Voll kacke!

Es ist noch nicht lange her, da sorgte das in Frankfurt gegründete Duo Schnipo Schranke mit dem Lo-Fi-Gassenhauer Pisse für einen kleinen Aufreger.

Man mag sie kaum noch anschauen, die perfekten, anmutigen Modelkörper, die durchtrainierten, durchgestylten und natürlich immer lächelnden Superstars, die uns täglich aus den Medien entgegentreten. Vor allem Frauen scheinen solche übertriebenen Idealbilder als Druck zu empfinden: Ständig werden sie mit neuen Beauty-Produkten und Selbstoptimierungs-Trainings bombardiert, und schon bei jungen Mädchen sind Schönheits-OPs längst keine Seltenheit mehr. Dabei stellt sich im tristen Alltag doch alles ganz anders dar. Da ist man nicht ständig epiliert, schlüpft auch mal ungeduscht in die Klamotten und hat weder Zeit noch Kopp fürs Schminken, aber hier und da ein paar Gramm zu viel am Körper. Hinzu kommen gelegentlicher Stress und schlechte Laune: weil man Ärger im Büro oder mit dem Partner hat oder einfach nur Schlafstörungen.

Schon lange gibt es Gegenbewegungen zum weiblichen Schönheits-, Styling- und Keep-Smiling-Wahn, aber die fallen gern ins andere Extrem. Punks und Rrrrriot-Girls betonen das Raue, Rebellische. Und nach und nach setzen Designer auch solche Models auf den Laufstegen an, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, teilweise sogar eine Behinderung haben. Mit dem Lebensgefühl der meisten Frauen hat aber auch das nur wenig zu tun – so wage ich als Mann mal zu behaupten. Insofern darf man Schnipo Schranke dankbar sein. Denn das Frauenduo, das 2014 an der Musikhochschule der Mainmetropole Frankfurt zusammenfand und längst von Hamburg aus operiert, pflegt ein völlig unspektakuläres Erscheinungsbild. Die Songs der beiden feiern das Stinknormale, das mit Makeln Behaftete, Ungestylte. Und nicht nur das: Auch die doofen Momente im Leben, die miesen Stimmungen, die Pannen und Peinlichkeiten im menschlichen Miteinander werden ausgiebig besungen. Das erinnert hier und da an die ausgesprochen coole Hamburger Neunzigerjahre-Band Die Braut haut ins Auge, wird 2014 aber – nicht zuletzt im Fahrwasser von Charlotte Roches Ekelroman Feuchtgebiete – deutlich weitergetrieben. Und das ist wiederum selbst für manche Frauenbewegte schwer zu ertragen. Kurz: Schnipo Schranke ecken überall an – indem sie auch die unappetitlichsten Alltagsdinge gnadenlos benennen und ohne Rücksicht auf Verluste dahin gehen, wo es wehtut. Kenner der ersten Stunde zitieren noch genüsslich Schnipo-Songs über die „Dreitagemuschi“ und Textzeilen wie „In meiner Unterhose ist braune Soße“, auch wenn die dazugehörigen Songs heute eher nicht mehr im Programm sind.

Ihren „Durchbruch“ feierten Daniela Reis und Fritzi Ernst mit Pisse, einem … sagen wir … Trennungssong der „etwas anderen“ Art. Denn wo sonst Kitsch und Pathos triefen, präsentieren die beiden ein verletzt-verwirrtes Ich, das unsicher und mit einer Prise Selbsthass auf die aberwitzigsten Momente einer gescheiterten Beziehung zurückblickt. „Doch das Schlimme an der Nacht / Du hast mit mir Schluss gemacht / Find’st mich hübsch, doch voll daneben / Damit kann ich leben / Doch du leider nicht mit mir / Weil ich deinen Ruf verlier’“, so wird zu Beginn noch recht hintergründig der Tiefpunkt geschildert. Dann erfahren wir, dass die Sprecherin den Schlussmacher mit ihrer Liebe überfordert („Musst dich ständig übergeben / Meine Liebe macht dich krank“, „Na, ich lieb dich nicht ein bisschen / Ich lieb’ dich übertrieben“) – und dass der gute Mann wohl nie an einer tiefen, dauerhaften Beziehung, geschweige denn an der Gründung einer Familie interessiert war. Vor diesem Hintergrund waren die Versuche, den schwierigen Liebhaber bei Laune zu halten, immer bizarrer geworden. Urkomisch und doch tieftraurig klingen Verse wie: „Du findest mich voll peinlich / Ich find’ dich etwas kleinlich / Hab alles für dich getan / Wo fang’ ich da bloß an? / Hab’ meine Fürze angezündet / ’Ne Orgie verkündet / Auf dem Platz der Republik / Zu klassischer Musik / Dein Handy mit den Arschbacken gehalten / Nur um dich zu unterhalten / Dacht, du findest so was komisch / Seitdem liebst du mich platonisch.“

So weit so bizarr. Und wie kommt nun die titelgebende Flüssigkeit ins Spiel? Ganz einfach – im Rahmen einer noch bizarreren Anti-Liebeserklärung: „Du hast mir gezeigt / Dass es egal ist, wenn man liebt / Schmeckt der Kopf nach Füße / Und der Genitalbereich nach Pisse / Die Liebe, die macht blind / Bitte sag mir, wenn das stimmt / Warum schmeckt’s, wenn ich dich küsse / Untenrum nach Pisse?“ Ich muss zugeben: Das klingt äußerst spektakulär, aber was genau hier gemeint ist, habe ich bis heute nicht verstanden. Zumal nicht immer klar ist, wo Sinneinheiten anfangen oder aufhören und große wie kleine Gefühle, Seh- und Geschmackssinn, oben und unten kräftig durcheinandergewirbelt werden. Zumindest „atmosphärisch“ aber höre ich ein verzweifeltes „Ich liebe dich“ heraus – eins, das so wohl noch nie zuvor in einem Song gesagt wurde.

Die Sprecherin in diesem Text ist alles andere als ein klischeehaftes Lovesong-Ich. Sie spricht hochindividuell, wirkt in ihrer sprachlichen Kreativität aber auch ziemlich künstlich. Eine tiefschürfende Nabelschau mit großer Nähe zu den biografischen Ichs der beiden Künstlerinnen kann ich hier nur schwer erkennen – dazu sind die Lyrics zu offensichtlich auf „dröge“, „peinlich“, „trist“, „fäkal“, „bizarr“ und „anti“ gestylt. Und das ist auch der Punkt, über den bei Schnipo Schranke leidenschaftlich gestritten wird: Das Duo operiert manch einem Fan „zu offensichtlich“. So fantasievoll witzig und komisch-eklig manche Textstellen sind, so gewollt wirken sie auf ganz bestimmte Effekte hin konstruiert. „Genitalbereich“, „unrasiert“ oder „epiliert“ sind gänzlich unpoetische Vokabeln, die hier genüsslich mit „Liebe“, „Küsschen“ und „klassischer Musik“ kollidieren. Hinzu kommt eine stolz zur Schau gestellte musikalische Antiästhetik in Form von Rumpelrhythmen, betont geschmacklosen Sounds und betont unprofessionellem, „echt total betroffen“ klingendem Sprechgesang. Das Ganze wirkt ein bisschen wie das Gericht SCHNItzel mit POmmes rot-weiß (= Schranke), von dem der Bandname stammt: An der Oberfläche schmeckt’s, aber das Fettige, das schmierig Soßige ist auch ein bisschen eklig, erst recht, wenn es an Papier oder Pappteller klebt. Das wirkt für manche umso cooler, als die beiden Protagonistinnen Musik studiert haben und, wenn sie wollten, weitaus komplexer, zumindest aber deutlich gefälliger Musik machen könnten. Schnipo Schranke abstoßend und öde zu finden, ist nicht schwer. Genau das macht sie andersherum zu einem attraktiven Act, mit dem man sich wunderbar als clever, als Insider und als Szene-Connaisseur ausweisen kann – Abgrenzung gegen konventionelle Pop-/Rock-/Alternative-Hörer inklusive.

Einen echten Aufreger lieferte dann das Video, das zu Pisse veröffentlicht wurde. Es zeigt Fritzi Ernst und Daniela Reis eine ganze Zeit lang beim Frühstücken, und das natürlich so im Gegenlicht, dass man kaum etwas erkennen kann: Hach, wie herrlich unperfekt und unkonventionell, wie provozierend unspektakulär. Und wenn man gerade geneigt ist, endlich den „Stop“-Button zu drücken, passiert es: Ein „Kellner“ lupft seine Schürze und pinkelt  – Achtung: Penis und Urinstrahl in Großaufnahme! – in eine leer getrunkene Teetasse, um sie anschließend wieder zu servieren. Die zweite Tasse wird auf dieselbe Weise gefüllt, wenn auch nicht mehr im Close-up. Booooaaaah, ey! So gepimpt darf der Clip seinem Ende entgegenrumpeln. Die Konsequenz: Auf Youtube wurde das Video gesperrt, etliche Medien berichteten. Anschauen kann man den seltsamen Streifen aber woanders im Internet. Die viel diskutierte Heilwirkung einer Urintherapie dürften Schnipo Schranke weniger im Sinn gehabt haben. Eher schon den Publicity-Effekt, den man mit einem kleinen Skandalfilmchen erzielen kann. Viel mehr steckt offenbar auch nicht dahinter, dramaturgisch passt die Szene nicht wirklich zum Text. In einem frühen John-Waters-Film aber hätten die Künstlerinnen aus den Tassen auch getrunken.

Am 14. März 2019 erschien bei WBG/THEISS mein neues Buch Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en. Vorgestellt werden rund 70 Songklassiker der letzen hundert Jahre, die zu ihrer Zeit die Gemüter erhitzten und zum Teil noch heute kontrovers diskutiert werden – von Rock Around the Clock bis Relax, von Anarchy in the U.K. bis zum Punk-Gebet, von Rache muss sein bis Stress ohne Grund, von der „British Invasion“ bis zum Echo-Skandal 2018. Den Band ergänzen Betrachtungen zu den wichtigsten Darstellungsformen im Song und Antworten auf 26 Fragen rund um das Thema Songprovokationen. Anlässlich der Veröffentlichung beleuchtet „tedaboutsongs“ ein paar weitere kontroverse Songs.

Der kontroverse Instant-Rundumschlag

Auch schon wieder ein halbes Jahrhundert her … 1970 veröffentlichten The Guess Who mit American Woman aus Versehen einen provokanten Song.

Die Sixties neigen sich dem Ende zu, da fördert eine ungeplante Bühnenimprovisation einen Welthit zutage. Bei einem Konzert der kanadischen Rockband The Guess Who in der Heimat reißt dem Gitarristen Randy Bachman mitten im Set eine Saite. Dummes Missgeschick, aber nichts Ungewöhnliches bei einem Rockkonzert. Der versierte Musiker, der ein halbes Jahrzehnt später mit der Band Bachman Turner Overdrive noch einen weiteren Superhit, nämlich You Ain’t Seen Nothin’ Yet, landen wird, zieht während der Zwangspause eine neue Saite auf und beginnt, sein Instrument zu stimmen. Gedankenverloren improvisiert er ein Riff, das das Publikum elektrisiert. Haben sich die Fans eben noch unterhalten und um andere Dinge gekümmert, starren sie plötzlich gebannt auf die Bühne und beginnen, die Köpfe im Takt zu wiegen. Bachmans Kollegen reagieren. Erst steigt Drummer Garry Peterson ein, dann Bassist Jim Kale, zum Schluss Sänger Burton Cummings. Mit seiner markanten Reibeisenstimme singt er über dem Dampfhammer-Riff die Zeilen, die ihm als Erstes einfallen: „American woman, stay away from me / American woman, mama let me be / Don’t come hangin’ around my door / I don’t wanna see your face no more…“ Was einem gefeierten Rocksänger eben so in den Sinn kommt … Irgendwann findet die Improvisation unter donnerndem Applaus ein Ende, und die Band weiß: Dieses Stück müssen wir im Kopf behalten. Aber wie? Zum Glück haben die Musiker im Publikum einen Fan entdeckt, der das Ganze mit einem Kassettenrekorder aufgezeichnet hat. Ist das etwa einer dieser verdammten Bootlegger, die ihre Aufnahmen später als teure Schwarzpressungen verhökern? Egal, Mann. Sie sprechen den Fan an, gelangen so an das Band und können später das Grundgerüst des Stücks rekonstruieren. Es müssen nur noch ein paar kompositorische Elemente und verschiedene Textzeilen hinzugefügt werden, dann steht der Song. 1970 wird er unter dem Titel American Woman veröffentlicht, erreicht Platz eins der US-Charts und stürmt in verschiedenen Ländern in die Top 20 und sogar in die Top 10. 

Im simpel gestrickten Text scheint es zunächst um die Absage an eine einzelne nicht näher beschriebene Amerikanerin zu gehen. Sie solle bloß fortbleiben und nicht vor seinem Haus herumhängen, insistiert der Sprecher, er wolle sie nicht mehr sehen und habe Besseres zu tun, als mit ihr alt zu werden – „I got more important things to do / Than spend my time growin’ old with you.“ Hat das Ich eine Liebesbeziehung zu einer Amerikanerin gehabt und möchte diese nun beenden? Ist American Woman ein Trennungslied? Nur bedingt. Denn im weiteren Verlauf des Songs werden die benutzten Sprachbilder allgemeiner, jetzt scheint eher die amerikanische Frau an sich adressiert zu werden. Die solle aufhören, den Ich-Sprecher zu hypnotisieren, und lieber jemand anders blenden: „Coloured lights can hypnotize / Sparkle someone else’s eyes.“ Und dann kommt ein neuer Aspekt ins Spiel: In der Absage an ihre „Kriegsmaschinen“ und „Ghetto-Szenen“ können eigentlich nicht mehr die amerikanischen Frauen an sich, sondern nur die USA als Ganzes gemeint sein: „I don’t need your war machines / I don’t need your ghetto scenes.“ Damit kommen eindeutig Protestsongelemente ins Spiel. Sie machen American Woman – wir schreiben das Jahr 1970 – auch zu einem Lied gegen den Vietnamkrieg und gegen soziale Missstände in den Metropolen der USA.

Allerdings sind diese Protestsongelemente nur schwach ausgebildet, es bleibt bei den zuletzt zitierten beiden Zeilen. Sie strahlen nicht auf den gesamten Text aus. So bringt der Text, der aus einer Improvisation enstanden, dann assoziativ ergänzt und angerundet worden war, mehrere Bedeutungsebenen zusammen, die nur bedingt etwas miteinander zu tun haben. Und das bietet jede Menge Raum für die Deutung. Das Internetportal „Songfacts.com“ zitiert einige Aussagen der Bandmitglieder von The Guess Who, die zumindest etwas Aufschluss geben. Demnach seien sie bei ihren Tourneen in den USA von den dortigen sozialen Problemen, etwa in Chicago, schockiert gewesen und hätten den Eindruck gehabt, Frauen in Amerika würden … hüstel … schneller altern und dadurch gefährlicher wirken („that girls in the States seemed to get older quicker than our girls and that made them, well, dangerous“) – am langen Ende wären ihnen „ihre“ kanadischen Frauen lieber. Diese Haltung macht aus heutiger Sicht wohl eher stutzig, aber sei’s drum. Zudem hätten US-amerikanische Behörden in der Nähe der kanadischen Grenze versucht, die Bandmitglieder einzuberufen und nach Vietnam zu schicken. Unter ihren Fans in Kanada seien auch viele junge US-Amerikaner, die sich abgesetzt hätten, um einer solchen Einberufung zu entgehen.

Kontroversen resultieren aus Missverständnissen, Ambivalenzen und gefühlten oder tatsächlichen Provokationen. Gerade American Woman bietet hier mehrere Ansatzpunkte. Wer nur ganz oberflächlich hinhörte und sich vor allem dem mitreißenden Beat des Songs ergab, bekam die Worte „Stay away from me“ nicht mit und empfand den Song sogar als Hymne auf Amerika, zumindest als Hymne auf die amerikanische Frau. Solche Hörer wurden umgehend von Kritikern zurechtgewiesen, die das Stück als frauenfeindlich und chauvinistisch empfanden. Und dann gab es ja noch die kritischen Verse über „war machines“ und „ghetto scenes“, die Kriegsgegner begeisterten, aber Patrioten verärgerten. Irgendwie verschreckten The Guess Who gleich mehrere gesellschaftliche Fraktionen – und mogelten sich vor allem musikalisch durch. Ironischerweise wurde die Band im Juli 1970 eingeladen, ausgerechnet im Weißen Haus für den damaligen US-Präsidenten Richard Nixon zu spielen: Dessen Tochter Tricia war offenbar ein großer Fan, was man verstehen kann: Denn gerade die softeren Songs der Band haben zeitlose Klasse. First Lady Pat Nixon allerdings war sich der amerikakritischen Elemente im Hit American Woman durchaus bewusst. Auch mit Rücksicht auf sie strichen The Guess Who den Song bei ihrem Auftritt im Weißen Haus von der Setlist. Konsequent geht anders …

Am 14. März 2019 erscheint bei WBG/THEISS mein neues Buch Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en. Vorgestellt werden rund 70 Songklassiker der letzen hundert Jahre, die zu ihrer Zeit die Gemüter erhitzten und zum Teil noch heute kontrovers diskutiert werden – von Rock Around the Clock bis Relax, von Anarchy in the U.K. bis zum Punk-Gebet, von Rache muss sein bis Stress ohne Grund, von der „British Invasion“ bis zum Echo-Skandal 2018. Den Band ergänzen Betrachtungen zu den wichtigsten Darstellungsformen im Song und Antworten auf 26 Fragen rund um das Thema Songprovokationen. Mit weiteren Texten zum Thema gibt „tedaboutsongs“ einen kleinen Vorgeschmack.

Der Song als staatsbürgerliche Pflicht

Vor mehr als einem Jahrzehnt rief Neil Young via Song dazu auf, den US-Präsidenten seines Amtes zu entheben. Ein Gedanke, den 2019 immer mehr Menschen teilen.

Offizielles Video

„Let’s impeach the president for lying  / (…) / Who’s the man who hired all the criminals / The White House shadows who hide behind closed doors / They bend the facts to fit with their new stories …“ Das laute Nachdenken über eine Amtsenthebung? Zwielichtige Gestalten im Weißen Haus? Die dreiste Verdrehung eindeutiger Sachverhalte? Kein Zweifel, das müssen Verse aus den letzten zwei Jahren sein – einer Zeit des weltweiten Entsetzens über einen durchgeknallten US-Präsdidenten Donald Trump, der chaotischen, wirren Regierungsbeschlüsse, der brutalst manipulierten „alternativen Fakten“.

Oder?

Mitnichten. Es sind Verse aus dem Jahr 2006, und sie gelten dem US-Präsidenten George „Dabbeljuh“ Bush. Geschrieben und gesungen hat sie Neil Young. Der kontroverse Singer-Songwriter war schon in den Sechzigern als Mitglied der Gruppe Crosby, Stills, Nash & Young gegen den Vietnamkrieg, gegen Polizeigewalt, gegen Rassismus und gleichzeitig für eine neue, freie Gesellschaft eingetreten. Auch als Solokünstler in den 1970er und -80er Jahren hatte er immer wieder Stellung zu den Problemen der USA bezogen. Der Song Let’s Impeach the President findet sich auf dem Young-Album Living With War, mutet an wie der Appell eines Kollektivs an das Kollektiv und richtet sich gegen all die präsidialen Lügen und Entscheidungen, die zum Angriff der „Koalition der Willigen“ auf den Irak und zur immer noch anhaltenden weltweiten Krise, zu guter Letzt auch zum Aufstieg des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) geführt hatten.

Abgesetzt werden soll der Präsident laut Songtext aus verschiedensten Gründen: weil der Kriegsbeginn auf einer Falschaussage beruhte – genauer gesagt dem angeblichen Besitz von Massenvernichtungswaffen auf Seiten des Iraks; weil der Präsident seine Macht missbraucht; weil er Menschen grundlos in den Kampf schickt, das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauswirft, einen Überwachungsstaat aufbaut, Gesetze bricht und die USA ohnehin nicht wirklich vor al-Qaida schützen kann; weil er die Nation spaltet; weil er den Schwarzen immer noch keine Gleichberechtigung zubilligt und, und, und. In den beiden Schlussversen, in denen der Präsident seine Hände in Unschuld wäscht, versteckt sich auch eine Anspielung auf die ehemalige Alkoholsucht George W. Bushs – der Präsident sei jetzt natürlich trocken: „Here’s lots of people looking at big trouble / But of course our president is clean.“ 

Geht es nach Neil Young, dann erhebt sich die Masse und macht den von George W. Bush angezettelten Wahnsinn nicht mehr mit. Natürlich ist ein Amtsenthebungsverfahren in den USA sehr kompliziert und kann in mehreren Stufen nur von der Politik umgesetzt werden. Umso drastischer erscheint die ebenso naive wie selbstbewusste Forderung des Songs, der im Grunde nicht den konventionellen Weg gehen will: Das Volk selbst soll unmittelbar und schnell entscheiden. Trotz ihrer Einfachheit wirken die Lyrics individuell und hochaktuell.

„Freedom of Speech“-Tour und Publikumsreaktionen

Mit seinem Album Living With Warund dem Szenehit Let’s Impeach the President ging Neil Young 2006 auf eine Konzerttournee, für die er seine ehmaligen Mitstreiter David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash ins Boot holte. Das Motto der Tour erinnerte folgerichtig an das „First Amendment“ der amerikanischen Verfassung, das uneingeschränte Meinungsfreiheit garantiert: „Freedom of Speech“. Die Bühnen-Highlights und das ganze Drumherum bannte Young auf Film und brachte später einen Zusammenschnitt unter dem anspielungsreichen Titel Déjà Vu in die Kinos – so hatte bereits ein Crosby-, Stills-, Nash- & Young-Album aus dem Jahr 1970 geheißen … Konsequent: In dem Film dürfen Konzertbesucher ihre Meinung sagen – die begeisterten Fans ebenso wie die Gegner. Und so dokumentiert Déjà Vu exakt die Spaltung des Landes, die der zentrale Song anprangert: Teile des Publikums buhen, andere jubeln, wütende Konzertbesucher ärgern sich darüber, viel Geld dafür bezahlt zu haben, nur um von Neil Young beschimpft zu werden. Wobei man sich fragt, was sie bei ihrer reaktionären Haltung ausgerechnet zu Fans von Neil Young hat werden lassen. An anderer Stelle ziehen Vietnam-Veteranen Parallelen zwischen „ihrem“ Krieg in den Sixties und dem aktuellen Krieg gegen den Irak – ein „Déjà Vu eben. Der Hauptsong des Albums Living With War hat etwas von einem rockigen Kinderlied. Die simple, plakative Parole „Let’s Impeach the President“ lässt in Zeiten einer sich dramatisch verändernden Weltlage und eines immer unberechenbarer, immer egomanischer werdenden Präsidenten Trump kaum einen Menschen in Amerika, geschweige denn in Europa kalt.

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Ein Splatterfilm im Songformat

Geto Boys, Mind of a Lunatic

Ein Textauszug:

Don Fernando, dieser göttliche Held, stand jetzt, den Rücken an die Kirche gelehnt; in der Linken hielt er die Kinder, in der Rechten das Schwert. Mit jedem Hiebe wetterstrahlte er einen zu Boden; ein Löwe wehrt sich nicht besser. Sieben Bluthunde lagen tot vor ihm, der Fürst der satanischen Rotte selbst war verwundet. Doch Meister Pedrillo ruhte nicht eher, als bis er der Kinder eines bei den Beinen von seiner Brust gerissen, und, hochher im Kreise geschwungen, an eines Kirchpfeilers Ecke zerschmettert hatte. Hierauf ward es still, und alles entfernte sich. Don Fernando, als er seinen kleinen Juan vor sich liegen sah, mit aus dem Hirne vorquellenden Mark, hob, voll namenlosen Schmerzes, seine Augen gen Himmel.

Ein Auszug aus einem Song? Nein, aus einem Prosatext. Irgendwas aus den letzten Jahrzehnten? Nein, die Zeilen wurden schon Anfang des 19. Jahrhunderts verfasst. Ach was? Es handelt sich um den vorletzten Abschnitt der Novelle Das Erdbeben in Chili von Heinrich von Kleist. Darin geht es, ganz knapp skizziert, um zwei Liebende, die aufgrund eines schweren Erdbebens und der daraus resultierenden Wirren mit ihrem kleinen Sohn aus der eigentlich zu Unrecht verhängten Haft fliehen können. Außerhalb der Stadt sammeln sich die Überlebenden, und es scheint, als habe die schreckliche Katastrophe die alten sozialen Strukturen und gesellschaftlichen Dynamiken beseitigt – als sei ein neues, friedlicheres, freieres Leben möglich. Doch als das Paar gemeinsam mit der Familie des Adeligen Don Fernando zu einem Gottesdienst in die Stadt zurückkehrt, initiiert ein aufgebrachter Mob ein Blutbad, bei dem nicht nur die beiden Protagonisten, sondern auch Don Fernandos Schwägerin und sein Sohn Juan ums Leben kommen.

Die explizite Gewaltdarstellung, die man heute auch mit dem Begriff „Splatter“ umschreiben würde, war zu Kleists Zeit noch völlig neu. In der Folge setzte sie sich in verschiedenen literarischen Genres, auch abseits von Krimi und Horrorthriller, durch – im 20. Jahrhundert sahen es vor allem Filmregisseure als Herausforderung, die Möglichkeiten und die Grenzen des explizit Darstellbaren auszuloten. Die ständige Weiterentwicklung der Tricktechnik dürfte dabei ein wesentlicher Motor sein. Auch hier herrscht heute Konsens: Die explizite Gewaltdarstellung kann einen „künstlerischen Wert“ haben, wenn sie nicht um ihrer selbst willen erfolgt und wenn sie nicht dazu dient, zur Gewaltanwendung aufzurufen.

Kleist beschrieb zu seiner Zeit eine „gebrechliche Einrichtung der Welt“ – seine Novellen sind gekennzeichnet von einer grundlegenden Skepsis gegenüber dem Menschen. Entgegen Aufklärern und Romantikern, die womöglich von der Entwicklung der Menschheit auf einen paradiesischen Idealzustand hin träumten, legte er brutale gesellschaftliche Mechanismen offen und zeigte den Menschen als schwach, als irrational und zu unvorstellbarer Gewalt fähig. Analog dazu halte ich etwa heutige Horror- und Splatterfilme dann für grundsätzlich interessant, wenn sie die Gewaltdarstellung in einen ernsten Kontext einbetten: wenn der Schrecken aus einer auf Umweltsünden reagierenden Natur resultiert; wenn Zombies die Auswüchse einer dekadenten Konsumgesellschaft repräsentieren; oder wenn die Taten von Psychopathen auf schwere Traumata, aber auch auf soziale Fehlentwicklungen schließen lassen. Im Kontext hintergründiger Satiren und Grotesken oder auch im nicht ganz ernst gemeinten, spielerischen Austesten der Möglichkeiten filmischer Spezialeffekte kann ich Splatterelemente ebenfalls aushalten.

Keine Angst, das Video enthält keine expliziten Gewaltszenen

Solche Gedanken möchte ich dem folgenden Songbeispiel vorausschicken. Es geht um Mind of A Lunatic, ein Stück des amerikanischen Hip-Hop-Trios Geto Boys von 1989/90. Hier werden in Ich-Form explizit verschiedenste Gewaltverbrechen beschrieben: „The sight of blood excites me, shoot you in the head / Sit down, and watch you bleed to death“, heißt es in der ersten Strophe, „Der Anblick von Blut törnt mich an, ich schieß dir in den Kopf / Dann setz ich mich hin und seh dir zu, wie du verblutest.“ Schon das klingt überaus drastisch. Es ist aber, man kann es nicht anders sagen, noch harmlos verglichen mit dem, was folgt. In der zweiten Strophe überfällt der Sprecher eine Frau, die er schon länger als Spanner beobachtet hat, vergewaltigt sie und schneidet ihr die Kehle durch, um sich anschließend noch einmal an dem leblosen Körper zu vergehen. War der Erschossene aus der ersten Strophe „in the right place with me at the wrong time“, ist die Frau aus der zweiten Strophe in den Augen des Täters selber schuld, weil sie die Vorhänge nicht zugezogen habe: „Shouldn’t have had her curtains open, so that’s her fate.“ In der dritten Strophe geht es um Drogenkonsum („when I’m high“) und die Selbstcharakterisierung als „homicidal maniac with suicidal tendencies“, als mordender Irrer mit selbstmörderischen Tendenzen. Das Song-Ich der vierten Strophe tötet erst die kokainsüchtige Freundin und dann deren Großmutter, um schließlich in eine blutige Schießerei mit der Polizei zu geraten, die das Haus umstellt hat. Zwei weitere Strophen erzählen vom Werdegang dieses Psychopathen und unterstreichen seine menschenverachtende Einstellung.

Ist es immer derselbe Psychopath, der hier spricht – oder sind es mehrere gestörte Killer? So genau kann man das nicht sagen. Weil aber nur schwer vorstellbar ist, dass alle geschilderten Verbrechen von ein und demselben Täter begangen werden, und jede Strophe von einem anderen Bandmitglied gerappt wird, gehe ich von verschiedenen Ich-Sprechern aus. Die Drastik und die grelle Überzeichnung der Lyrics unterstreichen den Rollencharakter dieser Sprecher. Natürlich sind die Lyrics zu Mind of A Lunatic gegen die sprachlich fantastische, atmosphärisch und psychologisch dichte Novelle von Heinrich reichlich simpel gestrickt. Aber ebenso wenig wie Kleist kann man den Geto Boys Gewaltverherrlichung oder den Aufruf zur Gewalt unterstellen – dazu gibt es in ihrem Song zu viele distanzierende Elemente. Am deutlichsten fallen hier der Songtitel und regelmäßig wiederkehrende Zeilen wie „This is what goes on in the mind of a lunatic“ aus, das heißt, die Schilderungen werden eindeutig als Taten oder Fantasien eines Wahnsinnigen charakterisiert. Der Effekt ist ein ähnlicher wie in Frank Zappas Song Bobby Brown, der die besungenen Verirrungen und Geschmacklosigkeiten ganz klar einem Rollen-Ich zuweist, im Sinne eines Spiegelmonologs. Hinzu kommen Vergleiche des Täters mit „Jason“ und „Freddy“, den Psychopathen aus den Filmen „Freitag der 13.“ und „Nightmare on Elm Street“, das heißt mit Protagonisten aus fiktiven Horrorszenarien. Auffällig ist auch die völlig überzogene Aneinanderreihung der unterschiedlichsten Schreckenstaten, von kaltblütigem Mord über Vergewaltigung und Nekrophilie bis hin zum Amoklauf inklusive Polizistenmord. Das wirkt wie das akribische Abarbeiten einer Liste von Abscheulichkeiten, von denen eine schlimmer als die andere ist. Ähnlich wie in einigen Heavy-Metal-Spielarten, in denen sich die Bands im Sinne eines „Noch härter, noch wüster, noch extremer“ gegenseitig zu übertreffen versuchen, scheinen sich auch die Geto-Boys-Mitglieder von Strophe zu Strophe von einem Extrem ins nächste zu pushen. Letztlich aber wirken Musik und Vortrag als distanzierende, ja relativierende Elemente. Die Raps klingen verhältnismäßig unaufgeregt, bisweilen sogar lakonisch, und Beat und Arrangement ergeben einen fast schon geschmackvoll zu nennenden harten Groove.

Mind of a Lunatic ist nur eins von mehreren Geto-Boys-Stücken, die die Darstellung von Verbrechen und Perversionen auf die Spitze treiben und in Verbindung mit bestechend cooler Musik eine irritierende Gemengelage zelebrieren. Ich kann jeden Menschen verstehen, der diese Ästhetik als abstoßend empfindet und keine Lust hat, sich damit zu beschäftigen. Auch der Plattenfirma Geffen war dieser künstlerische Ansatz seinerzeit ein zu heißes Eisen – sie weigerte sich nach heftigen Kontroversen, den Vertrieb für das Album Geto Boys, das Mind of A Lunatic und andere ultraharte Songs enthält, zu übernehmen. Das kann man natürlich akzeptieren. Unverständlich aber wäre es, diese Art von Songs pauschal als gewaltverherrlichend und frauenfeindlich abzustempeln. Die furchteinflößende Wirkung, die von tatsächlichen „hate songs“ etwa aus der politisch extremen rechten Ecke ausgeht, kann man Mind of A Lunatic nicht attestieren – auch wenn den Geto Boys im Alltag der Umgang mit Waffen vertraut scheint und sie nicht gerade als Meister der friedlichen Konfliktlösung bekannt sind. So verlor Geto Boy Bushwick Bill einst ein Auge, als sich während einer Auseinandersetzung mit seiner Freundin ein Schuss aus einer Waffe löste – ein tragischer Vorfall und eine schreckliche Verletzung, die prompt bei der Promotion des nächsten Albums weidlich ausgeschlachtet wurde.
Im Grunde übertrugen die Geto Boys vor rund 30 Jahren eine Horror- und Splatterfilm-Ästhetik auf den Rapsong, um mit diesem auch als „Horrorcore“ bezeichneten Stil ein Alleinstellungsmerkmal zu kreieren. Und wenn man so will, hatte das Ganze auch eine sozialkritische Komponente. Denn die Lyrics trieben die reale Situation in manchem amerikanischem Schwarzen-Ghetto – eine durch Hoffnungslosigkeit und extremen Drogenkonsum befeuerte Atmosphäre der Gewalt – in ihren Songs künstlerisch auf die Spitze. Das Leben im Ghetto als Horror- und Splatter-Spektakel gewissermaßen. Dass die Geto Boys vor allem in den USA und weniger in Europa kontrovers diskutiert werden, mag auch an ihrem geringen Bekanntheitsgrad in unseren Breiten liegen. 

Am 14. März 2019 erscheint bei WBG/THEISS mein neues Buch Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en. Vorgestellt werden rund 70 Songklassiker der letzen hundert Jahre, die zu ihrer Zeit die Gemüter erhitzten und zum Teil noch heute kontrovers diskutiert werden – von Rock Around the Clock bis Relax, von Anarchy in the U.K. bis zum Punk-Gebet, von Rache muss sein bis Stress ohne Grund, von der „British Invasion“ bis zum Echo-Skandal 2018. Den Band ergänzen Betrachtungen zu den wichtigsten Darstellungsformen im Song und Antworten auf 26 Fragen rund um das Thema Songprovokationen. Mit weiteren Texten zum Thema gibt „tedaboutsongs“ einen kleinen Vorgeschmack.

   

Ding-Dong, nur ein Song

Vor rund drei Jahrzehnten provozierte die konservative britische Politikerin Maggie Thatcher eine bis dahin nie gekannte Flut an Protestsongs. 

Großbritannien unter Margaret Thatcher „inspirierte“ viele Bands und Songwriter zu äußerst kritischen bis regelrecht zynischen Protestsongs. Und kaum eine Politikerpersönlichkeit der letzten 70 Jahre wurde so häufig so explizit zur Zielscheibe von Songtexten wie die britische Premierministerin. Die Politik während ihrer Amtszeit (1979–1990) war gekennzeichnet durch Privatisierung, Deregulierung und die Zerschlagung der Gewerkschaften, was – bei allen wirtschaftlichen Erfolgen – zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, zu sozialen Härten, zu einer Vergrößerung der Kluft zwischen Arm und Reich führte. Der unsinnige Falkland-Krieg und Verordnungen, die die Diskriminierung von Homosexuellen zur Folge hatten, waren weitere Makel ihrer Regierungsarbeit. Eine zwiespältige Situation für Songwriter: einerseits die Erfahrung eines immer härter werdenden Existenzkampfes, andererseits jede Menge Inspiration für aufwühlende Songs. Dennoch hält Bruce Robert Howard alias Dr. Robert, einst Sänger der Blow Monkeys, nichts von der Idee einer Maggie Thatcher „als ‚Geburtshelferin’ einer blühenden britischen Gegenkultur während der Achtziger und frühen neunziger Jahre“, wie sie die „taz“ in einem Interview aus dem Jahr 2013 formuliert.Nein“, wehrt Howard ab. „Sie war eine polarisierende Figur, die zur Gier und zum Egoismus ermunterte, und die das Leben von Menschen zerstörte. Die Kunst mag unter solchen Umständen florieren, aber das ist nichts, für das man dankbar sein sollte. Meiner Meinung nach hatte Thatcher einen zynischen Blick auf die menschliche Natur.“

Die Blow Monkeys waren in den 1980er Jahren nicht nur Teil der von Billy Bragg, Paul Weller und Jimmy Somerville angeführten Musikerinitiative „Red Wedge“ zur Unterstützung der Labour-Partei, sondern „widmeten“ der Tochter eines Kolonialwarenhändlers 1987 auch das Album She Was Only A Grocer’s Daughter. Darauf zu finden: der seinerzeit aus dem Radioprogramm der BBC verbannte Hit (Celebrate) The Day After You. Wo andere aber nur den „Tag danach“, das heißt das Amtsende der Premierministerin feierten, ging Morrissey noch weiter. Der ehemalige Frontmann der Smiths, der schon 1986 The Queen Is Dead propagiert hatte, imaginierte1988 auf seinem Soloalbum Viva Hate gleich die Hinrichtung der ungeliebten Margaret, nicht ohne ein antiaristokratisches Volksaufstand-Szenario wie das der Französischen Revolution zu beschwören. „The kind people have a wonderful dream / Margaret on the guillotine / Cause people like you make me feel so tired / When will you die?“ Natürlich wird nur ein Vorname genannt, aber die Anspielung ist mehr als deutlich. So deutlich, dass Morrissey von Scotland Yard verhört wurde, wie der Sänger 2013 in seiner Autobiografie offenbarte. Damals habe untersucht werden sollen, ob der Star eine reale Bedrohung für die berühmte Politikerin darstellte.

Etliche weitere Songs aus der Zeit provozierten mit mehr oder minder klaren Verweisen: I’m in Love With Margret Thatcher von The Not Sensibles, Kick Out the Tories von den Newton Neurotics, Maggie, Maggie, Maggie (Out, Out, Out) von den Larks, Thatcherites von Billy Bragg oder Shipbuilding von Elvis Costello – ein Song, der zynisch um den Bau von Kriegsschiffen für den Falklandkrieg kreist, wobei möglichen neuen Arbeitsplätzen zukünftige Kriegstote gegenübergestellt werden. Mit Renaud Sechan stimmte 1986 sogar ein französischer Sänger ins Thatcher-Bashing ein. Sein Song Miss Maggie formulierte fiese Liebeserklärungen an die Frauen an sich, jeweils getoppt von einem Seitenhieb auf die verhasste britische Politikerin. Die immergleiche Rüpel-Argumentation: Frauen, und sind sie noch so minderbemittelt, können nie so dumm, so brutal, so kriegstreiberisch sein wie Männer – mit einer Ausnahme: Madame Thatcher …

Als „Madame Thatcher“ dann 2013 tatsächlich starb, verhalf das einem schon 2000 veröffentlichten Punksong der Band Hefner zur Heavy Rotation im Internet. The Day That Thatcher Dies lässt ein Song-Ich auf die 1980er Jahre und seine politische Sozialisierung durch die Labour-Partei zurückblicken. Den zukünftigen Tod der ehemaligen Premierministerin würde der Sprecher schon mal ausgiebig feiern, heißt es da trotzig, auch wenn es nicht korrekt sei: „We will laugh the day that Thatcher dies / Even though we know it’s not right / We will dance and sing all night.“ Das Stück zitiert gegen Ende noch ein fröhliches Kinderlied aus The Wizard of Oz, dem berühmten Film-Musical von 1939, nämlich Ding-Dong! The Witch Is Dead. Tralli, tralla, die Hex’ ist tot? Das schien vielen Thatcher-Kritikern nur allzu gut zu passen. Prompt erlebte Ding-Dong! selbst ein Revival, stieß dank Social-Media-Promotion sogar in die Spitzenregionen der britischen Charts vor – und wurde ebenfalls von der BBC boykottiert. Was aber niemanden wirklich juckte.