verlieren, Gott hat einen harten linken Haken. / Ich grabe Schätze aus in Schnee und Sand, / Und Frauen rauben mir jeden Verstand! / Doch irgendwann werd ich vom Glück verfolgt / Und komm zurück mit beiden Taschen voll Gold.“

Auch was das Ich für den Fall seiner ruhmreichen Heimkehr fantasiert, hat wenig mit deutschem Biedermeier zu tun. Statt eines gemütlichen Kaffeeekränzchens muss eine rauschhafte Feier im Kreise einer Großfamilie her, wie man sie klischeehaft eher in südlichen Ländern oder eben in der Karibik erwartet: „Ich lad’ die alten Vögel und Verwandten ein. / Und alle fang’n vor Freude an zu wein’n. / Wir grillen, die Mamas kochen, und wir saufen Schnaps. / Und feiern eine Woche jede Nacht.“ Am Ende des Songs offenbart sich die ganze Tragik des Ichs. Seine Träume ufern immer weiter aus – nun spielen schon 100 Enkel exotische Spiele auf dem Rasen –, doch es hat noch nicht einmal den ersten Schritt aus seiner traurigen Gegenwart heraus gemacht. Und es wird diesen ersten Schritt wohl auch niemals tun: „Hier bin ich gebor’n, hier werd ich begraben. / Hab taube Ohr’n, ’nen weißen Bart und sitz im Garten. / Meine 100 Enkel spielen Cricket auf’m Rasen. / Wenn ich so daran denke, kann ich’s eigentlich kaum erwarten.“ Angesichts der unglaublichen Abenteuer, die vorher ausgemalt wurden, klingt der letzte Vers reichlich bitter. Haus am See ist eine Aussteigerfantasie. Nicht die eines ausgebrannten Karrieristen, sondern die eines armen Schluckers, der überhaupt keine Perspektiven hat. Und der, auch das kann man in die letzten Verse hineininterpretieren, vielleicht längst ein ergrauter alter Mann ist, dem allmählich die Sinne schwinden. Dass der Sprecher weder seine Träume verwirklichen noch zielstrebig eine Biedermeierwelt mit Haus und Garten, Auto, zwei Kindern und Hund erreichen wird, unterstreicht auch das zu Haus am See gedrehte Video: Dort sitzt der Protagonist am Ende tatsächlich an einem See und angelt. Doch er trägt abgerissene Klamotten, ist unrasiert. Und: Er angelt ganz allein. Die vielbeschworene Behausung, die im Hintergrund zu sehen ist, erweist sich als ein armseliger Holzverschlag.

Es ist schon erstaunlich, wie nonchalant, in einem schnell dahingeworfenen Satz, Wissenschaftler einen unschuldigen Song für ihre Thesen vereinnahmen – ohne offenbar genauer in das Stück hineingehocht zu haben. Dabei sollten doch gerade Psychologen aufs Hineinhorchen geeicht sein. Hier scheinen der plakative Titel Haus am See und ein paar aufgeschnappte Verse gereicht zu haben, um – schwups! – einen „echt coolen“ Bezug zwischen Song und Studie herzustellen. So wird das Song-Haus zum interpretatorischen Spukhaus. „rheingold zählt zu den renommiertesten Adressen der qualitativ-psychologischen Wirkungsforschung“, heißt es in der oben erwähnten Pressemitteilung. Auf die Durchführung von Jugendstudien mag das zutreffen. Am Songverstehen müssen die Verantwortlichen aber noch ein bisschen arbeiten.

Songs im Kreuzverhör: Trio Lescano

Neulich lief sie mal wieder im Fernsehen: die 2010 gedrehte italienische TV-Produktion Die Swingmädchen. Sie erzählt die wahre Geschichte von drei holländischen Schwestern, die Mitte der 30er Jahre, also während der Mussolini-Zeit, in ihrer Wahlheimat Italien entdeckt wurden und zu großen nationalen Stars aufstiegen. Trio Lescano nannten sie sich und wurden als italienische Antwort auf die berühmten amerikanischen Andrews Sisters (Bei mir bist du schön, Rum and Coca-Cola u.a.) vermarktet. Trio Lescano und die Andrews Sisters sind Vorbilder für heutige Gruppen wie die wunderbaren Puppini Sisters. Und über die Andrews Sisters ergibt sich ein weiterer aktueller Anlass für diesen Blogeintrag: Patty Andrews, die jüngste und letzte der berühmten Sisters, verstarb am 30.1.2013 im Alter von 94 Jahren.





Aber zurück zu den Swingmädchen: Der anfangs leichtfüßig daherkommende und später zunehmend Tiefgang entwickelnde Film mit Lotte Verbeek, Andrea Osvàrt und Elise Schaap in den Hauptrollen erzählt zunächst den atemberaubenden Aufstieg der Damen vom Trio Lescano. Sie sangen meist in italienischer Sprache und waren wohl auch deshalb kaum im Ausland bekannt. Obwohl sie sich bemühten, nicht in die große Politik hineingezogen zu werden, konnten sie sich den Umwerbungsversuchen der Faschisten immer schwerer entziehen. Selbst der „Duce“ soll Fan ihrer Musik gewesen sein, was sie letztlich in die eine oder andere kompromittierende Situation brachte.

Das Tragische: Die Mutter der drei, gespielt von der einstigen Emanuelle-Darstellerin Sylvia Kristel, war Jüdin. Und so geriet das Trio Lescano, je enger sich Italien während des Zweiten Weltkriegs mit Deutschland arrangierte, ins Visier der Polizei. Das absurde „Dilemma“ der Faschisten: Sie erteilten Juden alsbald Berufsverbote, liebten aber ihr Trio Lescano, das die italienische Bevölkerung in Kriegszeiten unterhielt und ihr Hoffnung gab. Eine Verhaftung der Sängerinnen, „weil sie Jüdinnen waren“, wäre den Fans und selbst verschiedenen Funktionären kaum vermittelbar gewesen. Ziemlich schizophren… Einen perfiden Ausweg bot der Vorwurf antisemitischer Kreise, ihre Songs enthielten verschlüsselte Botschaften an den Feind. Und so wurden die harmlosen Sängerinnen 1943 während eines Konzerts vor Publikum festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Es folgten der Entzug der gerade erst erworbenen italienischen Staatsbürgerschaft und Rundfunkverbot.





In Die Swingmädchen hält sich Regisseur Maurizio Zaccaro einigermaßen genau an die historischen Fakten und arbeitet in einer interessant geschnittenen Verhörszene das Groteske der Vorwürfe gegen das Trio Lescano und ihre Songs heraus. Aufhänger ist das beschwingte Liedchen Tulipan, die italienische Version des Andrews-Sisters-Hits Tuli-Tulip Time aus dem Jahr 1938. Die Musik stammt von Maria Grever, der italienische Text von Riccardo Morbelli. Geht es im amerikanischen Originaltext um ein holländisches Liebespärchen („little Dutch boy“, „little Dutch girl“), erzählen die italienischen Lyrics eher allgemein von der Liebe wie von der holländischen Heimat der Interpretinnen, und das mit allen dazugehörigen Windmühlen- und Käse-Klischees. In der Verhörszene knöpfen sich der Polizeichef und ein Hauptmann ihre drei Opfer nacheinander vor. Das Ganze ist jedoch wie eine zusammenhängende Sequenz aufbereitet, nur wechselt nach kaum wahrnehmbaren Schnitten jeweils die Sängerin auf dem Verhörstuhl. Während sich Hauptmann und Polizeichef gegenseitig hochschaukeln, antworten die drei Schwestern quasi mit einer Stimme:

Polizeichef: Wer ist der Verfasser des Liedes „Tuli-Tulipan“?
Sängerin 1:
Wie bitte?
Polizeichef:
Wer hat das Lied „Tuli-Tulipan“ geschrieben? Irgendjemand muss es doch geschrieben haben!
Sängerin 1:
(leise, mit gesenktem Kopf) Riccardo Morbelli und Maria…
Polizeichef:
Wie bitte!!!
Sängerin 1:
Riccardo Morbelli und Maria Grever.
Polizeichef:
Aaaahhhh…
Hauptmann:
Und Sie wussten natürlich nicht, dass der Text des Liedes eine verschlüsselte Botschaft an die amerikanischen Streitkräfte enthielt?!
Sängerin 1:
(lacht ungläubig) Was für eine Botschaft soll das sein? Das ist ein Lied und nichts weiter. Und wir sind Sängerinnen und nichts weiter.
Polizeichef:
(zynisch) Sängerinnen…
(Schnitt, Verhör Sängerin 2)

Halten Sie uns für beschränkt? Das ist doch eindeutig: Landschaft, Illusion, Täuschung. Hier steht wörtlich: (liest von einem Blatt mit den Lyrics ab) „Die Windmühle schläft unter dem silbernen Mond.“ Was ist das für eine Windmühle? Wo steht sie, diese Windmühle, die unter dem silbernen Mond schläft?
Hauptmann:
(auffordernd) Also?!
Sängerin 2:
In Holland.
Polizeichef:
(ächzt ungläubig)
Hauptmann:
Ach so, in Holland. (lacht zynisch) Und wo genau in Holland, Frollein?
2. Sängerin:
Überall. In Holland stehen überall Windmühlen.
Hauptmann:
(haut mit einer Peitsche auf den Tisch) Spielen Sie keine Spielchen mit mir! Ich kann nämlich sehr unangenehm werden.
(Schnitt, Verhör Sängerin 3)

3. Sängerin:
Glauben Sie das wirklich? Sie müssen ja sehr viel Fantasie haben, wenn Sie meinen, dass das ein Code ist. Kompliment, Herr Hauptmann.
Hauptmann:
Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich mir die Ironie verkneifen, Frollein. Auf militärischen Geheimnisverrat steht nämlich die Todesstrafe.
Polizeichef:
(zitiert erneut den Songtext) „Rund am Maihimmel steigt der Mond auf wie ein holländischer Käse. Er beginnt seine Reise und sendet uns seinen Schimmer.“ Ich würde sagen, diese Zeilen dürften auf den Tag und die Stunde einer möglichen Landung der Alliierten an der holländischen Küste hinweisen.
3. Sängerin:
(singt selbstbewusst lächelnd das Lied in italienischer Sprache, der Hauptmann summt ansatzweise mit…) 
Polizeichef:
(unterbricht) Senorina, Sie sind hier, um Fragen zu beantworten, nicht um zu singen.

Wir wissen nicht, ob sich die Verhöre genau so zugetragen haben. Aber die grotesken Vorwürfe gegen harmlos-fröhliche Liedchen wie Tulipan sind historisch verbürgt. Und ein bitteres Exempel dafür, wie ideologischem Wahn auch Lieder zum Opfer fallen können. Für das Trio Lescano ging die Sache glücklicherweise einigermaßen glimpflich aus. Nach überstandenem Zweitem Weltkrieg gelang den Sängerinnen in teils neuer Besetzung ein Neuanfang – in Südamerika. Weitere Beispiele dafür, welchen Unfug Kritiker, Fans und Marketingfachleute, aber auch Soziologen und Politiker mit berühmten Songs treiben können, im soeben erschienenen Beitrag meiner Reihe auf Faust-Kultur: „Die schlimmsten Songmisshandlungen aller Zeiten“ (hier).

Junge, Junge – Heino gibt den Highno!

Volksbarde Heino covert Rockstars wie Rammstein und Die Ärzte – und die coolen Rocker verstehen absolut keinen Spaß? Blödsinn! Die gecoverten Bands, die sauer gewesen sein sollen, weil Heino ohne Anküdigung zur Tat geschritten sei, haben längst dementiert. Vielleicht gab es anfangs Irritationen, doch inzwischen geben sich alle Beteiligten reläxt. Heino soll nur machen…





Dabei hat sich der große Blonde mit der schwarzen Sonnenbrille einmal selbst „not amused“ gezeigt. Das war Mitte der 1980er Jahre. Damals trat ein Mann namens Norbert Hähnel regelmäßig als „Der wahre Heino“ im Vorprogramm der Toten Hosen auf – natürlich eine Parodie. Heino, furztrocken, erwirkte eine einstweilige Verfügung und eine Strafe gegen Hähnel. So viel zum Thema „Keinen Spaß verstehen“.

Trotzdem hat Mit freundlichen Grüßen, so der Titel des neuen Heino-Albums, eine zündende Idee und wird äußerst clever vermarktet. Heino gibt den Highno. Mit dem lautstark behaupteten Unwillen der gecoverteten Interpreten korrespondiert der reißerische Untertitel „Das verbotene Album“. Einige der gecoverten Bands stehen, was Image, Haltung, Musik betrifft, scheinbar in größtmöglichem Kontrast zum gehaßliebten Volksmusikpapst. Und vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin 1. Februar war nirgendwo auch nur ein kompletter Song zu hören. Die Spannung stieg enorm.

Coversongs kann man als eigenständige Musikstücke genießen. Einen besonderen Reiz entwickeln sie aber meist erst im Bezug auf das Original. Coverversionen dienen noch unbekannten Künstlern gern als Sprungbrett, wobei sie entweder nah am Original bleiben oder – wie in der Swingversion des Blondie-Klassikers Heart of Glass von den Puppini Sisters – den Song mit Überraschungseffekt in ein anderes musikalisches Genre übertragen.





Spannend wird es, wenn Coverversionen mit dem Original wirklich etwas anstellen: wenn etwa der Cher-Song A Woman’s Story plötzlich von dem schwulen Künstler Marc Almond interpretiert oder ein aus der Männerperspektive vorgetragenes Stück wie Let The Loss Be Your Lesson von der Sängerin Alison Kraus gecovert wird; oder wenn Sid Vicious von den Sex Pistols Frank Sinatras selbstverliebte Edelschnulze My Way mit den Mitteln des Punk zertrümmert.

Auch Heino stellt mit den Originalen etwas an. Die Vorlagen sind mit Bedacht gewählt, im Interview gesteht der Sänger, er habe die Auswahl größtenteils jungen Leuten überlassen, die was davon verstehen. Und es ist schon erstaunlich, welche Effekte erzielt werden, wenn sich der Mittsiebziger neuerer Gassenhauer wie Junge von den Ärzten, Sonne von Rammstein oder Kompliment von Sportfreunde Stiller annimmt. Kompliment wird von allem nerdig-nölend postpubertär Verklemmtem befreit und erweist sich im Kern als eigentlich ganz netter Schlager.





Rammstein dagegen werden in ihrer Brachialästhetik, die einschließlich des auffällig gerollten „R“s gern mit Teutonentum und Blut-und Boden-Assoziationen kokettiert, buchstäblich heimgeholt. „’Ein wirklich schönes Stück Volksmusik‘, sagt Heino dazu. ‚Die Kollegen haben durchaus Talent für volkstümliche Texte’“ – so wird treffend auf Youtube kommentiert. Ziemlich durchtrieben, und fast schon etwas tragisch für Rammstein.

Junge ist aus der Perspektive verständnisloser Eltern erzählt, die ihrem Sprössling ständig Vorhaltungen machen und darauf drängen, dass er sich endlich eine bürgerliche Existenz aufbaut. Vater und Mutter beschweren sich über sein Aussehen, die Musik, die er hört, die Freunde, mit denen er abhängt, das durch ihn verschuldete Gerede der Nachbarn. Vorgetragen von den Ärzten, ist das natürlich reine Satire – die Eltern werden in ihrer spießigen Haltung entlarvt, der Junge wird ermutigt, seinen eigenen Weg zu gehen. Bei Heino allerdings hört es sich ganz danach an, als würde hier tatsächlich der Vater sprechen, und als wäre der Song nichts anderes als ernst gemeint. Passenderweise wird der ehrwürdig-stolze Gesang nicht von Gitarrenlärm, sonden von einem Blasorchester begleitet. Heino wendet den Song schlichtweg gegen die Ärzte, was nicht einer gewissen Komik entbehrt. „Das Imperium schlägt zurück“, so ein gern abgegebener Userkommentar im Internet.

Ist das nun reaktionär? Irgendwie schon. Und doch muss man schmunzeln. Schließlich haben „junge Leute“ mit einem Augenzwinkern an dem Coup mitgewirkt. Und, ganz ehrlich: Es tut doch gut, wenn auch die nach wie vor geschätzten Herren Rockstars, die sich gerne über andere lustig machen, mal eins vor den Bug bekommen. Sonst werden sie noch irgenwann zu cool und zu selbstgefällig.