Können Kraftwerk-Fans Arschlöcher sein?

Gedanken zum Kraftwerk-Konzert in der Jahrhunderthalle, 1.12.2015

RundfunkIch bin mir sicher: Würden Kraftwerk mal wieder ein Album mit neuen Stücken veröffentlichen, es stünde binnen weniger Tage in vielen Charts der Welt auf Platz eins. Aber Ralf Hütter & Co denken gar nicht daran, uns mit neuer Musik zu überraschen. Vielmehr zelebrieren sie ihre berühmten Werke, die längst zu museumsreifen Klassikern des modernen audio-visuellen Designs geworden sind, in immer neuen Verpackungen. Und so geht man zum Kraftwerk-Konzert wie in eine Botticelli-Ausstellung, auf eine Finissage oder zu einem Christo-Event: Man weiß in etwa, was einen erwartet, und freut sich auf die im wahrsten Wortsinn gut abgehangenen Ausstellungsstücke – aber spannend ist die Art und Weise der Präsentation.

UFOWas die aktuelle Tour der Düsseldorfer Elektronikpioniere so aufregend macht, ist das schicke 3-D-Konzept, das dem Ausstellungs- und Konzertevent den zusätzlichen Charakter einer Kinovorführung verleiht. Am Eingang bekommt man 3-D-Brillen aus Pappe, durch die man die riesigen Bewegtbildprojektionen im Rücken der Künstler ungemein plastisch und räumlich erlebt. Da schweben nicht nur Raumschiffe und Satelliten, sondern auch Zahlen, Musiknoten, Buchstaben und Schrifttafeln durch den Saal, und manchmal meint man, förmlich in die virtuellen Szenerien einzutauchen.

MachineDas alles passt zum Anti-Rockstar-Konzept, das die vier Kraftwerker unbeirrt umsetzen, indem sie die vollen zweieinhalb Performance-Stunden (inklusive Zugaben) stoisch konzentriert hinter ihren Konsolen stehen und das auf den Weg bringen, was die Besucher verlangen: geschmackvoll designte Sounds und auf den Punkt reduzierte Melodien, die seltsam berühren – getragen von treibenden Bassequenzen und Magengruben-Beats, eingebettet in ebenso kühle wie farbenfrohe Visuals, die zu keinem Zeitpunkt kitschig oder gar peinlich anmuten und die man sich nur so und keinen Deut anders vorstellen kann. Kraftwerk ist Kunst gewordene Konsequenz, ästhetische Selbstbeherrschung auf höchstem Niveau. Das leicht im Takt wippende Bein des zweiten Musikers von rechts kann da fast schon den Gesamteindruck stören.

HütterAlle vier Kraftwerk-Mitglieder tragen Einheitsanzüge mit reflektierendem Gittermuster – am Ende lassen sie sich einen Track lang sogar durch Roboterpuppen ersetzen. Weil die Aufmerksamkeit weg vom exzentrisch-egomanischen Künstler und ganz auf das Werk gelenkt wird, erwartet man auch keine großen persönlichen Ansprachen von der Bühne herunter. Eine knarzende Computerstimme, die zur Begrüßung die Worte „Meine Damen und Herren, Ladies and Gentlemen“ zerhackt, und ein verhuschtes „Auf Wiedersehen“ von Ober-Kraftwerker Ralf Hütter am Ende des Konzerts – mehr braucht es nicht an Nettigkeiten zwischen Band und Publikum. Das atemlos-ekstatisch hervorgestoßene „Hallo Frankfurt!“ würde man Kraftwerk ohnehin nicht abnehmen, zumal dabei schon so mancher Star dank Tourstress und Lagerkoller den falschen Städtenamen in die Menge gebrüllt hat. Wozu eine Nähe vorgaukeln, von der jeder im Saal ahnt, dass es sie gar nicht gibt?

AutobahnUnd weil es bei Kraftwerk so ist, wie es ist, schüttelt man sich als Fan auch nicht in Ekstase wie bei einem Konzert von dEUS, Imelda May oder den Rolling Stones. Wirklich still stehen kann man angesichts der mitreißenden Rhythmen zwar nicht, aber man passt sich der Ruhe der Künstler und dem Fluss der Klänge und Bilder an. Der Bandname ist Programm – oft geht es um die Umsetzung von Kraft in Bewegung: Muskelkraft treibt Fahrräder an, Maschinenkraft bringt Autos und Züge in Fahrt, geistige Kraft, man könnte auch Kreativität sagen, verbindet Bilder, Sprache und Musik zu anregenden Kunstwerken. Titel wie Tour de France, Autobahn, Trans Europa Express, Mensch-Maschine oder Music Non Stop sprechen für sich. Die angestrebte Bewegung ist kontrolliert, sie verläuft stetig und gleichmäßig, kennt kaum Aufs und Abs, kein hektisches Hin und Her. Auch hier ist der Weg das Ziel.

Tour de FranceUnd so verfällt man als Konzertbesucher automatisch in ein kontrolliertes leichtes Grooven, das einen bei aller Selbstvergessenheit doch auch die schönen Erscheinungen und simplen kleinen Botschaften am Wegesrand aufnehmen lässt. Von Sehnsüchten ist da leise die Rede, etwa wenn es um das gut aussehende Model oder um Computerliebe geht, von Musik als Ideenträger und sogar von der zerstörerischen Kraft der Atomenergie, von Radioaktivität. Wer hier vor Jahren mal ein Wortspiel um lebendigen Rundfunk zu verstehen glaubte, wird längst durch Begriffe wie Hiroshima, Tschernobyl und Fukushima eines Besseren belehrt. So sind sie, die Kraftwerker: Statt leidenschaftlicher Argumentationen und bizarrer Bilder reichen ihnen ein paar lose kombinierte Einzelwörter. Und ein feiner Sphärenklang, ein verspieltes Zirpen zur rechten Zeit. Etwas Kindlich-Naives, gepaat mit leiser Wehmut, prägt nicht wenige Kraftwerk-Tracks.

ModelWo Liebe anklingt, wo es nicht um das menschliche Ego geht und wo bei aller Begeisterung für die Errungenschaften der Technik auch ein Bewusstsein für die Schönheit unserer Welt durchscheint, da sollten doch eigentlich nur liebe, friedliche Zeitgenossen zusamennkommen, möchte man meinen. Oder, als Frage formuliert: Können Kraftwerk-Fans überhaupt Arschlöcher sein? Die einfache Antwort lautet: Aber natürlich können Kraftwerk-Fans Arschlöcher sein! So wie wilde Rockmusik, die Friede, Freiheit und Bewusstseinserweiterung propagierte, nicht zwangsläufig nur edle Menschen angezogen, geschweige denn hervorgebracht hat, so tummeln sich auch im Kraftwerk-Universum echte Idioten. Nachdem sich eine Stunde lang Tausende Fans ihre Stehplätze gesucht und dabei freundlich miteinander arrangiert haben, schieben sich kurz vor Showbeginn drei junge Männer durchs immer dichter stehende Publikum. Direkt neben uns kommen sie nicht mehr weiter, was dazu führt, dass sich der erste und größte der drei direkt vor einer kleinen Frau mittleren Alters postiert. Die hat nun plötzlich in nur 20 cm Entfernung ein breites orangefarbenes Sweat-Shirt vor sich. Die Frau gehört zu einer Gruppe aus drei Paaren, die sich vorsichtig zu beschweren versuchen. Doch der Lange, eine Mischung aus Streberstudent und Yuppie, schaut unbeteiligt um sich – tut so, als wäre er nicht gemeint. Und als die Vogel-Strauß-Taktik nicht mehr hilft, weil sich immer mehr Umstehende einschalten, zuckt er linkisch mit den Schultern und sagt: „Ich hab mir genauso eine Konzertkarte gekauft wie Sie.“ Woraufhin sich zwei Herren aus der Gruppe ganz dicht vor und ganz dicht hinter den Langen stellen, um ihm ein Gefühl für die Sauerei zu vermitteln, die er gerade abzieht. Doch der so Bedrängte durchschaut das Manöver und sagt unbeteiligt: „Das ist völlig okay für mich.“ Er lässt einfach alles an sich abperlen. Bis es dem einen Herrn aus der Gruppe zu blöd wird und er wieder beiseite tritt. Die Sache ist entschieden: Der Lange hat sich durchgesetzt. Und was macht die in ihrer Sicht behinderte Frau? Weist alle Angebote anderer Besucher, zu ihnen zu kommen, um besser sehen zu können, zurück und bleibt tapfer hinter dem Langen stehen – nicht ohne weiter vor sich hin zu schimpfen.

Ein Musterbeispiel dafür, wie ein ignoranter Egoist einer ganzen Gruppe seinen Willen aufzwingt – und wie sich die Gruppenmitglieder masochistisch selbst zerfleischen. Wie umgehen mit dem Tyrannen: Konsequent Druck ausüben oder gar Gewalt? Immerhin haben die Begleiter des Langen Skrupel bekommen und sich woanders platziert. Und bevor sich die Lage abschließend klären lässt, beginnt die Show: Jetzt zählt nur noch eine andere Art von Konsequenz: die Konsequenz des audiovisuellen Designs.

Meine Damen und Herren, dürfen wir Sie mal gepflegt überwältigen?

WeltallZweieinhalb Stunden Kraftwerk sind dann aber bei aller Überwältigung auch ein bisschen anstrengend. Und weil man trotz der vielen Bewegung eigentlich keinen Meter vorangekommen ist, stellt sich mit dem Schmerz in Füßen und Rücken auch ein leichtes Gefühl der Langeweile ein. Vielleicht ist ja doch nicht nur der Weg das Ziel – vielleicht sollte man zwischendurch auch mal ankommen?

Brillen 2Und so ist es völlig okay für uns, als irgendwann das Licht im Saal wieder angeht. Nachdem die Menge mit den 3-D-Brillen wie eine Horde jeglicher Identität beraubter Aliens gewirkt hat, erkennt man allmählich wieder Individuen. Und es ist interessant, wie sich im Lauf der Show doch die Konstellationen verschoben haben: Den langen Tyrannen hat es deutlich weiter nach rechts von der Mitte verschlagen, zwei der drei Paare, die sich über ihn beschwert hatten, stehen ein paar Reihen schräg hinter uns. Die unzähligen Handykameras der Kraftwerk-Fans haben selbstverständlich keine 3-D-Brillen vor dem Objektiv gehabt – und folglich jede Menge unscharfer Bilder gespeichert. Der eine oder andere Fan wird zu Hause am PC eine böse Überraschung erleben. Was den Konzertbesuch zu einem einizigartigen, nicht konservierbaren Erlebnis macht. Clever gemacht von Hütter & Co. Ein guter Grund, in ein paar Jahren wieder zum Kraftwerk-Konzert zu gehen. Velleicht erlebt man die altbekannten Hits dann ja im Rahmen eines altersgerecht barrierefrei gestalteten Riesen-Hologramms.

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Skrätsch mei Bräin: Vom ESC zu Wooden Peak und Der Axiomator

Ich bleibe dabei: Der Eurovision Song Contest ist eine Veranstaltung aus einem Paralleluniversum. Das fängt an beim immergleichen artifiziellen Musikmix aus Boller-Dancefloor, bombastischem Schnulzenpathos und Folkloreelementen, geht weiter über die bizarren modischen und choreografischen Geschmacksverirrungen bei Künstlern, Jurymitgliedern und Moderatorenteams und hört noch lange nicht auf bei den mal leicht, mal schwer zu durchschauenden Dynamiken der Punktevergabe. Immerhin springt ab und an ein wirkungsvolles Statements für Toleranz, für Frieden und für Völkerverständigung heraus, weshalb ich mich nicht groß beschweren will.

Dass der deutsche Beitrag 0 Punkte erreichte, liegt meines Erachtens nur daran, dass er viel zu bodenständig aus unserer realen Welt in das ESC-Paralleluniversum hinübergroovte – dass er schlichtweg nicht in diese künstliche Welt mit ihren ganz eigenen Zuckerguss- und Wir-haben-uns-alle-lieb-Regeln passte. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der eigentlich vorgesehene Problembär Andreas Kümmert gesungen hätte – dem hätte man womöglich noch 2 x 12 Minuspunkte zusätzlich aufgebrummt.

Wie schön, sich einfach wieder Künstlern zuzuwenden, die Musik machen, weil sie etwas ausdrücken möchten – und nicht um bei einem Wettbewerb möglichst gut auszusehen. Es müssen auch gar keine internationalen Topacts sein. Hin und wieder erreichen mich Songtipps aus der lokalen Szene oder aus anderen deutschen Regionen, die sich durchaus hören lassen können. Zum Beispiel von Wooden Peak, einem Leipziger Duo, das jetzt nach mehreren feinen EPs in etwas größerer Besetzung produziert. Introvertiert klingen sie und ein wenig kammermusikalisch – ihre langsam dahingroovenden Songs mit eindringlichen Vocals entwickeln einen schlafwandlerischen Sog. Im Video zu MS Goodman von der neuen EP Polygon sind seltsame Menschen in einem altehrwürdigen Amtszimmer in seltsame Interaktionen verstrickt – was genau sie da machen, bleibt unklar. Das Unwirkliche dieser Szenen wird visuell unterstrichen durch behutsame Loop- und Scratch-Effekte – die Bildsequenzen laufen kaum merklich immer wieder vor und zurück. Musik und Videos von Wooden Peak finde ich wirklich beeindruckend.

Videoscratching bestimmt auch den smarten kleinen Film, den Der Axiomator aus dem Raum Frankfurt für seinen mindestens ebenso smarten Track Hirn produziert hat. Passend zum Titel wirkt die visuelle Umsetzung hier herrlich debil. Hinter dem Axiomator steckt ein positiv Verrückter mit einem Faible für hintergründig verspielte Texte. „Willst du mal nen Tipp / Dann tipp dir an die Stirn / Denn da wird etwas vermisst / Ja, man nennt es Hirn“, rappt er flüsternd vor der Frankfurter Skyline über einem geheimnisvollen elektonischen Groove, garniert mit allerhand Soundeffekten. Das hat etwas von einem witzigen Novelty-Song und eignet sich nicht nur zum persönlichen Vergnügen, sondern auch als geschmackvoll dezenter Hinweis an Zeitgenossen, die einem gehörig auf den Senkel gehen – von mir aus auch als Kommentar zum völlig irrationalen ESC-Gedöns.

Hirn ist zu finden auf der programmatisch betitelten EP Erste Störsignale, die mit Hacky der Hacker samt Remix-Version in ähnliche musikalische Kerben haut. Der Kraftwerk-Einfluss ist auch spürbar auf dem Track Entlang der Straße, einem ansatzweise dramatischen Elektronik-Instrumental, das mich auf lange Sicht am stärksten beeindruckt. Wooden Peak und Der Axiomator werden vermutlich nie an einem ESC-Finale teilnehmen, geschweige denn an einem nationalen Vorentscheid. Und das ist auch gut so.

Nette Geister

Da schreibe ich gedankenverloren meine Blogeinträge, und plötzlich erreichen mich unaufgefordert E-Mails von Bands und Musikern, die ich gar nicht kenne. Das freut mich sehr, denn: Hui, mein Geschreibsel wurde irgendwo zumindest registriert. „Schreib doch auch mal was über uns“, lautet der einhellige Tenor dieser Mails, also denke ich mir: Warum eigentlich nicht? Denn irgendwo sind’s auch die Geister, die ich rief, und warum nicht mal Neues entdecken?!

Schöngeister

Das erste Projekt, das ich vorstellen möchte, kommt aus Leipzig und Berlin und nennt sich A Forest. A Forest? Trägt nicht ein Klassiker von The Cure diesen Titel? Mit den Sounds, den Rhythmen und den Melodien von Robert Smith & Co hat dieses Trio erst mal wenig gemein, wohl aber mit der molligen, leicht düsteren Grundstimmung. Getragene bis mittelschnelle elektronische Beats, flächige Sounds und zwei selbstvergessen vor sich hin raunende Männerstimmen setzen vor allem auf drei Effekte: Atmosphäre, Atmosphäre und … Atmosphäre. Früher hätte man etwas voreilig Trip-Hop dazu gesagt, A Forest selbst sprechen von „Electronica, Kammerpop, Singer-Songwriter, altem Soul und Minimal Techno“, es gehe um „Songs wie alte Gemälde“, „einen vollkommen eigenen Entwurf von Pop“. Leidenschaftlich und selbstbewusst sind sie, auch visuell arbeiten sie mit guten Leuten zusammen. Im geschmackvoll-seltsamen Video zu The Shepherd stapft eine Art Waldschrat, dessen Fell oder Umhang aus schwarzem Lametta oder Magnettonbandstreifen besteht, durch Feld und Wiesen, sein Ziel ist das Wasser.

A Forest bleiben bewusst vage, beschwören eigenartige Stimmungen, und vor allem die eine der beiden Leadstimmen – die rauere, markantere  – geht nicht übel unter die Haut. Auf der Homepage der drei (www.iamaforest.com) finden sich diverse Hörproben und Videos, die Interesse wecken dürften – dort kann man auch unter dem lustigen Motto „Become a leaf“ („Werde ein Blatt“) zum aktiven Supporter werden. Abgesehen davon hoffe ich, A Forest hauen mich nicht, wenn ich sage: Versucht’s doch mal mit deutschen Texten, das könnte einschlagen!

Der Geist der Goldenen Zwanziger

Aus Dresden kommt die Band Friling, die sich der Musik der Golden Twenties – von Django Reinhardt bis Swing – verschrieben hat. Friling ist jiddisch und heißt Frühling, was ganz gut zum Gute-Laune-Sound der Gruppe passt. Das auch über Crowdfunding finanzierte Album The Mighty Monsieur Moustache lebt vom Gesang der beiden Frontfrauen Lisa Zwinzscher und Linda Gossmann sowie von einer ungewöhnlichen Instrumentierung, zu der auch Violine und Posaune gehören.

Die Songs des Albums kommen locker-flockig daher, sympathisch und mit jugendlichem Charme, handwerklich versiert – nur ein 7-Minuten-Epos mit kleinen Hörspielelementen und die eine oder andere zusätzliche Instrumentalpassage wirken etwas überambitioniert. Dass sie es ernst meinen, unterstreichen Friling mit einem zünftigen Zwanzigerjahre-Outfit, das sie selbstverständlich auch auf der Bühne tragen. Keine Frage, das ist konsequent, engagiert, wirkt liebevoll durchgestylt und sorgt für ein gewisses Flair. Es zwängt die Band aber auch in ein Korsett. Hoffentlich hauen mich Friling nicht, wenn ich finde, dass sie sich noch etwas unentschieden zwischen Entertainment und schweißtreibender Mucke bewegen. Wollen sie ein Revue-Act sein, dem man andächtig lauscht und zuschaut, oder wollen sie den Club rocken? Musikalisches Potenzial ist auf jeden Fall mehr als reichlich vorhanden, und ich bin gespannt, was da noch kommt. Klar, dass sich auch bei ihnen ein Besuch auf der Website mit Hörproben und Videos lohnt – www.frilingmusic.de.

Freigeist

Mit schöngeistigen Soundtüfteleien und klassischem Entertainment hat julakim überhaupt nichts am Hut. Auch um Songkonventionen schert sich die Darmstädterin nicht. Mal klingt sie wie eine klassische Lo-Fi-Singer-Songwriterin, mal wie eine Avantgardemusikerin, mal singt sie englisch, mal deutsch, mal französisch, mal portugiesisch. Sie wirkt in der Architekturszene, hält lustige Vorträge bei Pecha-Kucha-Events und macht Projekte in Brasilien. Jetzt hat sie quasi aus dem Nichts eine Musik-CD veröffentlicht und macht Livebühnen unsicher. itufi heißt das Werk, was für I Think You Fake It steht.

Fake ist nichts bei julakim. Sie kann ihr Publikum musikalisch und gesanglich sanft umschmeicheln, aber sie kann es – und ich hoffe, sie haut mich nicht – mit stimmlichen Extravaganzen, versponnenen Texten und spontanen Experimenten auch härter rannehmen. Verblüffend: Dabei trägt sie stets ein Lächeln im Gesicht. Das für mich interessanteste Sück auf der CD ist Dear Fear, das seinem Titel mit fast schon psychedelisch anmutenden Klangexperimenten alle Ehre macht. Der letzte Track – don’t panic be organic (extended) – dauert 16(!) Minuten, von denen die ersten 12 nur aus leisen Naturgeräuschen bestehen. Außerdem scheint da irgendjemand vor sich hin zu gärtnern. Und wenn man schon gar nicht mehr hinhört, schält sich aus dem unbestimmten Gerausche, Gezirpe und Geklopfe doch noch ein kleiner Song heraus. Das ist grenzenlos, radikal individualistisch und gegen jede Regel.

Anfang nächsten Jahres geht julakim wieder für ein paar Monate nach Brasilien – vielleicht kommt sie dann als Malerin und Bildhauerin zurück. Zum Abschied tritt sie am 2.12. noch mal im Frankfurter Club „Orange Peel“ auf. Daneben plant sie – wie passend – ein Video über so etwas wie die Freiheit und die Authentizität des Individuums. Daran kann sich – Interaktion! – eine jede und ein jeder beteiligen! Noch in den nächsten Wochen sind Interessierte aufgefordert, kleine Filmbeiträge zu den Themen „Konsumerismus, Kapitalismus, schnelles Leben und System“ an julakim zu senden, die dann Eingang ins Video finden sollen. Mehr dazu von Martina („Ich bin nicht julakim“) im leicht bizarren Video oben und auf der Website http://julakim.de/be/

 

Yacht Rock – der neuste (alte) Schrei

Neulich postete der sehr geschätzte und weit über Frankfurts Grenzen hinaus bekannte DJ Heinz Felber auf Facebook einen Schmuserocksong, den ich lange nicht mehr gehört hatte: Baby Come Back von Player. Der lapidare Kommentar dazu lautete: „Yacht Rock Classic“.

Yacht Rock?, fragte ich mich, wie kommt denn da das Boot ins Spiel? Und wollte frotzelnd gleich etwas zurückposten, von wegen: „Auch ohne Luxusschiff spitze“, oder: „Heinz, bist Du seekrank?“ Aber da man sich mit allzu übereilten Facebook-Kommentaren leicht in die Nesseln setzen kann, warf ich lieber erst mal die Internetsuchmaschine an. Und siehe da: Den Yacht-Rock-Begriff gibt’s tatsächlich.

Er bezieht sich auf Musik, die die meisten von uns kennen. Gemeint sind die die überaus geschmackvoll produzierten, mit perfektem Satzgesang und exquisiten Soli versehenen Songs von späten 1970er- und frühen 1980er-Größen wie den Doobie Brothers, Toto, Loggins & Messina, Hall & Oates, den Eagles oder Steely Dan. Journey, REO Speed Wagon, Christopher Cross und selbst Foreigner mit ihren langsameren Songs zählen auch noch dazu. Natürlich wurde diese Musik damals noch nicht so genannt. Der Begriff Yacht Rock wurde laut Wikipedia erstmals 1990 gebraucht, und zwar im despektierlichen Blick zurück auf den Musikgeschmack der Achtzigerjahre-Yuppies, die all den genannten Bands lauschten, während sie auf ihren teuren Partybooten vor der Küste Kaliforniens cruisten. Auch die eine oder andere nautische Referenz in Songtexten, Videos und Albumcovers (siehe Sailing von Christopher Cross) soll den Begriff inspiriert haben.

Der abwertende Charakter erklärt sich durch die Tatsache, dass im selben Zeitraum (Ende der Siebziger- bis Ende der Achtzigerjahre) Punk und New Wave für eine Revolution in der Rockmusik gesorgt hatten – perfekte Studioproduktionen von kompositorisch versierten Künstlern mit Hippie- und Konfektionsrock-Hintergrund galten vielen jüngeren Fans als suspekt oder zumindest als angestaubt. Richtig populär, zumindest im angloamerikanischen Sprachraum, wurde Yacht Rock wieder um 2005, und zwar durch eine Serie von fünfminütigen Onlinevideos, die die Protagonisten des Genres in von Schauspielern gespielten fiktiven Szenen durch den Kakao zogen. Der Kopf dahinter, J. D. Ryznar, machte sich zwar ordentlich über die Musiker und die geradezu „inzestuösen“ Verbandelungen innerhalb der Yacht-Rock-Szene lustig, zeigte sich aber auch als echter Fan der Musik und ließ diese zu ihrem Recht kommen.

So wirken die Protagonisten der ersten Videofolge, in der fantasiert wird, wie es zur Entstehung des Hits What A Fool Believes von den Doobie Brothers kam, zwar wie Karikaturen – dem Hit selbst aber wird großer Respekt gezollt. Und dese Anerkennung der Musik führte schließlich zu der positiven Besetzung, die der Begriff Yacht Rock heute genießt. In einer Zeit, in der immer häufiger die „Qualität“ selbst von Fußballspielern und -teams beschworen wird, hat man auch die herausragende Qualität der Smooth-Rock-Hits von damals wiederentdeckt. Mit dem Ergebnis, dass es, etwa in London, regelmäßige Clubabende zum Thema gibt, dass einige der einschlägigen Acts wieder auf Tour gehen und dass verschiedene entsprechende Compilations herauskamen, zuletzt, im Juni 2014, eine „Yacht Rock“-3-CD-Zusammenstellung aus dem Hause Universal.

Bands wie Haim aus Los Angeles lassen etwas vom Rockgeist der späten Siebzigerjahre aufleben, die französische Gruppe Phoenix zitiert diesen kräftig, und die Stepkids aus dem US-Bundesstaat Connecticut klingen sogar manchmal wie eine Reinkarnation von Steely Dan. Das New Yorker Electro-Funk-Duo Chromeo wiederum arbeitet geschickt Yacht-Rock-Elemente in seinen Dancefloor-Sound ein – und war auch schon gemeinsam mit Hall & Oates auf Tour.

Da wird es ja mal Zeit, dass Yacht Rock auch in unseren Breiten ein Revival erlebt. DJ Heinz Felber will den Anfang machen. Mit einem Clubabend am 27.12. in Frankfurt, bei Hans Romanov im „Neglected Grassland“.

 

Kraftklub, Ärzte, Fettes Brot: Selbst ist die Ironie

Zu den quälenden Ritualen der Rockkultur gehört die wachsende Skepsis eingefleischter Fans, wenn die Band, die sie lieben, allmählich berühmt wird. Dann legen diese Eingefleischten gern die, sagen wir, fundamentalistische Platte auf: Den neu hinzugekommenen Anhängern werfen sie vor, nur auf einen fahrenden Zug aufzuspringen, ohne wirklich bei der Sache zu sein – schließlich hätten sie selbst die Musiker schon supportet, als die noch ganz klein und unbekannt waren. Und die einstigen Helden werden beschuldigt, nun künstlerischen Ausverkauf zu betreiben, nur noch Mainstream zu sein und überhöhte Eintrittsgelder bei Konzerten zu kassieren – kurz: die ursprünglichen Ideale zu verraten und unerträglich abzuheben.

Solche Prozesse, gegen die Bands oft machtlos sind, kann man bierernst thematisieren. Man kann sich aber auch einen Spaß draus machen – so wie Kraftklub das tun. In Unsere Fans, dem besten und originellsten Song ihres neuen Albums In Schwarz, drehen die Chemnitzer den Spieß einfach um und machen all die Eingefleischten-Argumente ihren Fans zum Vorwurf: „Ich hab unsere Fans schon gekannt, da kannte die noch keiner (…) da ging’s um Ideale, da ging es um die Sache“, heißt es zu Beginn und: „Von keinem aus der Band noch den Taufnamen kennen, ja ja, aber Hauptsache Fan.“ Ein paar Verse später geraten der Verrat der Ideale durch die Fans und deren Bereitschaft, unverschämte Ticketpreise zu zahlen, ins Visier: „Seitdem unsere Fans jeder kennt, haben die sich voll verändert, früher liefen unsere Fans noch nicht auf jedem Sender. Damals war das alles noch nicht so wie heutzutage, mittlerweile zahlen die ernsthaft 30 Euro für ne Karte.“ Der Refrain schließlich bringt es immer wieder dreist auf den Punkt: „Unsere Fans haben sich verändert, unsere Fans haben sich verkauft, unsere Fans sind jetzt Mainstream.“

Das Video dazu zeigt die Kraftklubber in all den Klischeesituationen eines Rockacts, dem der Erfolg zu Kopf gestiegen ist: Da gibt es Werbeverträge mit politisch unkorrekten Unternehmenspartnern, exzessiven Drogenkonsum, nicht zuletzt Abhängen mit Cocktails und schönen Frauen auf einer Yacht. So gelingt der aktuellen deutschen Band der Stunde nicht nur ein schönes Stück Selbstironie, sondern auch ein selbstbewusster Kommentar zu einem unweigerlichen Rockmechanismus, gespickt mit einem Fünkchen Wahrheit: Denn tatsächlich ist es ja auch der rege Zuspruch, der eine Band erfolgreich und immer größer macht. So gesehen beinhaltet der Song nur an der Oberfläche eine Schmähung – am langen Ende ist er ein rotziger Dank an die Fans.

Das Spiel mit dem Publikum wird hier äußerst originell betrieben, variiert aber auch eine smarte Geste der Berliner Band Die Äzte. Die hatten in einem grotesken Video zu ihrem Song ZeiDverschwÄndung ebenfalls den Spieß umgedreht – allerdings nicht um Rockrituale zu entlarven, sondern um zu demonstrieren, wie nervtötend es sein kann, als Künstler der Belagerung durch Verehrer ausgesetzt zu sein. Also jagen hier die Ärzte-Musiker Fans, Passanten, Menschen in grotesken Superheldenkostümen und sogar Tiere, um gierig Autogramme zu verlangen, Handykameras zu zücken und ihre Opfer um gemeinsame Fotos zu bitten. Wenn einer der drei gleich zu Beginn einem wehrlosen Kaninchen eine Unterschrift abnötigen will und insistiert: „Mensch, jetzt gib mir mal’n Autogramm – ohne deine Fans bist du nichts!“, dann ist das bei aller Entlarvung aufdringlichen Fantums natürlich auch ein versteckter Dank an das Publikum. Im dazugehörigen Song machen sich die Ärzte ganz bewusst etwas kleiner, als sie sind, und richten sich an einige ihrer Anhänger, deren Bewunderung ganz offensichtlich krankhaft, zur Obsession geworden ist: „Doch du bist nie zufrieden, du gibst nie niemals Ruh (…) Du kannst doch nicht Dein Leben lang nur auf eine Band stehn (…) Such dir wenigstens ne Gruppe, die abgeht und rockt, sieh ein, dass der Kult um uns lang nicht mehr schockt.“ Auch im Refrain „Denn es gibt Besseres zu tun, als die die Ärzte zu hörn“ (Entrüsteter Zwischenruf: „Aber es gibt doch nichts Besseres…“) hält die Band kokettierend die Waage zwischen feiner Selbstironie, dem Dank an das Publikum und der Bitte, doch eine gewisse gesunde Distanz zu wahren – den Musikern nicht zu heftig auf die Pelle zu rücken.

Noch einmal anders gelagert war das Spiel mit dem Publikum im Video zum Song Schwule Mädchen von Fettes Brot. Hier spielen die Hamburger Rapper drei Fans, die unbedingt noch ein ausverkauftes Clubkonzert besuchen wollen. Auf ilegale Weise – indem sie an einer unbewachten Stelle in den Club einbrechen – gelangen sie schließlich ans Ziel. Den Song präsentiert das Trio dann als Teil der schwitzenden, stagedivenden Fanmenge und beschwört so die durch nichts zu zerstörende Einheit zwischen Künstlern und Publikum. Allerdings tritt das Trio im Video nicht unter dem Namen Fettes Brot auf, sondern als ein Act namens Schwule Mädchen.

Der gleichnamige Song, den man nur bei oberflächlichem Hören als sexistisch, als schwulen- oder als lesbenfeindlich missverstehen kann, greift selbstironisch die Kritik von konkurrierenden Hip-Hop-Acts auf, die gern mal in Asso-Manier mit Sprüchen wie „Ihr seid doch schwul“ und „Ihr Mädchen“ (im Sinne von „Weicheier“) auf Fettes Brot losgehen. Und wie reagieren Fettes Brot? Fügen beide Begriffe, „schwul“ und „Mädchen“, zu einem zusammen und verwandeln die als Beleidigungen gemeinten Phrasen in eine kraftvolle Marke: „Wenn drei schwule Mädchen durch Hamburg gehn, dann bleiben die Leute einen Augenblick lang ruhig stehn. Sie sehn uns an, warten, was passiert, bis sie wissen, es ist Zeit, dass wir zusammen durchdrehn.“ Und: „Worauf warten wir noch? Es ist nie zu spät. Leute, macht mal Krach für das Killerkomando, das am Mikro steht, bis der Tag erwacht.“ Das entlarvt die primitive Geisteshaltung wenig inspirierter Gangsta-Rapper (wohl nicht zufällig klingt im Refrain die zentrale Melodielinie aus dem Hit Gangsters der schwarz-weißen Ska-Band The Specials an), betont Schwulsein und (weibliche) Sensibilität als etwas Positives, Starkes und landet fette Punkte im Battle um die besten Textzeilen und Reime. Fetts Brot, Kraftklub und Die Ärzte sind nur drei von vielen Beispielen, die zeigen: Auch was Cleverness, Sprachwitz und Stil, feine Selbstironie und hintergründiges Publikumshandling angeht, bewegen sich deutsche Bands auf internationalem Niveau.