Der Geist der Geister

Jamie Lee Curtis? Lenny Kravitz? Ghost Town? Björk? Die Assoziationen zur deutschen „European Song Contest“-Finalistin Jamie-Lee Kriewitz sind so naheliegend wie schillernd, dass eigentlich mindestens ein Platz unter den Top Ten herausspringen muss. Mich beeindrucken die Unbekümmertheit und das Selbstbewusstsein der Interpretin, und ja, auch der Song Ghost bleibt angenehm im Gedächtnis hängen – unter Mainstream-Gesichtspunkten ist es ein höchst ansprechender, sympathischer Titel.

Außerdem: Das „Geister“-Thema des Songs mag Zufall sein, aber es ist eins der unterschwelligen Song-Dauerthemen der letzten Jahrzehnte. „Geister“ werden dabei natürlich meistens als Metaphern zitiert, nicht im okkulten Gruselsinne – und doch spiegeln sie im besten Falle auch Befindlichkeiten einer Generation, eine Zeitstimmung, wider. Bei Jamie-Lee Kriewitz scheint es um eine Liebe zu gehen, die nicht mehr das ist, was sie mal war: Beide Liebende sind nur noch Geister ihrer selbst und haben Angst voreinander.

Ein echter Gespensterklassiker ist Ghosts von der britischen Band Japan – hier wird das Ich in Momenten des Hochgefühls immer wieder von den Geistern der eigenen Vergangenheit ein- und auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. In besagter Ghost Town von den Specials dagegen wird die Jugend von der Regierung unterdrückt – was ihre Umgebung zur Geisterstadt mutieren lässt. Mumford & Sons machen in The Ghosts That We Knew die Geister zu einem Bild des persönlichen Scheiterns, und die betörenden Briten von Cherry Ghost haben das rauschend Geisterhafte gleich im Bandnamen verewigt. Fantasievoll und anspielungsreich geht es unter anderen bei Michael Jackson zu: Dessen Ghosts beschwört nur vordergründig alle möglichen Horrorgestalten – in Wahrheit geht es um den Geist der Eifersucht. Das Video dazu ist eine nette Variation des Zombie-Motivs aus Jacksons Erfolgsclip Thriller. Zum Klamauk wiederum mutiert das Gespenstermotiv bei den tollpatschigen Hollywood-Geisterjägern, den Ghostbusters.

Eine wirklich mystische Aura umgibt die Geister nur im Ghost Song von den Doors mit seinen irritierenden Bezügen auf tote und verletzte Indianer, die nach einem Autounfall auf dem Highway liegen, oder auch in The Five Ghosts von der kanadischen Band Stars. Schade, dass sich hierzu nur das Video einer Remix-Version im Internet finden lässt, es ist mein Liblingsgeisterlied. Das Ich wird hier von fünf Geistern verfolgt, die es am Ende eines ruhmreichen Lebens zu sich holen. Wer ein bisschen googelt, findet unzählige weitere Geisterbezüge in Album- und Songtiteln oder Bandnamen, bis hin zu Ghost Stories von Coldplay. Ich bin der Meinung: Mit Ghost könnte Jamie-Lee Kriewitz beim ESC in Schweden ganz unterschwellig einen Nerv treffen – und so die Finalgeister vom letzten Jahr vertreiben.

B-Seiten-Perle aus den Sechzigern: Gilbert Bécaud, „L’Orange“

Zu den schönsten Alltagserlebnissen gehört es, einen Song zu entdecken und zu erschließen – egal, ob es sich um einen simplen Hit aus dem Frühstücksradio oder um ein komplexes Stück Musik handelt. Da ist das Aufhorchen beim oft zufälligen ersten Hören; das Nachforschen, um welches Stück von wem es sich handelt; das Einholen von Informationen über die Künstler; das tagelange Immer-Wieder-Hören und Vor-sich-hin-Summen; und schließlich die Ablage im imaginären Archiv der Lieblingslieder, das langsam, aber stetig wächst und aus dem man den Song noch in Jahren und Jahrzehnten ab und zu hervorkramen wird.

Ein schwererer Krankheitsfall in der Familie. Man hilft ein wenig, bringt die Wohnung in Ordnung. Und stößt auf einen kleinen Stapel alter Schallplatten. Der Gedanke: Wäre es nicht schön, der Kranken, einer älteren Dame, ihre Lieblingslieder digital zur Verfügung zu stellen, zum Beispiel auf einem iPod? Also werden USB-Plattenspieler und PC angeworfen, um das alte Zeugs in MP3-Pakete umzuwandeln. Schon toll, was sich da alles findet: Single-Platten mit je vier Stücken von Jazzern wie Miles Davis und Gerry Mulligan, seichter Schlagerkram und jede Menge französischer Chansons. Die alte Dame ist sehr frankophil, und so stößt man unweigerlich auf Gilbert Bécauds Mittsechzigerhit Nathalie! Ja, das kennt man auch aus dem eigenen Elternhaus, „Monsieur 100.000 Volt“ war zu dieser Zeit in ganz Europa beliebt.

Aber was ist das da für ein schräger Song auf der B-Seite? Heißt L’Orange, swingt ungemein, Hit the Road Jack lässt grüßen, setzt sich mit zwei, drei wenigen Akkorden sofort im Gedächtnis fest, hat aber auch etwas merkwürdig Hysterisches, unterschwellig Bedrohliches. Schon der Titel ist sehr ungewöhnlich: Geht es um die Farbe Orange oder um eine Apfelsine? Also aktiviert man die rudimentärsten Französischkenntnisse und durchforstet, während der Song immer wieder läuft, das Internet – auf der Suche nach den Lyrics und einer Übersetzung. Auf Deutsch findet sich erst mal nichts, aber auf Dänisch gibt’s die Textzeilen nachzulesen. So bekommt man eine erste Vorstellung. Da soll einer auf dem Markt eine Apfelsine gestohlen haben. Er wird von einer Menge massivst beschuldigt, doch er beteuert, dass er es nicht getan habe. Er komme von weit her, aus der schönen Natur, und habe mit Orangen nichts am Hut. Doch die Menge, hörbar gemacht durch den fordernden Chor und schrille Frauenstimmen, lässt nicht locker. Auf Yotube findet sich ein Video, in dem Monsieur Bécaud nur allein zu sehen ist. Aber er fühlt sich verfolgt und bedroht, am Ende bricht er vor Angst zusammen.

Dann eine weitere Entdeckung, die den ersten Eindruck bestätigt. Dietmar Schönherr, Deutschlands anspruchsvollster und politischster Showmaster der Sechziger- und Siebzigerjahre, hat den Song auf Deutsch gecovert. Titel: Der Orangendieb. Gesanglich eher weniger intensiv, inhaltlich umso mehr. Ein echter Exot im deutschen Schlagerkontext. Es scheint um Ausgrenzung und Gruppendruck, letztlich um Gewalt gegen Andersaussehende zu gehen. Ein Fremder, der in die Stadt kommt, wird beschuldigt einen Diebstahl begangen zu haben. Er beteuert seine Unschuld, aber niemand glaubt ihm. Wird ihn die Menge lynchen? Der Youtube-User, der den Song eingestellt hat, packt am Ende das Bild eines Galgens dazu. Als Hörer ist man auf der Seite des Verfolgten. Ein irritierender Song, der es derart in sich hat, dass er sogar in einer Internetliste von Antikriegsliedern auftaucht. Und der Monsieur 100.000 Volt für mich in neuem Licht erscheinen lässt. Der Schnulzensänger, für den ich ihn als Jugendlicher hielt, hatte ganz offensichtlich mehr drauf – zu bewundern auch in einer mitreißenden Liveaufnahme des Songs.

Seltsam, dass ich L’Orange ausgerechnet in einer Zeit entdecke, in der die kleingeistigen AfD’s Pegidas und Donald Trumps dieser Welt mit miesesten Sprüchen gegen schutzsuchende Flüchtlinge und Asylbewerber, gegen alles Fremde, wettern.

Detroit im Song: Soul-Mekka, Motor City, Geisterstadt

„Geisterstädte sind das Ergebnis von Flucht- oder Wanderungsbewegungen und damit Zeugnisse für verschiedenste Ereignisse oder Entwicklungen“, heißt es im Ankündigungstext einer Reihe von Reportagen, die diese und kommende Woche auf arte laufen und anschließend noch eine Zeit lang in der Mediathek abgerufen werden können. Neben Riesi in Sizilien, wo der Mangel an Arbeitsplätzen und kriminelle Machenschaften viele Menschen zur Flucht in den Norden getrieben haben, Städten in der Türkei und in China ist auch Detroit im amerikanischen Bundesstaat Michigan Thema (9. und 16. Mai).

http://programm.ard.de/TV/Programm/Suche/?sendung=2872411979327351

Detroit, Rufnahme „Motor City“, war jahrzehntelang die amerikanische Autometropole und zog in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Arbeitssuchende, darunter viele Schwarze, an. Zwar erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Boom, doch war sie auch gleichzeitig immer wieder Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen der schwarzen und der weißen Bevölkerung. Heute leidet Detroit aufgrund fehlender Arbeitsplätze, der allgemeinen Wirtschaftskrise und einer rigiden Sparpolitik an drastischem Bevölkerungsschwund und einer hohen Kriminalitätsrate, 2013 musste die Stadt Konkurs anmelden.

Kein Wunder, dass Detroit – durch das berühmte Motown-Label auch eine bedeutende Musikstadt – immer wieder in Songs thematisiert wird. Erst 2011 erschien A Long Time von Mayer Hawthorne, ein mitreißendes Stück im Motown-Sound, das von der Hoffnung auf die Rückkehr zu ruhmreichen Zeiten erzählt, aber auch von der Erkenntnis, dass es bis dahin ein langer Weg sein wird. In der ersten Strophe wird ein Mann namens Henry eingeführt, und unschwer kann man dahinter den Autobauer Henry Ford erkennen. Ford sorgte für den wirtschaftlichen Boom der Stadt, der mit dem krassen Bild der Atombombe verknüpft wird: „Welcome to the Motor Town / Boomin’ like an atom bomb“. Atombombe? Warum das? Wahrscheinlich weil mit dem Aufschwung eine explosive soziale Gemengelage zwischen Schwarz und Weiß entstand – und weil es 1966 in einem Forschungsreaktor bei Detroit zu einer partiellen Kernschmelze kam: ein Unfall, bei dem wie durch ein Wunder kein größerer Schaden entstand. In der zweiten Strophe des Songs geht es um einen Mann namens Berry, und natürlich ist Berry Gordy gemeint, der Gründer eben jenes Motown-Labels, das von Smokey Robinson und den Supremes über die Four Tops und die Temptations bis hin zu den Jackson Five, Stevie Wonder oder Lionel Richie etliche amerikanische Soulgrößen herausbrachte. Mit der wunderbaren Konsequenz: „Oh, people all around the world / Tuning in their radios“.

Henry und Berry, so der Refrain, waren die geschichtlichen Höhepunkte, das Ultimative, „the end of the story“, danach jedoch ging alles den Bach runter. Und doch wird auch die Entschlossenheit formuliert, etwas für den langwierigen Wiederaufstieg dieser Geisterstadt zu tun. „Then everything went wrong / And we’ll return it to ist former glory / But it just takes so long … It’s gonna take a long time / It’s gonna take it but we’ll make it one day.“

Explizit um den Reaktorunfall von 1966 geht es in We Almost Lost Detroit von Rap- und Soulpionier Gil Scott-Heron. Der klare, kaum poetisch verdichtete Text führt dem Hörer immer wieder die schreckliche Vorstellung vor Augen, dass damals beinahe eine ganze Stadt zerstört worden wäre. Atomkraft, singt Scott-Heron, ist eigentlich ein vom Wahnsinn getriebenes Konzept, bei dem es letztlich nur um Geld geht. Die Sicherheit der Menschen bleibt zweitranging: „That when it comes to people’s safety / Money wins out every time / And we almost lost Detroit this time, this time. / How would we ever get over / Over losing our minds? / You see, we almost lost Detroit / That time.“ Freunden der Coverversion sei die wesentlich lautere, aber nicht minder beeindruckende Interpretation des Stücks durch Dale Earnhadt Jr. Jr. empfohlen.

Eine besonders aufregende Phase erlebte Detroit in den 1960er Jahren, als es im Zuge der Rassendiskriminierung immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Schwarzen und Weißen kam – Letztere unterstützt von großen Teilen der Polizei.

Die Kämpfe gipfelten 1967 in den „12.-Straße-Unruhen“ („12th Street Riot“). Anlass war eine Polizeirazzia in einer Bar an der Ecke Clairmont Street, die anschließenden Straßenschlachten dauerten fünf Tage und forderten – auch weil Armee eingesetzt wurde – über 40 Todesopfer. Etliche Hundert Häuser wurden verwüstet. In The Motor City Is Burning, der nervösen Aufarbeitung der Ereignisse durch den Bluesmusiker John Lee Hooker, blickt noch im selben Jahr ein fassungsloses Ich auf die brennenden Straßen. Erinnerungen an den Vietnamkrieg drängen sich auf, man spürt die Angst des Sprechers, seine Heimatstadt könne komplett zugrundegehen. Weder weiß das Ich, was es gegen die Zerstörung tun kann, noch versteht es die Zusammenhänge, die zu den Unruhen geführt haben. Wie heftig die Wut der Bewohner des Viertels ist, zeigt das Bild der Heckenschützen, die die Feuerwehr am Löschen der Flammen hindern. Hier die ersten beiden Strophen: „Oh, the motor city’s burnin’, it ain’t no thing in the world that I can do / Don’t ya know, don’t ya know the big D is burnin’,ain’t no thing in the world that Johnny can do / My home town burnin’ down to the ground, worser than Vietnam. // Well, it started on 12th and Clairmont this mornin’, I just don’t know what it’s all about / Well, it started on 12th and Clairmont this mornin’ I don’t know what it’s all about / The fire wagon kept comin’, the snipers just wouldn’t let ’em put it out.“

Die 1960er Jahre waren aber auch die große Zeit der amerikanischen Gegenkultur, der Friedens- und der Protestbewegung, zum Teil vorgetragen mit revolutionärem Impetus. Und nicht wenige weiße Rockmusiker lieferten den Soundtrack dazu. Wie die in Detroit ansässige Band MC 5 (für „Motor City Five“), die sich nicht durch einen rauen Sound, sondern auch durch provokante Parolen auszeichnete und für viele Kritiker schon auf die Punkbewegung 10 Jahre später vorauswies. Ihre internationale Karriere starten MC 5 im Jahr 1969 höchst ungewöhnlich, nämlich gleich mit einer Live-LP, die auch eine Coverversion von John Lee Hookers The Motor City Is Burning enthält. Hier drosseln die Musiker das Tempo des Originals und verleihen dem Stück etwas Düster-Bedrohliches, etwas Dampfwalzenhaftes. Der Text wird an wenigen Stellen markant verändert, wodurch er seinen fassungslosen, resignativen Charakter verliert: Nicht der Sprecher des Songs hat keinen Schimmer, was er tun soll, sondern die Gegenseite, die weiße Gesellschaft („they“, „white society“) muss tatenlos zusehen, wie die Schwarzen für ihre Rechte kämpfen. In der zweiten Strophe wird das ungläubige Nicht-Verstehen des ursprünglichen Song-Ichs durch einen hasserfüllten Hinweis auf die anrückende Polizei ersetzt – die Rede ist von umherspringenden und -schreienden „pig cops“ („Bullenschweinen“). Und aus den anonymen Heckenschützen, die die Feuerwehr am Löschen der Flammen hindern, werden explizit Heckenschützen der radikalen Bürgerrechtsbewegung „Black Panthers“, mit denen sich die Band letztendlich solidarisiert. Hier die beiden ersten Strophen der Coverversion von MC 5: „Ya know, the motor city is burning, babe, there ain’t a thing in the world they can do / Ya know, the Motor City is burning, people, there ain’t a thing that white society can do / Ma home town burning down to the ground, worser than Vietnam. // Let me tell you how it started now: It started on 12th Clairmount that morning, it made the… the pig cops all jump and shout / I said, it started on 12th Clairmount that morning, it made pigs in the street go freak out / The fire wagons kept comin’, baby, but the Black Panther snipers wouldn’t let them put it out.“ Sprach aus dem Original ein verunsicherter Schwarzer, ein um seine Zukunft bangender „kleiner Mann von der Straße“, äußert sich bei MC 5 ein selbstbewusstes Song-Ich, das dem unterdrückerischen weißen Establishment den Kampf ansagt. Auch andere amerikanische Städte sind mit ihren Problemen in Songs thematisiert worden, etwa der einst dahinsiechende Seehafen Baltimore (Randy Newman) oder die Spielerstadt Atlantic City (Bruce Springsteen). Aber das sind wieder ganz andere Geschichten.

Lieder, Lieder: Songfuchs Adel Tawil

„Und ich höre diese Lieder / durch den Schmalz in meinen Ohren / Hab aus Werken andrer Künstler / einen Instant-Hit geboren“ – so oder ähnlich könnte es klingen, wenn man Lieder parodiert, den aktuellen Hit von Adel Tawil. Bin gespannt, wann die ersten Parodien dieser Art kommen, denn der Song, der derzeit rauf und runter läuft im Radio, ist dermaßen „offensichtlich“, dass sich nicht wenige Kenner bemüßigt fühlen dürften, spontan loszureimen.

Die Idee zu Lieder ist so überraschend wie simpel – und eigentlich ganz charmant: Titel von Hits, vornehmlich aus dem englischsprachigen Raum, werden eingedeutscht und vom Sprecher so in den Text eingearbeitet, als hätte er sie „gelebt“: „Ich ging wie ein Ägypter / Hab mit Tauben geweint“, heißt es da oder: „Michael lässt mich nicht allein“ und „Kurt Cobain sagte mir, ich soll kommen, wie ich bin.“ So werden neben You Are Not Alone von Michael Jackson, neben Nirvanas Come As You Are, When Doves Cry von Prince und Walk Like An Egyptian von den Bangles auch Unbelievable von EMF, Bob Dylans Like A Rolling Stone oder Louis Armstrongs What A Wonderful World verwurstet. Manchmal wird auch ein Plattencovermotiv oder ein Star direkt erwähnt. Eine nette Art, großen, wichtigen Songs und Alben der jüngeren Musikgeschichte, wahrscheinlich auch Lieblingsliedern Tribut zu zollen – und eine kleine Rätselserie, die zumindest von eingefleischten Hitradiohörern leicht zu knacken ist.

Durch Verweise auf Songs der Gruppe The Boyz, in der er Mitglied war, und Ich + Ich, das erfolgreiche Duo, das er einst zusammen mit Annette Humpe bildete, spielt Adel Tawil auch auf seine eigene Karriere an. Es sind Bezüge, die man „persönlich“ nehmen kann, aber nicht persönlich nehmen muss. Der Song funktioniert auch ohne dass man etwas über Adel Tawils Werdegang weiß. Und ohnehin lebt das Ganze fast ausschließlich von den spektakulären Quellen, aus denen es sich bedient und die im Video lustvoll mit viel Tricktechnik noch einmal präsentiert werden. Da geht Tawil durch einen Plattenladen und zieht die entsprechenden Alben aus den Fächern, oder er läuft durch die Stadt, derweil Covermotive auf seinem T-Shirt und auf großen Reklameschildern ineinander übergehen.

Das wirkt beim ersten Hören ergreifend und clever gemacht, auf Dauer hat es für mich einen leichten „Rip-off“-Beigeschmack – wenig dichterische Eigenleistung und voll im Trend der wehmütigen Rückschau-Songs, von Kid Rocks All Summer Long über den Bosse-Hit Schönste Zeit, der ebenfalls mit Kurt-Cobain-Bezug daherkommt, bis Wie wir waren von Unheilig & Andreas Bourani. Und doch: Der Song geht nicht nur ins Ohr, er regt auch die eigene Erinnerung an und motiviert am Ende zur spielerischen Nachdichtung, natürlich unter Verarbeitung der persönlichen Lieblingsinterpreten und -alben. Ich hab’s spontan versucht und dabei drei Dinge festgestellt. Erstens: Viele der Songs, die ich eigentlich mag, kriege ich gar nicht griffig eingearbeitet. Zweitens: Die Geschichte, die ich erzähle, verselbstständigt sich mit den Bezügen, die ich wähle – oder mit den Reimen, die ich brauche. Und drittens: Zwangsläufig habe ich auch Songs eingebaut, die ich gar nicht unbedingt mag – nur damit es weitergeht. Insofern bitte ich, aus den folgenden Lyrics für einen nicht existierenden Song keine Rückschlüsse auf meine Person zu ziehen. So wie man vielleicht auch Adel Tawil nicht alles abkaufen muss, was er da „mit Tränen in den Augen“ singt…

PS: Die Auflösung zu den durch den Mixer gejagten Songs gibt’s am Ende.

PPS: Warum nicht selber mal einen Lieder-Text versuchen. Freue mich auf Kommentare

Mehr Lieder

Ich spürte Samstagabendfieber
Du warst meine Dame in Schwarz
Ich sah deine blauen Augen
Liebe rettete den Tag

Du flogst mit mir zum Mond
Durch Gammastrahlen, Sonnenfeuer
Zu des Mondes dunkler Seite
Voller Freaks und Ungeheuer

London rief, wir nahm’n die Autobahn
Fuhr’n im Taxi nach Paris
Wir hatten Visionen von China
Und landeten, oh, in Wien

Wir kam’n ins Hotel Kalifornien
Teenage-Geist war unser Duft
Ein schwarzer Hund, ich sah es kommen
Plötzlich lag was in der Luft

Du gabst mir einen Kuss
Und sagtest: Ich bin nicht verliebt
Keine Pläne mehr für Nigel
Nie mehr Foxtrot, Liebesdieb!

(Refrain)

Und jetzt hör ich diese Lieder
Und es werden immer mehr
Ja, das Beste mag noch kommen
Alles so verdamp lang her

Gestern Mixtape, Vinylträume
Heute Klanginseln im Strom
Musik eint Rebell’n und Bürger
Für immer im Vergnügungsdom

Oh, wie wünscht’ ich, du wärst hier
Um am Nullpunkt mich zu retten
Und im Boogie-Wunderland
Für immer dich an mich zu ketten

Du lässt mich häng’n am Telefon
Von Gerüchten umsäumt
War’s vielleicht nur Illusion?
Hab ich alles nur geträumt?

Genug mit Frieren in der Hölle
Hab nicht vergessen, doch vergeben
Wir verblassen zu Grau
Und ich werd es überleben

(Refrain)

Und jetzt hör ich diese Lieder
Und es werden immer mehr
Ja, das Beste mag noch kommen
Alles so verdamp lang her

Gestern Mixtape, Vinylträume
Heute Klanginseln im Strom
Musik eint Rebell’n und Bürger
Für immer im Vergnügungsdom

Heute hör ich Glocken röhren
Kein Rauch mehr überm Wasser
Trinke Tee in der Sahara
Tanz in Cape Cod Kwassa Kwassa

Auf der langen gewundenen Straße
Klöppeln Congas, es geht bergauf
Neue Liebe, neues Leben
Für mich reißt der Himmel auf

Hab dich ganz und gar vergessen
Denk nicht mehr an den letzten Kuss
Geh doch einfach deinen Weg
Und weine mir ’nen Fluss!

Trag ’ne billige Sonnenbrille
Zieh’ neue Jeans mir an
Landgeschwindigkeitsrekorde
Dabei so sanft, ich bin der Mann

Dünne Lisbeth, alberner Idiot
Alle winken sie mir zu
Mit der ganzen Popgeschichte
Auf Tuchfühlung und per Du

(Refrain)

Und jetzt hör ich diese Lieder
Und es werden immer mehr
Ja, das Beste mag noch kommen
Alles so verdamp lang her

Gestern Mixtape, Vinylträume
Heute Klanginseln im Strom
Musik eint Rebell’n und Bürger
Für immer im Vergnügungsdom

((Die verwursteten Songs: Bee Gees, Saturday Night Fever / Uriah Heep, Lady in Black / Ideal, Deine Blauen Augen / Whitney Houston, Love Will Save the Day / Julie London, Fly Me to the Moon / Birth Control, Gamma Ray / Manfred Mann’s Earth Band, Solar Fire / Pink Floyd, Dark Side of the Moon / Chiic, Le Freak / Eminem, The Monster / The Clash, London Calling / Kraftwerk, Autobahn / Felix de Luxe, Taxi nach Paris / Japan, Visions of China / Ultravox, Vienna / The Eagles, Hotel California / Nirvana, Smells Like Teen Spirit / Led Zeppelin, Black Dog / Phil Collins, In The Air Tonight / Prince, Kiss / 10cc, I’m Not In Love / XTC, Making Plans for Nigel / Genesis, Foxtrot / Depeche Mode, Love Thieves / Frank Sinatra, The Best Is Yet to Come / BAP, Verdamp lang her / Jimmy Eat World, Mixtape / Narada Michael Walden, Dreams of Vinyl / Kenny Rogers & Dolly Parton, Islands in the Stream / Madonna, Music / Frankie Goes to Hollywood, Welcome to the Pleasuredome / Pink Floyd, Wish You Were Here / The Fixx, Saved By Zero / Earth, Wind & Fire, Boogie Wonderland / Fleetwood Mac, The Chain / Blondie, Hangin’ On the Telephone / Timex Social Club, Rumors / Imagination, Just An Illusion / Nena, Nur geträumt / Mitch Ryder, Freezin’ in Hell / The Corrs, Forgiven Not Forgotten / Visage, Fade to Grey / Gloria Gaynor, I Will Survive / Mike Oldfield, Tubular Bells / Deep Purple, Smoke on the Water / The Police, Tea in the Sahara / Vampire Weekend, Cape Cod Kwassa Kwassa / The Beatles, The Long And Winding Road / Gloria Estefan, Conga / Jürgen Marcus, Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben / Silbermond, Himmel auf / Fleetwood Mac, Go Your Own Way / Julie London, Cry Me A River / ZZ Top, Cheap Sunglasses / David Dundas, Jeans On / Hüsker Dü, Land Speed Record / Santana, Smooth / Joe Jackson, I’m the Man / Thin Lizzy / Daft Punk)

Ich bin nicht Stiller…

Wenn man so will…

Immer wenn ich Ein Kompliment von Sportfreunde Stiller höre, „stolpere“ ich an derselben Stelle im Refrain: „Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist / Und sichergehen, OB du denn dasselbe für mich fühlst…“ Ich stolpere, weil ich von Berufs wegen Korrektor/Lektor und deshalb ziemlich sicher bin, dass es „sichergehen, DASS“, nicht „sichergehen, OB“ heißen muss. Wieso? Ganz einfach: Man überprüft, OB etwas so und so ist – aber man geht oder stellt sicher, DASS etwas so und so ist. Da Ein Kompliment ansonsten ein wirklich wunderschönes Liebeslied ist, stelle ich mir immer wieder die Frage: Haben die „Sportis“, wie sie liebevoll schon auf HR3 und anderen Servicewellen genannt werden, hier einfach nur einen kleinen grammatikalischen Hänger?

Oder haben sie diese sprachlich Irritation sogar ganz bewusst auf das Gesamtbild hin eingebaut? Denn in Phrasen wie „Wenn man so will, bist du das Ziel einer langen Reise…“, „die Perfektion der besten Art und Weise“, „die Schaumkrone der Woge der Begeisterung“ oder „nur mal eben sagen“  offenbart sich ein reichlich unsicheres Song-Ich, das dem angesprochenen Du „irgendwie“ unbeholfen bis ungelenk pathetisch seine Liebe gesteht. In Verbindung mit dem eckig-naiven Gesangsstil ein charmanter Gegenentwurf zu all den zünftig rockenden Macho-Song-Ichs, die voll narzisstischem Selbstbewusstsein ihre Liebe und ihr Begehren in die Welt hinausröhren – da darf es auch mal sprachlich nicht ganz so korrekt formuliert sein…

Ich habe bis heute keine Antwort gefunden und freue mich über weiterhelfende Kommentare.

Überhaupt scheinen die „Sportis“ ein Faible für solche Zwiespältigkeiten zu haben. Auch ihr zweiter Dauerbrenner in den deutschen Serviceradios, Applaus, Applaus, hält für meine Begriffe einige Irritationen parat. In Applaus, Applaus, einem auf den ersten Blick ebenfalls lupenreinen Liebeslied, lobt das Song-Ich die Partnerin oder den Partner dafür, dass sie/er den Sprecher optimal „händelt“: „Ist meine Hand eine Faust, machst du sie wieder auf und legst die deine in meine / Du flüsterst Sätze mit Bedacht durch all den Lärm, als ob sie mein Sextant und Kompass wären.“ Das sind starke Bilder, auf die man als sprachbegeisterter Mensch neidisch werden kann – und die in der zweiten Strophe an Intensität noch getoppt werden: „Ist meine Erde eine Scheibe, machst du sie wieder rund, zeigst mir auf leise Art und Weise, was Weitsicht heißt / Will ich mal wieder mit dem Kopf durch die Wand, legst du mir Helm und Hammer in die Hand.“

Alle Achtung! Und doch horcht bei „Erde“, „Scheibe“ und „rund“ der blöde Lektor in mir wieder auf: Klar, ich verstehe, was gemeint ist: Es geht um Engstirnigkeit und den Blick fürs Ganze, versinnbildlicht durch den Konflikt zwischen der archaischen Haltung, die Erde sei flach, und der neuzeitlichen Erkenntnis, dass sie Erde eine Kugel ist. Aber: „Ist meine Erde eine Scheibe, machst du sie wieder rund“ scheint mir einmal mehr unsauber formuliert, denn auch eine Scheibe kann rund sein! Die „Sportis“ formulieren also nicht wirklich den Gegensatz zwischen einer flachen Erde und einer Welt in Kugelform, sondern erzwingen die Aussage mit Blick auf den Zeilenrhythmus eher ungelenk.

Eine weitere Irritation, und zwar hinsichtlich des Jargons, erfolgt für mich schließlich in den Refrainversen: „Applaus, Applaus, für deine Art, mich zu begeistern / Hör niemals damit auf! / Ich wünsch mir so sehr, du hörst niemals damit auf / Applaus, Applaus für deine Worte / Mein Herz geht auf, wenn du lachst / Applaus, Applaus für deine Art, mich zu begeistern / Hör niemals damit auf! / Ich wünsch mir so sehr, du hörst niemals damit auf.“

Mal ehrlich: Welcher und welche Liebende würde seinem/ihrem Partner Applaus spenden für seine/ihre Art, mit der geliebten Person umzugehen? Na? Wohl niemand. Applaus spendet man für eine Darbietung von Fremden – als Anerkennung einer Leistung, im Zirkus, im Fußballstadion, auf der politischen Bühne. Aber doch nicht in einer Liebesbeziehung! Was mich irritiert: Bei den „Sportis“ klingt es, als ob sich ein minderbemittelter Typ, der egoistisch seine Bedürfnisse und Triebe auslebt, seine sämtlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten pflegt, zufrieden im Sessel zurücklehnt und genüsslich die Bemühungen seiner Lebensgefährtin bewertet. In meinen Ohren ein ziemlicher Schwachkopf.

Insofern stellt sich mir auch hier die Frage, ob es die „Stillers“ ganz einfach nicht so draufhaben mit den sprachlich wirklich runden Texten – denn das musikalische Arrangement von Applaus, Applaus ist an ernsthafter Romantik und Hymnenhaftigkeit eigentlich kaum zu überbieten; oder ob sie ganz bewusst einen unsicheren, selbstverliebten Beziehungskasper sprechen lassen, um ihn – in Form eines Rollen-Ichs – auf gewisse Weise bloßzustellen. Das hätte ja was.. Oder ob ich mir – wie meine Lebensgefährtin meint, die beide Songs mit gutem Recht einfach nur schön und gefühlvoll findet – schlichtweg zu viele unsinnige Gedanken mache…

Auch hier gilt: Ich habe bis heute keine Antwort gefunden und freue mich über weiterhelfende Kommentare.

Fest steht: Sowohl in Ein Kompliment als auch in Applaus, Applaus operieren die Sportfreunde Stiller mit Codes und Zeichensystemen, die letztlich nicht wirklich eindeutig sind. Was die „Sportis“ als Urheber sich bei diesem und jenem Song gedacht haben, haben sie nicht mittransportiert – sie haben Leerstellen gelassen; und was beim Publikum ankommt, das ist von der jeweiligen Gefühlslage, dem musikalischen Vorwissen und der Sozialisation einer jeden Hörerin, eines jeden Hörers abhängig.

Mit der Art und Weise, wie sprachliche und musikalische Codes funktionieren, wie wir einen Song im Wesentlichen wahrnehmen, beschäftigt sich auch der aktuelle Essay meiner Reihe „What have they done to my song?“ auf Faust-Kultur, nachzulesen unter: http://faustkultur.de/1327-0-Behrendt-What-have-they-done-to-my-Song-VII.html#.Uh_U1LzBI7A