Zufällige Songbekanntschaft: Rufus Wainwright

Und, wo haben Sie sich kennengelernt? Im Gute-Laune-Morgenradio nach dem Aufwachen? Auf einer Party bei Freunden, in einer schicken Playlist? Oder ganz selbstvergessen beim Stöbern in iTunes? Es sind ja die unterschiedlichsten Anlässe und Momente, die einen auf einen neuen Song, einen neuen Künstler aufmerksam werden lassen. Bei Rufus und uns war es noch einmal anders: Vor ein paar Tagen haben wir ganz zufällig nur ein paar Meter voneinander entfernt gesessen – wir im Publikum, er am Klavier. Und ich meine wirklich zufällig. Denn den Namen Rufus Wainwright hatten wir zwar schon einmal gehört, aber seine Songs waren uns bis dahin so gut wie unbekannt, das müssen wir zu unserer Schande gestehen. Die Tickets für sein Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie waren tatsächlich ein Geschenk von Freunden, genauer gesagt von Brigitta, Horst, Elke und Stephan. Und wenn man in diesen Tagen Tickets für die „Elphi“ bekommt, dann denkt man nicht „Oh Gott, was soll das denn?“ – nein, man denkt und jubiliert „Wow, super!“, egal ob ein Symphonieorchester, ein Knabenchor oder Helene Fischer dort spielt. Das neue Konzerthaus selbst ist schon ein Ereignis, alle wollen hin, aber nur wenige haben Karten. Weshalb man sowohl im Vorfeld als auch hinterher dezent damit angibt: „Ach ja, wir sind/wir waren am Freitag in der Elphi.“ Anerkennende Blicke bis hin zum Schulterklopfen sowie neugierige Nachfragen sind garantiert.

Satte vier Stunden hatte Brigitta seinerzeit angestanden, um diverse Karten für die Elphi zu ergattern, und für uns hatte sie sich eben Rufus Wainwright ausgedacht. Ein Songwriterkonzert für den Songblogger und seinen Sannenschein, das machte absolut Sinn. Und wahrscheinlich war sie davon ausgegangen, dass wir diesen Künstler längst kannten und schätzten. Nein, taten wir nicht. Tun wir aber jetzt. Denn nach spektakulärem Aufstieg durch futuristische Korridore, einem Besuch der großzügigen Außenterrassen und diversen Fotoaufnahmen vom imposanten Großen Saal wusste unsere neue Songbekanntschaft Rufus Wainwright durchaus zu überzeugen. „For those of you who don’t know me, who only came to see the room“, sagte er süffisant gleich zu Beginn, „let me tell you a few things about myself …“ Da fühlten wir uns gleich unmittelbar angesprochen, auch wenn wir im Vorfeld natürlich schon ein wenig recherchiert hatten. Der Mann hat auf jeden Fall Humor. Aber er hat ganz sicher auch viele Fans. Das war nicht nur an den Reaktionen der Konzertbesucher, sondern auch an der Vielzahl an schwulen und lesbischen Paaren zu erkennen, die Rufus Wainwright als bekennender Schwuler mit seinen Songs traditionell zieht.

Im Lauf des Abends äußerte er sich erfreut über die Einführung der „Homoehe“ in Deutschland und begrüßte Teile seiner eigenen Familie und der seines Ehemanns, des Theaterproduzenten Jörn Weisbrodt. Offenbar saßen sie im Publikum – es gab, wenn wir es richtig verstanden haben, diverse Jubiläen zu feiern. Einen Song sang Rufus Wainwright acappella, gänzlich unplugged, und war dabei sicher auch auf den Plätzen in den obersten Rängen prima zu hören. Ansonsten begleitete er seinen Gesang selbst am Klavier – oder ließ sich von einem Meister seines Fachs begleiten, der hin und wieder für ein paar Songs auf die Bühne kam: Mark Hummel, schon etwas betagter Pianist, Dirigent, Komponist und Arrangeur aus Los Angeles mit reichlich Broadway- und Las-Vegas-Erfahrung. Als scheinbar strenger Bühnenpartner mit dem kleinen Schalk im Nacken sorgte er durch sensibles Klavierspiel und eine unnachahmbar dezente Körpersprache für den einen oder anderen Schmunzler.

Wainwright wiederum produzierte Lacher, als er für seine Schwiegereltern den Song How Long Has This Been Going On spielte oder folgende kleine Tony-Bennett-Anekdote erzählte: Einmal durfte er tatsächlich vor dem großen amerikanischen Crooner einen von dessen Songs spielen. Bennett hörte andächtig zu, gab hinterher Standing Ovations – „and then was taken to the hospital.“ Unfreiwillig komisch der Moment, als sich das Mikrofon selbstständig machte, Wainwright hinterhersang und dann doch abbrechen musste. Oder der nicht weiter schlimme Klavierpatzer, den der Künstler ganz entspannt zu einer Hommage an die Elphi umfunktionierte: „Oh my god, you can really hear every mistake here …“

Aber natürlich war das kein Stand-up-Comedy-Abend, sondern die alles in allem recht ernste, intensive Konzertveranstaltung eines gestandenen Künstlers, der sich ganz im Widerspruch zu den jugendlichen Hipsterporträts in der Tour-Ankündigung mit angegrautem Vollbart präsentierte. Klassiker der Musical- und Schwulen-Ikone Judy Garland wurden ebenso interpretiert wie das eine oder andere Stück aus dem American Songbook, zwei, drei Sonettvertonungen, die Wainwright für Robert Wilson erstellt hatte, und Auszüge aus seiner eigenen Oper Prima Donna. John Lennons Across the Universe folgte auf einen verhaltenen, aber klaren Kommentar zu Donald Trump – neben dem unvermeidlichen Hallelujah von Leonard Cohen einer der Höhepunkte des Konzerts. Besondere Bedeutung erhält diese Hallelujah-Version durch die Tatsache, dass Leonard Cohens Tochter Lorca die (Leih-)Mutter von Wainwrights kleiner Tochter Viva Katherine ist. Die Cohens und die Wainwrights, das nur nebenbei, stammen aus Kanada. Wainwrights Vater ist der Songwriter Loudon (Rufus spricht ihn „Lauden“) Wainwrigt III., seine Mutter war die Sängerin Kate McGarrigle, die einst zusammen mit ihrer Schwester Anna ein in Kanada berühmtes Folk-Duo bildete. Auch Rufus’ Schwester Martha singt. Zusammen mit ihrer Mutter und Judy Garlands Tochter Lorna Luft gaben die Wainwright-Geschwister 2006 mal ein Konzert in der New Yorker Carnegie-Hall, zu Ehren von Judy Garland. So schließen sich die Kreise …

Am meisten beeindruckten uns an diesem Abend aber die „Hits“ von Wainwrights Songwriter-Alben, allen voran Going to a Town – auf dem Album Release the Stars mit kompletter Rockband eingespielt. Die markante Zeile „I’m so tired of America“ fanden nach Erscheinen des Songs im Jahr 2007 einige Fans etwas platt und offensichtlich – doch klingt sie heute, zehn Jahre später, aktueller denn je. Das Song-Ich kündigt an, in eine schon mal niedergebrannte und entwürdigte Stadt zu gehen, womit New York nach dem 11. September, aber auch Berlin gemeint sein kann, wo das Album aufgenommen wurde. Der Sprecher insistiert, dass er amerikamüde sei, schließlich habe das Land seine Sympathien verspielt („You took advantage of a world that loved you well“) und er selbst ein Leben zu leben („I’ve got a life to lead“). Jetzt gilt es, alleine nach Hause zu finden. Eine Klage, die schon ein bisschen auf den heutigen Songwriter-Geheimtipp Father John Misty vorausweist. Und eine Klage, die seltsam berührt.

Überhaupt, das Klagen. Mal mehr, mal weniger intensiv zieht es sich durch Wainwrights gesamtes Werk, hier und da abgefedert durch Pianokaskaden, rockige Rhythmen, überraschende harmonische Wechsel. Es sind die langen, stehenden, insistierenden Töne, die Wainwright immer wieder singt und die auch aus der heitersten Fremdkomposition eine Elegie machen. Sie nehmen gefangen, wirken aber, und das wäre unser einziger kleiner Kritikpunkt, über zwei volle Konzertstunden hinweg auch ein klein wenig redundant, manchmal anstrengend. Nichtsdestotrotz sind wir glücklich darüber, Elphi-Tickets ausgerechnet für dieses Konzert geschenkt bekommen und so das Werk von Rufus Wainwright näher kennengelernt zu haben. Dass wir die frische Songbeziehung im (natürlich legalen!) Download-Bereich noch etwas vertiefen werden, versteht sich von selbst.



Aktuelle Buchveröffentlichung:

I Don’t Like Mondays – Die 66 größten Songmissverständnisse,
224 Seiten, THEISS,
19,90 Euro

 

The Bombastics: (Song-)Spaß muss sein

Der vollschlanke Herr am Kontrabass ergeht sich in seltsamsten Verrenkungen, die nicht minder füllige Akkordeonistin würzt ihr präzises Spiel mit grotesken Tanschritten und unvergleichlichem Minenspiel. Der hagere Frontmann schließlich gibt mit elektrisch verstärkter Mandoline nichts weniger als den lässigen Voodoopriester. Der langsam, aber stetig vorwärtswalzende Song The Water Is weg spinnt um das blues- und rocktypische Motiv des ausgetrockneten Flussbetts eine Deutsch und Englisch mischende Nonsense-Geschichte, die das Publikum Tränen lachen lässt.

Da stellt eine gewisse Sabine fest, dass sie kein Wasser mehr hat, und macht sich auf die Suche: „You got to tell me, baby: Where is the water hin?“ Auf ihrer Suche trifft sie das Meer, nur um festzustellen: „There’s no water weit und breit“. Und das Meer? Entgegnet trocken: „Sabine, you’re goddamn right!“

Dieser Coup, der schon 2011 bei „Kein Lied für Germany“ zu bewundern war, stammt von den wunderbaren Bombastics, einem Clown-Trio, das schon jahrelang tourt – das wir aber erst letzten Samstag im Offenbacher Theateratelier Bleichstraße 14 h kennengelernt haben. Clowntrio? Das klingt nur im ersten Moment nach angestaubter Alternativkultur, nach einer längst überholten antiautoritären Kunstpädagogik für eine selbst ernannte freie Szene. Nein, die Bombastics, die man auch für Privatveranstaltungen mieten kann und die – sehr sympathisch – sogar für Kinderstationen im Krankenhaus spielen, sind in Zeiten von Megastars, von Casting-Shows und Justin Bieber aktueller denn je. Zumindest liefern sie ein erfrischendes Kontrastprogramm.

Songs heute haben viel mit prägnanten Bildern und einer schwülstigen Rhetorik zu tun, die Song-Performance lebt von großen und übergroßen Gesten, von der narzisstischen Inszenierung bis an die Grenzen des Erträglichen. Die Bombastics rücken hier einiges wieder gerade, parodieren gnadenlos Genres, Posen und fade Texte. Das geht weit über das hinaus, was einst ein Weird Al Jankovic mit seinen arg offensichtlichen Parodien auf berühmte Hits – etwa Like A Surgeon auf Madonnas Like A Virgin – im Schilde führte. Die Bombastics lassen Blues, Rock, Jodler, Polka, Punk, italienischen Schlager oder Bucovina-Sound auf groteske Weise zusammenfließen und machen sich dabei so gekonnt zum Affen, dass am Ende ein Augen und Ohren öffnendes Programm entsteht – Publikumsbeteiligung inklusive. Wer Zeit und Lust hat: Am 21, Februar treten die Bombastics noch einmal im Offenbacher Theateratelier Bleichstraße 14 h auf.

Wie man sich als Rockstar selbst gekonnt zum Affen macht, das beweist nicht nur das durchgeknallte französische Duo Daft Punk, das bevorzugt mit übergroßen Motorradhelmen auf den Köpfen auftritt. Über Peter Licht zurück bis zu den Residents und von dorthin noch weiter zurück bis zu Bob Dylan reicht das Spektrum der Künstler, die sich kunstvoll vor dem Publikum lächerlich gemacht haben und immer noch lächderlich machen. Freilich steckt dahinter meist keine parodistische Absicht wie bei den Bombastics, sondern eher das Bestreben, eventuelle Rückschlüsse von den Songinhalten auf ihr Prvatleben schon im Keim zu ersticken. Dass viele Rockstars überhaupt nicht gerne von sich selbst singen, unterstrich einst Peter Gabriel, der einen Song von Vampire Weekend coverte, in dem sein Name fällt. In seiner Version fügte Gabriel flugs einen Vers hinzu: „And it feels so unnatural to sing your own name.“ Mehr über die Versteckspiele berühmter Songwriter in Folge 10 meiner Reihe „What have they done to my song?“ auf Faust-Kultur: http://faustkultur.de/1602-0-Behrendt-What-have-they-done-to-my-Song-X.html#.UvlJUl7HQ7A