Zwischen Interpretation und Projektion: Wenn Songs den Künstlern um die Ohren fliegen

Die Wogen scheinen sich in Sachen Xavas etwas geglättet zu haben. Das Duo hat ein betroffenes „Es war zu keinem Zeitpunkt unsere Absicht…“-Statement veröffentlicht, und die Medien wenden sich wieder anderen Themen zu. Festzuhalten bleibt, dass Xavas nicht die Ersten sind, denen ein Song unerwartet um die Ohren fliegt. Schon 1969 erzählte Jim Morrison, Sänger der amerikanischen Band The Doors, in einem Interview mit dem Musikmagazin „Rolling Stone“, wie er in einem Laden eine junge Frau kennenlernte und mit ihr über den berühmten Doors-Song The End ins Gespräch kam. Das ziemlich düstere Elfeinhalbminutenstück ist textlich komplex und nicht zuletzt wegen einer drastischen mit Ödipus-Motiven gespickten Passage berühmt. Nachdem Morrison der Frau stolz erklärt hatte, dass der Song viele verschiedene Dinge bedeuten könne und jeder Hörer ihn auf seine eigene Situation beziehen solle, eröffnete sie ihm, dass sie eine Stunde Ausgang habe. Sie sei nämlich mal nach dem Konsum schwerer Drogen ausgeflippt und nun Insassin der kalifornischen Universitätsnervenklinik. Überhaupt sei The End der Lieblingssong vieler Leute bei ihr in der Psychiatrie.

Morrison war geschockt: „At first I thought: Oh, man… I didn’t realize people took songs so seriously and it made me wonder whether I ought to consider the consequences. That’s kind of ridiculous (…); you don’t think of the consequnces and you can’t.“ – „Im ersten Moment dachte ich: Oh Mann… Mir war nicht klar gewesen, dass Leute Songs so ernst nehmen, und ich fing an, darüber nachzudenken, ob ich zukünftig die Folgen meines Songwritings bedenken sollte. Das ist irgendwie lächerlich (…); du denkst nicht an mögliche Folgen, und du kannst auch nicht daran denken.“

Schon der scharfsinnige britische Dichter Oscar Wilde wusste: „Sobald ein Werk abgeschlossen ist, besitzt es ein Eigenleben und kann auch eine ganz andere Botschaft verkünden als die ursprünglich vom Künstler intendierte.“ Diese Erkenntnis und der Rat, den Wildes Kollege D. H. Lawrence 1923 äußerte: „Never trust the artist. Trust the tale“ („Trau nie dem Künstler. Trau seiner Geschichte“), entfalten im Internetzeitalter eine ganz neue Dimension. Texte aller Art und damit auch Songlyrics treffen rund um den Globus auf die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Prägungen und Befindlichkeiten. Da entstehen Bedeutungen, die die Urheber nie und nimmer erwartet hätten. Dass dabei oftmals die Schwelle von der Interpretation zur Projektion überschritten wird, liegt auf der Hand.

In seinem Kinothriller Reservoir Dogs lässt der amerikanische Kultregisseur Quentin Tarantino eine Gruppe von Killern beim Frühstück über Madonna-Songs diskutieren – und zeigt, wie die schrägen Typen in harmlose Liebeslyrics sexistischen Mist hineinprojizieren. In einer anderen Szene des Films, der berüchtigten „Folterszene mit dem Ohr“, setzt er clever den alten Stealers-Wheel-Hit Stuck in the Middle With You als Soundtrack ein – und zeigt, was man aus einem scheinbar harmlosen „Ich fühl mich irgendwie komisch“-Song alles herausholen kann. Wer ein bisschen Lust und Zeit mitbringt, liest ausführlicher über diese Szene, über den larmoyanten REM-Gassenhauer Losing My Religion und die schwierige Gratwanderung zwischen Interpretation und Projektion in „Lyrics außer Kontrolle“, dem neuen Beitrag meiner Faust-Kultur-Reihe „What have they done to my song?“.

 

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