Hauptsache berühmt

Aufreger des Jahres: Kanye Wests Famous-Coup featuring Taylor Swift und Donald Trump

 

Keine Frage, das Jahr 2016 wird als besonderes Jahr in die Musikgeschichte eingehen. Von David Bowie bis Prince, von George Martin bis Leonard Cohen – wohl in keinem anderen Jahr sind so viele Superstars gestorben. Gleichzeitig ist 2016 das Jahr, in dem mit Bob Dylan zum ersten Mal überhaupt ein Singer-Songwriter den Literaturnobelpreis erhalten hat. Aber 2016 kam auch eins der seltsamsten künstlerischen Statements der jüngeren Musikgeschichte heraus. Die Rede ist von Famous, einem Song und einem Video des amerikanischen Rappers Kanye West.

Es gibt mehrere Wege, sich dem Famous-Phänomen zu nähern. Zum Beispiel den über Taylor Swift, die in Song und Video prominent „platziert“ wird. Taylor Swift ist jenes ehemalige Country-Talent, das sich innerhalb weniger Jahre zum internationalen Superstar gemausert hat – heute ist sie in etwa so berühmt wie Lady Gaga und Madonna. Und sie hat so etwas wie ein Markenzeichen entwickelt: Sie geht nicht nur mit etlichen berühmten Musikern und Schauspielern aus, sie kokettiert damit auch in ihren Songs. So war es um 2014 fast schon so weit gekommen, dass Medien ihre zukünftigen Liebhaber ironisch zur Vorsicht mahnten – sonst würden sie womöglich in einem Song der Künstlerin landen. Frei nach dem Motto „Got a long list of ex lovers“ (Zitat aus dem Swift-Song Blank Space, 2014) listen Klatschportale und Musikmagazine mal 10, mal 15, mal 21 Swift-Songs auf, die von ganz konkreten Beziehungen und Affären handeln sollen, wenn auch gern versehen mit dem Hinweis, dass manches nur auf Spekulationen und Beobachtungen beruhe.

Es sind freilich Spekulationen und Beobachtungen, die Taylor Swift oftmals selbst befeuert hat: etwa indem sie zu bestimmten Zeitpunkten entprechende Songs veröffentlichte, gern auch unter Nennung von Vornamen in den Lyrics, oder indem sie Andeutungen und vieldeutige Songzeilen twitterte. Harry Styles von der Boygroup One Direction, Songwriter John Mayer, Schauspieler Jake Gyllenhaal und sein Kollege Taylor Lautner sind nur einige von vielen smarten Herren, die Swift auf die eine oder andere Weise in ihren Songs verwurstet haben soll.

Bei so viel direkter und indirekter Promi-Verarbeitung durch die Künstlerin blieb natürlich lange Zeit eine Frage offen: Wann dreht endlich jemand den Spieß mal um? Wann ist jemand so frei, seinerseits Taylor Swift in einem Song zu „droppen“? Womit wir zu den denkwürdigen Auftritten von Kanye West kommen. Der Rapper, der gemeinsam mit seiner Frau Kim Kardashian so etwas wie „Die Geissens“ des amerikanischen Hip-Hop verkörpert, sorgte 2016, wie schon angedeutet, mit einer rustikalen Swift-Anspielung in seinem Track Famous für einen handfesten Skandal. Um diesen strategischen „move“ zu verstehen, muss man aber noch einmal in die Vergangenheit zurückgehen. Denn er war der Gipfel einer medienwirksamen Fehde, die sich schon einige Jahre lang hingezogen hatte und die beiden Seiten – bei aller öffentlich zur Schau gestellten Wut, Enttäuschung und Angriffslust – „ruhmmäßig“ bestens bekommen war.

„I made that bitch famous“: Kanye Wests unerwartet kunstvoller Kommentar zu Taylor Swift und zum Thema Ruhm

Alles fing an mit den MTV Video Music Awards 2009. Damals hatte der Clip zu Taylor Swifts Song You Belong With Me die Auszeichnung als „Best Female Video“ erhalten, weshalb die überglückliche Künstlerin auf die Bühne gebeten wurde. Doch mitten in ihre Dankesrede platzte Kanye West, riss das Mikro an sich und tat dem überraschten Publikum kund, dass für ihn das ebenfalls nominierte Video zum Song Single Ladies von Beyoncé eins der besten Videos aller Zeiten sei. West wurde umgehend ausgebuht, doch das schadete ihm erstaunlicherweise überhaupt nicht. Im Gegenteil: Jetzt kannte man seinen Namen. Und dass sogar US-Präsident Barack Obama persönlich ihn einen „jackass“, einen „dummen Esel, nannte, dürfte er als Adelung von höchster Stelle empfunden haben.

In der Folge gab der Rüpelrapper den Reumütigen, entschuldigte sich auf den unterschiedlichsten Kanälen und ließ 2010 auch den Swift-Song Innocent über sich ergehen, aus dem Kritiker jede Menge Anspielungen auf den unrühmlichen Vorfall heraushörten. Und so schien die Sache Ende 2010 erledigt. Doch dann polterte West in einem Interview los, das Swift-Album Fearless sei aktuell zu Unrecht mit einem Grammy ausgezeichnet worden, und seine spektakuläre Einlage bei den MTV Music Awards 2009 hätte doch eine gewisse Berechtigung gehabt. Dabei ließ er nicht unerwähnt, dass exakt dieser Skandalauftritt Swift 100 Magazin-Titelbilder und Millionenverkäufe ihrer Alben beschert habe. Eigentlich, so die Botschaft zwischen den Zeilen, habe er, Kanye West, sie erst richtig berühmt gemacht.

Das war starker Tobak. Doch Taylor Swift blieb einmal mehr verhältnismäßig entspannt und hatte sogar die Größe, Kanye West bei den Video Music Awards im August 2015 den „Michael Jackson Video Vanguard Award“ zu überreichen – wobei man sich allmählich fragen durfte, warum die Konflikte der beiden Stars in schöner Regelmäßigkeit rund um irgendwelche publicityträchtigen Preisverleihungen entbrannten. Aber egal. Im Frühjahr 2016 jedenfalls stellte West sein neues Album Life of Pablo vor, und besonders der etwas wirre Track Famous hatte es in sich: Da beteuert eine von Superstar Rihanna „verkörperte“ Frau, dass sie ihren Kerl liebe, aber verstehen könne, dass er frei sein wolle, während ein von Kanye West impersonierter Sprecher nicht nur seinen Ruhm feiert, sondern all die Frauen, die er „hatte“. Die aber seien neidisch, weil sie nicht berühmt seien und nur irgendwelche erfolglosen Männer an ihrer Seite hätten. Hm, waren das die im Hip-Hop üblichen Prahlereien und Männer-/Frauen-Dialoge? Nur bedingt. Denn gleich am Anfang fallen die explosiven Verse: „For all my Southside niggas that know me best / I feel like me and Taylor might still have sex / Why? I made that bitch famous / Goddamn, I made that bitch famous.“ Zu Deutsch: „An all meine Southside-Leute, die mich am besten kennen / Ich hab das Gefühl, ich und Taylor könnten immer noch Sex haben / Warum? Ich habe die Schlampe berühmt gemacht / Gottverdammt, ich habe die Schlampe berühmt gemacht.“ Das knüpfte natürlich direkt an die alte Interview-Äußerung an, West habe Swift 100 Magazin-Titelbilder und Millionenverkäufe beschert.

Von da an wurde es unübersichtlich. Nicht nur aus dem Swift-Lager kam der Vorwurf, diese Verse gingen dann doch etwas zu weit. Woraufhin West konterte, er hätte mit Swift im Vorfeld der Veröffentlichung gesprochen, und diese hätte sich erfreut darüber gezeigt, dass er sie in einem Song erwähnen wolle – sogar so erfreut, dass sie die Passage explizit genehmigt hätte. Was wiederum Swift zu der Einlassung bewog, sie habe lediglich die Zeile „I feel like me and Taylor might still have sex“ genehmigt – die beleidigende Fortführung „Why? I made that bitch famous“ habe West ihr vorenthalten. Bis Juni 2016 flogen Anschuldigungen und Rechtfertigungen hin und her, wobei Kanye West etwas heuchlerisch darauf hinwies, dass der Begriff „bitch“ im Hip-Hop doch durchaus ein positiv besetzter Begriff, also ein Kompliment sei. Und just als die Fehde langsam abzuflauen schien, ereigneten sich – na so was! – zwei weitere Eskalationsstufen: Erstens überraschte Wests treu sorgende Ehefrau Kim Kardashian, ihrerseits TV-Star, Modeunternehmerin und Dauerthema in der Klatschpresse, die Öffentlichkeit mit der Information, dass ein Mitschnitt des Gesprächs existierte, in dem Swift die umstrittenen Verse aus dem West-Song Famous genehmigt hatte – ein absoluter Affront, der zudem die heikle Frage aufwarf, ob das heimlich Mitschneiden eines Gesprächs überhaupt rechtens gewesen sei. Zweitens veröffentlichte Kanye West am 24. Juni 2016 mit dem Video zum Track Famous den seltsamsten Clip der jüngeren Musikgeschichte. Seltsamst deshalb, weil der von einem Sonnenuntergang und einem Sonnenaufgang umrahmte Hauptteil des 10:37 Minuten langen Streifens aus langsamen, immer wieder Details fokussierenden Kamerafahrten über eine Reihe nackter Menschen besteht, die mal mehr, mal weniger von Laken bedeckt nebeneinander auf einem gigantischen Bett schlafen.

Bildschirmfoto Kanye West, "Famous", vom Videoportal vevo

Bildschirmfoto Kanye West, „Famous“, vom Videoportal vevo

Was neben der provozierenden Ereignislosigkeit und der nicht gerade hochauflösenden Bildqualität an diesem Video irritiert: Bei den schlafenden Nackten handelt es sich nicht etwa um namenlose Models, sondern durchweg um amerikanische Prominente, um „famous people“ sozusagen, aus Politik, Unterhaltung und Kultur. So werden die Republikaner George W. Bush und Donald Trump, „Vogue“-Chefredakteurin Anna Wintour, die Popstars Rihanna und Chris Bown, Kim Kardashians rappender Exmann Ray J, Kanye Wests Exfreundin und Model Amber Rose, die ehemalige Goldmedaillengewinnerin im Zehnkampf und heutige Transsexuelle Caitlyn Jenner sowie Komiker Bill Cosby gezeigt. Mittendrin liegt Kanye West, flankiert von seiner Frau Kim Kardashian und, na wem wohl, Taylor Swift! Sie ist barbusig! Ihr Gesicht ist Kanye West zugewandt, der sich wiederum von ihr ab- und Kim Kardashian zuzuwenden scheint! Krrrrass! Was für ein spektakulärer Effekt – dem bald Erläuterungen und eine gewisse Erleichterung folgen sollten. Denn natürlich sind die im Clip gezeigten Promis nicht echt. Außer bei Kanye West, der am Ende des zentralen Teils den Kopf in die Kamera dreht und die Augen öffnet, und vielleicht noch seiner Gattin handelt es sich bei allen Personen um Wachsfiguren.

Es kam, wie es kommen musste: Heftige Wortgefechte erschütterten Fans und Medien. Bis die Fehde, man kannte inzwischen den Rhythmus aus Hochkochen- und Abkühlenlassen, irgendwann Ende 2016 einmal mehr im Sand verlief. Da stellt sich aus heutiger Sicht natürlich die Frage: Illegal mitgeschnittene Gespräche, Zurschaustellung von Nacktskulpturen – warum hat Taylor Swift ihren Widersacher Kanye West nie verklagt? Und warum haben sich auch die anderen im Famous-Video gezeigten Promis nicht gegen solch eine buchstäbliche „Bloßstellung“ gewehrt, allen voran der als aufbrausend und nachtragend berüchtigte Donald Trump? Ja, die eine oder andere der gezeigten Berühmtheiten soll „not amused“ gewesen sein, während George W. Bush von einem Sprecher verlauten ließ, er fühle sich schlecht getroffen, der echte Mr. Bush sei viel besser in Schuss als das schlaffe Wachsmodell in dem Video. Aber sonst? Die Antwort könnte lauten: Weil das Ganze letztlich ein großangelegtes Spiel zu sein scheint, bei dem jeder und jede am Ende gerne mitspielt. Genau das ist das Zwingende an diesem sonderbaren Video von Kanye West: Es zeigt einerseits, was Promis und VIPs über sich ergehen lassen müssen – wie sie in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt und teilweise sogar entblößt werden; andererseits unterstreicht es, wie Promis und VIPs durch genau dieses Zur-Schau-gestellt-Werden und Sich-selbst-zur-Schau-Stellen profitieren: Es steigert ihren Ruhm ins Unermessliche. Selbst schuld, wer dagegen gerichtlich vorgeht. „Bitte überzieht mich mit Klagen“, soll West rund um die Videopräsentation ebenso selbstironisch wie siegessicher erklärt haben. Er wusste, dass ihm letztlich nichts passieren würde – und dass manch anderer Promi alles dafür gegeben hätte, um in diesem Video „auftreten“ zu dürfen.

Bildschirmfoto Andy Warhols "Sleep" vom Videoportal vimeo

Bildschirmfoto Andy Warhol, „Sleep“, vom Videoportal vimeo

Auch dass die dargestellten Promis nichts anderes als Wachsfiguren sind, gehört zur Aussage: Die Berühmtheiten erscheinen als formbare leere Hüllen, auf die wir, die nicht berühmten Menschen im Publikum, unsere Fantasien, unsere Hoffnungen, unsere Aggressionen projizieren. Die suboptimale Bildqualität unterstreicht den Schlüsselloch-Blick, den voyeuristischen Charakter des Streifens. Hinzu kommt, dass das Video künstlerische Vorlagen zitiert. Da ist zum einen der fast sechs Stunden lange Film Sleep von Andy Warhol aus dem Jahr 1963, der nichts anderes tut, als den Beat-Poeten John Giorno beim Schlafen zu zeigen: Es geht um den Prominenten als gewöhnlichen Menschen, um die Berühmtheit in einer Art Stand-by-Modus, um das Unterlaufen von Zuschauererwartungen, das intensive Wahrnehmen von Zeit und um die Entdeckung minimaler Variationen. Zum anderen bezieht sich das Video auf das 2008 entstandene Gemälde Sleep des Künstlers Vincent Desidorio, der dabei nach eigenen Aussagen an „schlummernde Götter“ gedacht haben will. Und so sind auch die „famous people“ im Video von Kanye West schlummernde Götter, die unter unserer Bewunderung zum Leben erwachen.

Bildschirmfoto Vincent Desidorios "Sleep" auf www.nytimes.com

Bildschirmfoto Vincent Desidorio, „Sleep“, auf www.nytimes.com

Bei all diesen Schlafenden handelt es sich zudem um Prominente mit besonders großem Hang zur Selbstinszenierung, teilweise auch zum Skandal. Sie haben sich sozusagen selbst zu spektakulären medialen Gottheiten gemacht. Die beiden äußerst nachlässig mit der Wahrheit umgehenden Spitzenpolitiker Bush und Trump, von denen Letzterer auch als Immobilien-Tycoon, als TV-Star und nicht zuletzt als polternder Populist für Aufregung sorgte; der unbeherrschte Rapper Chris Rock, der seine damalige Freundin Rihanna geschlagen hatte; sein großspuriger Kollege Kanye West; die Transsexuelle Caitlynn Jenner; die im Bestseller Der Teufel trägt Prada verewigte streitbare Starmacherin Anna Wintour vom „Vogue“-Magazin; oder der in hohem Alter mit Missbrauchsvorwürfen und Sexskandalen konfrontierte Komiker Bill Cosby – fast jede der hier versammelten Persönlichkeiten ist auf irgendeine Weise schon für sich genommen berühmt-berüchtigt. Aber auch im Verbund betrachtet stehen diese Promis für publikumswirksame, den Bekanntheitsgrad steigernde Kontroversen: Ausgerechnet zwei erzkonservative weiße Vertreter des politischen Establishments finden sich in einem Bett mit schwarzen Showgrößen und Transsexuellen wieder; ausgerechnet die verfehdeten Stars Taylor Swift und Kanye West oder das nach häuslicher Gewalt auseinandergegangene Expaar Rihanna/Chris Brown werden unter demselben Laken wiedervereint; ausgerechnet Kim Kardashian, ihr Ex-Lover Ray J und ihr aktueller Lover Kanye West teilen dasselbe Lager – es ist eine extreme Konstellation, die jede Menge Zündstoff birgt. Aus solchem Stoff ist Ruhm gemacht.

Genauer betrachtet erweist sich das Famous-Video als intelligenter Kommentar zu den Mechanismen des Ruhms. Auf der Metaebene beleuchtet der Clip mit cleveren Anspielungen auf künstlerische Vorbilder, wie Medienstartum entstehen kann und was er für alle Beteiligte bedeutet, die Stars ebenso wie ihr Publikum. Dabei schwingt auch etwas von dem Warhol’schen Gedanken mit, dass ein jeder Mensch seine 15 Minuten Ruhm haben kann, wenn er nur genügend präsent ist oder massiv genug behauptet, ein Star zu sein. Kanye West steigert hier seinen Ruhm, indem er sich mit anderen Berühmtheiten umgibt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem skandalgetriebenen Ruhm, auf den Mechanismen, mit denen man zum Aufmacher in den Boulevardmedien wird.

Famous ist ein feines kleines Stück Gegenwartskunst. Und betrachtet man Song und Video speziell mit Blick auf Taylor Swift, dann macht Kanye West nicht nur das mit der Künstlerin, was diese mit berühmten Verflossenen aus dem wirklichen Leben macht, sondern zieht auch die Schraube noch einmal kräftig an. Konkret: Er droppt ihren Namen in einem Song, denkt öffentlichkeitswirksam laut über eine sexuelle Begegnung nach – und legt sie obendrein noch nackt neben sich ins Bett. Am Ende schlägt Kanye West Taylor Swift mit ihren eigenen Waffen. Ein aggressiveres Namedropping als Marketingstrategie ist kaum vorstellbar. Mit irgendwelchen „autobiografischen“ Einblicken in Kanye Wests biografisches Ich hat das nicht im Mindesten zu tun.

Epilog: Trump, West und die Folgen

Bei diesen Bemerkungen könnte man es belassen – wenn nicht am 8. November 2016 Donald Trump völlig unerwartet zum Nachfolger von Barack Obama als Präsident der Vereinigten Staaten gewählt worden wäre. Mit Blick auf den Famous-Coup hatte diese Wahl zwei erstaunliche Konsequenzen: Erstens erwies sich das Video plötzlich als geradezu visionär – denn Trump, zur Entstehungszeit des Videos noch umstrittener Kandidat, hatte durch den Wahlsieg tatsächlich denselben Status wie einst sein „Bettnachbar“ George W. Bush erlangt; zum anderen offenbarte sich Kanye West als Bruder Trumps im Geiste. Im Rahmen seiner Konzerttour Mitte November 2016 wetterte er nämlich plötzlich live von der Bühne gegen seine berühmten Musikerkollegen Jay-Z und Beyoncé, die die demokratische Kandidatin Hillary Clinton unterstützt hatten, und feixte, er sei zwar nicht wählen gegangen, hätte aber für Trump gestimmt – auch wenn er die „Black Lives Matter“-Initiative und andere antirassistische Bewegungen wichtig finde. Begründung: Trumps Kampagne, ihr Ansatz, sei „absolut genial“ gewesen, und sie bringe Rassisten endlich dazu, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Trotz des halbherzigen Nachsatzes ein echter Abtörner, denn die unverhohlene Bewunderung für den siegreichen Republikaner und die Ausfälle gegen Beyoncé & Co dominierten. Bei seiner Glorifizierung der Trump’schen Wahlkampfstrategie, die auf größtmögliche Provokation, auf Sexismus, Rassismus und Ausgrenzung, kurz: auf die zynische Missachtung demokratischer Grundwerte zielte, ließ sich West nicht aus dem Konzept bringen, auch nicht von empörten Buhrufen aus dem Publikum. Vielmehr toppte er den Skandal noch mit der schon früher mal gemachten Ankündigung, im Jahr 2020 selbst für das Amt des US-Präsidenten kandidieren zu wollen. Was dem respektlos-cleveren Famous-Schachzug dann endgültig den Glamour nahm. In der Rückschau offenbarten sich plötzlich sämtliche widersprüchlichen, verletzenden Äußerungen und Auftritte Wests als Adaption der Trump’schen Populismus-Strategie ins Musikgeschäft und in den Kunstbetrieb: Austeilen, schädigen, Unsinn verbreiten, Zurücknehmen, Nachlegen, Toppen, und das alles ohne Rücksicht auf Verluste. Hauptsache: Ruhm und Quoten, also größtmöglicher Erfolg. Letztlich ein zweifelhafter Spaß, der unter anderem die Frage aufwirft: Sozial engagiert sein, aber ausgerechnet bei dieser Wahl seine Stimme nicht abgeben und schlussendlich noch Trumps Rhetorik gutheißen – kann das wirklich zusammenpassen? Ein Widerspruch, den der Rapper möglicherweise selbst nicht aushalten konnte. Wenige Tage nach seinen Tiraden auf der Konzertbühne musste er die Tour aus gesundheitlichen Gründen abbrechen und kam in ein Krankenhaus. Zur Beobachtung. Nicht wenige wären erfreut gewesen, hätte man ihn für immer dabehalten.

 

Alles andere als schön – aber unglaublich gut

Sieben Gründe, warum der Literaturnobelpreis für Bob Dylan gerechtfertigt ist

Advertising signs they con
You into thinking you’re the one
That can do what’s never been done
That can win what’s never been won
Meantime life outside goes on
All around you

Bob Dylan, It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)

Sieben Schönheiten heißt ein Film der in Rom geborenen Regisseurin Lina Wertmüller aus dem Jahr 1976. Er erzählt von einem gestandenen italienischen Macho und Opportunisten, der misstrauisch die Jungfräulichkeit seiner sieben Schwestern bewacht, dann aber während des Zweiten Weltkriegs in deutsche Gefangenschaft gerät und schließlich im KZ landet. Aus purem Überlebenswillen tut er die abscheulichsten Dinge, unter anderem verführt er die grausame KZ-Wärterin und lässt sich zu ihrem Werkzeug machen. Der Film ist alles andere als schön, voll verstörender, entwürdigender Szenen, voll schmutziger Farben und drastischer Schnitte – ich muss sagen: Ich mag ihn nicht. Ich habe den Film seitdem nicht noch einmal gesehen, und ich will ihn auch nicht noch einmal sehen. Nein, Lina Wertmüller ist nicht mein Ding. Und doch muss ich gleichzeitig sagen: Sieben Schönheiten ist ein extrem guter, ein extrem wichtiger Film.

Ähnlich geht es mir mit Bob Dylan. Höre ich ihn singen, rollen sich mir die Fußnägel hoch. Bläst er in seine Mundharmonika, möchte ich schreiend aus dem Zimmer laufen. Etliche seiner Songs empfinde ich als anstrengend bis quälend. Nein, ich bin wirklich kein Bob-Dylan-Freund. Ich mag Bob Dylan einfach nicht. Und weiß gleichzeitig: Der Mann ist gut. Sogar sehr gut. Und eminent wichtig.

Insofern freue ich mich aufrichtig, dass ausgerechnet „Dylan“ – er gehört ja zu den Ikonen, deren Vornamen man im Gespräch eigentlich nicht mehr erwähnt – den Literaturnobelpreis 2016 erhalten hat. Und schüttele den Kopf über missgünstige Fachleute wie Trainspotting-Autor Irvine Welsh, der in den Medien mit den bescheuerten Worten zitiert wird: „Ich bin ein Dylan-Fan, aber dies ist ein schlecht durchdachter Nostalgiepreis, herausgerissen aus den ranzigen Prostatas seniler, sabbernder Hippies.“ Lieber Irvine Welsh: Man muss weder Dylan-Fan noch sabbernder Hippie mit ranziger Prostata sein, um diesen Preis als gerechtfertigt anzuerkennen. Und statt nun alle möglichen Dylan-Songs zu posten, irgendwelche suggestiv-bedeutungsschwangeren Songzeilen zu zitieren oder immer wieder allertiefste Anerkennung zu artikulieren, scheint es mir angebracht, wenigstens kurz ein paar Argumente für die außerordentliche literarische Qualität Bob Dylans zu skizzieren. Hier schon mal sieben Gründe, warum der Literaturnobelpreis gerechtfertigt ist – sieben Schönheiten im übertragenen Sinne:

  1. Bob Dylan gehört zu den wenigen Literaten, die mit einem Text unmittelbar in die Gesellschaft hineinwirkten.      

1975/76, als Lina Wertmüller Sieben Schönheiten drehte, war Dylan bereits ein gefeierter Star und machte mit seiner „Rolling Thunder Review“ Furore, der Tournee mit einer All-Star-Band, zu der auch Joan Baez, Roger McQuinn und Emmylou Harris gehörten. Teil des Programms war der 1975 eingespielte Dylan-Song Hurricane. Der thematisierte den Fall des wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilten schwarzen Ex-Boxers Rubin „Hurricane“ Carter. Minutiös deckten Dylans Lyrics die Schwachstellen der Anklage auf und untermauerten die These vom rassistisch motivierten Fehlurteil. Der Erfolg des Songs führte zu einer Neuaufnahme der Ermittlungen und – in dritter Instanz – zum Freispruch Carters. Welches literarische Werk kann solch eine Wirkung für sich beanspruchen?

  1. Bob Dylan ist ein kreativer Grenzgänger, der nicht nur Genregrenzen, sondern auch literarische Konventionen sprengt.

Was? Ein schnöder Songwriter bekommt den Literaturnobelpreis? Falsch! Dylan ist nicht nur Songwriter, sondern Literat durch und durch. Zusätzlich zu seinen Songs schreibt er Lyrik, die er nicht vertont (berühmt: seine 11 Outlined Epitaphs), aber auch Prosatexte. Damals verschrien, heute ein Szeneklassiker: Sein Prosaband Tarantula, in dem er mit Sprache musiziert und spannende Bezüge zur Tradition der Symbolisten herstellt. Mit selbst verfassten Stücken dieser Art erhob er zudem die Plattenhüllentexte, die sogenannten „liner notes“, zur literarischen Kunstform.

  1. Bob Dylans Lyrics haben Pop- und Rocksongs für literarische Komplexität geöffnet.

Witzig, clever, intelligent und anspruchsvoll waren Songtexte auch schon vor Bob Dylan. Doch mit seinen Songs wurden Lyrics Literatur. Langpoeme von epischem Ausmaß, ungewöhnliche Perspektiven und Darstellungsformen, grandiose Bilder, zentnerschwere Metaphern, Allegorie, Bewusstseinsstrom und dramatische Inszenierung – all das fand sich plötzlich auch im Rock- und Popkontext wieder. Mit Bob Dylan wurde Hippiemusik erwachsen.

  1. Eins von vielen prägenden Dylan’sches Stilmitteln: die Parade mythischer Figuren

Einstein, Nero, Kain und Abel, Ophelia, Romeo, Cinderella – Dylans Song Desolation Row lässt eine Fülle realer und fiktiver Personen und Figuren in einer apokalyptischen Szenerie vor dem geistigen Auge des Hörers vorüberziehen. Ähnlich verfährt der im selben Jahr erschienene Song Highway 61 Revisited. Don McLean griff die innovative Technik 1971 in seinem Song American Pie auf und landete damit einen Welthit. Und auch Bruce Springsteen (Spirit in the Night, 1973) versuchte sich hin und wieder an dieser lyrischen Form. Keiner aber beherrschte sie so verstörend wie der Meister selbst.

  1. Im Spiel mit Texten und Kontexten ist Bob Dylan unschlagbar.

Schon als Interpret traditioneller Folksongs verstand es Dylan, Außenseiterballaden politische Sprengkraft zu verleihen. Es kam darauf an, in welchem Kontext man sie vortrug. Zu Beginn seiner Karriere kanzelten Kritiker seine Songs als mit Musik untermalte Lesegedichte ab – heute feiern Laudatoren die Tatsache, dass Dylan-Texte ohne die Musik nicht denkbar seien. Dasselbe gilt für die stimmliche Interpretation. Bei Livekonzerten versetzt der Künstler immer wieder Fans in Verzückung wie in Rage, indem er seine von Studioaufnahmen bekannten „Hits“ in völlig andere musikalische Arrangements kleidet, sie völlig anders intoniert und so nicht nur mit Erwartungen bricht, sondern auch neue Bedeutungsebenen erschließt. Nicht selten verändert er dabei spontan auch einzelne Verse und Strophen – als Reaktion auf aktuelle Anlässe. Dass Texte in verschiedenen musikalischen und gesellschaftlichen Kontexten Anlass zu reizvollen Spielen bieten, versteht kaum jemand so gut wie Dylan. Er nutzt Möglichkeiten, die reine Printautoren nicht haben.

  1. Dylan – integrer Künstler in einer globalisierten Medienwelt

Literaten heute sind mehr als nur Textlieferanten oder Stimmen ihrer Generation. Literaten heute sind auch Medienpersönlichkeiten, hin und her gerissen zwischen Selbstverwirklichung und den Ansprüchen Dritter, immer in Gefahr, vereinnahmt oder gestürzt zu werden. Bob Dylan gehört zu den wenigen Künstlern, die in diesem gefährlichen Spannungsfeld absolut integer, autark und letztlich ungreifbar geblieben sind. Von Anfang an hat er sich vor keinen Karren spannen lassen, stets noch rechtzeitig die nächste Wende vollzogen, sich immer wieder neu erfunden. Obwohl schon 75, gibt er immer noch wenig von sich preis – bleibt nach wie vor rätselhaft. Die reale Person hinter den Songs und Texten ist komplett abgeschirmt, Fragen nach Authentizität stellt man ihm nicht mehr. Sein Werk steht für sich. Dylan besitzt die volle Kontrolle über seine Medien-Persona, das intelligente Katz-und-Maus-Spiel mit Publikum und Kritik hat er als einer der Ersten seiner Ära zur künstlerischen Strategie erhoben. Todd Haynes hat diese Strategie in seinem Kinofilm I’m Not There auf wunderbare Weise reflektiert. Da wird Dylan gleich von mehreren Schauspielstars verkörpert, unter anderem von Cate Blanchett. So weit muss man es als Künstler erst mal bringen.

  1. Bob Dylan gehört zu den versiertesten Autoren unserer Zeit – mit generationenübergreifender, weltweiter Wirkung.

Verfasser hintergründiger Folk- und Bluessongs. Autor engagierter Protestsongs. Song-Auteur. Symbolist. Singer-Songwriter und Rocker. Christlicher Liedermacher. Postmodernist. Traditionalist. Seismograph gesellschaftlicher Stimmungen … Stillstand kann man vielen Künstlern vorwerfen, nicht aber Bob Dylan. Er hat einen erstaunlichen literarischen Weg hinter sich gebracht, eine immense Vielfalt poetischer Ausdrucksformen verinnerlicht und dabei immer wieder die Grundfragen der menschlichen Existenz behandelt. Dass er damit ein Millionenpublikum rund um den Globus erreicht und begeistert, hat er vielen anderen Topliteraten voraus. Noch immer ruft jedes neue Dylan-Album Heerscharen von Deutern auf den Plan. Zurzeit schaut die Welt einmal mehr besorgt auf die Vereinigten Staaten und zwei umstrittene, angeschlagene Präsidentschaftskandidaten, die sich in einem schmutzigen Wahlkampf gegenseitig zerfleischen. Gerade vor diesem Hintergrund wirkt Dylan als Botschafter eines anderen Amerikas: eines Amerikas, das Menschen- und Bürgerrechte respektiert, Demokratie lebt, andere Kulturen wertschätzt und sich weltpolitisch nicht wie die Axt im Walde geriert.

Es sind Schönheiten wie diese, die Bob Dylan schon vor Ewigkeiten haben zum Gegenstand des akademischen Diskurses werden lassen. In den 1970er Jahren hatte ich an der Uni das Glück, mich wissenschaftlich nicht nur mit Shakespeare und Goethe, sondern auch mit Pop- und Rocklyrik beschäftigen zu dürfen. Und ich verschweige nicht, dass ich Dylan dabei gern auch mal außen vor gelassen hätte. Doch man kam einfach nicht um ihn herum. Eine wissenschaftliche Arbeit über Songlyrik ohne Bob-Dylan-Kapitel? Wäre bei den Profs glatt durchgefallen! Die Fülle an Sekundärliteratur, die es heute zu Dylans Œvre gibt, dürfte so manchen ambitionierten Autor vor Neid erblassen lassen. Insofern läuft auch die Kritik, da habe irgendein Rocksänger völlig ungerechtfertigt die höchsten Weihen erfahren, absolut ins Leere. Im Gegenteil: Es wurde mal Zeit. Dylan hat sich schon im letzten Jahrtausend einen festen Platz im Kanon der amerikanischen Literatur erarbeitet. So wie auch Rock und Pop längst unseren Alltag durchdringen und bis in die sogenannte Hochkultur hineinwirken. Schön, dass dieses Phänomen 2016 gewürdigt wird. Und was könnte dafür passender sein als der Literaturnobelpreis?

 

 

 

 

Können Kraftwerk-Fans Arschlöcher sein?

Gedanken zum Kraftwerk-Konzert in der Jahrhunderthalle, 1.12.2015

RundfunkIch bin mir sicher: Würden Kraftwerk mal wieder ein Album mit neuen Stücken veröffentlichen, es stünde binnen weniger Tage in vielen Charts der Welt auf Platz eins. Aber Ralf Hütter & Co denken gar nicht daran, uns mit neuer Musik zu überraschen. Vielmehr zelebrieren sie ihre berühmten Werke, die längst zu museumsreifen Klassikern des modernen audio-visuellen Designs geworden sind, in immer neuen Verpackungen. Und so geht man zum Kraftwerk-Konzert wie in eine Botticelli-Ausstellung, auf eine Finissage oder zu einem Christo-Event: Man weiß in etwa, was einen erwartet, und freut sich auf die im wahrsten Wortsinn gut abgehangenen Ausstellungsstücke – aber spannend ist die Art und Weise der Präsentation.

UFOWas die aktuelle Tour der Düsseldorfer Elektronikpioniere so aufregend macht, ist das schicke 3-D-Konzept, das dem Ausstellungs- und Konzertevent den zusätzlichen Charakter einer Kinovorführung verleiht. Am Eingang bekommt man 3-D-Brillen aus Pappe, durch die man die riesigen Bewegtbildprojektionen im Rücken der Künstler ungemein plastisch und räumlich erlebt. Da schweben nicht nur Raumschiffe und Satelliten, sondern auch Zahlen, Musiknoten, Buchstaben und Schrifttafeln durch den Saal, und manchmal meint man, förmlich in die virtuellen Szenerien einzutauchen.

MachineDas alles passt zum Anti-Rockstar-Konzept, das die vier Kraftwerker unbeirrt umsetzen, indem sie die vollen zweieinhalb Performance-Stunden (inklusive Zugaben) stoisch konzentriert hinter ihren Konsolen stehen und das auf den Weg bringen, was die Besucher verlangen: geschmackvoll designte Sounds und auf den Punkt reduzierte Melodien, die seltsam berühren – getragen von treibenden Bassequenzen und Magengruben-Beats, eingebettet in ebenso kühle wie farbenfrohe Visuals, die zu keinem Zeitpunkt kitschig oder gar peinlich anmuten und die man sich nur so und keinen Deut anders vorstellen kann. Kraftwerk ist Kunst gewordene Konsequenz, ästhetische Selbstbeherrschung auf höchstem Niveau. Das leicht im Takt wippende Bein des zweiten Musikers von rechts kann da fast schon den Gesamteindruck stören.

HütterAlle vier Kraftwerk-Mitglieder tragen Einheitsanzüge mit reflektierendem Gittermuster – am Ende lassen sie sich einen Track lang sogar durch Roboterpuppen ersetzen. Weil die Aufmerksamkeit weg vom exzentrisch-egomanischen Künstler und ganz auf das Werk gelenkt wird, erwartet man auch keine großen persönlichen Ansprachen von der Bühne herunter. Eine knarzende Computerstimme, die zur Begrüßung die Worte „Meine Damen und Herren, Ladies and Gentlemen“ zerhackt, und ein verhuschtes „Auf Wiedersehen“ von Ober-Kraftwerker Ralf Hütter am Ende des Konzerts – mehr braucht es nicht an Nettigkeiten zwischen Band und Publikum. Das atemlos-ekstatisch hervorgestoßene „Hallo Frankfurt!“ würde man Kraftwerk ohnehin nicht abnehmen, zumal dabei schon so mancher Star dank Tourstress und Lagerkoller den falschen Städtenamen in die Menge gebrüllt hat. Wozu eine Nähe vorgaukeln, von der jeder im Saal ahnt, dass es sie gar nicht gibt?

AutobahnUnd weil es bei Kraftwerk so ist, wie es ist, schüttelt man sich als Fan auch nicht in Ekstase wie bei einem Konzert von dEUS, Imelda May oder den Rolling Stones. Wirklich still stehen kann man angesichts der mitreißenden Rhythmen zwar nicht, aber man passt sich der Ruhe der Künstler und dem Fluss der Klänge und Bilder an. Der Bandname ist Programm – oft geht es um die Umsetzung von Kraft in Bewegung: Muskelkraft treibt Fahrräder an, Maschinenkraft bringt Autos und Züge in Fahrt, geistige Kraft, man könnte auch Kreativität sagen, verbindet Bilder, Sprache und Musik zu anregenden Kunstwerken. Titel wie Tour de France, Autobahn, Trans Europa Express, Mensch-Maschine oder Music Non Stop sprechen für sich. Die angestrebte Bewegung ist kontrolliert, sie verläuft stetig und gleichmäßig, kennt kaum Aufs und Abs, kein hektisches Hin und Her. Auch hier ist der Weg das Ziel.

Tour de FranceUnd so verfällt man als Konzertbesucher automatisch in ein kontrolliertes leichtes Grooven, das einen bei aller Selbstvergessenheit doch auch die schönen Erscheinungen und simplen kleinen Botschaften am Wegesrand aufnehmen lässt. Von Sehnsüchten ist da leise die Rede, etwa wenn es um das gut aussehende Model oder um Computerliebe geht, von Musik als Ideenträger und sogar von der zerstörerischen Kraft der Atomenergie, von Radioaktivität. Wer hier vor Jahren mal ein Wortspiel um lebendigen Rundfunk zu verstehen glaubte, wird längst durch Begriffe wie Hiroshima, Tschernobyl und Fukushima eines Besseren belehrt. So sind sie, die Kraftwerker: Statt leidenschaftlicher Argumentationen und bizarrer Bilder reichen ihnen ein paar lose kombinierte Einzelwörter. Und ein feiner Sphärenklang, ein verspieltes Zirpen zur rechten Zeit. Etwas Kindlich-Naives, gepaat mit leiser Wehmut, prägt nicht wenige Kraftwerk-Tracks.

ModelWo Liebe anklingt, wo es nicht um das menschliche Ego geht und wo bei aller Begeisterung für die Errungenschaften der Technik auch ein Bewusstsein für die Schönheit unserer Welt durchscheint, da sollten doch eigentlich nur liebe, friedliche Zeitgenossen zusamennkommen, möchte man meinen. Oder, als Frage formuliert: Können Kraftwerk-Fans überhaupt Arschlöcher sein? Die einfache Antwort lautet: Aber natürlich können Kraftwerk-Fans Arschlöcher sein! So wie wilde Rockmusik, die Friede, Freiheit und Bewusstseinserweiterung propagierte, nicht zwangsläufig nur edle Menschen angezogen, geschweige denn hervorgebracht hat, so tummeln sich auch im Kraftwerk-Universum echte Idioten. Nachdem sich eine Stunde lang Tausende Fans ihre Stehplätze gesucht und dabei freundlich miteinander arrangiert haben, schieben sich kurz vor Showbeginn drei junge Männer durchs immer dichter stehende Publikum. Direkt neben uns kommen sie nicht mehr weiter, was dazu führt, dass sich der erste und größte der drei direkt vor einer kleinen Frau mittleren Alters postiert. Die hat nun plötzlich in nur 20 cm Entfernung ein breites orangefarbenes Sweat-Shirt vor sich. Die Frau gehört zu einer Gruppe aus drei Paaren, die sich vorsichtig zu beschweren versuchen. Doch der Lange, eine Mischung aus Streberstudent und Yuppie, schaut unbeteiligt um sich – tut so, als wäre er nicht gemeint. Und als die Vogel-Strauß-Taktik nicht mehr hilft, weil sich immer mehr Umstehende einschalten, zuckt er linkisch mit den Schultern und sagt: „Ich hab mir genauso eine Konzertkarte gekauft wie Sie.“ Woraufhin sich zwei Herren aus der Gruppe ganz dicht vor und ganz dicht hinter den Langen stellen, um ihm ein Gefühl für die Sauerei zu vermitteln, die er gerade abzieht. Doch der so Bedrängte durchschaut das Manöver und sagt unbeteiligt: „Das ist völlig okay für mich.“ Er lässt einfach alles an sich abperlen. Bis es dem einen Herrn aus der Gruppe zu blöd wird und er wieder beiseite tritt. Die Sache ist entschieden: Der Lange hat sich durchgesetzt. Und was macht die in ihrer Sicht behinderte Frau? Weist alle Angebote anderer Besucher, zu ihnen zu kommen, um besser sehen zu können, zurück und bleibt tapfer hinter dem Langen stehen – nicht ohne weiter vor sich hin zu schimpfen.

Ein Musterbeispiel dafür, wie ein ignoranter Egoist einer ganzen Gruppe seinen Willen aufzwingt – und wie sich die Gruppenmitglieder masochistisch selbst zerfleischen. Wie umgehen mit dem Tyrannen: Konsequent Druck ausüben oder gar Gewalt? Immerhin haben die Begleiter des Langen Skrupel bekommen und sich woanders platziert. Und bevor sich die Lage abschließend klären lässt, beginnt die Show: Jetzt zählt nur noch eine andere Art von Konsequenz: die Konsequenz des audiovisuellen Designs.

Meine Damen und Herren, dürfen wir Sie mal gepflegt überwältigen?

WeltallZweieinhalb Stunden Kraftwerk sind dann aber bei aller Überwältigung auch ein bisschen anstrengend. Und weil man trotz der vielen Bewegung eigentlich keinen Meter vorangekommen ist, stellt sich mit dem Schmerz in Füßen und Rücken auch ein leichtes Gefühl der Langeweile ein. Vielleicht ist ja doch nicht nur der Weg das Ziel – vielleicht sollte man zwischendurch auch mal ankommen?

Brillen 2Und so ist es völlig okay für uns, als irgendwann das Licht im Saal wieder angeht. Nachdem die Menge mit den 3-D-Brillen wie eine Horde jeglicher Identität beraubter Aliens gewirkt hat, erkennt man allmählich wieder Individuen. Und es ist interessant, wie sich im Lauf der Show doch die Konstellationen verschoben haben: Den langen Tyrannen hat es deutlich weiter nach rechts von der Mitte verschlagen, zwei der drei Paare, die sich über ihn beschwert hatten, stehen ein paar Reihen schräg hinter uns. Die unzähligen Handykameras der Kraftwerk-Fans haben selbstverständlich keine 3-D-Brillen vor dem Objektiv gehabt – und folglich jede Menge unscharfer Bilder gespeichert. Der eine oder andere Fan wird zu Hause am PC eine böse Überraschung erleben. Was den Konzertbesuch zu einem einizigartigen, nicht konservierbaren Erlebnis macht. Clever gemacht von Hütter & Co. Ein guter Grund, in ein paar Jahren wieder zum Kraftwerk-Konzert zu gehen. Velleicht erlebt man die altbekannten Hits dann ja im Rahmen eines altersgerecht barrierefrei gestalteten Riesen-Hologramms.

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Saniert durch Sugar Man?

Erst der späte Ruhm, dann der preisgekrönte Dokumentarfilm „Searching for Sugar Man“ – und jetzt ist auch noch ein Buch über die Suche nach dem legendären Seventies-Songwriter Rodriguez erschienen. Hat der „Sugar Man“ das verdient? Und: Befeuern hier nicht einfach ein paar Selbstdarsteller immer wieder ihren selbst kreierten Mythos?

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich finde Rodriguez, den lang vergessenen Seventies-Singer-Songwriter, und seine Lieder wirklich außergewöhnlich. Und auch außergewöhnlich gut. Aber ich gehöre zu der wachsenden Zahl von Skeptikern, die in dem seit einigen Jahren herrschenden Hype um Rodriguez immer mehr Lücken und Schwachstellen entdecken. Die Kritik richtet sich weniger gegen den ganz offensichtlich zurückhaltend bis bescheiden auftretenden Künstler als gegen diejenigen, die aus seiner wundersamen Wiederentdeckung Kapital geschlagen haben und noch immer Kapital schlagen. Namentlich sind das der südafrikanische Plattenladenbetreiber Stephen Segerman, der Journalist Craig Bartholomew Strydom, ebenfalls aus Südafrika, und der schwedische Dokumentarfilmer Malik Bendjelloul. Segerman und Bartholomew Strydom haben erst kürzlich ihr Buch Sugar Man – The Life, Death and Resurrection of Sixto Rodriguez veröffentlicht (auf Deutsch erschienen bei Ullstein unter dem Titel Sugar Man – Leben, Tod und Auferstehung des Sixto Rodriguez). Darin schildern sie einmal mehr, wie sie sich in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts auf die Suche nach dem tot geglaubten Songwriter machten, ihn schließlich aufspürten und ihm mit einem Vierteljahrhundert Verspätung zum verdienten Ruhm verhalfen.

Diese Suche und der unglaubliche anschließende Erfolg von Rodriguez stehen auch im Zentrum des Films Searching for Sugar Man, den Malik Bendjelloul 2012 veröffentlichte und der ihm 2013 die höchstmögliche Auszeichnung einbrachte, die ein Regisseur erhalten kann: den Oscar. Bendjelloul beging im Mai dieses Jahres Selbstmord, angeblich war er depressiv; und nicht zuletzt die Veröffentlichung des Buchs von Segerman und Bartholomew Strydom motivierte mich, endlich mal den allseits hochgelobten Film anzuschauen, den ich mir Weihnachten 2014 als DVD hatte schenken lassen. Es ist ein auf den ersten Blick wirklich schöner, ergreifender Film. Er erzählt also die Geschichte von Sixto Rodriguez, einem amerikanischen Songwriter mexikanischer Herkunft, der Anfang der 1970er Jahre Cold Fact und Coming from Reality veröffentlichte, zwei fantastische Psychedelic-Folk-Alben mit tollen Melodien und ungewöhnlich tiefgründigen Lyrics. Das Tragische: Beide Alben, obwohl von der Kritik gepriesen, waren totale Flops. Weshalb sich, so der Film weiter, Rodriguez komplett zurückzog – nicht ahnend, dass seine Musik in den 1970er und 80er Jahren ausgerechnet in Südafrika ungemein populär wurde. Über von Touristen mitgebrachte Audiokassetten, über Bootlegs und spätere Wiederveröffentlichungen avancierten Cold Fact und Coming from Reality zum Soundtrack der südafrikanischen Anti-Apartheid-Bewegung und wurden hunderttausendfach verkauft. Aufgrund eben jener Apartheid aber war über regierungskritische Künstler nichts herauszufinden, und irgendwann machten Gerüchte die Runde, Rodriguez hätte sich irgendwo bei einem Konzert auf der Bühne das Leben genommen. Die einen sagten, er hätte sich angezündet, die anderen meinten, er hätte sich erschossen. Was den Mythos natürlich ungemein nährte. Bis zwei südamerikanische Fans, eben Segerman und Bartholomew Strydom, Sixto Rodriguez Ende der 1990er Jahre mühselig aufspürten und ihn für eine umjubelte Konzerttournee nach Südafrika holten. So hätte schließlich die ganze Welt von diesem außergewöhnlichen Künstler erfahren.

Es sind laut Film unter anderem drei Wege, die die beiden bei ihrer tränentreibenden Suche nach Rodriguez beschritten haben wollen. Erstens: Sie versuchten, den Fluss des Geldes zurückzuverfolgen. Denn, so ihr nicht ganz falscher Gedanke, wer so viele Platten verkauft hatte, der musste doch irgendwelche Tantiemen ausgezahlt bekommen haben. Dabei stießen die beiden aber schnell an ihre Grenzen und auf windige Ex-Labelchefs, die eine Mauertaktik an den Tag legten. Hmmmm, sehr verdächtig! Zweitens: Sie nutzten das gerade aufkommende Internet und legten eine Website namens „The Great Rodriguez Hunt“ an, auf der sie zur Suche nach Rodriguez aufforderten und Fans in aller Welt um Mithilfe baten. Und drittens: Sie hörten sich noch einmal gezielt die Songs von Rodriguez an. Wo sie dann – im Stück Inner City Blues – auf die magische Zeile „Met a girl from Dearborn, early six o’clock this morn / A cold fact“ stießen. Der Film inszeniert noch einmal genüsslich, wie einer der beiden Helden elektrisiert zum Weltatlas greift, um nachzuschauen, wo denn Dearborn liegt. Und potztausend, Dearborn entpuppt sich da als ein kleiner Ort südwestlich von Detroit! Womit allmählich der Knoten platzt. Irgendwann – der Film suggeriert, die Suche habe mehrere Jahre gedauert – laufen die Fäden dann endlich zusammen: Unsere südafrikanischen Helden finden einen der Produzenten der ersten Rodriguez-Platte, und auf der Website meldet sich tatsächlich eine leibhaftige Tochter des Sängers. Rodriguez sei am Leben heißt es, er wohne gleich nebenan in Detroit. Und eines Tages, auch dieser Moment wird noch einmal hochdramatisch rekapituliert, haben Batholomew Strydom und Segerman endlich the man himself am Telefon.

Boaaaahhhhhh, ey, Gänsehaut!!!!!!

Spätestens hier überkamen mich allerdings erste Zweifel. Nicht an der Tatsache, dass die beiden überhaupt Kontakt zu Rodriguez aufgenommen hatten, denn das war ja nicht zu bestreiten. Nein, es waren Zweifel an der Art und Weise, wie sie Rodriguez aufgespürt haben wollten – an der vermeintlichen Detektivarbeit, an den ganzen Krimielementen, die der Film so spannend aufbereitet; an der Glorifizierung dieser beiden Fans, die Erstaunliches geleistet haben sollten, um hinter den Mythos zu schauen, um ihrem Idol zum verdienten Ruhm zu verhelfen. Vor allem ein Gedanke machte mich stutzig: Jede Schallplatte enthält Informationen über die Urheber der Songs und über die Produzenten im Studio. Und selbst die obskursten Schallplatten sind in telefonbuchartigen Verzeichnissen mit sämtlichen Labelnummern gelistet, was sowohl für die Originalveröffentlichungen als auch für Wiederveröffentlichungen gilt, auch bei wechselnden Labels. So hätte man nicht nur schnell auf den Ursprung der Platten schließen können, sondern auch Informationen darüber erhalten können, wann und wo die Platten überall noch erschienen waren. Ausgerechnet ein Plattenladenbetreiber und ein investigativer Journalist aber, selbst wenn sie im restriktiven Südafrika arbeiteten, sollten nicht in der Lage gewesen sein, die einfachstmöglichen Wege zu beschreiten, die es in einem solchen Fall gibt? In Katalogen nachzuschlagen oder schlichtweg direkt nach den auf den Plattencovern vermerkten Produzenten zu fahnden? Wohlgemerkt: Liberalisierungsprozesse und der Übergang von der Apartheid zur rechtlichen Gleichstellung der Schwarzen in Südafrika hatten bereits in den späten 1980er Jahren begonnen, 1994 wurde Nelson Mandela zum Präsidenten gewählt. Das Land war also während der Suche nach „Sugar Man“ schon gar nicht mehr abgeschottet. Außerdem hatte man ja inzwischen auch das aufstrebende Internet zur Verfügung! Und: Mindestens einer der Produzenten von Rodriguez war alles andere als ein Unbekannter.

Die Rede ist von Dennis Coffey, einem Session-Gitarristen jener Funk Brothers, die für das berühmte Soul-Label Motown tätig waren. Coffey und sein Partner Mike Theodore waren es, die das erste Rodriguez-Album Cold Fact produziert hatten, sozusagen im Herzen der amerikanischen Musikindustrie! Sie hatten den Künstler in seiner Heimat Detroit entdeckt, und es mutet aus heutiger Sicht wie ein schlechter Witz an, dass die beiden südafrikanischen Meisterrechercheure Rodriguez nach langer mühsamer Suche schließlich, nun ja, genau dort aufspürten: in seiner Heimatstadt Detroit!

Simpel gefragt: Warum sind sie nicht über die Labels und die Tonstudios gegangen? Warum haben sie nicht einfach bei der Stadtverwaltung in Detroit beziehungsweise bei Dennis Coffey angerufen bzw. einen Brief oder eine E-Mail geschrieben und sich nach Sixto Rodriguez erkundigt? Es wirkt, als wollte man von Frankfurt nach Wiesbaden fahren und würde noch einen Umweg über Darmstadt und Köln machen.

Der schwedische Dokumentarfilmer Bendjelloul trat überhaupt erst 2006 auf den Plan, als der Käse eigentlich schon Jahre lang gegessen war. Bereits 1998 war Rodriguez als Folge seiner Wiederentdeckung in Südafrika aufgetreten. Aber jetzt wurde das Ganze noch einmal richtig groß aufgerollt. Schließlich gab es weltweit noch immer etliche Musikinteressierte, die noch nie etwas von Rodriguez gehört hatten. Die ungeheure Wirkung des Films erscheint umso grotesker, je mehr man hinterher über Rodriguez und seinen Werdegang herausfindet, ganz einfach über diverse Zeitungsartikel. Denn der Künstler war in all den Jahren mitnichten so obskur und vergessen gewesen, wie dem Kino- und DVD-Publikum in Searching or Sugerman aufwendig suggeriert wird. Mal abgesehen davon, dass Rodriguez in seiner Heimatstadt Detroit Ende der 1980er Jahre sogar bei den Bürgermeisterwahlen angetreten war, hatte er auch über die 1970er Jahre hinaus einigen Erfolg als Künstler gehabt. So war er über mehrere Jahrzehnte hinweg nicht nur in amerikanischen und europäischen Indie-Kreisen ein Begriff, sondern vor allem in Neuseeland und in Australien ein regelrechter Star. Down Under hatte eine seiner Schallplatten Goldstatus erreicht, und 1981 war er dort mit Superstars wie Midnight Oil getourt. Klar war er in den 1990er Jahren etwas in Vergessenheit geraten – aber wer sich wirklich für ihn interessierte, erst recht, wenn er Plattenladenbetreiber oder investigativer Journalist war, für den hätte es ein Leichtes gewesen sein müssen, das Nötigste schnell in Erfahrung zu bringen. Auch von Südafrika aus.

Und mal ehrlich: Ein Rockstar, der sich auf der Bühne selbst verbrennt oder mit einem Revolver erschießt – soll das ernsthaft jemand glauben? Hätte es so etwas tatsächlich gegeben, wäre das nicht eine der weltweiten Storys des Jahrhunderts geworden? Ein bisschen albern, so etwas groß aufzubauen, um dann spektakulär gegen alle Gerüchte das unfassbare Gegenteil zu beweisen… Es muss also all die Jahre lang glasklar gewesen sein, dass Rodriguez irgendwo ziemlich normal vor sich hinlebte. Das ganze Brimborium wäre möglicherweise gar nicht nötig gewesen. Vor diesem Hintergrund erscheint mir die Dokumentation Searching for Sugerman mit einigen Tagen Abstand als immer größeres Ärgernis. So wie etlichen Journalisten und Filmkritikern, vor allem aus dem englischsprachigen Raum, die sich über die Lücken und Schwächen des Films ausgelassen haben. Symptomatisch ist der Beitrag von Bill Cody vom 21. Januar 2013 auf comingsoon.net, in dem er skeptisch fragt, ob Bartholomew Strydom und Segerman wirklich ernsthaft nach Rodriguez gesucht hätten und wie viel künstlerische Freiheit wohl erlaubt sei bei einem Dokumentarfilm, der doch so etwas wie die Wahrheit wiedergeben solle: „Is it okay to bend the truth in order to make the story better than it really is?“

Zu den Schwächen des Films gehört neben all den Unterschlagungen und Dramatisierungen auch, dass er zwar die richtige Frage nach den nicht gezahlten Tantiemen stellt und viele schlimme Dinge suggeriert, aber letztlich keine befriedigenden Antworten gibt. So wie er überhaupt mehr Fragen aufwirft, als er löst. Weil er sich auf alle möglichen Erzählstränge konzentriert und kaum einen davon wirklich zu Ende bringt. Am wenigsten den über Rodriguez selbst. Aus den unterschiedlichen Namen „Sixto Rodriguez“ und „Jesus Rodriguez“ in den Songwriting-Credits, die sich am langen Ende irgendwie erklären lassen, werden höchst mysteriöse Nebelbomben und Erschwernisse kreiert. Es reden Leute aus dem Musikbusiness, es reden die fieberhaft Suchenden, dann die Töchter von Rodriguez, von denen sich eine – noch so eine rührende Geschichte – in ein Crewmitglied verliebte und prompt eine Familie gründete, außerdem zwei ungemein eloquente Rodriguez-Kollegen und -Freunde aus Detroit, die ihren Kumpel „Sugar Man“ als edlen Helden beschreiben. Waren das die einzigen beiden Menschen aus dem persönlichen Umfeld des Künstlers, die man auftreiben konnte? Nur in ein paar wenigen Szenen spricht Rodriguez selbst – das heißt, ausgerechnet über die Hauptfigur erfährt man am allerwenigsten.

Bildschirmfoto 2015-11-24 um 15.41.31Wenn schon aktuell unbedingt noch ein weiteres Buch zum Thema auf den Markt kommen sollte, dann wäre doch eine (Auto-)Biografie des Künstlers beziehungsweise die wahre Geschichte aus der Sicht von Rodriguez das Gebot der Stunde gewesen. Oder ein investigativer Report, der die einstigen Geldströme wirklich offenlegt, um dem Urheber der Songs endlich zu seinen wohlverdienten Tantiemen zu verhelfen. Stattdessen aber inszenieren sich noch einmal die Herren Bartholomew Strydom/Segerman selbst, mit der altbekannten Geschichte. Und schaut man ins Buch, dann staunt man nicht schlecht über den Stil: Die beiden Autoren schreiben über sich selbst in der dritten Person! Das wirkt nicht nur arg selbstverliebt und artifiziell, sondern auch wie pure Geschäftemacherei. Immer schön weitermachen, lautet offenbar die Devise. Und das trotz alledem, was man inzwischen über Rodriguez weiß. Je weniger der Songwriter dazu sagt oder im Rampenlicht steht, desto geheimnisvoller wirkt er wohl weiterhin – und desto ungestörter kann man sein eigenes Rodriguez-Ding machen.

Bildschirmfoto 2015-11-24 um 15.39.54Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch die Homepage sugarman.org, die sich selbst als offizielle Rodriguez-Website bezeichnet. Dort sind als Aufmacher Filmplakate und Plattencover zu sehen, dann folgen eine 360-Grad-Ansicht von „Mabu Vinyl“, Segermans Buch- und Plattenladen in Kapstadt, sowie Ankündigungen, Interviews und Rezensionen zum neuen Buch von Segerman und Bartholmew Strydom. Es stellen sich weitere Fragen, zum Beispiel: Was sagt sugarman.org über die Rechtsstreitigkeiten, die sich in den letzten Monaten entsponnen haben, weil nach dem Erfolg des Films plötzlich alle möglichen Beteiligten aus ihren Löchern hervorkrochen, um zu eruieren, ob sie nicht auch noch ein bisschen mitverdienen könnten? Und was sagt der Künstler selbst zu alldem? Auch hier fällt auf: Es geht vor allem um die (Selbst-)Inszenierung der Rechercheure – wer etwas über Rodriguez erfahren will, muss eine ganze Weile klicken, um nur ein kleines bisschen zu erfahren. Fast möchte man an den genialen, aber psychisch labilen Beach Boy Brian Wilson denken, dessen Karriere ein paar Jahre lang von dem Psychotherapeuten Eugene Landy gesteuert worden war.

So bleibt es durchaus das Verdienst von Bendjelloul, Segerman und Bartholmew Strydom, eine breitere Weltöffentlichkeit über einen Zeitraum von knapp fünfzehn Jahren hinweg noch einmal auf den zu wenig gewürdigten Songwriter Rodriguez aufmerksam gemacht zu haben. Was aber das Thema Mythos betrifft, so haben sie nicht unbedingt hinter den Mythos Rodriguez geschaut. Vielmehr scheint es, als hätten sie vor allem ihren eigenen profitablen Mythos kreiert. Ob Bendjellouls Selbstmord in irgendeinem Zusammenhang damit steht, ist nicht überliefert.

Null Null Blabla

Um Himmels willen, von was singen die da bloß? Schräge Bilder und sinnfreier Text, gelegentlich überraschende Tiefe: die Bond-Songs

Kennen Sie Kissy Suzuki? Plenty O’Toole? Vielleicht May Day? Oder Xenia Onatopp? Alles „sprechende“ Namen sogenannter „Gespielinnen“ eines gewissen Herrn Bond, James Bond. Dessen Familienname – deutsch etwa: Verbindung, Verpflichtung, Anleihe – ist zwar ebenfalls recht gesprächig, aber lange nicht so verräterisch chauvinistisch wie die Namen seiner unzähligen „Girls“. Nun steht die Marke James Bond ja seit jeher für comichaft überdrehten Action-Unsinn, für ein ziemlich plumpes, aber oftmals spektakuläres Dumme-Jungs-Spiel mit Abenteuerfantasien und Rollenklischees, weshalb man schon immer ein Auge zugedrückt hat, mal mehr, mal weniger bereitwillig. Doch irgendwann waren die sprechenden Frauennamen – nicht zuletzt wegen der erfolgreichen Emanzipationsbewegung seit den 1970er Jahren – wohl auch den Bond-Machern selbst so peinlich, dass sie mehr und mehr darauf verzichteten. Nur in Ein Quantum Trost schmuggelte sich 2008 noch mal eine Dame namens Strawberry Fields ins Figurenaufgebot, um ein lustvolles Früchtepflücken im Gebüsch zu suggerieren. Die wahren „Höhepunkte“ in der Bond-Girl-Galerie lieferten natürlich Pussy Galore („Galore“ heißt „in rauen Mengen“), Honey Rider (was ihrer Darstellerin Ursula Andress den Kalauer „Ursula Un-Dress“ auf den Hals hetzte) und eine gewisse Octopussy – womit wir allmählich zum Thema kommen: den Bond-Songs.

Denn es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen der Marke, dass der Filmtitel auch in den Songlyrics auftauchen soll. Und bei Octopussy von 1983 fand genau das NICHT statt. Auch aus heutiger Sicht scheint es schier unmöglich, zu einem Thriller mit Massen-Appeal einen halbwegs akzeptablen Themensong zu schreiben, der um einen bescheuerten Begriff wie Octopussy kreist. Da braucht es schon die Rrrriot-Girl-Bewegung und eine respektlose Frauenband wie die Lunachicks, der irgendwann im ausgehenden 20. Jahrhundert das Kunststück gelang, mit „Oct Oct Ocxtopusssssyyyyyy!“ ein schlüpfriges achtarmiges „monster of love“ zu besingen. Ob das damals auch als Kommentar zum britischen Geheimagentenmacho gedacht war? Auf jeden Fall hieß der Titelsong zum James-Bond-Film Octopussy dann völlig unglamourös All Time High, wurde von Rita Coolidge dahingehaucht und handelte eher einfallslos und agentenunspezifisch von der großen Liebe, die überraschend aufgetaucht war, um dem Song-Ich fortan ein Dauer-Hoch zu bescheren.

Ganz MI6 träumt von der Liebe: Bond-Songs sind meist Lovesongs

Eine weitere Ausnahme von der Regel bietet der aktuelle Bond-Song von Sam Smith. Und das, obwohl man mit dem Filmtitel Spectre – deutsch: Phantom, Gespenst – textlich sicher eine ganze Menge hätte anstellen können. Stattdessen kommt in Writing’s on the Wall ein Ich zu Wort, das ein Leben lang vor seiner Vergangenheit weggerannt ist und sich jetzt endlich stellen muss: Ein Sturm zieht auf, so die unheilvollen Vorzeichen, und der Sprecher muss alles riskieren – in der Hoffnung, dass das angesprochene Du, das er liebt, ihn auffängt. Großes Gefühlskino also, durch interessanten Falsettgesang gepimpt, und doch vollgepackt mit textlichen Klischees, vom Weglaufen über das Alles-Riskieren bis hin zum biblischen Menetekel. Wem nicht wirklich etwas einfällt, so lautet offenbar die Devise, der lässt lieber den Filmtitel ganz aus den Lyrics heraus, als so schräge Bilder zu servieren wie Shirley-Bassey im Themensong zum James-Bond-Film um das Space-Shuttle Moonraker. Da schmachtet ein Ich nach der geliebten Person und beschreibt sich, nun ja, natürlich nicht als Raumgleiter, aber als eine Art Mondsegel auf der Suche nach seinem Traum aus Gold („like a moonraker in search of his dream of gold“) – stets wissend, dass dieser Traum wahr werden wird: „Just like the moonraker knows his dream will come true one day.“ Dass das Mondsegel ein selten geführtes Segel auf Schiffen und hier im Songtext plötzlich männlichen Geschlechts ist, macht das Ganze etwas bizarr: Um was geht es hier eigentlich?, fragt man sich unwillkürlich. Und wer schmachtet nach wem?

Was All Time High, Writing’s on the Wall und Moonraker eint: Es sind alles mal mehr, mal weniger ambivalent gehaltene Lovesongs, denen man nur mit viel Fantasie einen Bezug zum jeweiligen Bond-Film oder zu einzelnen Charakteren unterstellen kann. In der Regel funktionieren sie eigenständig, auch wenn man gelegentlich den Eindruck hat, dass die Textverantwortlichen nicht ganz bei der Sache oder durch die eine oder andere halluzinogene Substanz benebelt waren. Liebeslieder bilden das Gros der Bond-Songs, und zwar in allen Facetten. In From Russia With Love (deutscher Filmtitel: Liebesgrüße aus Moskau) fliegt ein reumütiger Mann aus Russland der spät erkannten großen Liebe entgegen – immer in der Hoffnung, dass sie ihn noch will. Matt Monro croont das Ganze angenehm sinatraesk. In Carly Simons Nobody Does It Better beschwört eine schwer Verliebte nicht mehr und weniger als das, was der Songtitel sagt – und murkst sinnfrei, aber doch noch irgendwie den Filmtitel Der Spion, der mich liebte hinein: „But like heaven above me / The spy who loved me / Is keeping all my secrets safe tonight.“ Nur mit ganz viel Fantasie kann man aus solchen Zeilen den Liebesschwur eines Bond-Girls heraushören. Sheena Easton besingt in For Your Eyes Only (deutscher Filmtitel: In tödlicher Mission) einen wunderbaren Lover, der ganz tief in die Partnerin hineinschaut. Ist auch völlig logisch, denn im Film geht es ja um einen Steuercomputer für Atomraketen… Etwas spektakulärer laden Garbage ihren Song The World Is Not Enough auf: Da fordert ein mit allen Wassern gewaschenes Ich, das heilen, täuschen, küssen, töten kann, sein Gegenstück auf, mit ihm zusammen die Welt aus den Angeln zu heben – wenn es denn stark genug sei und sich traue: „And if you’re strong enough / Together we can take the world apart, my love.“ Dazu gibt’s das wohl beste, weil fieseste Bond-Songvideo mit Sängerin Shirley Manson als Doppelgänger-Android, der eine Starsängerin ausschaltet, ihren Platz auf der Bühne einer Gala einnimmt und dank intergierter Bombe die ganze Veranstaltung in die Luft sprengt. Die Welt aus den Angeln heben – das kann natürlich auch die Absicht von Bösewichtern sein. Aber genauso ist es eine klassische Lovesong-Metapher. Die besitzergreifende, fast schon Stalker-Züge aufweisende Lovesong-Variante bietet dagegen Gladys Knight mit Licence to Kill: Denk ja nicht, dass du mir entkommen kannst, heißt es da, und ich werde jeden umbringen, der sich zwischen uns drängt: „Please don’t bet that you’ll ever escape me once I get my sights on you / I got a license to kill and you know I’m going straight for you heart / Got a licence to kill anyone who tries to tear us apart…“ Wer würde da widerstehen?

Glanz und Donner: Wenn der Song dann doch mal was mit dem Film zu tun hat

Nur ganz wenige Bond-Songs versuchen, einen konkreten Bezug zum jeweiligen Film oder einzelnen Protagonisten herzustellen. Bestes und gelungenstes Beispiel: Shirley Basseys Goldfinger – ein Stück, das auch musikalisch einen gewissen Standard setzte. Der Text warnt vor Goldfinger, dem Mann mit dem Midas-Touch, und mahnt vor allem junge Damen, ihm nicht ins Netz zu gehen. Textlich klingt die berühmte Szene an, in der der Bösewicht seine Assistentin bestraft, in dem er sie mit Goldfarbe überziehen und qualvoll ersticken lässt: „For a golden girl knows when he’s kissed her / It’s the kiss of death from Mister Goldfinger.“ Ebenfalls Shirley Bassey gibt in Diamonds Are Forever (deutscher Filmtitel: Diamantenfieber) eine eiskalte Luxusdame, die mit sich selber spricht: Sie brauche nur Diamanten, um glücklich zu sein – die Edelsteine würden ihr niemals wehtun und immer leuchten, ganz im Gegensatz zu den erbärmlichen Männern in ihrem Leben. Es ist die zynische Version von Marilyn Monroes Diamonds Are A Girl’s Best Friend, die hier den Thriller-Ton setzt. Ähnlich wie Goldfinger fungiert Lulus The Man With the Golden Gun (Der Mann mit dem goldenen Colt) als Warnung vor dem gülden bewaffneten Oberschurken, und auch Thunderball (Fireball) von Tom Jones lässt sich zur Operation „Thunderball“ in Beziehung setzen, mit der im Film zwei gestohlene Nuklearsprengköpfe zurückerobert werden sollen. Zumindest zu James Bond als Teil dieser Operation. Denn die Lyrics beschreiben einen Mann, der handelt – einen Siegertypen, der niemals aufgibt, der ohne Reue Herzen bricht und im Kampf für die richtige Sache zuschlägt wie ein Feuerball: „Any woman he wants he’ll get / He will break any heart without regret. / His days of asking are all gone / His fight goes on and on and on, / But he thinks that the fight is worth it all, / So he strikes like Thunderball.“

Echt toll und bewundernswert, so ein Mann, der ohne Reue Herzen bricht. Wahrscheinlich ist hier derselbe Haudraufagent gemeint, der im wohl untypischsten, weil sehr rockigen Bond-Song als Rächer seinem Widersacher entgegenruft: Du weißt, wer ich bin! You Know My Name heißt das Stück zum Film Casino Royale, in dem Chris Cornell, Exchef der Grungerocker Soundgarden, den Protagonisten seinem Widersacher übelst drohen lässt: Ich bin kaltblütig, na los, bewaffne dich, denn niemand hier wird dich retten, bist du bereit zu sterben? Und so weiter, und so fort… Der Filmtitel fällt auch hier nicht, aber der Songtitel spielt auf die Schlussszene des Films an, in der Bond sein „Mein Name ist Bond, James Bond“-Sprüchlein aufsagt, und das Glücksspiel samt Schummeln und Bloßstellen des Gegenspielers klingt an in Zeilen wie: „The odds will betray you / And I will replace you.“ Seltsamerweise kommt dann James Bond, erstmals verkörpert von Daniel Craig, im Film bei aller Härte etwas verletzlicher und zerrissener rüber als in den Dampfhammer-Lyrics von Herrn Cornell, kurz vor Schluss trauert er sogar um eine Frau.

Äußerst elegant hat sich Adele mit ihrem gleichnamigen Song zum Bond-Film Skyfall aus der Affäre gezogen. Nicht nur musikalisch knüpft das hochdramatische Stück an Songmeilensteine der Serie an – auch textlich gelingt eine spektakuläre mehrdeutige Kombination aus Filmbezug und Lovesongmetaphorik. „Skyfall“ ist im Film der Name eines Landsitzes, wo es zum schicksalhaften Showdown mit dem Oberschurken kommt. „We will stand tall / Face it all together / At Skyfall“, heißt es denn auch bei Adele, die dem Song- und Filmtitel gleichzeitig noch das Schicksalhafte abgewinnt, das Bild des einstürzenden Himmels. Denn die Protagonisten wollen dann aufrecht auf Gut Skyfall ihrem Schicksal trotzen, wenn das Firmament über ihnen zusammenbricht: „Let the sky fall / When it crumbles / We will stand tall…“ Der Rest des Songs vereint düstere Bilder von bebender Erde und gesprengten Herzen, von kollidierenden Welten, Dunkelheit. Man kann vieles frei hineininterpretieren, aber auch Bond als Sprecher erkennen. Das fängt schon beim Eröffnungsvers „This is the end“ an, der sich nicht nur auf das Ende einer Beziehung, sondern auch auf Bonds vermeintlichen Tod am Anfang des Films wie auf den Tod von Bonds Ersatzmutter M im Finale beziehen lässt. „I’ve drowned and dreamt this moment“ scheint klar auf Null Null Siebens Sturz von einem Zug ins Meer gemünzt, und nicht nur im Film wird klar, dass der Agent bei allem aufopferungsvollen Kampf stets sein eigenes Ding machen, sein Herz verschließen wird: „You may have my number, you can take my name / But you’ll never have my heart.“ Intensiver hatte sich bisher kaum ein Bond-Song mit der Filmhandlung auseinandergesetzt.

Der Spion, den ich siebte: Der Bond-Song als künstlerisches Freispiel

Von den schicksalhaften Begegnungen ist es nur ein kleiner Schritt zu einer dritten Kategorie von Bond-Songs: dem totalen Freispiel. Für diese Stücke scheint zu gelten: Je durchgeknallter, desto besser. Ästhetisch ein Kopp und ein Arsch sind hier die Songs von Duran Duran zu A View to A Kill (Im Angesicht des Todes) und von a-ha zu The Living Daylights (Der Hauch des Todes). Zwei Mal hoffnungslos überproduziertes neuromantisches Achtzigerjahre-Brett, was das Vergnügen aber in keinster Weise schmälert. Und hey, sind nicht auch die Originalfilmtitel schon ziemlich prätentiös formuliert? Textlich geht es jeweils um… ja um was eigentlich?! Bei Duran Duran trifft man sich mit der Aussicht auf den Tod, es gibt geheime Pläne, geheime Orte, und irgendwann, es ist ja alles so aufregend, tanzt man zusammen ins Feuer, weil – man braucht ja nur einen tödlichen Kuss: „Until we dance into the fire / The fatal kiss is all we need.“ Und bei a-ha? Da lässt sich irgendein Schuldbeladener irgendwohin fahren („Hey driver, where are we going?“) und hofft, dass die Nacht, die Dunkelheit, ewig anhält. Seine Erkenntnis: Das Leben zeigt sich in der Art und Weise, wie wir sterben – „The living’s in the way we die.“

Aha!

Kruder geht es eigentlich nicht, so wollte man meinen, doch dann traten Jack White und Alicia Keys auf den Plan, um den zweiten Daniel-Craig-Streifen A Quantum of Solace (Ein Quantum Trost) mit einem Song zu veredeln. Nein, er heißt nicht A Quantum of Solace, sondern Another Way to Die, aber er spielt respektlos mit der Regel „Filmtitel muss in den Lyrics vorkommen“, indem er lediglich das Wort „solace“ (Trost“) irgendwo am Rande einfließen lässt: „Another tricky little gun / giving solace to the one.“ In diesem Zitat deutet sich auch schon das Prinzip des gesamten Textes an. Die Verse collagieren einfach ziemlich zusammenhanglos einen Sack voll Thriller-Klischees und machen sich damit unterschwellig auch über die Bond-Macher lustig, so als wollten sie sagen: Da habt ihr euren Song, Aufgabe erfüllt, wir machen’s dann einfach mal genauso wie ihr: „A door left open / A woman walking by / A drop in the water / A look in the eye / A phone on the table / A man on your side / Someone that you think that you can trust is just another way to die.“ Auch musikalisch ist das Stück etwas gewöhnungsbedürftig: Die beiden schneidenden Gesangsstimmen, der stark perkussive Gesamtcharakter und die verzerrten Sounds dürften gerade für große Teile des Mainstreampublikums eine Herausforderung gewesen sein. Als Alternative-Fan aber durfte man guten Gewissens sagen: Nicht schlecht, Herr Specht!

Das gilt auch für Live and Let Die (deutscher Filmtitel: Leben und sterben lassen) von Paul McCartney und den Wings. Vor allem musikalisch überraschen der Ex-Beatle und seine Band mit einer mehrteiligen Mini-Sinfonie. Und textlich? Ja, textlich scheint sich der alte Rockhaudegen genau wie Jack White und Alicia Keys fast schon einen Spaß aus der Herausforderung Bond-Song zu machen. Sinngemäß singt er da: „Als du jung warst, hieß es für dich leben und leben lassen – doch jetzt lenkst du weinend ein und sagst: Leben und sterben lassen. Aber was soll’s: Du hast ja einen Job zu erledigen, und du musst ihn gut erledigen, also musst du dem andern Typ in den Hintern treten“ – „You gotta give the other fellow hell!“ Das ist britischer Humor und Understatement vom Feinsten.

Kann man solche Respektlosigkeiten noch toppen? Aber ja doch, man kann. Indem man mal eben eine Verbindungslinie von James Bond zu dem Psychoanalytiker Sigmund Freud zieht. So geschehen in Madonnas Songbeitrag zum Film Die Another Day (deutscher Titel: Stirb an einem anderen Tag). „Sigmund Freud, Analyze this!“, heißt es da frech mittendrin, und man fragt sich verwundert, ob man richtig gehört hat. Hier beschreibt das Song-Ich – vielleicht unser liebster Geheimagent, vielleicht eine Gegenspielerin, vielleicht auch Madonna in der Rolle einer Geheimagentin? – lauter seltsame Dinge, die es tun wird. Zusammengefasst etwa: Ich werde aufwachen, küssen, meinen Körper verschließen, das System ins Wanken bringen, den Kreis durchbrechen, das Klischee meiden, mein Ego zerstören und – natürlich! – nicht etwa jetzt, sondern an einem anderen Tag sterben. Alles klar? Im aufwendigen Video dazu kämpfen zwei Versionen Madonnas einen Kampf auf Leben und Tod, die eine ganz in Weiß gekleidet, die andere ganz in Schwarz. Und ein Foto von Bond-Darsteller Pierce Brosnan kriegt ganz nebenbei ein Wurfgeschoss in die Brust… Ist das eine Absage an die Bond-Klischees? Der Impuls, dem angestaubten Agenten einen neuen Dreh zu geben? Vielleicht mit einem weiblichen Bond? Die Unterstellung einer Persönlichkeitsstörung beim obersten Geheimagenten Ihrer Majestät? Oder setzt sich Madonna hier nur mit ihrem eigenen Startum auseinander? Nix Genaues waaß mer net. Aber in seinem prätentiösen Gagatum ist Die Another Day kaum zu überbieten und obendrein so gut anzuhör’n wie anzuschau’n. Die Marke Bond lässt eben auch geniale Ausreißer zu.

Eher cool als genial, aber auch ein Freispiel, das fürs Protokoll, ist der Tina-Turner-Song zum Film GoldenEye. Im Film ist GoldenEye ein Waffensystem, im Song dagegen ist es so etwas wie der Blick des Song-Ichs, das den Racheengel gibt: Ewig zu kurz gekommen, ausgeschlossen und ignoriert, sieht es jetzt den Moment gekommen, um endlich Vergeltung an einem Mann zu üben, der mal als „him“ vorgestellt und mal als „you“ direkt angesprochen wird. Der Plan: diesen Mann mit einem goldenen Blick zu bezirzen und ihn dann mit einem „bitter kiss“ zu Fall zu bringen: „GoldenEye I found his weakness / GoldenEye he’ll do what I please / (…) / It’s a gold and honey trap / I’ve got for you tonight / Revenge it’s a kiss, this time I won’t miss / Now I’ve got you in my sight / With a GoldenEye, Golden, GoldenEye…“ Spricht hier eine heimtückische Mörderin oder doch wieder eine verschmähte Geliebte? Und was, zum Teufel, ist ein goldener Blick? Wahrscheinlich wissen es die Songschreiber selber nicht. Aber Hauptsache, es klingt geheimnisvoll, und, na klar, der Filmtitel wurde platziert!

Welcher ist denn nun der beste?

Nein, es gibt keine Formel für Bond-Songs, aber es gibt gewisse immer wiederkehrende Zutaten, schreiben Adrian Daub und Charles Kronengold in ihrem kürzlich erschienenen Buch The James Bond Songs: Pop Anthems of Late Capitalism (Oxford/New York 2015). Bond-Songs haben die Aufgabe, so die Autoren weiter, für den jeweiligen Film zu werben. Dabei müssen sie einerseits in die aktuellen Top 40 passen und sich andererseits deutlich von ihnen abheben. Daub und Kronengold sind sich sicher: Beim Einstieg in die Charts mischt ein neuer Bond-Song die Gemengelage ordentlich auf, und wenn er wieder raus ist, sind die Charts nicht mehr das, was sie vorher waren. Man ist geneigt, ihnen recht zu geben. Prima zu beobachten war das zuletzt bei Adele und ganz aktuell bei Sam Smith, der die Charts regelrecht stürmte, obwohl die Medien sein Writing’s on the Wall zuvor in Grund und Boden geschrieben hatten. Beide Songs hatten die gewissen Zutaten, die es braucht: dräuendes Orchester und schwindelerregende Melodieführung, dazu eine Prise episches Melodram, ein Hauch Sixties-Krimi-Soundtrack und natürlich die richtige Dosis textliches Gaga, das Ganze kombiniert mit dem Individualstil des vortragenden Stars.

Was die ewige und letztlich doch nur höchst subjektiv zu beantwortende Frage nach dem besten Bond-Song aller Zeiten aufwirft. Für mich persönlich ist es You Only Live Twice von Nancy Sinatra. Der Filmtitel (deutsch: Man lebt nur zweimal) spielt auf die ersten Szenen an, in denen James Bond seinen Tod vortäuscht. Im Song – einem Liebeslied, was sonst? – erfährt der Titel eine ganz andere, überaus romantische Wendung: Das eine Leben ist das, was man täglich hat, und das zweite das, das man in seinen Träumen lebt. So lange, bis sich einer dieser Träume in Gestalt der Liebe manifestiert: „You only live twice or so it seems / One life for yourself and one for your dreams / You drift through the years and life seems tame / Til one dream appears and love is it’s name.“ Natürlich ist diese Liebe, dieses zweite Leben, etwas Fremdes und Gefährliches, und man muss schon einen Preis dafür zahlen, so der Song sinngemäß, aber wenn du zu viel nachdenkst, ist die große Chance vertan. Das bewegt sich clever zwischen Leichtigkeit und Tiefe, zwischen Lebensweisheit und Kitsch und macht einen Riesenspaß. Eigentlich fast zu klug für Null Null Sieben.

Was wird uns der nächste Bond-Song bringen? Wird er ausgetretene Pfade begehen, oder wird er noch einmal ganz neue Akzente setzen? Das Warten hat schon jetzt begonnen.

PS: Wussten Sie, dass es eine ganze Reihe von inoffiziellen Bond-Songs gibt, die am Ende gar nicht genommen wurden? Zum Beispiel von Blondie? Der für mich gelungenste aber stammt von Alice Cooper und wurde mit Blick auf den Film Der Mann mit dem goldenen Colt geschrieben. Textlich sehr simpel gestrickt, sagt Coopers The Man With the Golden Gun nicht mehr aus als: Nimm dich in Acht vor dem Mann mit dem goldenen Colt – du siehst ihn nie, doch er ist hinter dir her. Musikalisch aber lässt es der alte Schockrocker vor allem in der längeren Albumversion bondmäßig ordentlich krachen!