Von eisiger Kälte und brennenden Herzen

This Music May Contain Hope von Raye ist schon jetzt eins der Alben des Jahres

Es gib viele gute Popsongs und -alben, durch feine Ideen veredelt und so angenehm vertraut, dass sie schnell ihren Platz im kollektiven Gedächtnis eines breiten Chartspublikums finden. Fast wöchentlich werden solche interessanten Produktionen auf den Markt geworfen – perfektes, fantasievolles Kunsthandwerk, ein unterhaltsames business as usual. Doch gelegentlich kommt ein Song daher, der wirklich aufhorchen lässt: weil er nicht nur eingängig, sondern gleichzeitig komplett anders ist, weil er überraschende Elemente enthält, die so noch nicht zu hören waren. Immer höhere Wellen schlägt der Song weltweit, und plötzlich ist die Band, der Interpret, die Interpretin in aller Munde. Wenn dann noch weitere aktuelle Songs dieses Acts mit ähnlich spektakulärem Appeal hinzukommen, wird allmählich klar: Da ist eins der Alben des Jahres im Anmarsch.

Auf die Süd-Londonerin Raye waren viele Fans im Jahr 2023 schon einmal aufmerksam geworden. Mir persönlich hatten es damals die beiden Songs Escapism und The Thrill Is Gone angetan. Das dazugehörige Album My 21st Century Blues war unterhaltsam, aber noch nicht wirklich bahnbrechend. Ab Ende 2025 entpuppte sich dann die Uptempo-Soulnummer Where Is My Husband als globaler Ohrwurm, und siehe da, auch dieser Song war von Raye. Diesmal aber horchten viele Menschen noch einmal ganz besonders auf. Denn Where Is My Husband enthielt die besagten echten Überraschungsmomente: eine unglaubliche Dynamik, kaskadenartige Solo- und Chorgesänge, schwindelerregende Melodien und in irrsinnigem Tempo abgefeuerte Textzeilen, man kam und kommt beim Hören kaum hinterher. Auch am schicken Video mussten viele Menschen einfach hängenbleiben: Raye im subtilen Gerangel mit ihren Backgroundsängerinnen, dazwischen immer wieder einem geisterhaften jungen Mann hinterherjagend. Und dabei blieb es nicht: Weitere neue Raye-Songs poppten auf, und in fast jedem gab es etwas anderes zu entdecken: gewagte Arrangements, einen Schuss Vivaldi und hintergründige Lyrics mit aus der Rolle fallenden Sprecherinnen, Humor und die nächsten Hochgeschwindigkeitsgesangspassagen, immer wieder auch ungewöhnliche Videos. Und das alles mit hochelegantem, massentauglichem Pop-Appeal. Keine Frage, hier zeichnete sich deutlich ab: eins der zukünftigen Alben des Jahres.

Doch zurück zu Where Is My Husband: Der Song ist auch textlich interessant, weil wunderbar ambivalent: Bei oberflächlichem Hören könnte man meinen, es gehe um einen Gatten, der fremdgeht: „Oh, baby, where the hell is my husband – getting down with another?“ Und wenn gegen Ende mit der Stimme einer Stadionsprecherin die hochdramatische Ansage erklingt: „Your husband is coming!“, dann wirkt das schon ein wenig sarkastisch-schlüpfrig. Geht man allerdings dem Text auf den Grund, erkennt man vor allem den „Notruf“ einer einsamen Single-Frau, die endlich den Mann fürs Leben herbeisehnt. Im Grunde handelt es sich bei dem Song um eine moderne Variante des Supremes–Klassikers You Can’t Hurry Love, in dem eine junge Frau das Alleinsein nicht mehr aushält, aber von ihrer weisen Mama zur Geduld ermahnt wird. Vor diesem Hintergrund ist die Ansage „Your husband is coming!“ gar nicht mehr eindeutig zweideutig, sondern vor allem ein Hoffnungsschimmer. Und weil das Hoffnungmachen Raye offenbar sehr am Herzen liegt, trägt ihr im März erschienenes Album, für das Where Is My Husband als erste Vorab-Single fungierte, den wunderbaren Titel This Music May Contain Hope.

„Diese Musik könnte Hoffnung enthalten“ … das ist kein prahlerisches Versprechen eines überbordenden kreativen Egos, sondern eine charmante Einladung – eine sympathische Bescheidenheitsgeste, formuliert in dem Wissen, dass die Wirkung von Musik immer auch von den individuellen Voraussetzungen und Befindlichkeiten der Hörenden abhängt. Die Künstlerin kann nur versichern, dass sie sich mächtig ins Zeug gelegt, also alle Anstrengungen unternommen hat, um einen Funken Hoffnung in die Welt zu tragen. Und natürlich geht es auch um die Hoffnung, die Raye für sich selbst aus ihrer künstlerischen Arbeit ziehen möchte, wobei die Unsicherheit mitschwingt, ob das wirklich gelingt. Denn beschäftigt man sich mit ihrer Biografie, liest man über leicht dysfunktionale Familienverhältnisse, über Alkohol- und Drogenmissbrauch, Selbstzweifel, depressive Phasen. Musik, das klingt in Interviews mit ihr immer wieder durch, scheint für Raye auch eine Art Selbsttherapie zu sein. Und so passt schon der ungewöhnliche Titel perfekt zu einem kommenden „Album des Jahres“.

Auf This Music May Contain Hope gibt es wie gesagt einiges zu entdecken, jeder Hör-Durchgang ist ein kleines Abenteuer. Satte siebzehn vor Ideen strotzende Tracks sind zu bewältigen, hier nur ein paar Anspieltippps: Beware … The South London Lover Boy, musikalisch ähnlich mitreißend angelegt wie Where Is My Husband, beschreibt einen jungen Herzensbrecher als nachts durch die Straßen streifendes Liebesmonster, da hört man auch einen Werwolf heulen. Klare Botschaft: Die Liebe ist etwas Aufregendes für Frauen und absolut zu genießen, nur sollten die Ladies darauf achten, nicht in eine toxische Beziehung zu geraten. I Hate the Way I Look Today kommt als flotte Swingnummer daher und zeigt Raye als begnadete Jazzsängerin – gleichzeitig wird die schwierige, aber letztlich erfolgreiche Entwicklung einer sich selbst hassenden und von Fremdwahrnehmungen abhängigen Frau zu einer positiv denkenden, ihren Körper akzeptierenden Alltagsheldin gefeiert. Am Ende, wenn die Bewusstwerdungsarbeit getan ist, klatscht auch der tumbe Männerchor Beifall, und Raye lädt alle Beteiligten auf eine Tasse Tee ein – wunderbar! Goodbye Henry wiederum lässt es etwas ruhiger und geschmeidiger angehen, überrascht aber immer wieder mit einer Sprecherin, die daran erinnert, dass die fröhliche Musik nur täusche, in Wahrheit handele es sich um ein sehr trauriges Lied. Tatsächlich lauscht man einem schwermütigen Trennungssong, in dem die Sprecherin – möglicherweise als Seitenhieb auf Taylor Swift, die in früheren Songs nur allzu gern textliche Hinweise auf reale Liebhaber unterbrachte – darauf Wert legt, dass Henry nicht der wirkliche Name des Ex-Lovers sei, schließlich gehe es trotz all der Enttäuschung um Respekt. Doch mittendrin sprüht selbst aus Goodbye Henry ein plötzlicher Hoffnungsfunke, und zwar in Gestalt des leibhaftigen Soulveteranen Al Green, der mit religiösem Elan verkündet, dass am Ende alles gut werde.

Vielleicht das spektakulärste, weil überraschendste Stück des Albums ist Click Clack Symphony. Raye hat es gemeinsam mit Hollywood-Starkomponist Hans Zimmer auf den Weg gebracht. Einmal mehr geht es um eine von Verletzungen gezeichnete, depressive Frau, die sich zu Hause ebenso wie in der hintersten Ecke ihrer Seele verkriecht und von ihrer hartnäckigen Freundinnenclique buchstäblich gerettet wird. Am Ende findet sie in ein aktives, erfülltes Leben zurück, Nightlife-Spaß inklusive. Das Ganze oszilliert zwischen Innensicht, Außenperspektive und Erzählung, um in eine monumentale Motivationssentenz zu münden: „The cold never lasts, my darling, it just teaches the heart how to burn.“ Wow! Rayes atemberaubende Vokalkaskaden werden hier getragen von einem spannungsgeladenen Orchesterarrangement, das den Track, zu dem ein weiteres irres Musikvideo produziert wurde, zur musikalischen Entsprechung eines gewaltigen Filmmelodrams werden lässt. In dieser Kulisse wirken sogar Autotune-Effekte – sonst eher nervtötende dancemusikalische Klischees – überaus stimmig, unterstreichen sie doch, wie unwirklich, artifiziell sich alles anfühlt, wenn man im seelischen Tunnel umherirrt.

Kein Wunder, dass Raye das Intro zum Album wie den Einstieg in einen pompösen Hollywood-Schmachtfetzen inszeniert und im letzten Track Fin über einem weiteren Orchesterarrangement all die netten Menschen aufzählt, die zur Entstehung ihres famosen Werks beigetragen haben. Gerade dieser mehr als sechs Minuten lange Track wird gern als überflüssig kritisiert, dabei ist er nur konsequent. Denn auch im Kino bleiben wir am Ende eines beeindruckenden Films gern noch minutenlang sitzen, um den musikalisch unterlegten Abspann mit sämtlichen Credits an uns vorüberziehen zu lassen. Warum das Ganze nicht mal auf ein Musikalbum übertragen? Und allen Mitwirkenden auch musikalisch den gebührenden Respekt zollen?

Empowerment, vor allem Female Empowerment, ist zurzeit ein großes Thema in der Popmusik. Es wird häufig in Songs gefordert und gefeiert. Aber selten wurde das Thema so spektakulär und ein Kopfkino ankurbelnd inszeniert wie auf diesem Album. Rayes This Music May Contain Hope ist schlicht und ergreifend Empowerment als Kunst.