Ein Fall für #aufschrei und #MeToo? Regento Stars, „Laila“

Sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltgungen sind das Reizthema der Stunde, kaum jemanden lässt es kalt. Die Täter nicht und erst recht nicht die überwiegend weiblichen Opfer. In immer größerer Zahl melden sie sich in den sozialen Medien zu Wort. Warum die Betroffenen erst nach Jahrzehnten an die Öffentlichkeit gehen? Weil sie damals irritiert waren, die Vorfälle nur schwer einzuordnen wussten. Weil sie irgendwo zum Stillhalten erzogen, die Männer- und Frauenrollen andere waren. Weil ihnen nur wenige Menschen geglaubt hätten – und weil selbst Frauen als Komplizen der Männer beschwichtigend abwiegelten.

Wie anders die Gesellschaft beispielsweise vor gut 50 Jahren getickt haben muss, lässt sich schwer formulieren, erst recht nicht in ein paar wenigen Zeilen. Aber ich bin der Meinung, dass beispielsweise Songs immer auch ihre Zeit widerspiegeln. Und kürzlich bin ich in ganz anderem Zusammenhang auf ein bizarres altes Skandalstück gestoßen, das ich mit Blick auf die aktuelle Debatte um sexuelle Belästigung hochinteressant finde: Laila, das umstrittene Ein-Hit-Wunder der holländischen Kapelle Regento Stars. Grundlage ist ein Tango-Lied von Joachim Dauber und Georg von Breda, das seinerseits auf Leila (mit „ei“) basiert, einem Stück von Adolf Dauber und Fritz Löhner-Beda, geschrieben 1928. Im Original will einer „heute Nacht“ seine Leila endlich wiederseh’n, ihre „schlanken braunen Glieder seh’n“. Und er bittet sie: „Für diese Nacht erwähle mich, küsse mich, quäle mich!“ – nicht mehr und nicht weniger. Das ganze Setting bleibt unbestimmt. In der Version von Joachim Dauber und Georg von Breda wird daraus ein liebeskranker Legionär, der eine weitere Nacht mit seiner Lieblingsprostituierten verbringen will: „In der magisch hellen Tropennacht / Vor dem Frauenhaus in Algiers / Hat ein dunkles Auge angelacht / Den armen bleichen Legionär / Und das Auge hat ihn toll gemacht / Vor dem Frauenhaus in Algiers / Und es klingt ein heißes Liebeslied / Sterbend, müd und weich.“ Es folgt der altbekannte Refrain: „Laila, heute Nacht will ich dich wiederseh’n / Laila, deine schlanken braunen Glieder seh’n …“ Was für eine triefende Seemanns- und Rotlichtromantik.

Aber: Schlimmer geht immer. Denn 1960 treten also die Regento Stars auf den Plan. Sie nehmen den Song in Amsterdam als Debüt-Single für das kleine Label Tivoli auf und landen in der Heimat einen Überraschungshit. Vertreter der Firma Philips stoßen erstmals im Raum Aachen auf die Platte, „wo Grenzjäger das ‚Laila’-Lied als attraktives Souvenir einer Hollandfahrt in die Bundesrepublik einschmuggelten“, wie es in Medienberichten heißt. Philips übernimmt Laila ins deutsche Programm und manövriert sich damit in einen Skandal. Denn als wären die bekannten Lyrics nicht schon bescheuert genug, wird in einer gesprochenen Passage auch noch ein fremder Liedtext verwurstet, nämlich der zum „Romantischen Tango“ Stellen sie sich vor, ich bin ein wilder Räuber. Autor: Peter Igelhoff. Der Fairness halber muss man konstatieren: Auch Igelhoffs Lyrics sind schon nicht ohne. Aber sie werden ironisch-süffisant, fast schon satirisch präsentiert. Da trifft ein Mann auf weiter Flur, in der Natur, eine Frau, die nur vielleicht wie er auf der Suche nach Abenteuern ist. Seine Ansprache im Refrain ist, vorsichtig gesagt, offensiv: „Stellen Sie sich vor, ich bin ein wilder Räuber“, heißt es da, „Und Sie gehen nachts allein im Wald! / Stellen Sie sich vor, ich raub’ auch schöne Weiber / Wird es Ihnen da nicht heiß und kalt? / Stellen Sie sich vor, ich ruf’ jetzt: ‚Hände hoch!’, / Und ich küss’ Sie tausendmal und mehr!“ Au weia. Natürlich will der Sprecher sein Publikum mit dieser fiktiven Geschichte belustigen und auf etwas Bestimmtes hinaus – auf einen augenzwinkernden Kommentar zu den Männern seiner Zeit: „Hätten Sie nicht gern, wenn die Herrn / Doch ein wenig wilder wär’n? / Ein kleiner Schuss von Räuberblut / Denk’ ich, tät’ jeder Dame gut!“ Aus heutiger Sicht aber irritiert, wie spaßig-nett hier ein sexueller Übergriff verkauft wird.

Und dann langen die Regento Stars hin. In ihrer Laila-Version greift Sänger Bruno Majcherek Igelhoffs Text auf und kommt schnell zur Sache. Gleich nach dem ersten Refrain gibt er den radebrechenden Conferencier, beginnt mit der wilden Räubermär – und gibt ihr schon nach wenigen Zeilen einen seltsamen neuen Dreh, ganz und gar nicht süffisant, sondern bestens gelaunt, in Herrenwitz-Manier: „Stellen Sie sich vor, meine Damen und Herren, ich wär einen wilden Räuber. Stellen Sie sich vor, Sie liefen ganz allein rum im Wald, ich tät rufen von ‚Hände hoch, oder ich schieße sie!’ Wäre das nicht wunderbar? Fühlen Sie jetzt, meine Herren, dass die Damen vollkommen willenlos sind geworden, denn bei der zweiten Strophe hat sich schon eine ganze Menge junge Damen in dem Sekt- und Schnapstrinken verschluckt …“ Und dann geht’s weiter mit dem Legionär, der einmal mehr heißblütig fleht: „Küsse mich, quäle mich!“ Es ist eine krude Collage aus Anzüglichkeiten: Angriffe auf einsame Frauen oder Paare im Wald; vor allem Frauen, die den sexuellen Übergriff am Ende auch noch prickelnd finden; Legionäre, die sich nach Sex mit einer Prostituierten sehnen; und – last but not least – ein unappetitlich vielsagender Hinweis an die Herren im Publikum: Die berauschten Damen an ihrer Seite seien inzwischen willenlos geworden. Was soll denn das bedeuten? „Nehmt euch, was ihr kriegen könnt“, oder was?

Wer genau hier spricht, bleibt unklar. Denn offenbar wurden gleich mehrere Ichs zusammengeworfen, eine einheitliche Stimme ist nicht zu vernehmen. UfaTon-Verlagsleiter Rudolf Förster sagte damals: „Weder der Text noch die Musik, noch das Arrangement, noch die Aufnahme, noch die Interpretation sind richtig. An dieser Platte stimmt nichts, außer, daß sie rund ist und schwarz.“ Und doch sind die Lyrics, vorsichtig gesagt, befremdlich. Ja, Laila von den Regento Stars eckte auf jeden Fall wegen seiner sexuellen Anspielungen an. Interessant aber ist die damalige Bewertung, die sich vor allem an der mutmaßlichen Freizügigkeit der Schilderungen und an der unziemlichen Beziehung der Protagonisten rieb. „Besonders die Springer-Presse schäumte, und auch die Moralwächter aus Kirche und Gesellschaft waren bereits hochrot angelaufen: Wie kann man die Liebe zu einer Hure besingen?“, fasst Gerhard Roese 2009 in seinem „Blog.wortwechsler.de“ zusammen. „Zumal in ‚primitiver, anstößiger Weise’, wie die BILD-Zeitung ihrer Bauarbeiterklientel ins Ohr blies.“ Im Essayband Musik & Zensur heißt es in Anspielung auf das vermeintlich Sinnenfrohe des Liedes: „Ein Schlager der 50er wurde zum Gassenhauer, gerade weil er im Namen der wirtschaftswunderlichen Prüderie und Lustfeindlichkeit zensiert wurde.“ Angeblich sei „das Blut der Saubermänner und -frauen zu arg in Wallung“ geraten, spekuliert der Text weiter und: „Die Entrüstung der Presse- und Rundfunkkritiker schlug solche Wogen, dass die Philips in einer Presse-Verlautbarung mit der Begründung, es handele sich bei Laila um einen ‚Scherzartikel’, von ihrem Produkt abrücken musste.“

Die Folgen lagen auf der Hand: Deutsche Rundfunksender weigerten sich, die Platte zu spielen, und zeitweise war das Lied hierzulande verboten, vom Streit um Tantieme-Ansprüche verschiedener Urheber ganz zu schweigen. Was aus heutiger Sicht aber immer noch verblüfft, ist die Tatsache, dass sich seinerzeit nur wenige Kritiker an der offensiven sexuellen Belästigung störten, die im Text zelebriert wird – an der Beschwörung willenloser junger Frauen, die offenbar nur auf Überfälle warteten, um sich hemmungslos hinzugeben. Der Song sagt viel über das gesellschaftliche Klima um 1960 – über schlimme Frauenbilder und Prüderie, über Doppelmoral und Verharmlosung. Zu verklemmten Wirtschaftswunderzeiten mögen sich schmierige Möchtegern-Charmeure jovial gegenseitig auf die Schultern geklopft und etliche Damen verschämt Beifall geklatscht haben. Heute aber stünde so ein Unsinn als sexistisches Machwerk am Pranger, erst recht in den sozialen Medien. Zum Beispiel unter dem Hashtag #aufschrei oder #metoo.

Nachklapp: Ein Jahrzehnt später traten die sexuelle Revolution, Rock- und Gegenkultur ihren Siegeszug an. Gerade im Hard- und Heavy-Rock aber wurden aus der bombastischen Auswalzung klassischer Blues-Muster nicht etwa Befreiungshymnem, sondern häufig schwülstige Gitarrenepen, in denen Macho-Gepose und merkwürdige Texte über Frauen und Sex Standard waren. So singen Manowar in Pleasure Slave, einem wahllos herausgegriffenen Song aus den Achtzigerjahren: „She is waiting to kiss my hand / But she will wait for my command / My chains and collar brought her to her knees / She now is free to please / Woman, be my slave / That’s your reason to live / Woman, be my slave / The greatest gift I can give.“ Klar, alles nur Spaß und Dumme-Jungs-Spielchen, kleine bizarre Rollen-Experimente, wie die Band in Interviews gern betonte. Als bloßen Jungs-Spaß hat ja auch Donald Trump seinen „Grab em by the pussy“-Spruch abgetan. Aber was wir Trump nicht glauben, brauchen wir auch Manowar nicht glauben. Liefert Pleasure Slave nicht vielleicht doch einen Einblick in die Psyche der Musiker? In jedem Fall ist auch dieser Song Ausdruck einer bestimmten Szene mit einer bestimmten Haltung und vielleicht sogar Spiegel seiner Zeit. Wie man solche blödsinnigen Lyrics ohne Satire-Anspruch schreiben und vortragen kann, habe ich nie verstanden – ebensowenig wie die Tatsache, dass selbst ein Teil des weiblichen Publikums schier verrückt nach solchen Songs und Musikern ist.

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