Der Axiomator, Debütalbum „Aliens mit Niveau“: Retro-Elektronik! Oldschool-Synthipop!! Novelty-Electro!!!

Musikneuerscheinungen rezensiere ich für gewöhnlich nicht, aber bei diesem Album mache ich gern eine Ausnahme. Schließlich kommt es von einem kreativen Kopf aus der Region, der einiges an Beachtung verdient hat. Schon seit geraumer Zeit tüftelt Der Axiomator in kompletter Eigenregie an einnehmenden Tracks, die uns musikalisch zurück in die 1980er Jahre entführen. Genauer: ins gute alte Synthipop- und Elektronik-Universum, wie es von Gary Numan oder Human League, von Yazoo, Depeche Mode und Camouflage, von DAF, Visage und natürlich von Kraftwerk geprägt wurde. Der im positiven Sinn verrückte Einzelkämpfer verbindet die prägenden Elemente und Stilmittel dieser Zeit virtuos: federleichte Basssequenzen und laszive Waber-Grooves, lustige Computerstimmen und furztrockene Synthidrum-Schläge, monumentale Keyboard-Wände mit Dub-Effekten, dazu herrlich nervöse Zisch- und Zwirbel-, Kruschpel-, Knarz- und Fiep-Sounds. Ist das Retro? Ist das Oldschool? Oder einfach hemmungsloser Eklektizismus? Ich habe keine Ahnung. Aber es klingt verdammt gut.

Was Der Axiomator anders macht: Er arbeitet ausschließlich mit deutschen Texten und schert sich einen feuchten Kehricht um Songkonventionen. Statt konsequenter Strophe-Bridge-Refrain-Srukturen kreiert er oftmals lediglich Strophen- oder Refrain-Fragmente; statt anständig zu singen oder zu rappen, bedient er sich eines eigentümlich-charmanten Sprechgesangs; und statt klassischen Storytellings oder bilderreicher lyrischer Reflexionen bevorzugt er die Aneinanderreihung von absurden Thesen, ernsten Gedankengängen und werbespruchartigen Slogans. In Verbindung mit schrillen Synthiklängen entstehen dann gelegentlich munter vor sich hin pluckernde Tracks, denen man durchaus ein neues Label verpassen könnte: „Novelty-Electro“!

„Novelty Songs“ sind an sich nichts Neues. Grob gesagt, handelt es sich dabei um Unterhaltungssongs, die durch skurrile Texte, schräge Arrangements oder Gaga-Sounds derart mit der Konvention brechen, dass ein Schmunzel- oder Lacheffekt entsteht. Berühmte Beispiele: They’re Coming to Take Me Away, Ha-Haaa, natürlich Monster Mash, Charlie Brown oder der Babysitter-Boogie – mit dem unwiderstehlichen Babylachen nach jeder Strophe. Im Kontext klasse produzierter Elektronikmusik aber schafft der Axiomator hier durchaus etwas Eigenes. Wenn er im Titeltrack seines Debütalbums die intergalaktische Partnervermittlungsagentur Starship Punkt X O besingt, Slogan: „Wir vermitteln Aliens mit Niveau“, dann ist das ähnlich Novelty-Techno wie sein kleines, feines Drama um einen von Haarausfall geplagten Mann, der sich nur noch mit Toupet in die Disco traut (Fifi mit Klett), oder die paradoxe epische Zukunftsvision vom freien, intelligenten Roboterembryo, der sich – per Kabelschnur (sic!) mit Information und Energie gefüttert – anschickt, eine dem Untergang geweihte Menschheit hinter sich zu lassen.

Eigentlich ein bisschen gruselig, kommentieren Nutzer im Internet, und das nicht zu Unrecht. Tracks wie Roboterembryo unterstreichen denn auch, dass es dem Axiomator noch um mehr als nur einen feinen Klamaukeffekt geht. Die 11 Stücke von Aliens mit Niveau zeigen sich fasziniert von der Technik, benennen jedoch auch deren Gefahren und – vor allem – den großen Risikofaktor, den die Menschen mit ihren Schwächen in der Welt darstellen. Es sind überhebliche Menschen, die sich unnötig von unheimlichen Technologien abhängig machen; die in einer Mischung aus Konsumrausch und Profitstreben Berge von Elektroschrott produzieren; oder die Systeme entwickeln, die dann andere eitle Menschen wie Hacky, der Hacker zum Einsturz bringen. Da fragt man sich unwillkürlich: Sind wir Menschen nicht unbegründet eitel, eigentlich lächerliche Gestalten?

„Doch nichts bewegt den Mensch so sehr wie hormonell gesteuerter Verkehr“, resümiert Der Axiomator einmal eindeutig doppeldeutig in einer grotesken Auflistung von Reisezielen und Fortbewegungsmitteln. Was am Ende zwei Dinge bedeuten mag. Erstens: Der Mensch bildet sich nur ein, dass er die Kontrolle hat – denn größtenteils wird er nicht vom Intellekt, sondern von chemisch-biologischen Prozessen gesteuert. Und zweitens ist das erst mal gar nicht schlimm, sondern kann sogar Spaß machen und überaus lustvoll sein. Richtig tragisch aber wird es laut Axiomator, wenn nicht wenigstens ein kleines bisschen Vernunft vorhanden ist – wenn Leute völlig unmenschlich und kopflos agieren, so wie Großkotze, Hooligans, Neonazis. „Willst du mal nen Tipp, dann tipp dir an die Stirn, denn da wird etwas vermisst – ja, man nennt es Hirn“, ruft der Künstler solchen Aliens OHNE Niveau in einem ohrwurmigen Song-Coup namens Hirn zu, um dann im entspannt groovenden Einfach locker fast schon pädagogisch wertvoll hinterherzuschieben: „Wir alle haben es in der Hand, dass unser Leben etwas lockerer und lebenswerter wird. Wir alle!“ Da kippt das Novelty-Axiom fast in ein gestrenges Message-Axiom um. Und das ist Geschmackssache.

Aber: Hat er nicht irgendwie auch recht, unser Axiomator?

Fazit: Aliens mit Niveau ist alles andere als Elektroschrott – ein erstaunlich souveränes, abgeklärtes Elektronikwerk, das gekonnt mit der Tradition spielt und gerade textlich eigene Akzente setzt. Die beiden atmosphärischen Instrumentaltracks am Anfang und am Ende des Albums hatte ich noch gar nicht erwähnt – ebenso wie die coolen, professionellen Videos, die der Axiomator gleichfalls selbst produziert. Auch mit ihnen macht dieser kreative Querkopf Lust auf mehr.

Der Geist der Geister

Jamie Lee Curtis? Lenny Kravitz? Ghost Town? Björk? Die Assoziationen zur deutschen „European Song Contest“-Finalistin Jamie-Lee Kriewitz sind so naheliegend wie schillernd, dass eigentlich mindestens ein Platz unter den Top Ten herausspringen muss. Mich beeindrucken die Unbekümmertheit und das Selbstbewusstsein der Interpretin, und ja, auch der Song Ghost bleibt angenehm im Gedächtnis hängen – unter Mainstream-Gesichtspunkten ist es ein höchst ansprechender, sympathischer Titel.

Außerdem: Das „Geister“-Thema des Songs mag Zufall sein, aber es ist eins der unterschwelligen Song-Dauerthemen der letzten Jahrzehnte. „Geister“ werden dabei natürlich meistens als Metaphern zitiert, nicht im okkulten Gruselsinne – und doch spiegeln sie im besten Falle auch Befindlichkeiten einer Generation, eine Zeitstimmung, wider. Bei Jamie-Lee Kriewitz scheint es um eine Liebe zu gehen, die nicht mehr das ist, was sie mal war: Beide Liebende sind nur noch Geister ihrer selbst und haben Angst voreinander.

Ein echter Gespensterklassiker ist Ghosts von der britischen Band Japan – hier wird das Ich in Momenten des Hochgefühls immer wieder von den Geistern der eigenen Vergangenheit ein- und auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. In besagter Ghost Town von den Specials dagegen wird die Jugend von der Regierung unterdrückt – was ihre Umgebung zur Geisterstadt mutieren lässt. Mumford & Sons machen in The Ghosts That We Knew die Geister zu einem Bild des persönlichen Scheiterns, und die betörenden Briten von Cherry Ghost haben das rauschend Geisterhafte gleich im Bandnamen verewigt. Fantasievoll und anspielungsreich geht es unter anderen bei Michael Jackson zu: Dessen Ghosts beschwört nur vordergründig alle möglichen Horrorgestalten – in Wahrheit geht es um den Geist der Eifersucht. Das Video dazu ist eine nette Variation des Zombie-Motivs aus Jacksons Erfolgsclip Thriller. Zum Klamauk wiederum mutiert das Gespenstermotiv bei den tollpatschigen Hollywood-Geisterjägern, den Ghostbusters.

Eine wirklich mystische Aura umgibt die Geister nur im Ghost Song von den Doors mit seinen irritierenden Bezügen auf tote und verletzte Indianer, die nach einem Autounfall auf dem Highway liegen, oder auch in The Five Ghosts von der kanadischen Band Stars. Schade, dass sich hierzu kein Video im Internet finden lässt, es ist mein Liblingsgeisterlied. Das Ich wird hier von fünf Geistern verfolgt, die es am Ende eines ruhmreichen Lebens zu sich holen. Wer ein bisschen googelt, findet unzählige weitere Geisterbezüge in Album- und Songtiteln oder Bandnamen, bis hin zu Ghost Stories von Coldplay. Ich bin der Meinung: Mit Ghost könnte Jamie-Lee Kriewitz beim ESC in Schweden ganz unterschwellig einen Nerv treffen – und so die Finalgeister vom letzten Jahr vertreiben.

Spiel mir das Lied von der beleidigten Leberwurst

Noch mehr Senf zum Thema Böhmermann

„Wer spricht im Song?“, so lautet die Frage hinter vielen Einträgen in diesem Blog. Aus gegebenem Anlass möchte ich sie hier einmal abwandeln in: „Wer spricht in Böhmermanns Erdogan-Satire?“ Wer sich mit Kunst, mit Literatur, mit Medien beschäftigt, kann diese Frage verhältnismäßig leicht beantworten: Es ist nicht die Privatperson Jan Böhmermann. Es ist der „Entertainer Jan Böhmermann“, der „Satiriker Jan Böhmermann“, die Medienpersona Jan Böhmermann. „Böhmermann“ ist der Showmaster, der Performer, der sich eine Bühne zur Unterhaltung und zur Zuspitzung aktueller Themen geschaffen hat und der in dieser Rolle von einem großen Publikum akzeptiert wird.

Dieser Showman greift die weltweit belächelte Kritik des türkischen Präsidenten Recep Erdogan an dem satirischen „Extra 3“-Song Erdowie, Erdowo, Erdogan auf und kündigt dem Staatsmann eine kleine Lektion an: Er wolle Erdogan den Unterschied zwischen erlaubter Kunst und Satire auf der einen und verbotener tatsächlicher Beleidigung auf der anderen Seite erklären. Zu diesem Zweck trägt er ein „Schmähgedicht“ vor, das aus unpersönlicher Sprecherperspektive, also ohne „Ich-Bezug“, die absurdesten, niveaulosesten Behauptungen über den türkischen Präsidenten aneinanderreiht. Damit nimmt die Medienpersona Jan Böhmermann weitere Abgrenzungen zur Privatperson Jan Böhmermann vor. Was in diesem „Schmähgedicht“ konkret gesagt wird, ist eigentlich unerheblich. Denn es ist überdeutlich vom „biografischen Ich“ Jan Böhmermanns abgekoppelt und fast schon penetrant als rechtlich nicht zulässig gekennzeichnet. Die Absicht: Recep Erdogan zu demonstrieren, wann eine Beschwerde seinerseits wirklich gerechtfertigt wäre. Es geht also lediglich um ein simples „Was wäre, wenn?“, und schon von daher ist es absurd, dass die Bundesregierung das von Erdogan geforderte Strafverfahren gegen den Entertainer zulässt.

Aber wenn es nun schon zu einem Verfahren kommt, plädiere ich dafür, in die Beurteilung auch solche ästhetischen Gesichtspunkte einzubeziehen und notfalls Kunst-, Medien- oder Literaturwissenschaftler zu konsultieren. Denn schon öfter hat die Justiz in ähnlich gelagerten Fällen Fehlurteile gefällt, die im Nachhinein glücklicherweise korrigiert wurden. Man denke nur an mehrere Verfahren, in denen Faschismuskritiker, die durchgestrichene, zertrümmerte oder in den Papierkorb geworfene Hakenkreuz-Symbole verbreiteten, ausgerechnet wegen des Zeigens von „Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ belangt wurden. In den Revisionen wurde dann dankenswerterweise unter anderem darauf hingewiesen, dass die vermeintlichen Täter eindeutig Antifaschisten seien und dass es sich eigentlich um ein unterstützenswertes bürgerschaftliches Engagement gegen Neonazis handele.

Ähnlich lässt sich letztlich im Fall Böhmermann argumentieren: Die Privatperson Böhmermann ist bisher nicht als politischer Aktivist in Erscheinung getreten und schon gar nicht als Türkeihasser. Im Gegenteil: Die betreffende Satire trägt zur Offenlegung autokratischer, wenn nicht gar diktatorischer Strukturen und zur Verteidigung demokratischer Werte wie Kunst- und Meinungsfreiheit bei, wenn auch mit den allerdrastischsten Mitteln. Insofern kann das Verfahren gegen Böhmermann eigentlich nur mit einem Freispruch enden. Zu hoffen bleibt, was einige positiv denkende Medien bereits als diplomatischen Coup der Kanzlerin feiern: dass gerade die Verteidigung demokratischer Werte gegenüber Erdogan die eigentliche Agenda hinter der Zulassung eines Strafverfahrens ist – dass solchen Attacken auf Meinungs- und Kunsfreiheit, wie sie der türkische Präsident hier fährt, ein für allemal juristisch der Boden entzogen wird; dass Erdogan letztlich mit den eigenen Waffen geschlagen wird, indem der von ihm geforderte Prozess seinen Strafantrag als unbegründet zu den Akten legt.

Und nun zum inoffiziellen Teil – in Form von fünf kurzen Thesen:

1) Alles pillepalle
Schlimm genug, dass dieses gleich mehrfach gebrochene „Schmähgedicht“ so ernst genommen wird. Denn kein vernünftiger Erwachsener würde solche Dinge ernsthaft einem Staatsoberhaupt gegenüber äußern – es handelt sich doch schlicht um allergröbsten Nonsense. Erdogan wirkt in seiner Reaktion auf mich wie Zinedine Zidane, der sich im Fußball-WM-Finale 2006 von Marco Materazzi durch blödsinnig-unflätige Äußerungen über seine Schwester zu einer noch blödsinnigeren Kopfnuss hinreißen ließ. Dieses Macho-Ehren-Gehabe nervt und ist extrem gefährlich, erst recht wenn es politisches Handeln regiert.

2) Der eigentliche Aggressor ist Erdogan
Im Grunde ist für mich Erdogan der Agressor – dazu noch einer, der sich wenig geschickt als Opfer zu inszenieren versucht. Er tritt Menschenrechte und demokratische Werte mit Füßen, provoziert damit Widerspruch und geht dann brutal gegen seine Kritiker vor. Darin ähnelt er Donald Trump, der mit unfassbar menschenfeindlichen Parolen Wahlkampf betreibt und anschließend erschütterte Protestler als Feinde Amerikas hinstellt. Wenn er Gegner bei Wahlkampfveranstaltungen vom Sicherheitspersonal entfernen lässt, bedauert er am Mikrofon noch, dass er leider gezwungen sei, sich politisch korrekt zu verhalten: Wenn er dürfte, wie er wollte, würde er mit seinen Gegnern ganz anders umspringen. Das erledigen dann Fans im Publikum, die unvermittelt Protestler mit den Fäusten niederschlagen, offenbar ohne dafür belangt zu werden. Zu begutachten in diversen erschreckenden Youtube-Videos.

3) Die Bundeskanzlerin hat einen schweren Fehler gemacht
Der Versuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel, den türkische Präsidenten zu beruhigen, mag im Ansatz nachvollziehbar gewesen sein, ging aber gewaltig daneben. Denn statt Verständnis für den Unmut des Kollegen zu äußern und ihn gleichzeitig entschieden auf die nicht verhandelbare Meinungs- und Kunstfreiheit hinzuweisen, hat sie Böhmermanns Beitrag als „bewusst verletzend“ bezeichnet und damit bereits vorverurteilt. Man kann durchaus Vermutungen darüber anstellen, ob Böhmermann bewusst verletzen wollte – als klaren Tatbestand nachweisen kann man es nicht. Merkels Äußerung war eben nicht die harmlose Wahrnehmung des Rechts, auch als Kanzlerin etwas persönlich nicht gut finden zu dürfen, sondern ein offizielles Statement von verheerender politischer Tragweite. Kein Wunder, dass sich Erdogan in seiner verqueren Weltsicht bestätigt sah und Strafantrag stellte. Eine völlig unnötige Zwickmühle, in die die Bundeskanzlerin den Künstler, sich selbst, die Koalition, die Demokratie gebracht hat.

4) Den Beitrag hätte sich Böhmermann sparen sollen
Genauso unnötig war in meinen Augen allerdings Böhmermanns Beitrag selbst. Erstens scheint er mir von der persönlichen Eitelkeit eines Entertainers getrieben, der auf den Erfolgszug des „Extra 3“-Songs aufspringen und das Ganze noch toppen wollte: nicht sehr rühmlich, ein künstlerischer „Move“ mit unangnehmem Beigeschmack. Und zweitens finde ich den Beitrag weder genial noch innovativ, sondern vor allem pubertär. Ähnliches gab es vorher schon in den USA, wie verschiedene Medien aufzeigen, und Statements der Marke „Ich darf ja nicht sagen, dass Sie ein Arschloch sind“ hat man so oder etwas abgeschwächter auch schon von mutigen Pennälern an der einen oder anderen Schule gehört. Böhmermanns simple Strategie erinnert mich außerdem an alte Titelbilder von Satirezeitschriften wie „MAD“ und „TITANIC“, die in großen Lettern ungeheuer provokante Behauptungen aufstellten, nur um in kleinster Typo andere Satzteile dazwischen zu platzieren, so dass sich – als Ganzes gelesen – ein völlig harmloser Zusammenhang ergab. Das Prinzip: Man formuliert eine vordergründige Beleidigung und nimmt sie im selben Atemzug zurück. Wenig originell.

5) Es gibt dennoch ästhetische Grenzen
Die hier vertretene These, dass mit der Trennung zwischen der Privatperson des Autors, seiner Medienpersona und dem Sprecher eines literarischen Textes schon einiges, auch Drastisches, als rechtlich akzeptabel gedeckt ist, heißt nicht, dass beispielsweise auch jeder rechtsradikale Song als rechtlich akzeptabel zu gelten habe. Denn es kommt darauf an, wie die Privatperson im Alltag agiert und wie die Relation zwischen biografischem Ich, Medienpersona und Text gestaltet ist. So ist es völlig in Ordnung, wenn der gefeierte Songwriter Nick Cave in seinen Murder Ballads das Thema Mord auslotet, aber durch die Etablierung unterschiedlichster Perspektiven und Rollen sowie durch balladenhafte Elemente genügend Distanz zu seinem biografischen Ich herstellt, das bekanntlich nichts mit Gewaltexzessen am Hut hat; oder wenn der Kabarettist Georg Schramm seine Bühnenrollen – zum Beispiel den Rentner Dombrowski mit schwarzem Lederhandschuh oder den gestrengen Oberstleutnant Sanftleben – klar herausarbeitet und sie anschließend politisch Unkorrektes sagen lässt. Weil das Publikum den Künstler als grundsätzlich liberal und demokratisch eingestellten Menschen kennt, erkennt es in der Regel auch das Spiel und kann mehr oder weniger entspannt über die unfassbar reaktionären Ansichten dieser Kunstfiguren lachen.

Grenzwertig ist ein Rapper Bushido, der in einem geschmacklosen Song „blonde Opfer so wie Oli Pocher verkloppt“, der „will, dass Serkan Tören jetzt ins Gras beißt“ oder „auf Claudia Roth schießt“: Unsäglich, aber schwer zu belangen, da hier das im Rap übliche „künstlerische“ Prinzip des drastischen Dissens bemüht wird. Die Übertragung dieses Prinzips von Rapkonkurrenten auf Unterhaltungskünstler und angesehen Politiker ist meines Erachtens lächerlich, misslungen und komplett „falscher Code“ – doch um einen konkreten Aufruf zu schlimmen Straftaten bis hin zum Mord handelt es sich nicht.

Ganz anders dagegen verhält es sich bei Rechtsrockbands: Denn hier herrschen weder Ambivalenz noch Inszenierung: Stattdessen besteht eine größtmögliche Nähe zwischen Privatperson, Medienpersona und Sprecher im Song: Wer im Alltag Kundgebungen von Rechtsradikalen besucht und entsprechende Parolen grölt, wer dazu privat und öffentlich die entsprechenden Klamotten und Symbole trägt, kurz: wer die faschistische Ideologie 24 Stunden am Tag lebt, der meint auch das, was er in rassistischen und antisemitischen Songs auf der Bühne von sich gibt, bitter ernst. Hier greift meines Erachtens eindeutig der Straftatbestand der Volksverhetzung.

B-Seiten-Perle aus den Sechzigern: Gilbert Bécaud, „L’Orange“

Zu den schönsten Alltagserlebnissen gehört es, einen Song zu entdecken und zu erschließen – egal, ob es sich um einen simplen Hit aus dem Frühstücksradio oder um ein komplexes Stück Musik handelt. Da ist das Aufhorchen beim oft zufälligen ersten Hören; das Nachforschen, um welches Stück von wem es sich handelt; das Einholen von Informationen über die Künstler; das tagelange Immer-Wieder-Hören und Vor-sich-hin-Summen; und schließlich die Ablage im imaginären Archiv der Lieblingslieder, das langsam, aber stetig wächst und aus dem man den Song noch in Jahren und Jahrzehnten ab und zu hervorkramen wird.

Ein schwererer Krankheitsfall in der Familie. Man hilft ein wenig, bringt die Wohnung in Ordnung. Und stößt auf einen kleinen Stapel alter Schallplatten. Der Gedanke: Wäre es nicht schön, der Kranken, einer älteren Dame, ihre Lieblingslieder digital zur Verfügung zu stellen, zum Beispiel auf einem iPod? Also werden USB-Plattenspieler und PC angeworfen, um das alte Zeugs in MP3-Pakete umzuwandeln. Schon toll, was sich da alles findet: Single-Platten mit je vier Stücken von Jazzern wie Miles Davis und Gerry Mulligan, seichter Schlagerkram und jede Menge französischer Chansons. Die alte Dame ist sehr frankophil, und so stößt man unweigerlich auf Gilbert Bécauds Mittsechzigerhit Nathalie! Ja, das kennt man auch aus dem eigenen Elternhaus, „Monsieur 100.000 Volt“ war zu dieser Zeit in ganz Europa beliebt.

Aber was ist das da für ein schräger Song auf der B-Seite? Heißt L’Orange, swingt ungemein, Hit the Road Jack lässt grüßen, setzt sich mit zwei, drei wenigen Akkorden sofort im Gedächtnis fest, hat aber auch etwas merkwürdig Hysterisches, unterschwellig Bedrohliches. Schon der Titel ist sehr ungewöhnlich: Geht es um die Farbe Orange oder um eine Apfelsine? Also aktiviert man die rudimentärsten Französischkenntnisse und durchforstet, während der Song immer wieder läuft, das Internet – auf der Suche nach den Lyrics und einer Übersetzung. Auf Deutsch findet sich erst mal nichts, aber auf Dänisch gibt’s die Textzeilen nachzulesen. So bekommt man eine erste Vorstellung. Da soll einer auf dem Markt eine Apfelsine gestohlen haben. Er wird von einer Menge massivst beschuldigt, doch er beteuert, dass er es nicht getan habe. Er komme von weit her, aus der schönen Natur, und habe mit Orangen nichts am Hut. Doch die Menge, hörbar gemacht durch den fordernden Chor und schrille Frauenstimmen, lässt nicht locker. Auf Yotube findet sich ein Video, in dem Monsieur Bécaud nur allein zu sehen ist. Aber er fühlt sich verfolgt und bedroht, am Ende bricht er vor Angst zusammen.

Dann eine weitere Entdeckung, die den ersten Eindruck bestätigt. Dietmar Schönherr, Deutschlands anspruchsvollster und politischster Showmaster der Sechziger- und Siebzigerjahre, hat den Song auf Deutsch gecovert. Titel: Der Orangendieb. Gesanglich eher weniger intensiv, inhaltlich umso mehr. Ein echter Exot im deutschen Schlagerkontext. Es scheint um Ausgrenzung und Gruppendruck, letztlich um Gewalt gegen Andersaussehende zu gehen. Ein Fremder, der in die Stadt kommt, wird beschuldigt einen Diebstahl begangen zu haben. Er beteuert seine Unschuld, aber niemand glaubt ihm. Wird ihn die Menge lynchen? Der Youtube-User, der den Song eingestellt hat, packt am Ende das Bild eines Galgens dazu. Als Hörer ist man auf der Seite des Verfolgten. Ein irritierender Song, der es derart in sich hat, dass er sogar in einer Internetliste von Antikriegsliedern auftaucht. Und der Monsieur 100.000 Volt für mich in neuem Licht erscheinen lässt. Der Schnulzensänger, für den ich ihn als Jugendlicher hielt, hatte ganz offensichtlich mehr drauf – zu bewundern auch in einer mitreißenden Liveaufnahme des Songs.

Seltsam, dass ich L’Orange ausgerechnet in einer Zeit entdecke, in der die kleingeistigen AfD’s Pegidas und Donald Trumps dieser Welt mit miesesten Sprüchen gegen schutzsuchende Flüchtlinge und Asylbewerber, gegen alles Fremde, wettern.

Musiker gegen Donald Trump oder: Wer nicht hören will, muss spülen

Die Toten Hosen waren „not amused“ von Angela Merkel, Wir sind Helden klagten gegen die NPD. Warum? Weil die Politik Wahlkampf mit ihren Songs gemacht hatte – und zwar ohne Erlaubnis. Wer in Internetsuchmaschinen Stichwörter wie „songs used in political campaigns“ eingibt, stößt auf weitere Beispiele, in denen Hits bei politischen Veranstaltungen eingesetzt wurden – häufig gegen den Willen der Autoren und Interpreten. Inzwischen sollte also jeder aufstrebende Politiker und jede aufstrebende Poltikerin die zwei Grundregeln für den Umgang mit Liedgut verinnerlicht haben. Erstens: Nutze nie einen Song ohne audrückliche Genehmigung der Autoren. Und zweitens: Höre stets genauer hin, bevor du einen fremden Song für dich sprechen lässt. Es ist bezeichnend, dass für die letzten großen Aufreger in dieser Hinsicht ausgerechnet Donald Trump sorgte. Der milliardenschwere Republikaner, der so gerne amerikanischer Präsident wäre, fällt immer wieder durch ein beängstigend riesiges Ego und eine besorgniserregende „political uncorrectness“ auf. Während des Schaulaufens der republikanischen Kandidaturkandidaten versetzt er klar denkende Zeitgenossen auf der ganzen Welt nicht nur durch ein tumbes Schwarz-Weiß-Denken, sondern auch durch rassistische und sexistische Ausfälle in Angst und Schrecken. Zeitweise muss man sogar befürchten, Trump würde im Falle einer US-Präsidentschaft die Welt ins Mittelalter zurückbomben.

So einer schert sich natürlich auch nicht um irgendwelche Songs, geschweige denn um Urheberrechte – und so brachte er 2015 zunächst Rockveteran Neil Young gegen sich auf, weil er im Wahlkampf dessen Klassiker Rockin’ in the Free World benutzt hatte, und dann R.E.M., wegen des unerlaubten Abspielens ihres Hits It’s the End of the World As We Know It. Im Oktober desselben Jahres schickte schließlich Steven Tyler, Frontmann der Rockgruppe Aerosmith, eine Unterlassungsaufforderung an Donald Trump, weil dieser ohne Einwilligung der Urheber mit dem Aerosmith-Evergreen Dream On für sich geworben hatte. Trump lenkte zwar rasch ein, aber in der für ihn typischen respektlos-verletzenden Manier: Er hätte durchaus irgendeine Genehmigung zur Nutzung des Songs gehabt, behauptete er unverfroren, und Steven Tyler solle sich doch über die Aufmerksamkeit freuen, die er ihm verschafft habe. Überhaupt sei ihm das Ganze letztlich wurscht, denn er habe inzwischen einen noch viel besseren Song als Dream On gefunden.

Dass Trump die erste Regel für Politiker und Songs nicht beherzigt hatte, lag auf der Hand. Aber wie sieht es mit der zweiten Regel aus, dem genaueren Hinhören? Nun, im ersten Moment scheint Dream On nicht unpassend gewählt. Die Lyrics reflektieren, dass man im Leben schon einiges durchmachen muss („Everybody’s got the dues in life to pay“) und dass man nie weiß, ob einen nicht morgen schon der Tod ereilt („Maybe tomorrow the good Lord will take you away“). „You got to lose to know how to win“, „Du musst verlieren, um herauszufinden, wie man gewinnt“, heißt es, und deshalb gilt es vor allem, im Hier und Jetzt zu leben und so lange weiterzuträumen, bis die eigenen Träume wahr werden: „Sing with me, sing for the year / Sing for the laughter, sing for the tear / Sing with me, just for today / (…) / Dream on / Dream until your dreams come true…“

Okay, kann man sagen: Das steht einem aufstrebenden Poltiker, der schon einige Sträuße ausgefochten hat und nun nach den Sternen greift, ganz gut zu Gesicht.

ABER: Die Lyrics zu Dream On raten auch zu lernen, und zwar von den Dummköpfen, wie von den Weisen: „Live and learn from fools and from sages“ – nur so können Träume auch wirklich wahr werden. Und hier versagt Meister Trump auf ganzer Linie. Denn hätte er die Lyrics gehört, befolgt und sowohl aus den Fehlern anderer wie aus dem Rat einiger weiser Menschen gelernt, dann hätte er sich so manchen dämlichen Spruch, vor allem den imageschädigenden Ärger mit angesehenen Stars wie Neil Young, R.E.M. oder Aerosmith erspart. Ironischerweise hat der erzkonservative Populist den „Live and learn“-Vers aus Dream On sogar aufgegriffen und auch von sich aus in die Runde geworfen: „Lerne immer von den Fehlern anderer, nicht von deinen eigenen – das ist der viel billigere Weg“, zitiert ihn etwa das deutsche „Handelsblatt“ in einem Beitrag mit dem bezeichnenden Titel „Der Milliardär mit der großen Klappe“. Unlängst beschwerte sich auch noch Superstar Adele, Trump habe unerlaubt ihren Hit Rolling in the Deep im Wahlkampf benutzt: Donald – einfach unvervesserlich! Fazit: Wenn einer weder richtig zuhören kann noch seine eigenen Vorgaben befolgt, dann weiß man, was man von ihm zu halten hat. Menschlich wie als Politiker.